Die Chipindustrie und die Juwelen der Moderne – whathappened.io

Die Chipindustrie und die Juwelen der Moderne

Chips sind eine nanometergroße Hochtechnologie, welche die Weltwirtschaft und die Geopolitik im Griff hat. Sie ist nicht weniger als spektakulär.

Die Juwelen | Die Industrie | Der Mangel | Die Strategie

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Mikrochips sind das Fundament der modernen Welt und das Eintrittsticket in die Zukunft. Kaum eine Branche kommt noch ohne sie aus.
  • Ihre Produktion ist aufwändig und kratzt an den Grenzen der Physik; Chipkomponenten sind nur noch wenige Nanometer groß.
  • Die Industrie dahinter ist ein komplexes Netz aus hochspezialisierten Zulieferern, Designern (fabless), Herstellern (Foundries) und „Alleskönnern“ (IDMs).
  • TSMC aus Taiwan und Samsung aus Südkorea dominieren die Herstellung, große Chipdesigner sitzen derweil in den USA, wichtige Zulieferer finden sich beispielsweise in ChinaJapan und Europa. Die Industrie ist Globalisierung pur.
  • Einer der wichtigsten Zulieferer ist ASML. Er beherrscht den Markt für die sogenannte Lithografie; hat Technologie, die niemand anderes hat. Einige Beobachter nennen es das „wichtigste Unternehmen, von dem du noch nie gehört hast“.
  • Der aktuelle Chipmangel ist bedingt durch die Covid-Pandemie und die Natur der Branche. Für ASML und Co. bringt er volle Auftragsbücher.
  • Eine weitere Besonderheit der Industrie ist, wie eng sie mit Geopolitik verwoben ist. Die Wichtigkeit von Chips verpasst ihnen einen einzigartigen strategischen Status.
  • ASML findet sich inmitten des USA-China-Streits wieder; TSMC ist zur Lebensversicherung Taiwans avanciert. Staaten in aller Welt schieben gigantische Summen in den Aufbau heimischer Chipindustrien.

Die Juwelen_

Die wichtigste Firma, von der du noch nie gehört hast

„Europa hat zwei Juwelen“, so Pat Gelsinger, Chef des amerikanischen Technologiekonzerns Intel. Das eine sei das belgische Forschungszentrum IMEC, fokussiert auf Mikro- und Nanoelektronik. Das andere das niederländische Unternehmen ASML. Und tatsächlich: ASML könnte die wichtigste Firma sein, von der du noch nie gehört hast.

ASML ist einer der größten Zulieferer der Chipbranche. Doch noch wichtiger: Es ist die einzige Firma, welche die sogenannte EUV-Lithographie liefert. Dabei handelt es sich um das fortschrittlichste Produktionsverfahren der Branche, welche für die Herstellung ultrakleiner Chips vonnöten ist. Ein Vizepräsident von Technologiekonzern IBM nennt die Technik „definitiv die komplizierteste Maschine, welche Menschen je gebaut haben“. Das platziert die Firma nicht nur im Herzen einer der wichtigsten Industrien der Welt, sondern auch im Auge eines geopolitischen Sturms.

Doch was hat es mit Mikrochips eigentlich genau auf sich?

Gut zu wissen: Da der Halbleiter das Fundament des Chips darstellt, wird der Begriff oft Synonym für den ganzen Schaltkreis verwendet. Daher heißt es auch mal Halbleiterindustrie, mal Chipindustrie; mal Halbleiterfirma, mal Chiphersteller. 

Die Welt auf ihren Schultern

Chips sind das Fundament der modernen, digitalen Welt. In allem, in dem ein Computer oder ein Sensor steckt, steckt auch ein Chip. Die vollständige Liste wäre lang. Doch allein durch ihre Rolle für PCs, Software, Smartphones, Mobilfunk, Cloud-Infrastruktur und Mobilität (seien es Autos oder Flugzeuge) hat die Technologie einen fast unvergleichbaren Einfluss auf die Wirtschaft und das Leben in aller Welt – längst nicht nur in den Industriestaaten.

Was wir als Mikrochip oder Chip bezeichnen ist eigentlich ein integrierter Schaltkreis, auf Englisch „integrated circuit“ und drum als IC abgekürzt. Dafür werden elektronische Bauelemente, insbesondere Transistoren, in eine hauchdünne Platte aus Halbleiter-Material, den sogenannten Wafer, gearbeitet. In etwa 1.000 Prozessschritten wie Lackierung, Belichtung und Ätzung entstehen so extrem kleine Strukturen, welche die Elektronik bilden. Die Herstellung ist so komplex, dass sie nur in Reinräumen mit extrem niedriger Staubdichte und 10.000-mal sauberer Luft als der „Draußenluft“ erfolgen kann. Bereits einen Mikrometer große Partikel können Chips lahmlegen. 

Gut zu wissen: Chip ist nicht gleich Chip. Es gibt Prozessorchips (CPU), Speicherchips, Grafikchips (GPU) und viele weitere. Chips, welche mehrere Funktionen zeitgleich übernehmen, heißen System on a Chip (SoC) und sind beispielsweise in vielen mobilen Geräten wie Smartphones und Tablets zu finden.

Die Grenzen der Physik

Die Technologie kratzt an der Grenze des technisch und physikalisch Machbaren. Ein Chip hat heutzutage Milliarden Transistoren, so zum Beispiel 59,4 Milliarden bei einem komplexen Chip der Firma Graphcore. Die Transistoren sind dabei schon seit den 1990ern oft nur noch Nanometer (nm) groß. Inzwischen sind 7 Nanometer recht geläufig (z.B. in deiner AMD-Grafikkarte) und 5 Nanometer im Markt angekommen (z.B. Apples neuer A14-Chip). Technologieführer TSMC plant nächstes Jahr die Serienproduktion von 3-Nanometer-Chips und schaffte es im Mai sogar, einen Chip mit einer Strukturgröße von unter einem Nanometer herzustellen. Von der Marktreife ist der noch mindestens ein Jahrzehnt entfernt, doch der wahnsinnige Vormarsch der Technologie ist unübersehbar (ein Nanometer galt eigentlich als unmöglich, da Quanteneffekte in den Weg geraten, doch TSMC umging das, indem es Silizium mit dem Material Bismut ersetzte). Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist etwa 70.000 Nanometer dick. Der Chip verhält sich zu deinem Haar wie dein Haar zu einem Baumstamm

Die Strukturgröße eines Chips sagt dabei eigentlich nur auswie klein der kleinste Transistor istnicht wie groß der gesamte Mikrochip selbst ist (wenige Millimeter bis Zentimeter). Zudem skalieren die Leistungsfähigkeit und Effizienz kleinerer Chips nicht proportional mit der Strukturgröße und hängen von weiteren Faktoren, wie dem verwendeten Material, ab – ein mit 7nm klassifizierter Chip ist also nicht gleich doppelt so gut wie ein 14nm-Chip. Irrelevant ist die Einheit aber keineswegs, sie bietet ein gutes Indiz für die technologische Fortschrittlichkeit des Chips.

Warum das Rennen an die Grenzen der Physik? Transistoren ermöglichen die Ausführung von Kalkulationen, damit der Chip tun kann, was er tun soll. Kleinere Transistoren sind energieeffizienter und können bei weniger Erhitzung mehr kalkulieren, sind also leistungsfähiger. Zudem erlauben sie eine höhere Transistorendichte. Ein 7nm-Chip ist bei gleichem Stromverbrauch etwa 25 Prozent leistungsfähiger als ein 14nm-Chip. Ein (experimenteller) 2nm-Chip von IBM hat offenbar eine 45 Prozent höhere Leistung bei 75 Prozent niedrigerem Energieverbrauch als ein 7nm-Chip. In anderen Worten: Dein Smartphone wird smarter, effizienter, günstiger. Gibt es einen besseren Grund, die Physik zu sprengen?

Gut zu wissen: Das „Moore’sche Gesetz“ – und seine Überwindung – ist eine zentrale These der Chip-Entwicklung. Bereits 1965 prophezeite der Ingenieur Gordon Moore, Gründer von Intel, dass sich die Zahl der Transistoren auf einem Chip alle zwei Jahre bei gleichem Preis verdoppeln werde. Er sollte über ein halbes Jahrhundert lang Recht behalten. Seit einigen Jahren gilt die Regel nicht mehr, die Verdopplung findet nicht mehr statt (wie Moore selbst 2007 für das Jahr 2019 vorhergesagt hatte). Doch das heißt nicht, dass die Chips nicht trotzdem immer besser werden. Ingenieure finden kurzerhand andere Wege, zum Beispiel, indem sie immer ausgeklügeltere Materialien nutzen oder die Bauelemente des Chips noch intelligenter anordnen. Der Siegeszug der Technologie setzt sich fort. In den Medien folgten auf Grabreden auf das Moore’sche Gesetz die Comeback-Artikel, branchenintern ist von „more than Moore“ die Rede. Selbst Moore lobte die Branche jüngst ungläubig für „phänomenale Kreativität“. Um die technologische Entwicklung bei Chips zu verdeutlichen: Wäre sie bei Fahrzeugen genauso verlaufen, würde ein Auto heute 0,04 Cent kosten (€).

Die Industrie_

Quelle: Carol Highsmith, Intel

Fabs and Foundries

Die Industrie hinter den Chips ist fast genauso interessant wie die Technologie selbst. Sie ist zudem recht kompliziert, denn Chipfirma ist nicht gleich Chipfirma. Im Kern dreht es sich um zwei Aufgabenbereiche: Jemand muss die Chips designen, also ihre genaue „Architektur“ entscheiden, und jemand muss sie herstellen, also in Massenproduktion in die Realität pressen.

Firmen, die nur Chips herstellen, heißen „pure-play“ Foundries. Sie lassen sich von einem Kunden beauftragen, um ein bestimmtes Chipdesign zu produzieren. Die Fertigungsstätten dahinter – in der Branchenlingo „fabs„, von „semiconductor fabrication plants“ – sind wahre High-Tech-Monster und kosten einen zweistelligen Milliardenbetrag. Entsprechend gibt es nur eine kleine Zahl großer Foundries in der Welt. Während sich einige in den USA (Globalfoundries), China (SMIC) oder Israel (Tower Semiconductor) befinden, stehen die allermeisten in Taiwan: Das bereits genannte TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Company) ist das mit Abstand wichtigste Foundry-Unternehmen, mit ordentlich Abstand folgen Firmen wie UMC und PowerChip.

Eigene Fabs zu besitzen ist teuer, weswegen einige Firmen sich nur auf das Chipdesign konzentrieren. Ihr ganzes Geld fließt also in die Forschung und Entwicklung, um immer smartere Chips zu schaffen, welche Foundries dann herstellen können. Dazu gehören beispielsweise ARM aus Großbritannien und Qualcomm sowie Nvidia aus den USA. Selbst Apple ist inzwischen eingestiegen. Diese Firmen nennen sich „fabless„, da sie, nun ja, keine Fabs besitzen.

Firmen, die beides gleichermaßen machen, sind sogenannte „Integrated Device Manufacturer“ (IDMs). Der wichtigste Akteur unter den IDMs ist Südkoreas Samsung-Konzern, gefolgt von Firmen wie Micron, Intel (beide USA) und Infineon (Deutschland). Sie profitieren von vertikaler Integration, also davon, alles unter einem Dach zu haben. Doch in den vergangenen Jahren bewegt sich der Markt immer stärker in Richtung Kompetenzverteilung (PDF): Foundries, Fabless und OSAT (Firmen, die Tests und Vertriebslogistik übernehmen) legen an Marktanteilen zu. Das hängt insbesondere auch mit der steigenden Komplexität hinter Chipdesign- und Herstellung zusammen. Um technologisch an den heutigen Stand von Marktführer TSMC heranzukommen, müssten manche IDMs ein halbes Jahrzehnt arbeiten. Firmen wie Intel erkennen das an und beginnen mit dem Outsourcing von Teilen ihrer Chips an TSMC, statt sie selbst herzustellen.

n zugeschnittener Schadsoftware anstelle von „one size fits them all“, sind laut Internetsicherheitsfirma Kaspersky zwischen 2019 und 2020 von 985 auf 8.538 Fälle gestiegen – plus 767 Prozent. Doch selbst das dürfte nur an der Oberfläche kratzen, denn mangels klarer und einheitlicher Regeln zeigt längst nicht jedes Unternehmen Ransomware-Fälle an.

ASML

Doch bevor ein Chip den Weg in deinen Tamagotchi finden kann, muss erst eine komplexe Wertschöpfungskette abgelaufen sein. Siliziumminen in China und Optikspezialisten in Deutschland sorgen dafür, dass Chipfirmen – ob nun Foundry oder IDM – ihre Arbeit verrichten können. Und da wären wir wieder beim Thema ASML.
ASML hat im Halbleiter-Ökosystem eine besondere Position. Um ultrakleine Strukturen in Dimensionen von 5 Nanometern auf einen Chip zu kriegen, braucht es die EUV-Lithographie. Dabei wird der Chip mit „extrem ultraviolettem“ (EUV) Licht bearbeitet, bis die gewünschte Struktur erreicht ist. Der einzige Lieferant dafür ist das Unternehmen aus den Niederlanden. 1984 gegründet, tat es sich anfangs schwer, auf dem Markt zu bestehen und überlebte wohl nur dank staatlicher und europäischer Förderung. Es begann 1997 mit der Entwicklung von EUV-Technologie, was es bis heute 8 Milliarden USD gekostet hat und lange als Flop zu enden drohte. Ausgerechnet ASMLs Schwierigkeiten in seiner Anfangsphase machten den Unterschied: Damals nicht imstande, die allermeisten Komponenten oder gar Chips selbst herzustellen, hatte es ein enges Netz aus Zulieferern und Partnerfirmen aufgebaut. Von diesen 5.000 hochspezialisierten Zulieferern (€) aus Deutschland, den USA, den Niederlanden und Japan unterstützt, gelang bis 2017 der Durchbruch bei EUV. 

Die Investition hat sich gelohnt. Eine EUV-Anlage, im Fachjargon „Scanner“ genannt, kostet zwischen 100 und 200 Millionen EUR und benötigt für den Transport 40 Schiffscontainer, 20 Lkw und drei Boeing 747. Kunden reißen sich dennoch um das Produkt, seit 2017 hat ASML etwa 100 Stück verkauft. „Kunden“ im Plural könnte allerdings das falsche Bild vermitteln, denn rund drei Viertel der Maschinen gehen an die zwei Marktführer TSMC und Samsung. Kein Wunder, kostet es doch schätzungsweise eine Milliarde USD, nur um eine Fabrik so auszurüsten, dass sie EUV-Scanner nutzen kann. Die Technologie ist damit den führenden Herstellern vorenthalten. Ganz gleich: Selten waren die Auftragsbücher von ASML so gut gefüllt wie jetzt. Ein Grund dafür ist der globale Chipmangel.

Gut zu wissen: ASML verkauft nicht nur EUV-Scanner. Es dominiert auch den Markt mit anderen Lithografie-Geräten, vor allem den „DUV“-Scannern, also „deep ultraviolet“, tief ultraviolettes Licht. Das ist die Vorgängertechnik für EUV, welche noch immer häufiger zum Einsatz kommt, da schließlich nicht jeder Chip winzig klein sein muss. Die wichtigsten Konkurrenten sind die für Kameras bekannten Firmen Nikon und Canon, doch ASML hält knapp 90 Prozent Marktanteil. An Monopol der Niederländer wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern. Im Gegenteil, die Firma prescht voran und will zwischen 2022 und 2025 bereits die nächste Generation an Scannern auf den Markt bringen: „high-NA“-Systeme sollen bei 3- und 2-Nanometer-Chips zum Einsatz kommen.

Der Mangel_

Teil des Problems. Quelle: MarcelBuehner

Angebot und Nachfrage

Wenn du in den vergangenen Monaten versucht hast, einen PC, eine PlayStation oder ein Auto zu kaufen, dann hast du womöglich Bekanntheit mit dem Chipmangel gemacht. Vielleicht waren die Preise ungewöhnlich hoch (Preise für Grafikkarten seien derzeit „in der Stratosphäre“, so ein Branchenmedium), vielleicht war das Produkt kurzerhand nicht verfügbar (PlayStations gibt es derzeit quasi nur mit Warteliste). 

Der Hauptgrund dafür ist die Covid-Krise. Verunsichert von den Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und durch Lockdowns in den Stillstand gezwungen, strichen viele Industrien ihre Chipbestellungen zusammen. Die Chiphersteller fuhren dementsprechend die Produktion herunter. Was an Chips übrig blieb, ging vor allem an die Anbieter von Cloud-Infrastruktur (irgendwie musste der globale Wechsel ins Homeoffice ja ermöglicht werden) und Konsumelektronik.

Als Mitte 2020 die Wirtschaftsaktivität in aller Welt wieder zunahm, konkurrierte plötzlich viel zu viel Nachfrage um ein beschränktes Angebot an Chips. Die Nachfrage nach 5G-Equipment, Smartphones, PCs, Autos und vielen anderen Gütern stieg zeitgleich und schlagartig an, doch die Chips, die sie möglich machen, hingen hinterher.

Einfach so hochfahren lief nicht. Von der Produktion eines Chips bis zur Lieferung an den Kunden dauert es gut und gerne sechs Monate. Die Komplexität von Fabs – denke nur an die staubfreien Räume – macht es unmöglich, sie mal eben auf Abruf hoch- und runterzufahren. Vorab große Vorräte anlegen ging nicht, denn Halbleiter haben tatsächlich ein Verfallsdatum. Die Kapazitäten ausbauen, also neue Fabs für zweistellige Milliardenbeträge aus dem Boden ziehen, dauert Jahre. 

Wer braucht schon Autos?

Darunter leidet insbesondere die Autobranche. Sie ist in der Warteschlange hinter zahlreichen anderen Branchen, nicht zuletzt Chipdesignern wie Apple und Qualcomm, und hat bereits Hunderttausende geplante Autos nicht bauen können. Warum es so weit gekommen ist? Die Chipfirmen erklären, dass die Autobauer nun einmal ihre Bestellungen eingestellt und zu spät wieder getätigt hätten – selbst Schuld, denn nun sind die Fabs voll mit Aufträgen aus Konsumelektronik und anderen Branchen. VW und Co. werfen der Chipindustrie hingegen vor, die Konsumelektronik zu bevorzugen, weil in ihr mehr Geld stecke. Ein bisschen Wahrheit dürfte in beidem sein. Die Autobranche stellt nur ca. 12 Prozent des weltweiten Chipabsatzes dar, genauso viel wie Apple allein. 

Gut zu wissen: Traditionell kaufen die Autobauer übrigens nicht direkt Chips ein, sondern bestellen sie bei den Zulieferern Bosch, Continental und ZF Friedrichshafen. Diese geben die Order an Chipdesigner wie Infineon oder Nvidia weiter, welche das richtige Design für den Kundenwunsch wählen und dann Herstellung bei Foundries à la TSMC anfragen. Der Chipmangel führt zu einem Umdenken: Firmen wie VW wollen verstärkt eigene Lieferpartnerschaften mit den Chipfirmen schließen.

Nun bleibt der Autobranche nicht viel anderes als Geduld. Entweder, bis die aktuellen Produktionszyklen für Konsumelektronik und Co. durchlaufen sind oder bis die Chiphersteller ihre Kapazitäten ausgeweitet haben. Ersteres dürfte früher passieren. Doch wann genau, das ist unklar – vermutlich irgendwann zwischen dem dritten Quartal 2021 und Anfang 2022. Ungefähr in dem Rahmen dürfte auch der Chipmangel allmählich nachlassen. Dann lassen sich PlayStations vielleicht wieder ohne extra viel Glück erwerben.

Was für die Weltwirtschaft ein Problem ist, ist für ASML und andere Chipfirmen ein gutes Geschäft. Sie können sich vor Aufträgen kaum retten. ASMLs Umsatz stieg im zweiten Quartal 2021 um rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf knapp 4 Milliarden EUR; der Gewinn legte um 38 Prozent auf über eine Milliarde EUR zu. Die Jahresprognose wurde inzwischen von 30 Prozent Umsatzsprung auf 35 Prozent angehoben. Der Aktienpreis hat seit Jahresbeginn um 40 Prozent zugelegt und sich seit Sommer 2020 gar verdoppelt. Mit 260 Milliarden EUR Marktwert ist es das zweitwertvollste Unternehmen Europas hinter Luxuskonzern LVMH.

Die Strategie

Taipeh. Quelle: Photostockeditor

Der Flaschenhals

ASMLs Erfolg hat allerdings eine Schattenseite: Er befördert das Unternehmen in die Mühlen der Politik. Computerchips sind die Grundlage für eine digitalisierte Wirtschaft, für Forschungsstärke, für Überwachungstechnologie und für ein modernes Militär. Etwas dramatisch ausgedrückt: Wer die Chips kontrolliert, bestimmt die Geschicke der Welt. In einer komplexen, globalisierten Wertschöpfungskette ist das eigentlich ein hypothetischer Gedanke. Wie gut, dass es einen Flaschenhals gibt.

Denn ohne ASMLs Lithographie-Maschinen bleibt ein Unternehmen ausgeschlossen von den fortschrittlichsten Chips. Das ist besonders relevant für China, welches seit Jahren versucht, eine eigene, möglichst autarke High-Tech-Chipindustrie rund um den nationalen Champion SMIC aufzubauen. Noch hängt das Land den fortschrittlicheren Konkurrenten aus Taiwan, Südkorea und den USA mehrere Jahre hinterher, doch eine konzertierte Investitionsoffensive der Regierung soll das ändern. Die USA halten von Pekings Vorhaben gar nichts und machen hinter den Kulissen auf höchster Ebene Druck auf die niederländische Regierung, um ASML von Exporten der EUV-Technik nach China abzuhalten. Das begann unter der Trump-Regierung 2018 und setzt sich nun unter Präsident Biden fort. Ein wichtiges Thema bei den Gesprächen war die „dual use„-Natur der EUV-Technik, sprich, dass sie sowohl für zivile als eben auch für militärische Zwecke nützlich sei. Auch Lenkraketen haben Computerchips.

Die niederländische Regierung lenkte ein und erneuerte ASMLs Lizenzen für den China-Export nicht. Für ASML ist das ärgerlich, doch nicht tragisch: Die Firma hat derzeit mit Aufträgen aus allerlei Ländern die Hände voll zu tun. Das Geschäft mit China – mit der Vorgängertechnologie von EUV, wohlgemerkt – machte zuletzt etwa 17 Prozent des Umsatzes aus, gegenüber 36 Prozent aus Taiwan (TSMC!) und 39 Prozent aus Südkorea (Samsung!). Deutlich problematischer ist die Entwicklung für Peking, denn Experten schätzen, dass es alleine rund zehn Jahre brauchen wird, um die Technologie zu erlangen. Ein französischer Technologieanalyst nennt es die „schwerste Technologie zum Nachbauen“ (€). In der Zwischenzeit hätte sich der Stand der Technik natürlich bereits verschoben.

Der Traum von Autarkie

Die Chipbranche ist ohnehin Politik pur. Die wichtige Rolle ostasiatischer Hersteller – Marktführer sind TSMC und Samsung – beunruhigt die EU und die USA, welche beide (wie eben auch China) an mehr Autarkie arbeiten. So könnte der US-Kongress 50 Milliarden USD bereitstellen, um heimische Fabs zu fördern; die EU spricht ihrerseits mit Intel über lokale Fertigungsstätten und will 30 Milliarden EUR (35 Mrd. USD) in die Hand nehmen, um ihren Marktanteil von unter 10 auf 20 Prozent zu erhöhen. Südkorea versucht mit einer massiven 450-Milliarden-USD-Offensive, über das nächste Jahrzehnt seine Marktposition auszubauen und zu Spitzenreiter Taiwan aufzuholen. Bei Halbleitern von anderen Ländern abhängig zu sein sorgt bei den Industriestaaten für Bauchschmerzen, das Thema hat höchste strategische Priorität.

Entsprechend nervös sind Staaten bei allen Manövern, welche ihre heimischen Chipkapazitäten zu schwächen oder die ihrer Rivalen zu stärken drohen. Als ein chinesischer Staatskonzern 2015 den US-Konzern Micron (ein IDM) für 23 Milliarden USD kaufen wollte – die mit Abstand größte Firmentransaktion zwischen den zwei Staaten – läutete das in Washington die Alarmglocken. Ganz ähnlich war es, als 2018 das singapurische Broadcom den US-Chipdesigner Qualcomm übernehmen wollte. Die USA hatten Sorgen, an heimischer Expertise zu verlieren (auch mit Hinblick auf China) und verboten den Deal. Und dass US-Konzern Nvidia den britischen Chipdesigner ARM kaufen möchte, eine der wichtigsten Chipfirmen Europas, bereitet derzeit der Regierung in London Kopfzerbrechen.

Manchmal wird die Chippolitik gar regelrecht historisch: Japan und Südkorea streiten sich seit Jahrzehnten um mutmaßliche Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg. In einer jüngsten Runde schränkte Japan darum den Export wichtiger Spezialchemikalien nach Südkorea ein. „Japan erstickt uns langsam„, so verärgerte südkoreanische Offizielle.

Gut zu wissen: Branchenexperten halten vollständige Unabhängigkeit bei Chips für einen teuren Irrtum. Eine Studie der Unternehmensberatung BCG und des Chip-Branchenverbands schätzt, dass eine autarke, nationale Wertschöpfungskette in den USA rund eine Billion USD kosten würde – und deutlich teurere Chips sowie Endprodukte bedeuten würde.

Taiwans Lebensversicherung

Eine besondere Rolle hat die Chipindustrie für Taiwan. Die Branche existiert seit 1974 auf der Insel und hat dank günstiger Industriepolitik und glücklicher Kontakte in die USA eine rasante Entwicklung hingelegt. Im Jahr 2008 überholte sie den damaligen Platzhirsch USA erstmals in Sachen Marktanteil und wurde zur größten Chipindustrie der Welt. Inzwischen macht sie etwa 15 Prozent des taiwanesischen BIP und 30 Prozent der Exporte aus. TSMC allein ist für rund 4,5 Prozent des BIP (2019) und 7 Prozent des Stromverbrauchs (Schätzung 2022) zuständig. Doch Taiwans Chipindustrie ist vor allem auch eine Lebensversicherung, denn ohne das kleine Land geht global gar nichts mehr.

Im Konflikt mit China, in welchem es für Taiwan auch immer um das eigene Überleben geht, spielt das eine enorme Rolle. Die Industrie ist zwar eines der größten Ziele für chinesische Geheimdienstaktivität in aller Welt, doch zwingt China auch zu Kooperation, denn es ist ebenso auf TSMC und Co. angewiesen. Sei es bei der Herstellung von Chips (zumindest dort, wo amerikanische Sanktionen den Export erlauben) oder beim Humankapital, denn viele Führungskräfte bei Chinas eigenen Chipfirmen stammen aus Taiwan.

Zugleich macht Taiwans außerordentliche Position in der globalen Chip-Wertschöpfungskette es zu einem unverdaulicheren Invasionsziel. Würde China angreifen, wäre es für die USA, Europa, Südkorea und Japan nicht einfach nur ein moralisches und geopolitisches Problem. Es würde auch die weltweite Industrie destabilisieren, was Chipmangel auf Adrenalin, eine verunsicherte Wirtschaft und steigende Preise bedeuten würde. Ein Grund mehr, sich explizit hinter Taiwan zu stellen und im Falle des Falles einzugreifen.

Gut zu wissen: Inmitten des Chipmangels wandte sich gar die Bundesregierung an Taiwan mit der Bitte, der angeschlagenen heimischen Autobranche unter die Arme zu greifen. Das ist ungewöhnlich, denn Deutschland erkennt Taiwan gar nicht offiziell an, besitzt vor Ort nur ein „Deutsches Institut“ anstelle einer Botschaft. Derart hochrangige Kontakte sind nicht die Regel. Andersherum hat Taiwan einen ungewöhnlichen Tausch vorgeschlagen: Taiwanesische Chips gegen westliche Impfstoffdosen.

Eine kleine Zusammenfassung

Mikrochips sind also keineswegs nur eine Ware wie jede andere – sie sind in jeder Hinsicht beeindruckend. Ihre Rolle in der Digitalisierung sucht ihresgleichen. Ihre Produktion sprengt die Grenzen des Vorstellbaren, hat einen Höllenritt an Leistungssprüngen hingelegt und streitet sich nun mit Quanteneffekten. Die Industrie dahinter ist ein glänzendes Beispiel für Globalisierung und Aufgabenteilung. Und wie kaum eine andere Branche beschäftigt sie die Politik; findet sich regelmäßig in Strategiepapieren in Washington, Brüssel, Peking, Seoul oder Taipeh wieder.

Daran wird sich auch nicht so schnell etwas ändern. Der Chipmangel mag in einigen Monaten verschwunden sein. Doch abseits der Schlagzeilen werden die technologischen Sprünge und das geopolitische Taktieren weitergehen. Und Europas Juwelen sind mittendrin.

Warum streiten sich China und Taiwan eigentlich? Das erfährst du in unserem Taiwan-Explainer.

Scroll to Top