Krieg am Stiel – Was es mit dem Konflikt in Bergkarabach auf sich hat – whathappened

Krieg am Stiel – Was es mit dem Konflikt in Bergkarabach auf sich hat

Aserbaidschan und Armenien haben ihren eingefrorenen Konflikt aufgetaut und führen Krieg. Na gut, führten Krieg, denn es wurde bereits ein Waffenstillstand geschlossen… und sofort gebrochen. Wir erklären, was es mit Bergkarabach auf sich hat. Und warum die Sache längst größer als der Kaukasus ist. (15 Minuten Lesezeit)

Update 11.11.2020

Der Krieg ist vorbei. Und Aserbaidschan hat ihn gewonnen. Moderne Kriegsdrohnen und mutmaßliche türkische Unterstützung reichten aus, um den armenischen strategischen Vorteil zu übertrumpfen. Kein Wunder, dass Baku – und es war vermutlich Baku – die drei letzten Waffenstillstände gebrochen hat: Ein Sieg hatte sich wohl bereits abgezeichnet.

Der Friedensvertrag, von Russland ausgehandelt, sieht vor, dass Aserbaidschan seine Eroberungen in Bergkarabach behalten darf. Darunter ist die strategisch wichtige Stadt Shusha (arm.: Shushi), die gerade erst erobert worden war. Shushas Fall bedeutete Armeniens Ende, so wie armenische Generäle bereits zu Beginn des Konflikts angekündigt hatten. Aserbaidschan wird künftig 40 Prozent Bergkarabachs halten.

Dazu gibt Armenien Regionen rund um Bergkarabach ab, welche es im ersten Krieg 1988-96 erobert hatte. Das dürfte für Aserbaidschan besonders befriedigend sein, denn es handelt sich um 14 Prozent seines völkerrechtlichen Staatsgebiets. Aber denk nicht, dass die Grenzverläufe im Südkaukasus jetzt sauberer werden, denn es bleibt kompliziert: Der weiterhin armenisch kontrollierte Teil Bergkarabachs, darunter Regionalhauptstadt Stepanakert, ist nur noch über eine aserbaidschanisch kontrollierte Straße mit Armenien verbunden.

Wie die Lage in Bergkarabach nach dem Friedensvertrag aussieht. Quelle: RFERL.org

Lösung? Russische Friedenstruppen. Russische Soldaten werden für mindestens fünf Jahre, womöglich fünf weitere Jahre, die Lage vor Ort kontrollieren und den Frieden sicherstellen.

Das ist ein ziemlich gutes Resultat für Russland. Das Land sichert sich mit dem Einsatz seiner Friedenstruppen mittelfristig den Einfluss im Südkaukasus. Es nimmt außerdem den westlichen Einfluss aus der Situation, welcher über die bisherigen Plattformen für Friedensgespräche („Minsk Group“) zum Tragen gekommen wäre. Es bindet Armeniens Premier Pashinyan näher an sich. Und da der Kreml sowohl zu Armenien als auch Aserbaidschan gute Beziehungen hat (beide kaufen Waffen ein), ist das Kriegsresultat kein Problem für ihn. Im Gegenteil: Die maximalistische, sprich sture, Haltung Eriwans zu einer Rückgabe aserbaidschanischer Gebiete hat Moskau seit längerem genervt.

Also alles gut für den Kreml? Womöglich, wäre da nicht die Sache mit der Türkei. Es ist nicht ganz klar, wie viel Einfluss die Türkei – der engste Verbündete Aserbaidschans – im Südkaukasus hinzugewonnen hat. Das Land hatte definitiv einen Anteil an Aserbaidschans Sieg, allein schon aufgrund der Lieferung moderner Drohnen. Und sie hatte bei den Waffenstillständen und Friedensgesprächen ein Wörtchen mitzureden.

Laut Aserbaidschans Präsident Aliyev wird sich die Türkei auch mit Friedenstruppen in Bergkarabach beteiligen – das wäre ein Affront für Armenien und ein Hinweis darauf, dass Russland doch nicht alleinige Regionalmacht ist. Ob es wirklich passiert, ist aber unklar, denn bislang spricht nur Aliyev davon.

Und der Konflikt bindet Ressourcen, die Russland gerne anderswo einsetzen würde. Denn obwohl größerer Einfluss im Kaukasus nett ist, hat Russland mit Libyen, Syrien, der Ukraine, Covid-19 und Putins Nachfolge gerade genug andere Probleme. Die Friedenstruppen in Bergkarabach hätte es sicherlich auch anderswo einsetzen können.

Der Konflikt wird übrigens ziemlich sicher weitergehen, wenn auch nicht unbedingt militärisch. Bergkarabach ist jetzt eine noch merkwürdigere Region als zuvor: Hunderttausende Armenier verlassen das Gebiet, Azeris dürften hinziehen. Die armenische „Republik Arzach“ ist auf einen Nukleus rund um Hauptstadt Stepanakert zusammengeschrumpft, umringt von Aserbaidschan. Die einzige Verbindung zum befreundeten Armenien ist eine durch Russland (und womöglich die Türkei) gesicherte Straße. In Armenien gehen bereits Proteste gegen den Friedensvertrag los.

Kein Rezept für eine stabile Nachbarschaft.

Update 28.10.2020

Nicht ein, nicht zwei, nein, drei Waffenstillstände sind inzwischen gescheitert. Und zwar alle innerhalb von Minuten.

Für Aserbaidschan hat sich einfach zu viel Potenzial gezeigt. Der Einsatz moderner Drohnen (siehe Originaltext) und mutmaßlicher militärischer Unterstützung aus der Türkei hat Armenien trotz einer sehr guten defensiven Ausgangslage in Schwierigkeiten gebracht. Jerewan und Stepanakert (die Hauptstadt der faktisch autonomen, doch von Armenien abhängigen Republik Arzach) räumten kleinlaut Gebietsverluste ein, zuletzt sogar von einer wichtigen Grenzstadt zu Iran.

Ziel Bakus dürfte es sein, seine Ausgangslage zu verbessern, bevor es sich in Verhandlungen mit Armenien begibt. Und wenn sich wider Erwarten doch ganz Bergkarabach erobern ließe, umso besser.

Die gescheiterten Waffenstillstände wurden von Russland und zuletzt von den USA vermittelt. Ihr Scheitern zeigt, wie sehr der Einfluss der einstigen Regionalmacht Russland gesunken ist (und wie wenig die mit sich selbst beschäftigten USA derzeit als globaler Akteur gesehen werden).

Profiteur ist die Türkei, welche zwar nominell auch zu Waffenpausen aufgerufen hatte, doch primär am Erfolg ihres Verbündeten Aserbaidschan interessiert ist. Warum das so ist, warum sich Russland nicht in den Konflikt hineinbegibt und worum es in diesem eigentlich geht, erklärten wir im Originaltext.

ORIGINALTEXT:

Die Blitzzusammenfassung (in 50 Sekunden)

  • Armenien und Aserbaidschan erheben beide Anspruch auf die Region Bergkarabach.
  • Die Region gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, doch ist zu 90% armenisch bewohnt.
  • Von 1988 bis 1994 führten die beiden Länder Krieg, welchen Armenien gewann. Seitdem wird Bergkarabach faktisch von pro-armenischen Separatisten kontrolliert.
  • Nach kurzer Entspannung vor zwei Jahren begann erneut das Säbelrasseln: Aserbaidschan will Bergkarabach zurück, Armenien turtelt mit weiteren Gebietsgewinnen.
  • Am 27. September kam es zum Krieg: Die größte Eskalation seit 1994. Resultat: 400 Tote, 70.000 Vertriebene, kaum territoriale Veränderungen.
  • Aserbaidschan wurde durch die Türkei unterstützt, Armenien war auf sich allein gestellt.
  • Russland ist zwar Armeniens Verbündeter, doch hat auch gute Beziehungen zu Aserbaidschan. Deswegen rief Moskau von Anfang an nach einem Waffenstillstand.
  • Diesen konnte es am 10. Oktober durchsetzen. Stabil? Nicht wirklich: Nach fünf Minuten war Schluss mit Waffenpause.
  • … also gab es eine Woche später einen zweiten. Der hielt immerhin vier Minuten.
  • Der neuste Konflikt zeigt vor allem, wie wichtig die Türkei in ihrer Nachbarschaft geworden ist – und dass der Westen bereit ist, sich herauszuhalten. Das erste ist für Russland ein Risiko, das zweite eine Chance.
  • Es ist außerdem das erste Mal, dass kleine bewaffnete Drohnen in einem regulären Krieg zum Einsatz kamen.

Worum es in dem Konflikt geht

Aserbaidschan und Armenien haben die Mikrowelle angeschmissen und ihren „frozen conflict“ aus Sowjetzeiten wieder aufgewärmt. Manchen wurde er gar zu heiß, weswegen er rund zwei Wochen nach Beginn bereits per Waffenstillstand beendet ist. Kürzester Explainer unserer Geschichte? Mitnichten, denn der Konflikt ging nur fünf Minuten später wieder weiter.

Eins steht fest: Bergkarabach ist längst nicht nur für Kaukasologen interessant. Ja, die gibt es wirklich.

Bergkara- was?

Bergkarabach, auch Nagorny-Karabach und auf armenisch Arzach, bedeutet in etwa „bergiger schwarzer Garten“, und ist eine, nun ja, bergige Region. Sie ist rund anderthalbmal so groß wie das Saarland, doch sorgt für deutlich mehr Aufregung.

Denn Bergkarabach ist völkerrechtlich Teil von Aserbaidschan, wird aber zu 90% von Armeniern bewohnt – und durch die de-facto unabhängige, pro-armenische Republik Arzach kontrolliert. Um unseren Shitstorm-Praktikanten zu entlasten, nennen wir sie im Rest des Artikels einfach Bergkarabach, das ist weniger kontrovers.

Gut zu wissen: …aber nicht völlig präzise: Die Republik Bergkarabach kontrolliert auch Teile Aserbaidschans, die nicht mehr zur Region Bergkarabach gehören.

Anerkannt wird Bergkarabach von fast niemandem außer ein paar amerikanischen Bundesstaaten, vermutlich aufgrund der starken armenischen Diaspora in den USA. Aserbaidschan beansprucht das Gebiet und nennt die Republik Bergkarabach einen Deckmantel für armenische Besatzung. Armenien erkennt Bergkarabach vor allem aus außenpolitischen Gründen nicht an, doch hat sehr enge Verbindungen zu dem de-facto-Staat.

Wie eng? Bergkarabachs erster Präsident Robert Kocharyan wurde später Premier und dann Präsident Armeniens. Und rund 60% der Soldaten in Bergkarabach sind armenische Staatsbürger. Das ist ziemlich eng.

Um dieses Gebiet geht es im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan dauerhaft seit mindestens 30 Jahren. Gut, genau genommen seit über Hundert Jahren. Denn ein richtiger Qualitätskonflikt beginnt nicht im Hier und Jetzt, sondern muss irgendwie mit der Sowjetunion zu tun haben.

Die umstrittene Region Bergkarabach (Nagorno-Karabakh) zwischen Armenien und Aserbaidschan. Wie du auf der Karte siehst, ist Bergkarabach eigentlich eine Enklave, doch Armenien kontrolliert auch die Gebiete dazwischen – warum, erfährst du unten. Quelle: Economist

Immer dieser Josef Stalin

Wir verdanken den Bergkarabachkonflikt auf gewisse Art und Weise einem alten Bekannten: Stalin. Denn 1920 begann die allmählich entstehende Sowjetunion, sich den jüngst unabhängig gewordenen Kaukasus einzuverleiben. Dabei fand sie Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach vor, welcher aus ethnischer Feindseligkeit, aber auch einfach dem Wunsch nach territorialer Erweiterung stammte.

Stalin, damals eine Art Minister unter Lenin, nutzte die Gunst der Stunde: Armenien bekam Bergkarabach versprochen, wenn es im Gegenzug freiwillig der Sowjetunion beitrat. Viel Wahl hatte der junge Staat ohnehin nicht, denn die russischen Truppen standen bereits vor der Haustür.

Doch Stalins Streich war noch nicht zu Ende: Er wollte ein Bündnis mit der Türkei und die Türkei mochte das kulturell verwandte Aserbaidschan mehr als Armenien. Also brach er sein Versprechen kurzerhand und gab Bergkarabach an die neue sowjetische Republik Aserbaidschan. 

War da nicht was mit Genozid? Das Osmanische Reich, Vorgängerstaat der Türkei, verübte im Ersten Weltkrieg einen Genozid an 300.000 bis 1,5 Millionen Armeniern, welche als Minderheit im Reich lebten. Zwischen Armeniern und Türken gab es ohnehin bereits ethnische Spannungen, welche überkochten, als im Ersten Weltkrieg einige Armenier aus Unabhängigkeitsbestreben die einmarschierende russische Armee unterstützten. Die osmanische Führung deportierte eine Vielzahl der Armenier im Reich in die syrische und mesopotamische Wüste. Die Türkei weist bis heute die Interpretation eines Genozids zurück, doch hat damit einen Großteil der Geschichtsforschung und internationalen Institutionen gegen sich.

Chaos birgt Gelegenheiten

In den nächsten Jahrzehnten blieb die Region als sowjetisches Anhängsel relativ ruhig. Armenien und Aserbaidschan waren Sowjetrepubliken, quasi Bundesstaaten, und Bergkarabach gehörte zu Aserbaidschan.

Das hörte auf, als sich das chaotische Ende der Sowjetunion abzeichnete. 1988 protestierten die armenischen Einwohner Bergkarabachs, zu dieser Zeit rund 75% der Bevölkerung, gegen ihre „Azerifizierung“ und forderten, ein Teil Armeniens zu werden. Moskau lehnte ab und ethnischer Konflikt flammte auf, in Aserbaidschan kam es zu Gewalt gegen Armenier, in Armenien gegen Azeris.

Die offizielle Regionalregierung von Bergkarabach widersetzte sich Moskaus Urteil außerdem und beschloss zunächst den Übertritt zu Armenien, 1991 dann nach einem Referendum (von den aserbaidschanischen Einwohnern boykottiert) die Unabhängigkeitserklärung. Die Sowjetunion, damals wortwörtlich in den letzten Monaten ihres Lebens, konnte nicht viel dagegen unternehmen. Armenien unterstützte den Schritt, Aserbaidschan betrachtete ihn als illegalen Separatismus.

Also führten die beiden Länder, welche gerade von der Sowjetunion unabhängig geworden waren, einen Krieg. Dieser dauerte drei Jahre (oder sechs, wenn man die ethnische Gewalt ab 1988 mitzählt) kostete 30.000 Menschenleben und führte zu Flüchtlingswellen aus beiden Ländern. Am Ende setzte sich Armenien durch und sicherte nicht nur Bergkarabach, sondern eroberte sogar Teile Aserbaidschans – genaugenommen 14% des Landes, welche Armenien nun als „Schutzzone“ betrachtet.

Mehr war nicht drin, denn Armenien wollte nicht den Zorn der Welt auf sich ziehen. Also schlossen die Kriegsparteien 1994 einen Waffenstillstand unter Vermittlung Russlands und Beteiligung Frankreichs und der USA. Resultat? Bergkarabach blieb faktisch unabhängig und armenische Einflusssphäre.

Was nun passiert ist

Es wird dich nicht wundern, dass die Beziehungen seit dem Bergkarabachkrieg kompliziert waren. Der Konflikt war „frozen“, aber nie ganz kalt: An der Kontaktlinie brachen regelmäßig Gefechte mit Verlusten auf beiden Seiten aus, zuletzt 2016 mit 30 Toten. Friedensvorschläge mit illustren Namen wie Prag oder Madrid führten nicht weit, UN-Resolutionen ebenso wenig.

Gut zu wissen: Wie tief geht der Streit zwischen Armeniern und Azeris? Als der berühmte aserbaidschanische Autor Akram Aylisli 2013 ein Buch schrieb, in welchem er das Leid der „anderen Seite“ beleuchtete, entzog die Regierung ihm sämtliche Ehrungen und ließ sein Buch verbrennen.

Eine Chance auf eine Kaukasus-Version des großen roten „Reset“-Buttons schien ein Regierungswechsel in Armenien im Jahr 2018 zu bieten. Armenien und Aserbaidschan eröffneten – um in der US-Russland-Analogie zu bleiben – einen heißen Draht zueinander. Sogar ein Friedensabkommen war geplant. Zwischen den Zivilgesellschaften gab es ersten zärtlichen Austausch.

Warum gab es genau jetzt Krieg

Doch im Endeffekt fanden die Parteien keinen Kompromiss: Aserbaidschan war maximal zu einem Autonomiestatus Bergkarabachs bereit, doch sah die Region weiterhin als eigenes Territorium. Armenien lehnte die diplomatische Formel „territories for peace“, also die Rückgabe Bergkarabachs für einen Friedensvertrag, ab.

Stattdessen gewann allmählich die Doktrin „new war for new territories“ an Popularität: Statt sich ständig zu verteidigen, solle Armenien in die Offensive gehen. Im Juli 2020 kam es zu Attacken auf aserbaidschanische Infrastruktur im Norden, welche Armenien zwar als Selbstverteidigung bezeichnete, doch ziemlich sicher eine Folge von „new war“ waren.

Die Kriegslust stieg auch in Aserbaidschan: 30.000 Protestler stürmten ebenso Juli 2020 das Parlament, um einen Krieg mit dem Nachbarstaat zu fordern. Die innenpolitischen Fahnen standen also beiderseits auf Konflikt.

Den wachsenden Spannungen fielen 2019 sogar Satzzeichen zum Opfer, als der armenische Premierminister Pashinyan deklarierte: „Karabach ist Armenien – Punkt!“ und Präsident Alijev aus Baku wenige Monate später antwortete: „Karabach ist Aserbaidschan – Ausrufezeichen!“

Fun fact: Präsident Ilham Aliyev ist der Sohn von Ex-Präsident Heydar Aliyev, welcher wiederum an die Macht kam, indem er einen anderen Aliyev aus dem Amt putschte. Die beiden waren allerdings nicht verwandt. Und Proto-Aliyev ließ sich offiziell „Elchibey“ nennen, was eigentlich ein Ehrentitel war und „edler Botschafter“ bedeutet.

Im September 2020 explodierte das Pulverfass. Schwere Geschütze, Kampffahrzeuge und Flugzeuge wurden eingesetzt, Städte in Bergkarabach wurden bombardiert, Aserbaidschans zweitgrößte Stadt Ganja ebenso. Und über Armeniens Hauptstadt Eriwan wurden feindliche Drohnen abgeschossen.

Große Gebietsgewinne schien keine Seite zu machen, doch dafür ist das bergige Land auch denkbar ungeeignet – obwohl Aserbaidschan mit seinen aus der Türkei, Russland und Israel zugekauften Drohnen den Armeniern offenbar große Probleme bereitet hat. Entsprechend erklärte Aserbaidschan stolz die Eroberung von 34 Siedlungen und die Republik Bergkarabach räumte kleinlaut einen „taktischen Rückzug“ samt neuer Eroberungen in nicht weiter präzisierten „strategischen Höhen“ ein. Vermutlich nicht genug Veränderung, als dass du deinen Globus in die Tonne werfen müsstest.

Wer die neuste Gewalt begonnen hat, ist nicht eindeutig, beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig. Wahrscheinlicher ist Aserbaidschan, denn das Land hat mehr Interesse, den Status Quo zu ändern. Doch Armenien bewies mit „new war“ ebenso Stimmung für Offensive – und dürfte den Angriff im Juli auf seiner Kappe haben.

Wo in der umstrittenen Grenzregion Kämpfe stattfanden. Stand: 8. Oktober 2020. Quelle: BBC

Wie ist der Rest der Welt eingespannt

Der Konflikt beschränkt sich längst nicht nur auf den Kaukasus, sondern zieht ganz andere Parteien in Europa und Asien mit hinein.

Armenien hat dank seiner großen Diaspora gute Verbindungen zu den USA und Frankreich. Die USA halten sich bislang öffentlich eher zurück – im Wahlkampf ist ein komplizierter Konflikt mehr Risiko als Gelegenheit. Auch Frankreich ist mit Mali, Libyen und Mittelmeer ordentlich ausgelastet, da sind die Verbindungen in den Kaukasus nicht tief genug.

Da Armenien seit 2018 einen ordentlichen Schub in Richtung Demokratie und gegen Korruption gemacht hat, blickt auch die EU relativ wohlwollend auf das Land. Überschätzen sollte man die Westintegration allerdings nicht, bislang hat Armenien nicht mal ein Assoziierungsabkommen im Stile der Ukraine mit der Europäischen Union.

Bleibt also Russland – Armeniens wichtigster Partner in der Region. Die Beziehungen sind eng, über die OVKS (Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit) befinden sich beide Staaten in einem Verteidigungsbündnis, dazu beliefert Russland Armenien mit Waffen sowie Energie, betreibt eine Militärbasis im Land und sichert mit eigenen Soldaten die Grenzübergänge zur Türkei und zu Iran.

Doch Russland fährt zweigleisig. Das Land hat gute Beziehungen zu Aserbaidschan und liefert auch dorthin Waffen. Moskau präferiert zwar Armenien – Putin telefonierte zu Beginn des Konflikts dreimal mit Armeniens Premier Paschinjan und kein einziges Mal mit Präsident Aliyev in Aserbaidschan – doch ärgert sich schon seit längerem über Armeniens sture Position im Bergkarabach-Streit. Vor allem, da es den Eindruck hat, dass sich das Machtgleichgewicht zugunsten des Öl- und Gas-reichen Aserbaidschans verschiebt.

Eigentlich hat Russland also wenig Lust, den Kopf für Armenien hinzuhalten.

Wie immer: Russland und die Türkei

Nur leider hat Aserbaidschan einen Verbündeten, der seine gesamte Nachbarschaft derzeit aufmischt und für Russland ein Problem nach dem anderen bereitet: die Türkei.

Die Beziehungen zwischen Baku und Ankara sind dermaßen gut, dass in Aserbaidschan von „einem Volk mit zwei Nationen“ die Rede ist. Türken und Azeris sind beides turksprachige Völker, muslimisch und mit geteilter Abneigung gegen Armenien. Und erst im August führten die beiden Staaten gemeinsame Militärübungen durch – direkt an der Grenze zu Armenien.

Gut zu wissen: Aserbaidschan ist der inzwischen größte Gaslieferant der Türkei. Das ist für Ankara ziemlich wichtig, denn auf Platz zwei und drei folgen Russland und Iran. Länder, zu denen die Türkei lieber mehr als weniger Distanz bewahrt.

Die Türkei zögerte nicht lang, ihrem Partner beizustehen. Ankara stellte sich vollständig hinter Aserbaidschan, wohingegen andere Länder nach einem Waffenstillstand riefen. Es unterstützte Aserbaidschan mit Drohnen – ein Hauptmerkmal der jüngeren türkischen Militärstrategie – und mutmaßlich mit syrischen Söldnern und Militärberatern.

Die türkische Intervention forcierte eine Reaktion der anderen Parteien. Einmal, weil sie ein Resultat hätte erzwingen können, welches Russland zu weit gegangen wäre. Doch noch wichtiger: Die Türkei ist Mitglied der NATO (wie die USA und Europäer) und Armenien Teil der OVKS (wie Russland). Ein Szenario, in welchem eine der beiden Seiten den kollektiven Bündnisfall ausruft? Das wäre unangenehm gewesen.

Nicht, dass ein Dritter Weltkrieg bevorgestanden hätte. Doch weder NATO noch OVKS hatten Lust auf die rhetorische Akrobatik, die es gebraucht hätte um den Aufruf abzulehnen, ohne das Verteidigungsbündnis als heiße Luft bloßzustellen.

Gut zu wissen: Auch Iran steckt in der Situation mit drin. Er blickt skeptisch auf das neue aserbaidschanische Selbstbewusstsein und den Einkauf teurer Waffen aus Israel, kann allerdings nicht zu offen agieren: Mindestens 15 Millionen Azeris leben in Iran. Es gibt allerdings Hinweise, dass Russland über Iran Waffen nach Armenien schleust. Dafür spricht, dass Russland seit 1994 die armenische Grenze zu Iran kontrolliert.

Also gab es Druck, gerade auf den Kreml, den Gewaltausbruch zu befrieden. Es fanden Verhandlungen in Genf und in Moskau statt. Gestern, am 10. Oktober, verkündeten Armenien und Aserbaidschan einen Waffenstillstand. Er beendet vorläufig einen Konflikt mit rund 400 Toten, 70.000 Vertriebenen und sehr geringen Gebietsgewinnen (und die Kriegsparteien sind sich nicht einmal einig, wer sie erzielt hat).

Betonung auf „vorläufig“: Schon kurz nach dem Waffenstillstand gab es Berichte über erneuten Beschuss. Die Verantwortung dafür wurde wie üblich herumgereicht. Wie lange die Feuerpause also hält, ist fragwürdig.

Was der Konflikt der Welt beibringt

Geopolitik…

1. Die Türkei ist Regionalmacht und lässt es sich nicht mehr nehmen. Galt früher die offizielle außenpolitische Doktrin „Keine Probleme mit Nachbarn“, so betreibt Ankara inzwischen eiskalte Geopolitik in seinen Vorgärten. Über die „Blue Homeland“-Doktrin, welche sich gerade im Mittelmeer und in Libyen zeigt, haben wir bereits in einem Explainer viel geschrieben. Dazu kommt der Einsatz in Syrien und nun eben das Engagement im Kaukasus. Es ist nicht zu weit spekuliert, dass türkische Zusicherungen an Aserbaidschan den neuesten Konflikt sogar ausgelöst haben könnten.

2. Das türkische Selbstbewusstsein schafft Probleme für Russland. Denn die traditionelle Regionalmacht im Kaukasus musste mit der Realität vorlieb nehmen, dass sie eben nicht der einzige Player dort ist. Die Türkei als strategischer Gegner war bereits in Libyen und in Syrien ärgerlich genug, doch nun rückt sie so nah ans russische Kernland wie nie zuvor.

3. Die EU und USA haben immer weniger Lust auf globalen Interventionismus. Von beiden Parteien war relativ wenig zum Konflikt zu hören. Am meisten kam noch von Frankreich, welches – erkennst du ein Muster? – mit der Türkei im Clinch liegt, in Libyen und im Mittelmeer. Doch es sieht so aus, als würden die USA und EU zunehmend akzeptieren, dass es Regionalmächte gibt, in deren Hinterhof man sich nicht einmischt. Das heißt nicht, dass es keine Bemühungen gab, eine diplomatische Lösung herzustellen – doch vom robusten „liberalen Internationalismus“ der vergangenen Jahrzehnte ist das weit entfernt.

4. Der Rückzug des Westens könnte für Russland und die Türkei wichtiger sein als ihre gegensätzlichen Interessen. Denn obwohl die beiden Staaten an so vielen Schauplätzen so unterschiedliche Strategien verfolgen, haben sie insgesamt ein überraschend gutes Verhältnis. Als die Türkei 2015 über Syrien einen russischen Kampfjet abschoss, sorgte das nur für einige Monate Verstimmung. Vergangenes Jahr schlossen die beiden Regionalmächte gar ein Abkommen über militärische Kooperation.

Eine Sache, die beide gemein haben, ist ihre skeptische Haltung gegenüber dem Westen. Bei Russland ist das spätestens seit dem Krim-Manöver 2014 die offensichtlichste außenpolitische Maxime, in der Türkei hat der West-kritische Eurasianismus seit ungefähr dem gleichen Zeitraum an Wichtigkeit gewonnen.

So sehr die Türkei und Russland also regionale Rivalen sind, so sehr sorgen sie doch gemeinsam dafür, dass es weniger Platz für den Westen gibt. Beispiel? Der neue Waffenstillstand in Bergkarabach könnte den Friedensprozess von einem Madrid-Prinzip – mit Beteiligung Russlands, der USA und Frankreichs – zu einem Moskau-Prozess unter russisch-türkischer Schirmherrschaft machen. Das verändert die Einflusssphären in der Region.

… und Social-Media-Drohnen

5. Krieg verändert sich. Denn Aserbaidschan hat seine Rohstoffdollar für den Kauf von hochmodernen Waffensystemen eingesetzt, allen voran Drohnen. Da wäre beispielsweise die israelische Harop-Drohne, welche autonom über einem Gebiet fliegen und wie ein Kamikazeflieger in feindliche Ziele hineinsteuern kann. Oder die türkische TB2-Drohne, welche sich als effektiv im Ausschalten armenischer Anti-Luft-Geschütze herausstellte.

Das ist gerade für kleinere Staaten ein spannendes Signal: Denn wo Luftwaffen sehr teuer sind (allein schon wegen der Piloten), kosten Drohnen deutlich weniger. Und können anscheinend recht wirkungsvoll sein.

Plus: Drohnen sind die Influencer des militärischen Social Media. Denn da sie ohnehin mit Kameras ausgestattet sind, liefern sie quasi dauerhaft Content für Kriegspropaganda. Aserbaidschan veröffentlicht laufend (vorteilhaftes) Bild- und Videomaterial des Frontgeschehens. Hier zum Beispiel ein (safe for work) Video, in welchem eine in Israel hergestellte, aserbaidschanische Harop-Drohne auf einen armenischen Konvoi zusteuert.

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