Making Afghanistan - whathappened.io

Making (and Leaving) Afghanistan

Der „Friedhof der Imperien“ hat noch etwas Platz für sich selbst. Wie konnte es so weit kommen? Ein Blick in Afghanistans Geschichte.

Making Afghanistan | Taliban | Leaving Afghanistan

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Ein 20-jähriger westlicher Militäreinsatz in Afghanistan geht in den nächsten Wochen zu Ende. Das Land wird sich alleine in einem Konflikt mit den Taliban behaupten müssen.
  • Afghanistans Geschichte ist durch seine Lage im Zentrum Eurasiens geprägt. Ab dem 19. Jahrhundert stießen europäischer Imperialismus, Kommunismus und Islamismus das Land in ein Chaos, welches seinesgleichen sucht.
  • Nach zwei Jahrhunderten an Reformvorhaben, Bürgerkriegen und ausländischen Invasionen setzten sich die Taliban durch und übernahmen 1996 die Kontrolle. Sie schufen ein rückständiges, streng islamisches Land.
  • Infolge der Anschläge vom 11. September vertrieben die USA die Taliban und besetzten Afghanistan. Doch weder das „state-building„, noch das Niederschlagen der Taliban gelangen in den folgenden 20 Jahren.
  • Afghanistan bleibt ein ineffizient und korrupt verwalteter Staat, welcher zu den unterentwickeltesten der Welt gehört. Verglichen zu 2001 hat sich die Lage dennoch deutlich verbessert.
  • Allerdings sind die Taliban wieder so stark wie noch nie seit ihrer Vertreibung. Sie kontrollieren etwa die Hälfte des Landes und scheinen auf dem Vormarsch.
  • Ob Afghanistan ohne westliche Unterstützung eine Machtübernahme der Taliban verhindern kann, ist sehr ungewiss.

Making Afghanistan_

Der Westen verlässt Afghanistan. Bis Anfang September wird die NATO-Militärpräsenz im Land enden. Sie verfehlt ihr zwanzigjähriges Jubiläum nur um einen, vielleicht zwei Monate. Damit endet der Konflikt in Afghanistan mit einem Wimmern statt mit einem Knall. Zumindest für die Staaten des Westens.

In Afghanistan selbst geht der Konflikt gerade erst in die nächste, vielleicht entscheidende Runde. Der Abzug stellt es vor eine Bewährungsprobe, der es nicht gewachsen sein könnte. Im Zentrum steht der Konflikt zwischen der pro-westlichen, international anerkannten Regierung und der Taliban-Miliz; zwischen einem verhältnismäßig liberalen, demokratischen Teil der Gesellschaft und den erzkonservativen Verfechtern der Scharia. Afghanistan, ohnehin eines der ärmsten Länder der Welt, steht vor der Implosion.

Wie konnte es in Afghanistan so weit kommen? Ein Blick auf die unglaublich komplizierte Geschichte eines aufgegebenen Landes, welches oft als „Friedhof der Imperien“ bezeichnet wird.

Gut zu wissen: Der Begriff „Afghanistan“ setzt sich zusammen aus dem Persischen Suffix –stan für „Land“ und, möglicherweise, einer Entwicklung des Sanskrit-Worts „Aśvakan“, welches „Reitervolk“ bedeutet, und als Bezeichnung für die antiken Bewohner des Gebiets genutzt wurde.

Zwischen Ost und West, Nord und Süd

Afghanistan liegt in der Mitte des eurasischen Kontinents. Es verbindet das Himalajagebirge und Ostasien mit dem Nahen Osten und Europa; Zentralasien und die eurasische Steppe mit dem indischen Subkontinent. Diese geografische Lage prägt die Geschichte – und Geschicke – Afghanistans wie nichts anderes. 

Die Zivilisation in Afghanistan begann so früh wie kaum irgendwo sonst: Das Gebiet war Teil der Indus-Kultur, welche im weiteren Sinne von 3.300 bis 1.300 v. Chr. existierte und somit neben Ägypten und Mesopotamien die älteste Zivilisation der Menschheit bildete. Auf sie folgten wechselnde lokale Reiche, bis Afghanistan im sechsten Jahrhundert v. Chr. Teil der ersten Supermacht der Weltgeschichte wurde: dem persischen Achämenidenreich. Abgelöst wurde dieses 330 v. Chr.  durch das Reich von Alexander dem Großen, welches genauso schnell entstand wie es wieder auseinanderfiel. Afghanistan wurde danach teilweise von Indien, teilweise von einem griechischen Folgestaat kontrolliert.

Gut zu wissen: Der Begriff „Afghanistan“ setzt sich zusammen aus dem Persischen Suffix –stanDas Griechisch-Baktrische Königreich (und später Indo-Griechische Königreich) ist heutzutage auch aufgrund der spärlichen archäologischen Evidenz kaum bekannt, doch war das östlichste hellenistische Reich der Geschichte und existierte immerhin rund 250 Jahre. Es prägte noch Jahrhunderte später die gräkobuddhistische Kunst, welche buddhistische Elemente mit römisch-griechischen Kunstformen verband. 

Die griechischen Reiche wurden etwa zur Jahrtausendwende durch chinesisch-nomadische (Kuschana) und persische (Parther, Sassaniden) Neuankömmlinge ersetzt, in den Jahrhunderten darauf folgte eine Vielzahl an Reichen unterschiedlichster Herkunft, von Indern bis Mongolen. Afghanistan erlebte inmitten der regelmäßigen Herrschaftswechsel eine Blütezeit, da es zu einer wichtigen Handelsstation auf der Seidenstraße zwischen China, Indien, Persien, Europa und dem aufstrebenden Zentralasien wurde. Zeitweise galt die Stadt Herat als kulturelle Hochburg und „Florenz von Asien„. Schon im siebten Jahrhundert war außerdem der Islam nach Afghanistan gekommen; einige Hundert Jahre später dominierte er das Land und prägt es maßgeblich bis heute (99 Prozent der Afghanen sind Muslime).

Ein erster afghanischer Staat im modernen Sinne bildete sich 1747. Afghanistan hatte kurz zuvor ein plötzliches Machtvakuum genutzt, um die Herrschaft des iranischen Safawidenreichs abzuschütteln, welches ironischerweise seinerseits den Anfang eines modernen Irans dargestellt hatte. Hatten die Safawiden Iran von arabischem und türkischem Einfluss gelöst, so löste das Durrani-Reich Afghanistan nun von persischem und mogulischem Einfluss. Staatsbegründer Ahmad Schah Durrani gilt bis heute als „Vater der Nation“, sein Sohn war es, der Kabul zur Hauptstadt machte.

The Great Game

Die geografische Lage, welche Afghanistans Relevanz garantierte, begründete allerdings auch seinen Untergang. Nach der Staatsgründung erlebte es im Westen Konflikt mit Iran, im Osten mit Indien und im Norden mit Usbekistan. Das Reich zerfiel in einen Bürgerkrieg und erlebte zwischen 1793 und 1823 mindestens sechs unterschiedliche Herrscher. Kaum stellte sich am Ende eine gewisse Stabilität ein, begann der Einfluss Großbritanniens zu wachsen. Das Empire expandierte weltweit in rasantem Tempo, doch hatte an Afghanistan ein gesondertes Interesse.

Großbritannien und Russland, ein anderer imperialistischer Staat auf dem Höhepunkt seiner Macht, konkurrierten in Zentralasien um Einfluss. Die Briten befürchteten eine russische Expansion in das von ihnen kontrollierte Indien; Russland wiederum eine britische Expansion in sein zentralasiatisches Hinterland. Also galt es, eine Bufferzone zu errichten. Afghanistan war der Mittelpunkt dieses „Great Game“ zwischen den zwei Supermächten.

Was als Diplomatie und Handelsbeziehungen begann, wurde schnell intensiver und düsterer. Die Briten nahmen immer stärker Einfluss auf Afghanistan, bis sie 1838 einmarschierten und den Herrscher absetzten. Es folgten drei Kriege bis 1919: Im ersten übernahmen die Briten kurzzeitig die Kontrolle über das Land, doch erlitten letztlich eine massive Niederlage und zogen sich zurück. Der Zweite, eine Reaktion auf wachsenden russischen Einfluss, endete mit einem britischen Sieg 1878. London ließ sich vertraglich die vollständige Kontrolle über Afghanistans Außenpolitik zusichern, um so das Great Game zu spielen.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Nach dessen Ende war Großbritannien kriegsmüde und finanziell angeschlagen; Afghanistan nutzte das 1919 für einen dritten Krieg und griff das britische Indien an. Großbritannien siegte zwar, doch erkannte, dass der Einfluss über Afghanistan mit zu hohen Kosten einherging. Also akzeptierte es die vollständige Unabhängigkeit des Landes. Bis heute ist der 19. August der Unabhängigkeitstag in Afghanistan.

Gut zu wissen: Afghanistan war im Ersten Weltkrieg neutral, doch das hätte anders laufen können: Deutschland versuchte, es in die „hindu-deutsche Verschwörung“ zu ziehen: Ein Plan indischer Nationalisten und des deutschen Auswärtigen Amtes, eine großflächige Rebellion im britischen Indien zu kreieren. Eine globale Geheimdienstoperation Großbritanniens verhinderte das Vorhaben. Afghanistan hatte eine Beteiligung abgelehnt und war somit nicht involviert.

Der Scheideweg

Nach der Unabhängigkeit begann König Amanullah Khan eine Reformwelle: Er liberalisierte das Land im Stile Kemal Atatürks, welcher die Türkei in die Unabhängigkeit (und Moderne) geführt hatte. Afghanistan verankerte säkulare Schulbildung in der Verfassung, gründete beidgeschlechtliche Schulen, beendete die Verschleierungspflicht für Frauen und schaffte die Sklaverei sowie die Minderjährigenehe ab. Khan versuchte sogar, die wichtige Institution der Polygamie zu beenden. Einen großen Einfluss hatten Amanullahs Ehefrau Königin Soraya Tarzi und deren Vater Mahmud Tarzi, welche nebenbei fast eigenhändig den afghanischen Journalismus begründeten. Afghanistan stand vor dem Aufbruch in eine modernere Gesellschaft. Doch womöglich war der Aufbruch überstürzt.

Die afghanische Gesellschaft war und ist bis heute nur eingeschränkt durch einen Zentralstaat organisiert. Stattdessen spielen Ethnien eine wichtige Rolle, worunter die größten und einflussreichsten die Paschtunen, Tadschiken und Hazara sind. Innerhalb dieser Ethnien existiert eine Vielzahl an Stämmen (allein unter Paschtunen 28), welche regionalen Einfluss besitzen und sich durch eine gemeinsame Herkunft auszeichnen. Die Stämme sind wiederum in lokale Clans organisiert.

Amanullah Khans Reformen brachten gerade die konservativen paschtunischen Stämme gegen ihn auf. Das eskalierte in einen chaotischen Bürgerkrieg 1928, welchen die Stämme gewannen. Amanullah floh ins Exil, seine Reformen wurden zurückgedreht. Die neuen Regierungen versuchten zwar auch, das Land zu modernisieren, allerdings in deutlich gemächlicherem Tempo. Zumindest bis 1963, als König Zahir Shah eine neue Verfassung aufsetzte und Afghanistan demokratisierte: Es erhielt ein Parlament und einen Premierminister, welche immerhin teilweise direkt von der Bevölkerung gewählt wurden.

Gut zu wissen: Großbritannien tat offenbar sein Bestes, um die Amanullah-Monarchie zu schwächen: Es verteilte, so berichtet es die Tarzi-Familie, unter Paschtunen-Stammesführern Fotos von Königin Soraya, welche sie ohne Kopfbedeckung und beim Abendessen mit ausländischen Männern zeigten. Damit fachte es die Wut unter den konservativen Stämmen an und destabilisierte das Land.

Ethnien in Afghanistan, nach CIA World Factbook

Ein bisschen Kommunismus

Das demokratische Experiment sollte Afghanistan stärken und in die Moderne führen, doch stattdessen war es der Vorläufer für eine Chaosspirale, welche in der jüngeren Geschichte wohl ihresgleichen sucht. Afghanistan wurde zu dem, als was es heute bekannt ist. Erst putschte sich 1973 inmitten einer schweren Dürre und Rezession ein früherer Premierminister gewaltlos an die Macht. Er schaffte die Monarchie ab und verwandelte Afghanistan in eine Republik. Seine Regierung wurde fünf Jahre später von der marxistisch-leninistischen Partei PDPA in einem blutigen Militärputsch, der sogenannten Saurrevolution, abgesetzt. Afghanistan wurde zur sozialistischen Republik.

Das neue Afghanistan war von Anfang am zum Scheitern verurteilt. Er forcierte soziale Reformen, welche kontroverser nicht hätten sein können: Anstelle des tief verankerten Islams trat staatlich verordneter Atheismus; Bärte mussten abrasiert, Moscheen geschlossen werden. Traditionelle Institutionen, vor allem patriarchischer Natur, wurden verboten, Frauen wurden Männern plötzlich in vielerlei Hinsicht gleichgestellt. Gleichzeitig verfolgte die PDPA große Teile der afghanischen Elite, von Stammesführern über religiöse Figuren bis hin zu liberalen Akademikern. Bis zu 27.000 Menschen kamen durch die Repressionen ums Leben.

Während das Regime in den verhältnismäßig modernen und liberalen Städten durchaus einiges an Zustimmung erhielt, trieb es die konservativ-islamischen ländlichen Gebiete in den gewaltsamen Aufstand. Es bildeten sich zahlreiche, lose organisierte Mudschahedin, also islamistische Guerillatruppen, welche in den Dschihad gegen die sozialistische Regierung zogen. In 24 von 28 Provinzen brachen Aufstände aus, die Hälfte der afghanischen Armee desertierte oder wechselte zu den Mudschahedin.

Das rief den einzigen Freund der afghanischen Regierung auf den Plan. Die Sowjetunion pflegte gute Beziehungen zum neu-sozialistischen Nachbarn, doch ein Flügelstreit innerhalb der PDPA hatte ohnehin bereits Sorgen in Moskau geschaffen. Der Bürgerkrieg in Afghanistan war dann Anlass genug, direkt einzugreifen: Die Sowjetunion begann 1979 eine Invasion mit über 100.000 Soldaten und besetzte Afghanistan.

Friedhof der Imperien

Das allein wäre bereits genug für perfektes Chaos gewesen, doch Afghanistan hatte noch einiges mehr zu bieten. Die direkte sowjetische Beteiligung an dem Konflikt rief neue Fraktionen auf den Plan. Als sich zeigte, dass die Mudschahedin die Invasion nicht nur überstanden, sondern den Sowjets ernsthafte Probleme bereiten konnten, prasselte auf einmal Unterstützung aus allen Richtungen herein. Die USA, Pakistan, Iran und Saudi-Arabien belieferten die islamistischen Rebellen mit mehreren Milliarden Dollar an Bargeld und Waffen; China unterstützte kleinere maoistische Gruppen, welche ebenso gegen die Sowjets kämpften. Der Kalte Krieg brachte das Great Game auf Adrenalin zurück.

Gut zu wissen: Allein die USA und Saudi-Arabien investierten offenbar bis zu 40 Milliarden USD (etwa 150 Milliarden USD heute) in die Mudschahidin. Laut dem britischen Journalisten Jason Burke stammte allerdings nur etwa ein Viertel des Geldes, welches die Milizen erhielten, von Staaten. Der Rest sei von muslimischen Wohltätigkeitsorganisationen und privaten Spendern in aller Welt geleistet worden.

Die Kosten der Invasion waren enorm. Bis zu zwei Millionen Afghanen starben; mindestens 800.000 flohen landesintern und etwa 5 Millionen ins Ausland, hauptsächlich nach Iran und Pakistan. Zahlreiche Dörfer und viel Infrastruktur waren verwüstet, rund 270.000 Landminen verteilt. Die Sowjetunion hatte bis 1989 insgesamt 620.000 Soldaten mobilisiert, von denen über 14.000 starben und fast 54.000 verwundet wurden. Nach Schätzung der CIA kostete der Krieg die ohnehin wirtschaftlich angeschlagene Sowjetunion 115 Milliarden USD (2019). Nachdem sie zehn Jahre lang keine entscheidenden Erfolge gegen die Mudschahedin verbuchen konnte (auch da ihre Armee auf Flächenkriege in Europa, nicht Guerillakrieg im bergigen Afghanistan ausgelegt war), gab die traumatisierte Sowjetunion auf und verließ das Land.

Die zahlreichen Mudschahedin-Gruppen bezwangen kurz darauf die sozialistische Regierung. Ihre Versuche, eine eigene Regierung zu bilden, misslangen am gegenseitigen Misstrauen und Afghanistan rutschte 1992 in seinen nächsten Bürgerkrieg. Nach vier Jahren an blutigem Kampf, bei welchem Kabuls Bevölkerung von zwei Millionen auf 500.000 schrumpfte, setzten sich die Taliban durch.

Taliban_

Taliban-Kämpfer. Quelle: Aslan Media

Koranschüler

Bevor die Taliban über das Land hinwegfegten, begannen sie als Bewegung paschtunischer Koranschüler. Selbst ihr Name stammt vom Paschto-Wort „talib„, Student oder Suchender, ab. Die Gruppe war verärgert, dass auch nach dem Rauswurf der Kommunisten noch immer kein islamisches Recht, die Scharia, in Afghanistan galt. Inmitten des Bürgerkriegs gewann sie rasant an Zulauf und verbuchte einen militärischen Erfolg nach dem anderen – auch dank großzügiger Unterstützung durch Pakistan, welches sich eine freundlich gesinnte Regierung im Nachbarland schaffen wollte. Dank gebührt auch Saudi-Arabien und den USA, welche mit dem Export militant islamistischer Lehren – im Fall der USA aus strategischen, anti-sowjetischen Motiven – die Taliban womöglich überhaupt erst ermöglicht hatten.

Die Taliban waren anfangs beliebt. Viele Afghanen hofften auf ein Ende der chaotischen Ära der Kommunisten und Mudschahedin, und die Taliban lieferten. Sie stabilisierten das Land, stampften Korruption aus und senkten mit der strengen Scharia die Kriminalität. Doch dafür zahlte Afghanistan einen hohen Preis: Die Taliban verübten Massenmorde und hielten gezielt Nahrungsmittelhilfen aus oppositionellen Gebieten heraus, womit sie allein 1998 rund 160.000 Menschen dem Verhungern aussetzten.

Auch ihre gesellschaftliche Vision kam vielen Afghanen teuer zu stehen. Die Taliban wurden zur Antithese von Amanullah und PDPA: Männer mussten Bärte wachsen lassen, Frauen Burka tragen. Mädchen wurden von der Schulbildung ausgeschlossen, Frauen vom Arbeiten. Fernsehen, Musik und Kinos verboten. Genau genommen waren sämtliche Aktivitäten, welche junge Männer vom Beten und dem religiösen Dienst abhalten könnten, verboten – von Breakdance und Shisharauchen bis hin zum beliebten Drachensteigen. Nur drei Staaten erkannten die Taliban an: Saudi-Arabien, die VAE und Pakistan.

Auch Auch unter den Taliban gab es keinen Frieden in Afghanistan. Gruppen der Mudschahedin widersetzten sich den Taliban und formten die sogenannte Nördliche Allianz. Der Konflikt schien, auch dank pakistanischer Unterstützung, zugunsten der Taliban auszugehen – hätte nicht ein junger Saudi-Araber die USA auf den Plan gerufen.

Gut zu wissen: Im Jahr 2001 sprengte die Miliz die beeindruckenden, 1.500 Jahre alten Buddha-Statuen von Bamiyan – ein 25-Tage währendes Spektakel, welches den Taliban internationale Verurteilung einbrachte.

War on Terror

Osama Bin Laden hatte sich zu Zeiten der sowjetischen Invasion Afghanistans radikalisiert. Als Mitglied der wohlhabenden bin-Laden-Familie, Eigentümerin eines saudi-arabischen Baukonglomerats, hatte er die Mudschahedin finanziell unterstützt. Später gründete er die Terrororganisation Al-Qaida, welche erst aus Saudi-Arabien, dann aus dem Sudan und zuletzt aus Afghanistan heraus operierte. Die Taliban boten bin Laden eine Basis und Ressourcen. Die Assoziation sollte ihnen teuer zu stehen kommen.

Im Jahr 2001 gelang bin Laden sein Meisterstreich: Die Angriffe vom 11. September erschütterten die USA und lösten eine jahrzehntelange Jagd nach ihm und anderen Al-Qaida-Funktionären aus. Da sich die Taliban weigerten, ihn auszuliefern, gerieten sie zum anfänglichen Zentrum des „Krieg gegen den Terror“ von US-Präsident Bush. Die USA und Großbritannien stürzten das Taliban-Regime innerhalb von zwei Monaten bis Dezember 2001. Die Taliban flohen in das bergige Hinterland, vor allem das Grenzgebiet zu Pakistan, wo sie sich erholten und neu gruppierten.

Gut zu wissen: Bin Laden wurde 2011 in einer Spezialoperation der USA in Pakistan erschossen – ohne, dass der nominelle US-Verbündete Pakistan vorab darüber informiert wurde. Offenbar herrschten im Weißen Haus Sorgen, dass die Information an bin Laden gelangen könnte, schließlich hatte Pakistan bereits in der Invasion 2001 den Taliban aktiv geholfen. US-Vizeaußenminister Richard Armitage soll damals gedroht haben, Pakistan „in die Steinzeit zu bomben„, wenn es seine Unterstützung nicht einstelle (Armitage dementiert das).

Die USA und die inzwischen hinzugestoßene NATO hatten nun zwei Zielestate-building, also aus dem gescheiterten Staat einen funktionierenden machen, und den Widerstand der Taliban nachhaltig brechen. Offiziell klang das etwas anders, das erklärte Ziel war es, Al Qaida zu zerstören – doch mit Taliban und ohne ein funktionierendes Afghanistan würde die Gruppe kaum lange zerstört bleiben.

Das state building versprach schwierig zu werden. Afghanistan war 2001 eines der ärmsten Länder der Welt, hatte es immerhin die vergangenen Jahre in internationaler Isolation, also ohne Kapitalzufluss, und mit nur geringer Wirtschaftsaktivität verbracht – und die Jahrzehnte davor in konstantem Konflikt. Die Infrastruktur war zugrunde gerichtet, die Nahrungsmittelversorgung angeschlagen. Die Taliban, besser im Beten und Bestrafen als im Regieren, hatten kaum öffentliche Dienstleistungen etabliert. Afghanistan hatte die niedrigste Lebenserwartung der Welt.

Doch wie schwer es tatsächlich wurde, hatten die USA nicht erwartet. Auch 20 Jahre später ist Afghanistan kein funktionierender Staat, auch wenn sich die Wirtschaft etwas verbessert hat und demokratische Institutionen existieren. Eine pro-westliche Regierung unter Hamid Karzai übernahm die Verwaltung des Landes und setzte 2004 eine neue Verfassung auf. Im Jahr 2014 wählten die Afghanen Ashraf Ghani zum neuen Präsidenten, die erste demokratische Machtübergabe in Afghanistans Geschichte. Keine der beiden Regierungen war allerdings sonderlich beliebt, sie gelten den meisten Afghanen als korrupt und ineffizient.

Kein Afghanistan ohne Taliban

Und auch die Taliban dachten nicht daran, zu verschwinden. Bereits 2003 begannen sie wieder damit, ihre Machtbasis in Afghanistan auszubauen; 2004 erklärten sie dann ganz offiziell eine Rebellion gegen „Amerika und seine Puppen“, bezogen auf die afghanische Regierung in Kabul. Bis 2009 war die Rebellion in einen vollwertigen Guerillakrieg eskaliert; 2011 erreichten die NATO-Truppen im Land mit 140.000 ihren höchsten Stand. Dennoch konnten die Taliban bis 2016 mindestens 10 Prozent Afghanistans unter ihre Kontrolle bringen, weitere 26 Prozent waren zwischen Taliban und Regierung umstritten. Etwa 47.000 Zivilisten starben in den 19 Jahren des Konflikts.

Die Unfähigkeit, die Taliban entschieden zu schlagen, mag mehrere Gründe gehabt haben. Das komplizierte Terrain Afghanistans, die Unterstützung Pakistans, die zunehmende Unzufriedenheit gerade ländlicher Afghanen über die ausländische Präsenz, welche ihnen kaum bessere Lebensqualität verschafft hatte. Doch ein großer Grund war auch, dass Afghanistan einfach nie wirklich im Fokus der westlichen Staaten stand. Die USA konzentrierten sich bereits ab 2003 auf Irak und unter Obama dann auf den asiatisch-pazifischen Raum. Die Europäer waren in Afghanistan immer nur in zweiter Reihe aktiv.

Die große Frage in den USA war, wann sie das Land endlich verlassen könnten. Über 6.000 amerikanische Soldaten sowie Söldner und 1.100 NATO-Truppen sind seit 2001 dort gestorben; 815 Milliarden USD sind für militärische Zwecke, 143 Milliarden USD für zivile Zwecke nach Afghanistan geflossen – ein Großteil davon in Korruption verschwunden. Der Konflikt führte zu 47.000 toten afghanischen Zivilisten (allein 260 im Mai 2021), davon zumindest einige durch US-Einsätze. Die Kriegsmüdigkeit war groß.

Leaving Afghanistan_

Humvee in Afghanistan. Quelle: pxfuel

Frieden für Afghanistan

Am 29. Februar 2020 unterzeichneten die USA und die Taliban nach monatelangen Geheimverhandlungen in Katar einen Friedensvertrag. Dieser sah vor, dass die Taliban keine Zuflucht mehr für Al-Qaida bieten würden und in Friedensgespräche mit der afghanischen Regierung treten; im Gegenzug ziehen die USA sämtliche Truppen bis zum 1. Mai 2021 ab. Die neue Biden-Regierung hielt an dem Abkommen weitestgehend fest, verschob lediglich das Abzugsdatum auf den (sehr symbolischen) 11. September 2021. Die restlichen NATO-Staaten beschlossen kurz darauf ihrerseits den Abzug.

Gut zu wissen: Auch Deutschland hat inzwischen, öffentlich fast unbemerkt, sämtliche Truppen aus Afghanistan abgezogen. Die Frage, ob sich die Bundeswehr-Rückkehrer explizit eine solche „stille Ankunft“ gewünscht hatten oder nicht, setzt derzeit Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer unter Druck. 

Dabei haben die USA es durchaus eilig. Stand Juli 2021 wurde der Abzug offiziell auf Ende August vorgezogen, ist aber faktisch bereits abgeschlossen. Beim Abzug von der wichtigen Luftbasis Bagram informierten die USA angeblich nicht einmal den lokalen afghanischen Kommandanten, verschwanden stattdessen in der Nacht und schalteten sogar den Strom ab – der Kommandant realisierte den fluchtartigen Abzug erst zwei Stunden später, als sich Plünderer bereits an der Basis gütlich taten.

Für die Biden-Regierung ergibt der Abschied, wie schon für die Trump-Regierung, politisch durchaus Sinn. Er werde nicht „noch eine Generation an Amerikanern“ in einen Krieg „ohne realistische Aussicht auf ein anderes Ergebnis“ schicken, so Biden, welcher bereits als Vizepräsident unter Obama persönlich für einen Abzug plädiert hatte. Kritiker betonen, dass Afghanistan ohnehin zum Hintergrundrauschen im öffentlichen Diskurs in den USA geraten ist und das verbleibende Truppenkontingent im Land recht klein war. Die USA unterstützten die Regierung hauptsächlich nur noch mit Luftschlägen und forcierten so ein Machtgleichgewicht zwischen Kabul und Taliban. Die Kosten einer Kriegsfortsetzung wären also relativ niedrig gewesen. Doch die Frage, wann die USA das Land denn jemals verlassen könnten, blieb ungelöst.

Eine oftmals bemühte Antwort: Wenn Afghanistan imstande ist, seine Sicherheit selbst zu garantieren. Nach Ansicht der Biden-Regierung ist das bereits der Fall. Die Armee sei gut ausgebildet und ausgerüstet, auch dank milliardenschwerer, jahrzehntelanger amerikanischer Unterstützung. Die Taliban hat zugesagt, Gespräche mit der Regierung in Kabul zu führen. Vergleiche zu Vietnam, wo das pro-westliche Südvietnam kurz nach dem Abzug der USA aus dem Vietnamkrieg vom kommunistischen Norden geschluckt wurde, weist Washington entnervt zurück. Zeit, die Koffer zu packen.

Chaos für Afghanistan

Außen- und Sicherheitspolitiker, auch im Pentagon selbst, sind alles andere als überzeugt. Viele befürchten, dass die Taliban, welche inzwischen wieder auf dem stärksten Stand seit 2001 ist, Afghanistan kurzerhand übernimmt. Die Taliban behaupten, schon 85 Prozent des Landes zu kontrollieren – die wahre Zahl dürfte näher an 46 Prozent liegen, mit weiteren 30 Prozent, welche umkämpft sind. Auch das sind hohe Werte, welche daran zweifeln lassen, wie sehr die afghanischen Regierungstruppen imstande sind, die islamistische Miliz in Schach zu halten. 

Die anekdotische Evidenz ist vernichtend. Jüngst flohen Tausende afghanische Soldaten nach Gefechten mit den Taliban um ihr Leben über die Grenze nach Tadschikistan. Im Juni löschten die Taliban eine afghanische Spezialeinheit mitsamt eines äußerst beliebten 31-jährigen Kommandanten aus – offenbar weil Verstärkung und Luftunterstützung ausgeblieben waren. Ohne die westlichen Luftschläge zeigen sich die Mängel der afghanischen Armee deutlich. Sie ist zwar theoretisch größer und besser ausgerüstet als die Taliban, doch eine ineffektive Armeeführung, ausbleibendes Gehalt und Versorgungsschwierigkeiten belasten die Moral. Oft kapitulieren afghanische Truppen vor weitaus kleineren Taliban-Divisionen, teilweise liefern sie Ortschaften völlig kampflos aus.

Gut zu wissen: Die Taliban verstehen, wie Propaganda funktioniert. Sie bauschen ihre Erfolge auf und betonen zugleich öffentlichkeitswirksam, dass sie respektvoll mit Kriegsgefangenen umgehen. Ein lakonischer Social-Media-Post zeigte jüngst einen Taliban-Kämpfer vor den Toren der Großstadt Masar-e-Scharif (ohne Kalaschnikow hätte es glatt wie ein generisches Urlaubsfoto ausgesehen), was zu Panik unter den Bewohnern führte. Der Armee blieb nicht viel anderes übrig, als ihr eigenes Foto zu posten, um zu beweisen, dass alle Tore nach wie vor unter Kontrolle der Regierung waren.

Ein Sieg der Taliban wäre tragisch für Afghanistan. Seit 2001 ist die Lebenserwartung von 56 auf 64 Jahre gestiegen, die Alphabetisierungsrate von 36 auf 43 Prozent. Anstelle von 16 Prozent haben nun 89 Prozent der Afghanen Zugang zu sauberem Wasser. Die Müttersterblichkeit ist um die Hälfte gefallen, die Zahl der Kinderehen um 17 Prozent. Doppelt so viele Mädchen besuchen die Grundschule; Frauen können arbeiten und öffentlich existieren. Für viele Afghanen, welche die neuen Freiheiten genießen, ist die Vorstellung einer rückwärtsgerichteten Taliban-Herrschaft ein Albtraum.

Auch deswegen bilden sich zunehmend Bürgerwehren und neue Stammesmilizenwas an vergangen geglaubte Jahrzehnte erinnert. Die Zentralregierung in Kabul versucht, sie in ihr Sicherheitskonzept einzubinden, ist mit jeder weiteren Kriegsniederlage auch immer stärker auf sie angewiesen. Doch das kommt mit neuen Risiken daher, denn eine Vielzahl mächtiger Milizen wird letztlich wenig zur Stabilisierung Afghanistans beitragen.

Für Afghanistan ist der Abzug der USA somit der Beginn eines neuen schmerzhaften Kapitels. Als schwacher Trost bleibt eine gewisse Ironie: So wie die USA aus dem Land fliehen, so auch viele Afghanen. Die Schlangen vor den Behörden, um sich Reisedokumente ausstellen zu lassen, sind lang. Für so manchen Bürger dürfte es nicht die erste Flucht sein.

Scroll to Top