Big Tech, die zweite Riege und der Crash – whathappened.io

Big Tech, die zweite Riege und der Crash

Die Aktienmärkte erleben einen kleinen Crash. Auch die Fahrtwasser für Tech haben sich geändert. Was bedeutet das?

Big Tech | Die Krise | Wie geht es weiter?
(12 Minuten Lesezeit)

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Die Aktienmärkte sind in den vergangenen Monaten eingebrochen, vor allem Techfirmen leiden.
  • Für das breite Feld „Tech“ ist es der erste realistische Kandidat auf ein Ende von über zehn Jahren Erfolgsgeschichte
  • Die Gründe sind die Zinswende, die Unsicherheit in der Wirtschaft und die Tatsache, dass die Aktienpreise zuletzt entlang einiger Metriken bemerkenswert hoch lagen.
  • Den großen Techkonzernen droht kein existenzielles Risiko. Sie sind finanzstark, diversifiziert und innovationsfähig.
  • Interessanter ist die „zweite Riege„. Viele der kleineren Techfirmen (welche beileibe nicht „klein“ sind) verlieren derzeit am stärksten an Wert.
  • Dennoch droht keine Wiederholung der Dotcom-Blase aus dem Jahr 2000. Der wichtigste Unterschied: Die Digitalisierung der Welt lässt sich nicht aufhalten – den meisten Techfirmen kommt heute ein völlig anderer Stellenwert im Zusammenspiel der Wirtschaft oder im Verbraucherverhalten zu.
  • Die Zeit der zweistelligen jährlichen Renditen am Aktienmarkt dürfte allerdings auf absehbare Zeit vorbei sein.

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Im echten Leben lassen sich Luftblasen recht gut erkennen, in der Wirtschaft gestaltet es sich schwerer. Was eine Blase war und was nicht, also eine entscheidet sich in der Regel erst im Nachhinein. Techfirmen waren in den vergangenen Jahren ein heißer Blasenkandidat, doch viele Warnungen blieben wenig anderes als eben solche; materialisieren tat sich wenig. Tech trat seit etwa den 2010ern einen unaufhaltsamen Siegeszug an. Jetzt haben die Kassandras der Welt allerdings erstmals Grund zum Jubeln: Die Aktienmärkte sind eingebrochen und machen keine Anstalten, einen spektakulären Rebound im Stile der Covid-Frühphase zu leisten. Tech führt den Rückgang an. Was musst du dazu wissen?

Die Techgiganten

Die Königsklasse der Techfirmen sind die Riesenkonzerne Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet (Google) und Meta (Facebook). Ihre Aktienpreise verzwanzigfachten sich mitunter in den vergangenen zehn Jahren und das, obwohl sie bereits damals keine mickrigen Startups mehr waren, sondern längst etablierte Firmen. Microsoft hatte gar einen Lauf als wertvollstes Unternehmen der Welt hinter sich und schaffte es trotzdem, seinen Marktwert seit 2010 zu verzehnfachen. Das geschah nicht zufällig. All diese Firmen, gelegentlich nach ihren ursprünglichen Anfangsbuchstaben FAAMG abgekürzt (nicht zu verwechseln mit FAANG, welches Microsoft mit dem heutzutage etwas deplatziert wirkenden Netflix ersetzt), hatten so einiges zu liefern. Apple revolutionierte die Verbraucherelektronik und machte das Smartphone groß; Amazon ist der Platzhirsch des E-Commerce; Meta (Facebook) dominiert bis heute Social Media; Alphabets Google hat sich zum Verb hinter „im Internet suchen“ heraufgeschwungen.

Die Techgiganten zeichneten sich allerdings auch dadurch aus, dass sie nicht stagnierten. Sie verstanden, dass Firmen nicht auf Dauer durchhielten, wenn sie sich nicht veränderten. Also nutzten sie zwei Strategien: Sie betrieben schonungslose Innovation, bei der sie auch vor hohen Risiken nicht zurückschreckten, und sie verhinderten gerne, dass Konkurrenz aufkam.

Erstens, die Innovation. Microsoft und Amazon sind heutzutage Marktführer im Cloudcomputing, welches inzwischen jeweils knapp 25 und 12 Prozent der Konzernumsätze ausmacht. Amazon betreibt einen Streamingdienst und eine Supermarktkette und vertreibt Smart-Home-Geräte; Microsoft ist im Gaming aktiv, besitzt LinkedIn und forscht an Quantencomputern. Meta startete einen Datingdienst sowie einen Online-Marktplatz und versuchte sich erfolglos an einer Digitalwährung. Jetzt wettet es massiv auf das „Metaverse“, unter anderem in Augmented- und Virtual-Reality-Technologien. Bei Alphabet dominiert zwar die Suchmaschine nach wie vor die Umsätze, doch Google bietet inzwischen E-Mails, einen Kartendienst, Smart-Home-Geräte, ein Smartphone-Betriebssystem, einen Smartphone-Bezahldienst und sogar die dazugehörigen Smartphones. Daneben gibt es die „Moonshots“: Internetballons (inzwischen eingestellt), autonomes Fahren, Drohnenlieferungen und mehr – Alphabet ließ seiner Kreativität freien Lauf, bislang mit wenig positivem Effekt für die Bilanz. Apple mag etwas konservativer wirken, schließlich sind Hardware und der App Store nach wie vor der Kern des Unternehmens. Doch der Anschein trügt: Services, darunter Apple Pay, Apple Music und Apple TV+ machen fast 20 Prozent der Umsätze aus; mit Apple Watch und Co. sind neue Geräte hinzugekommen; und im Hintergrund hat Apple eigene Computerchips sowie ein schlecht verheimlichtes Projekt rund um autonome Autos zu bieten. Die Zeit steht nicht still im Land der Techgiganten. Kein Wunder, dass sie regelmäßig die Spitzenplätze in Sachen Innovation belegen, so zum Beispiel bei einem Ranking der Boston Consulting Group, in welchem über 1.500 Führungskräfte befragt worden waren.

Gut zu wissen: Mehr zu Meta (Facebook) erfährst du in unserem dedizierten Explainer zu einer Techfirma, die mitten in der Umerfindung steckt.

Zweitens, die Killzone. Beobachter werfen den großen Techkonzernen vor, den Wettbewerb zu stören, indem sie kleine, vielversprechende Startups einfach aufkaufen, bevor sie ein Problem darstellen können. In welchem Maße tatsächlich eine wettbewerbsschädigende Übernahmepolitik vorliegt, ist umstritten; doch es steht fest, dass „FAAMG“ seine Kriegskasse sehr aktiv einsetzt. Apple hat seit 1988 über 120 Firmen übernommen, davon den Großteil in den letzten zehn Jahren. Google kontrolliert YouTube und steht mitunter für einen „Krieg“ gegen kleine Firmen in der Kritik. Manch Vorwurf über den Diebstahl geistigen Eigentums schaffte es gar in TV-Serien. Am notorischsten dürfte Meta sein: Es kaufte Instagram und WhatsApp, was wettbewerbsrechtlich noch bis heute Fragen aufwirft, und kopierte relativ schamlos erfolgreiche Features von Konkurrenten wie Snapchat und TikTok.

Die zweite Riege

Hinter der ersten Riege der Techkonzerne ist eine zweite entstanden, welche zwar weniger allumfassend und allmächtig, doch absolut ernstzunehmen ist. Es sind Firmen wie Robinhood, welches den USA das Smartphone-Trading schmackhaft gemacht hat; Zoom, welches die Welt durch die Covid-Lockdowns gevideocallt hat; und Peloton, welches smarte, mit dem Internet verbundene Premium-Sportgeräte anbietet. Die Namen sind mal sehr bekannt, mal etwas exotisch; die Bandbreite ist hoch, die Marktkapitalisierungen oftmals ebenso. Peloton war zeitweise 45 Milliarden USD wert, Zoom ganze 150 Milliarden USD. Wenn es um Tech geht, ist „zweite Riege“ mitunter etwas bescheiden formuliert.

Ihr Aufstieg, wie auch jener der Techkonzerne, hängt selbstverständlich mit unserer digitalisierten und digitalisierenden Welt zusammen. Zooms Durchbruch mag von der Covid-Krise getrieben worden sein, doch schon davor war die 2011 gegründete Firma beachtenswert. Ihre hauptsächliche raison d’être ist die rasante technologische Entwicklung der Videotelefonie der vergangenen 20 Jahre, welche wiederum auf Hochqualität-Videos, breit verfügbarem, schnellen Internet und Mobilfunk basiert. Netflix gäbe es in aktueller Form nicht, wäre das Internet nicht schnell genug, die Algorithmen nicht smart genug und die Bevölkerung nicht gewöhnt genug daran, ihr Leben online zu verbringen. So oder so ähnlich geht es fast jeder Firma im digitalen Verbraucherbereich. Nicht anders bei den B2B-Firmen, also jenen mit Geschäftskundenfokus; sei es, weil sie riesige Mengen an Daten verarbeiten (z.B. Palantir), per Künstlicher Intelligenz Prozessoptimierung betreiben (z.B. Celonis), Cloudcomputing anbieten (z.B. Snowflake) oder Cybersicherheit gewährleisten (z.B. CrowdStrike). Viele der Geschäftsmodelle, welche vor ein, zwei Jahrzehnten technologisch oder aufgrund mangelnder Akzeptanz (oder Notwendigkeit) nicht funktioniert hätten, haben heute Milliardenbewertungen, Tausende Mitarbeiter, Hunderttausende Kunden und eine echte Rolle im Zusammenspiel der Wirtschaft.

Die Krise_

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Quelle: rawpixel

Nach rund 15 Jahren großartigem Lauf könnte Tech jetzt in seine erste ernsthafte Krise geraten sein. Das, zumindest, deuten die Aktienpreise an. Der gesamte Markt ist in den vergangenen Wochen regelrecht abgestürzt, und Tech wurde nicht verschont – im Gegenteil, es führt den Rückgang an. Der Nasdaq, der US-Börsenindex für Techwerte, ist seit seinem Hoch im November 2021 um knapp ein Drittel gefallen und hat 2,8 Billionen USD an Börsenwert vernichtet. Die großen Techkonzerne haben teilweise alle Zugewinne binnen Jahresfrist eingebüßt (Apple), teilweise jene aus zwei Jahren (Meta). Noch übler sieht es in der zweiten Riege aus: Robinhood hat seit seinem Börsengang im Juli 2021 80 Prozent seines Werts verloren; Peloton über 90 Prozent. Netflix ist so viel wert wie zuletzt Ende 2017, nach einem 72-Prozent-Absturz seit November 2021.

Nun gab es bei Netflix und Peloton auch tatsächlich schlechte Geschäftszahlen, doch das ist keine hinreichende Erklärung für das, was gerade passiert. DataDog, eine Firma welche Data Analytics und sogenanntes Cloud Monitoring betreibt, konnte die Analystenerwartungen in seinen Quartalszahlen regelrecht pulverisieren und kündigte obendrauf einen Eintritt in das hochlukrative Feld der Cybersicherheit ein – doch der Aktienpreis gab 7 Prozent nach. Gegenüber dem 52-Jahres-Hoch liegt die Aktie 45 Prozent niedriger. Selbst Erfolgsmeldungen sind nicht mehr genug, um verunsicherte Anleger zu beruhigen. Was ist da los?

Die Gründe

Die Hauptgründe für die aktuelle Lage dürften dreierlei sein. Erstens, die Aktienpreise für viele Unternehmen – vor allem Techfirmen – waren astronomisch hoch. Gemessen wird das oftmals beispielsweise am sogenannten Kurs-Gewinn-Verhältnis (englisch: price earnings ratioP/E ratio). Wie viel kostet die Aktie eines Unternehmens im Verhältnis zu dessen Gewinn? In den vergangenen Jahren war die P/E ratio des Nasdaq-Indexes auf 42 gestiegen, bevor sie jetzt auf 24 gestürzt ist – fast exakt der Durchschnitt für die Zeitperiode 2001 bis 2022. Manchmal benötigt man aber gar keine besonderen Metriken, um die Augenbrauen hochzuziehen: Tesla war zeitweise nicht nur der teuerste Autohersteller der Welt, sondern auch noch mehr wert als die zehn nächstteuersten Hersteller zusammengerechnet – das klingt nach Übertreibung. Bei vielen Techfirmen hatte dabei die Covid-Pandemie mit ihrer erzwungenen Turbodigitalisierung Anschub geleistet. Jetzt, wo das Virus in den Industriestaaten quasi in den Hintergrund rückt, hinterfragen Investoren verstärkt die hohen Aktienpreise. Es braucht weniger Zoom, wenn es wieder mehr Büro gibt.

Zweitens, die Inflation und die Zinswende. Hohe Inflation veranlasst Zentralbanken, die Leitzinsen zu erhöhen, um die Wirtschaft abzukühlen und der Teuerungsrate beizukommen (siehe unseren Inflation-Explainer für mehr ökonomische Erklärung zur Inflation und ihren Folgen). Höhere Leitzinsen bedeuten höhere Zinsen bei Geschäftsbanken, also teurere Kredite für Unternehmen. Zudem werden Sparbücher und Anleihen attraktiver, was wiederum riskantere Anlagen, darunter Aktien oder Startup-Investments, im Vergleich unattraktiver macht. Die Folge ist, dass die Refinanzierung für Firmen schwieriger wird, vor allem wenn sie als riskanter gelten – zum Beispiel, weil sie jung sind oder noch keine Gewinne machen (also laufend Geld benötigen, um ihre Geschäftstätigkeit aufrechtzuerhalten). Wenn die Finanzierungskosten steigen, werden nicht alle dieser Firmen überleben. Denk an Lieferdienste, welche hohe Ausgaben tätigen, um sich mit viel Marketing oder Rabatten gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen, deswegen also laufend neues Geld für die Kriegskasse benötigen. Wird diese Finanzierung teurer, rüttelt es am ganzen Geschäftsmodel. Wenig überraschend fiel Delivery Hero’s Aktienpreis seit Jahresbeginn um 72 Prozent.

Drittens, die allgemeine Unsicherheit in der Wirtschaft. Wie sich Inflation und Zinswende verhalten, ist nicht völlig klar. Was werden Regierungen in den nächsten Monaten tun? Was geschieht in den Lieferketten? Welche Auswirkungen wird der Ukrainekrieg noch haben? Die Wirtschaft leidet unter einer Reihe an schwierig einschätzbaren Entwicklungen, welche Anleger verunsichern und aus Aktien in sicherere Anlageformen treiben

Krypto und Venture Capital

Es sind nicht nur Aktien, die betroffen sind. Kryptowährungen wurden als möglicher Schutz gegen Inflation gehandelt, doch bewiesen in den letzten Wochen, dass sie sich im Grunde einfach wie hochriskante Assets verhalten. Platzhirsch Bitcoin halbierte seinen Wert gegenüber dem Hoch im November; mehrere Stablecoins, deren Job es eigentlich ist, einen stabilen Wechselkurs zum US-Dollar (oder einer anderen Währung) zu halten, schaffen genau das nicht mehr. Auch von NFTs (non-fungible token) hört man außerhalb der Szene nicht mehr viel.

Startupswelche fast per Definition viel Geld benötigen, um sich erst durch rasantes Wachstum zu etablieren und dann die Kurve zur Profitabilität zu schaffen, leiden darunter, dass Investoren riskanten Anlagen den Stöpsel ziehen. Einige Investoren geraten gar selbst in schwierige Fahrtwasser, da ihre Portfoliofirmen sich schwertun: SoftBank und Tiger Global hatten zuletzt gigantische Verluste einräumen müssen und werden die nächsten Monate wohl zurückhaltender das Scheckbuch zücken. Die Evidenz dafür trudelt bereits herein: Das Volumen von Finanzierungsrunden und die Anzahl von IPOs, also Börsengängen, scheinen im ersten Quartal 2022 um jeweils 19 und 37 Prozent gesunken zu sein, so Daten von EY und CB Insights. Die Folge dürften immer mehr Startups sein, welche nicht an das notwendige Geld gelangen, um ihre Geschäftstätigkeit aufrechtzuerhalten.

Aktienpreise und die Realität

Hand aufs Herz: Aktienpreise sind erst einmal einfach nur Zahlen. Selbst für die zugrundeliegende Firma ist der Aktienpreis beileibe nicht das Wichtigste. Er ist ein Vertrauenssignal und kann eine Rolle spielen, wenn das Unternehmen neues Geld aufnehmen oder Übernahmen mit Anteilsscheinen finanzieren will. Darüber hinaus: Relativ wenig.

Der Aktienmarkt spielt allerdings nicht nur für Unternehmen eine Rolle. Privatanleger leiden darunter, dass ihre Investitionen an Wert verlieren. In Deutschland sind zwar nur knapp 17 Prozent der Bevölkerung an den Märkten investiert, doch in den USA sind es bereits 58 Prozent (auch wenn 72 Prozent der Aktien von nur 5 Prozent der Amerikaner gehalten werden). Der Aktienmarkt gilt außerdem als Barometer für den Zustand der Wirtschaft, obwohl Aktienpreise und Realwirtschaft längst nicht perfekt zusammenhängen. Immerhin sind die roten oder grünen Zahlen auf dem Bildschirm ein deutlich verständlicherer Indikator als komplizierte makroökonomische Metriken. Schwächelnde Aktienmärkte können sich also auf die Stimmung bei Verbrauchern und Firmen auswirken, so nach Meinung einiger Ökonomen auch aktuell, und damit im Grunde zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Das spielt auch politisch eine Rolle: In den USA dürfte Präsident Biden bei den Zwischenwahlen im Herbst 2022 unter dem Absturz des Aktienmarkts leiden, obwohl die Regierung selbst nur bedingt einwirken kann.

Wie geht es weiter?_

Not going anywhere. Quelle: Apple

Im Detail ist jede Prognose kaum das Papier wert, auf dem sie gedruckt wird – zu unvorhersehbar sind die Einflüsse in der Welt, zu erratisch das darauf reagierende Schwarmverhalten der Anleger. Doch einige Dinge lassen sich festhalten. Die Aktienmärkte und die Techwerte werden sich früher oder später wieder erholen. Das ist nicht sonderlich präzise, doch dafür ehrlich. Wann und wo der Tiefpunkt erreicht ist, lässt sich schwer sagen, doch irgendwann werden Anleger das Gefühl haben, dass die Aktienpreise doch niedrig genug gesunken sind. Vermutlich in einigen Monaten, unwahrscheinlicher in einigen Wochen oder Jahren.

Nicht alle Techfirmen sind gleich geschaffen

Die Erholung wird wohl nicht überall gleich aussehen, denn Firma ist nicht gleich Firma und Tech ist nicht gleich Tech. Ein Apple oder Amazon eine „riskante“ Anlage zu nennen ist nicht mehr ganz fair. Die Gefahr, dass Microsoft in zehn Jahren nicht mehr existiert, ist vernachlässigbar; auch dürfte es vorerst innovationsstark, diversifiziert und groß bleiben. Die zweite Riege hat derweil viele Firmen zu bieten, welche zu gut in die Zeit passen, als dass sie sich nicht mehr erholen würden: Cybersecurity, Data Analytics, Zahlungen – die Digitalisierung hört nicht einfach auf, also dürfte der Crash für diese Firmen auch bald verwunden sein. Anders bei verlustintensiven Geschäftsmodellen oder jenen, welche drohen, schnell zu solchen zu geraten. Delivery Hero, Netflix und Uber müssen sich womöglich auf eine längere Leidenszeit einstellen, denn Investoren werden verstärkt auf Profitabilität achten. Denkbar ist, dass es in solchen Geschäftsfeldern zu Konsolidierungen kommt, da Firmen weniger langen Atem für zerstörerischen, teuren Konkurrenzkampf besitzen.

Auch für Investoren, welche ihr Geld am Aktienmarkt weise diversifiziert angelegt hatten und damit bislang etwas sanfter durch die aktuelle Krise kommen, kündigt sich eine neue Ära an. In den vergangenen Jahren waren Investoren oft zweistellige jährliche Renditen gewohnt, da niedrige Zinsen viel günstiges Geld in die Märkte schwemmten. Doch nun ist das Zinsumfeld angespannter, Geld teurer und die Finanzierungskosten für Unternehmen höher. Analysten rechnen mehrheitlich nur noch mit etwa 5 Prozent jährlicher Rendite an den Aktienmärkten. Pessimistischere Stimmen verweisen gar darauf, dass es in der Vergangenheit schon einmal ganze Jahrzehnte gab, in welchen Indizes wie der S&P 500 kontinuierlich gefallen waren – so in den 1970ern, in welchen hohe Inflation und schwaches Wirtschaftswachstum in zahlreichen Industriestaaten aufeinander getroffen waren. Für wahrlich langfristige Investoren braucht das insgesamt wenig Kopfzerbrechen zu bereiten, denn früher oder später lässt die Unsicherheit nach und die Aktienmärkte kommen wieder ins Rollen. Wenn auch vielleicht nicht mit zweistelligen Renditen.

Nicht alle Techfirmen sind gleich geschaffen

Für das weite Feld Tech, welches im Verlaufe der Jahre immer breiter und damit schwammiger geworden ist, wird der aktuelle Crash kein existenzielles Risiko. Die großen Konzerne werden vernünftig durch die aktuelle Situation kommen und auch unter den Techfirmen der zweiten Riege wird es kein Massensterben geben – vielleicht aber etwas survival of the fittest. Ein Vergleich zur Dotcom-Blase aus 2000, als Techwerte insgesamt rund 80 Prozent Marktwert einbüßten und viele Firmen kurzerhand verschwanden, ist deplatziert. Tech ist in den vergangenen 22 Jahren aufgewachsen. Die Firmen, die nachvollziehbar unter den Begriff fallen, bieten Produkte und Dienstleistungen, welche aus der Welt kaum noch weggedacht werden können, machen Profite in Milliardenhöhe, werden gemessen an den Einnahmen tatsächlich günstiger an der Börse gehandelt als vor 22 Jahren und haben Management- sowie Innovationsfähigkeiten bewiesen. Tech is here to stay.

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