Das 2023 Jahresreview Teil 2: Wirtschaft und Business

Willkommen im neuen Jahr. Wir haben für dich das Wichtigste aus 2023 parat. Heute: Wirtschaft und Business. Gestern war Politik an der Reihe.

Die Themen:
Jahr der Zinsen | Deutschland | USA | China | Russland | Märkte | Banken | KI

(insgesamt 16 Minuten Lesezeit)

Das Jahr der Leitzinsen_

(6 Minuten Lesezeit)

Fed-Chef Jerome Powell. Quelle: Federal Reserve, flickr

2023 war ein Jahr, in welchem mit den Vorjahren aufgeräumt wurde. Wir nannten 2022 das “Jahr der Polykrise”, schließlich waren Energiekrisen, Nahrungsmittelkrisen, Inflationskrisen, Pandemie-Späteffekte und so viele weitere Krisen alle in einen komplizierten Mix zusammengeflossen.

2023 war etwas simpler: Die mehrstufigen Nachfrage- und Angebotsverzerrungen durch die Covid-Pandemie waren schon zu Jahresbeginn mehrheitlich abgeklungen oder gelöst (z.B. die Lieferketten- und Chipkrise). Die Energiekrise besteht zwar im Grunde bis heute, doch hatte mit Abschluss des Winters 2022/23 viel an Schrecken verloren und spielte 2023/24 bislang kaum eine Rolle. Die Verlagerung von Wertschöpfungsketten und Außenhandelsströmen als Konsequenz der Ukraine-Invasion wird noch Jahre andauern, doch war 2023 bereits deutlich weniger hektisch als im Vorjahr. Und das wichtigste Megathema, die Inflation, hatte in den großen Industriestaaten im Herbst 2022 ihren Höhepunkt erreicht und 2023 einen fast stetigen Abwärtsgang eingeschaltet.

  • Deutschland: von 8,7 Prozent zu Jahresbeginn → 3,2 Prozent im November
  • USA: 6,4 Prozent → 3,1 Prozent
  • Eurozone: 8,6 Prozent → 2,4 Prozent
  • Japan: 4,4 Prozent → 2,8 Prozent

Das heißt nicht, dass 2023 ein wirtschaftlich einfaches Jahr war. Anstelle von Inflationsangst, Marktverzerrungen und Energieschmerzen selbst rückten ihre Konsequenzen in den Vordergrund: Die Leitzinsen und die Rezessionen. Nennen wir es also das “Jahr der Leitzinsen”, denn ein Jahr der Rezession war es doch nicht so recht.

Die Rückkehr der Inflation (2021)

Wie steht es um die Inflation? (November 2023)

Zinsen hoch, Wachstum runter

In den Industriestaaten und in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern hatten die Zentralbanken als Reaktion auf steigende Inflationsraten ihre Leitzinsen erhöht – und zwar so schnell wie teilweise noch nie zuvor. Ziel dabei war es, in den Zusammenhang zwischen Wirtschaftsaktivität und steigenden Preisen einzuwirken. Höhere Leitzinsen bedeuten, dass es für kommerzielle Banken teurer ist, sich Geld von der Zentralbank zu leihen bzw. attraktiver ist, Geld bei der Zentralbank zu parken. Die Banken geben die höheren Finanzierungskosten an Firmen und Verbraucher weiter, was weniger Kreditnachfrage und daraus folgend weniger Investitionen und weniger Konsum bedeutet. Die Wirtschaft wächst langsamer oder schrumpft, die Inflation sinkt, da der Nachfragedruck abnimmt.

Der Anstieg der Leitzinsen begann natürlich bereits Mitte 2022, doch bis der soeben beschriebene Mechanismus komplett gewirkt hat, dauert es lange – 18 Monate ist ein beliebter Schätzwert. Der Großteil des Effekts der Erhöhungen im Vorjahr wirkte also 2023. Und analog zum Absinken der Inflationsraten erreichten die Leitzinsen im Spätsommer bzw. Herbst ihren Höhepunkt in den Industriestaaten und blieben seitdem stabil.

Gut zu wissen: “Den” Leitzins gibt es meist nicht, stattdessen eine kleine Zahl an Instrumenten. Die EZB unterscheidet etwa zwischen den Haupt- und Spitzenrefinanzierungsfazilitäten (Main Refinancing Operations und Marginal Lending Facility – beschreiben, wie teuer es für Banken ist, sich Geld bei der EZB zu leihen) sowie der Einlagefazilität (beschreibt, wie attraktiv es für Banken ist, Geld bei der EZB zu parken). Wenn vom “Leitzins” die Rede ist, sind wahlweise alle drei Instrumente oder nur die MRO gemeint. Auch hinter dem Leitzins der amerikanischen Fed verstecken sich mehrere unterschiedliche Zinsen, wobei oft die “Effective Federal Funds Rate” gemeint ist.

Steigende Leitzinsen schaffen also das Risiko einer Rezession, teils sogar gewollt. Doch auch ganz ohne erhöhte Zinsen war das Wachstum angeschlagen: Verbraucher waren aufgrund von Inflation und anderen Krisen mitunter verunsichert oder überfordert, der Konsum schrumpfte. Auf der Angebotsseite kämpften viele Firmen und Sektoren noch immer mit den höheren Energiepreisen und Lieferkettenproblemen sowie gestiegenen Kosten, welche nicht alle an Verbraucher abwälzen konnten. Dazu besagter Nachfrageeinbruch. Das Resultat waren zunehmende Insolvenzen und schwache Wachstumsraten – zumindest in der Theorie.

In der Praxis erging es einigen Ländern tatsächlich nicht sonderlich gut, anderen aber viel besser als erwartet. Werfen wir also einen Blick auf die Einzelschicksale.

Deutschland und die Eurozone_

(2 Minuten Lesezeit)

Die Eurozone litt 2023 unter exakt den Faktoren, welche wir oben beschrieben haben. Steigende Leitzinsen zur Inflationsbekämpfung und die Folgen des Krisencocktails der vergangenen Jahre drückten das Wachstum und führten zu einem mageren BIP-Plus von schätzungsweise 0,7 Prozent. Wachstum bedeutet aber keine Rezession, das Jahr war also keineswegs desaströs. Zudem gibt es große Unterschiede innerhalb der bekanntermaßen wirtschaftlich sehr diversen Eurozone: Während Estland um 2,3 Prozent geschrumpft sein könnte, mag Griechenland um 2,5 Prozent gewachsen sein. Spanien übrigens genauso, Portugal mit 2,3 Prozent eng hinterher. Frankreich schafft vernünftige 1,0 Prozent Wachstum. Heruntergezogen wird der Gesamtwert vor allem… von Deutschland.

Die Bundesrepublik erlebte wirtschaftlich ein vergessenswertes 2023. Wer gute Nachrichten wollte, musste meist auf “mittelbare” Metriken wie die kräftig gestiegenen F&E-Ausgaben blicken oder auf schwieriger interpretierbare Resultate wie den rekordhohen Anteil von erneuerbaren Energien an der Stromnutzung (welcher allerdings auch einfach mit dem niedrigeren Gesamtbedarf und natürlicher Fluktuation zusammengehangen haben könnte).

Geht es dagegen um Klassiker wie Industrieproduktion, Verbraucher- und Unternehmensstimmung, Binnenkonsum, Investitionsverhalten, Außenhandel und die Umsätze vieler Branchen, lief es sehr verhalten. Es war nicht so dramatisch, wie mitunter befürchtet. Tatsächlich gab es regelmäßige Lichtblicke: Zeitweise lief der ifo-Geschäftsklimaindex monatelang aufwärts, der Rückgang der Industrieneuaufträge verlangsamte sich und eine technische Rezession von Jahresanfang wurde nachträglich reversiert – und der Arbeitsmarkt bleibt bis heute bemerkenswert robust, was die Wirtschaftsschwäche von vielen Haushalten fernhält. Doch insgesamt war es ein schwaches Jahr, welches laut IWF auf 0,5 Prozent BIP-Schrumpfung hinausläuft. Andere Beobachter sind etwas optimistischer, sehen gar eine Stagnation, doch auch das wäre kaum ein Grund zum Jubeln. Die Bezeichnung als “kranker Mann Europas” war wieder en vogue und auch die whathappened-Redaktion konnte sie sich in einem Explainer nicht verkneifen.

Die Gründe für die deutsche Schwäche sind im Grunde ebenfalls die oben beschriebenen. Die Bundesrepublik war allerdings stärker als andere von der Energiekrise betroffen und erlebte auch länger höhere Inflationsraten als etwa die USA. Dazu kommt ein ernstzunehmender Mix aus strukturellen Risikofaktoren, welche bereits in die akuten Resultate hereinwirkten (z.B. strukturell höhere Energiekosten) und so zum schwächsten Ergebnis aller Industriestaaten beitrugen.

Das wachsende Bewusstsein für strukturelle Risiken verpasste dem wirtschaftspolitischen Diskurs des vergangenen Jahres gefühlt ein Stück mehr Panik. Gerade der Atomausstieg sorgte im Kontext der Energiekrise für aufgeheizte Diskussionen zur langfristigen Energiesicherheit der Bundesrepublik. Die whathappened-Redaktion widmete drei Faktoren im Sommer Explainer: Der “Strom-Frage”, der hohen Bürokratiebelastung und dem Fachkräftemangel. Weitere Risikofaktoren sind die überdurchschnittlich hohe Steuerlast, der demografische Wandel und Mängel in der (digitalen) Infrastruktur.

Deutschlands Strukturkrise: Die Strom-Frage (August 2023)

Deutschlands Strukturkrise: Kein Entkommen vor der Bürokratie (August 2023)

Deutschlands Strukturkrise: Wo sind die Arbeiter? (August 2023)

Die USA_

(1 Minuten Lesezeit)

Die USA waren die Rezession, die partout nicht auftauchen wollte. Entgegen dem Tenor in Medien, sozialen Medien und unter Analysten schlugen die USA laufend die (niedrigen) Erwartungen. Statt apokalyptischer Rezession lieferten sie schätzungsweise ein ordentliches Wachstum von 1,5 Prozent ab – bei der höchsten Basis, welche die Welt zu bieten hat, wohlgemerkt.

Der Konsum war robust, die Industrieproduktion ebenfalls. Der Arbeitsmarkt blieb äußerst straff, genau genommen so sehr, dass Meldungen über wachsende Arbeitslosenzahlen von Analysten fast schon positiv aufgenommen wurden, da der Arbeitsmarkt ihnen regelrecht unheimlich erschien (in erster Linie, weil ein straffer Arbeitsmarkt meist mit mehr Inflation einhergeht). Firmen investierten ordentlich. Die Energiepreise waren verkraftbar, schließlich hatten die USA seit 2014 dank der Fracking-Technologie ein hohes Maß an Energieautonomie erlangt. Die Inflation im Land kletterte zwar hoch, fiel aber auch relativ rasch.

Gut zu wissen: Die Energiekrise 2021/22 könnte den USA langfristig eher zugutekommen, schließlich sind sie soeben zum wichtigsten Flüssigerdgas (LNG)-Exporteur der Welt aufgestiegen.

Nicht alle Ökonomen trauen der Lage so recht und einige sehen weiterhin eine mögliche Rezession am Horizont. Fragt man die US-Amerikaner, sind sie mehrheitlich ohnehin pessimistisch (wobei sie in der persönlichen Lagebeurteilung wieder etwas zufriedener klingen). Womöglich hing die Stärke des Konsums nur mit – inzwischen aufgezehrten – Rücklagen aus der Pandemie zusammen, so etwa eine Theorie. Das ist möglich. Und es ist auch wahr, dass es jüngst kleinere Negativsignale gab, doch bislang nicht genug, um eine Trendwende darzustellen. Man sollte auch 2024 vorsichtig damit bleiben, gegen die USA zu wetten.

Der Inflation Reduction Act und sein transatlantischer Streit (Februar 2023)

China_

(1,5 Minuten Lesezeit)

Diese Karte stammt aus unserem China-Explainer im Juni 2023, doch ist noch aktuell. Die hervorgehobenenen Städte fanden im Explainer dediziert Erwähnung.

China erging es diesem Jahr nicht gut, wenn auch aus anderen Gründen, als bei einigen Industrieländern. In der Volksrepublik haben die heftigen Covid-Beschränkungen 2020 bis 2022, Überschuldungen vieler Lokal- und Provinzregierungen, die prekäre Lage des überschuldeten, gigantischen Immobiliensektors und eine erratische Regulationspraxis der immer breitschultrigeren Kommunistischen Partei zu einem Vertrauensschock in der Wirtschaft geführt. Der Konsum unter Verbrauchern ist dermaßen schwach, dass China tatsächlich in die Deflation gerutscht ist, also sinkende Preise erlebt. Schwache Nachfrage zwingt Firmen dazu, ihre Preise zu senken, um überhaupt noch Umsatz zu machen.

Deflation führt zu einer ungünstigen Dynamik, welche im äußersten Fall zu einem desaströsen Teufelskreis führt: Erwarten Verbraucher weiter sinkende Preise, verschieben sie Konsum, womit die Nachfrage noch stärker sinkt. Weniger Umsatz zwingt die Firmen dazu, Preise weiter zu senken oder Mitarbeiter zu entlassen und Gehälter zu reduzieren. Weniger Einkommen führt zu weniger Konsum, was weniger Umsatz und sinkende Preise bedeutet. Irgendwann wird über ausfallende Kredite und aufgebrauchte Konten der Finanzsektor mit hineingezogen und der Staat muss eintreten, um Haushalte, Firmen und Banken zu stützen, womit er den eigenen Haushalt aufopfert. 

China macht bislang keine Anzeichen, in eine Deflationskrise im Stile der Weimarer Republik zu rutschen, doch die Grunddynamik ist erkennbar. Die Industrieproduktion leidet deutlich; anekdotische Berichte über nicht gezahlte Gehälter und Werkstreiks häufen sich seit Anfang des Jahres unentwegt. Die Jugendarbeitslosigkeit erreicht Rekordhochs. Privatinvestitionen schrumpfen und Kapital flieht aus dem Land: 90 Prozent des ausländischen Kapitals, welches 2023 in den chinesischen Aktienmarkt geflossen ist, hat ihn wieder verlassen – ein Misstrauenssignal.

Zugleich kann die Kommunistische Partei die Nachfragekrise nicht einfach mit dem Geldhahn lösen, wie es sich eigentlich anbieten würde: Sie kann es sich nicht leisten, eine Schuldenkrise in Kommunen und Provinzen sowie im Immobiliensektor zu verschlimmern. Gerade zweiteren versuchen die Behörden geordnet zu heilen oder abzuwickeln, ohne zu riskieren, dass Haushalte und Finanzsektor in einen Kollaps mit hinein gezogen werden.

Besserung zeichnet sich bislang nicht ab, obwohl aussichtsreich ist, dass sich die Nachfrage 2024 zyklisch wieder aufhellt und damit die allgemeine Wirtschaftslage. Kernfrage dürfte sein, was beim Immobiliensektor geschieht, denn dieser ist in China nicht einfach ein Sektor von vielen, sondern macht je nach Berechnung ein Siebtel bis ein Drittel der Wirtschaft aus. Den offiziellen Wachstumszahlen sollte man übrigens nur bedingt glauben; Chinas Daten gelten seit jeher als zweifelhaft. Schwieriger zu manipulierende Daten auf den Ebenen darunter dürften uns aber einen guten Einblick in die Lage bieten.

Chinas Wirtschaft tut nicht, was sie soll (Juni 2023)

Russland_

(2,5 Minute Lesezeit)

Diese Grafik stammt aus Oktober 2023; die Zahlen sind heute andere, der Trend passt noch immer.

Russland ist eine gute Erinnerung daran, warum Wirtschaftsdaten oft mit der Greifzange angefasst werden sollten. Zum einen, weil manche Systeme lügen: Die russischen Wachstumszahlen könnten zu einem gewissen Grad einfach erfunden sein. Zum anderen, weil selbst dort, wo alles mit rechten Dingen zugeht, besondere Situationen die Interpretierbarkeit bis ins Unkenntliche erschweren können.

Auf dem Papier erlebte Russland ein wirtschaftlich sehr solides Jahr, westliche Sanktionen hin oder her. Die guten BIP-Zahlen und die Industrieproduktion lassen sich allerdings sehr deutlich auf staatliche Investitionen in die rüstungsrelevanten Industrien zurückführen. Diese Mobilisierung von Staatsgeldern kann der Wirtschaft ironischerweise deutlich mehr schaden als guttun: Die Rüstungsindustrie entsaugt übrigen Sektoren Kapital und Humankapital, doch produziert im Gegenzug nichts, das eine gesellschaftliche Rendite abwerfen würde (wobei das wohl davon abhängen mag, wie man die kriegerischen Bestrebungen Russlands einstuft).

Ganz ähnlich beim Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosigkeit und die Reallöhne in Russland haben sich gut entwickelt, doch alles andere wäre auch überraschend gewesen. Knapp 1 Million Russen sind aus dem Land geflohen, Hunderttausende sind oder waren in den Ukrainekrieg involviert. Da der Staat zugleich riesige Investitionen fährt, ist ein straffer Arbeitsmarkt selbstverständlich, allerdings eben kein Signal wirtschaftlicher Stärke. Eine Wirtschaft, welcher die Arbeiter fehlen, produziert am Kapazitätslimit und muss sich auf Inflation und “Verteilungskampf” zwischen Branchen einstellen.

Einige Metriken deuten relativ klar auf Probleme hin. Die Inflation ist hoch, was mit dem überstraffen Arbeitsmarkt, den heftigen Importsanktionen und der daraus resultierenden negativen Außenhandelsbilanz zusammenhängt. Die Umsätze aus Rohstoffexporten scheinen um fast die Hälfte kollabiert zu sein, da sich die Energiepreise global normalisiert haben und Russland seinen neuen Abnehmern in China und Indien hohe Rabatte einräumen muss. Der Rubel hat aufgrund des Handelsdefizits deutlich an Wert verloren. Und zwischen den Zeilen gelesen sind eben auch die niedrige Arbeitslosigkeit und die selektive Industrieproduktion keine guten Zeichen.

Die Lecks stopfen

Die russische Wirtschaft ist 2023 offenkundig nicht kollabiert, doch sie steht auch nicht gut da. Für ihren weiteren Verlauf wird es darauf ankommen, wie viele Pflaster die Regierung und die Zentralbank besitzen, um die immer neuen und größeren Löcher zu stopfen und wie viel Unterstützung aus dem Ausland sie erhalten.

Es ist nicht ganz unähnlich zu einem sinkenden Schiff in einem Cartoon: Das erste Leck (z.B. Inflation) lässt sich stopfen (Leitzinserhöhung), doch das baut Druck an einer anderen Stelle auf (sinkende Wirtschaftskraft). Also der nächste Stopfen (Sozialtransfers, Subventionen) – und noch mehr Druck an anderer Stelle (Staatskasse schrumpft, Schulden steigen). Irgendwann ist der Druck an so vielen unterschiedlichen Stellen so groß, dass kein Pflaster mehr hilft und das Wasser hochläuft. Bis es für alle sichtbar zu diesem Punkt kommt, kann einiges an Zeit vergehen. Womöglich gelingt es Moskau, ihn zu vermeiden: Der Kreml hat sich jahrelang auf ein Sanktionsszenario vorbereitet (z.B. durch eine geringe Verschuldung und hohe Devisenreserven), durchaus Kompetenz im Umgang mit der Krise bewiesen und erfährt Unterstützung durch befreundete Länder. Die offiziellen Daten werden im kommenden Jahr jedenfalls nur bedingt die Antwort auf diese Frage bieten. Aber wir können ja zwischen den Zeilen lesen.

Das Jahr an den Märkten_

(1,5 Minuten Lesezeit)

Wie erging es den Unternehmen im Jahr 2023? Kaum überraschend: Sehr unterschiedlich. Unser Wirtschaftsrückblick oben bietet ein Verständnis für das makroökonomische Umfeld; im Detail kam es dann zusätzlich auf länder- und sektorspezifische Entwicklungen an. Weiter unten werfen wir einen Blick auf zwei ausgewählte Sektoren, welche 2023 einen besonderen Moment erlebt hatten.

Wenn man keine Lust hat, Dutzende Sektoren zu beleuchten und die Ergebnisse fürs vierte Quartal abzuwarten, kann man stattdessen auf die Aktienmärkte verweisen. Hier die Jahreszusammenfassung:

Das sieht überhaupt nicht nach annus horribilis aus. Bis auf den chinesischen Aktienindex Hang Seng legten alle großen Indizes zu – und zwar sehr kräftig. Wie geht das zusammen mit der medialen Stimmung und unserem Wirtschaftsüberblick oben?

In aller Kürze: Die Aktienmärkte sind und bleiben ein unvollkommener Spiegel der Realwirtschaft. In sie fließen Spekulation, Stimmung und Wahn, aber auch – deutlich konstruktiver – Erwartungshaltung hinein. Die Märkte legten zu, als sich abzeichnete, dass die Inflation nachhaltig am Sinken war und keine tiefen Rezessionen drohten. Als die Zentralbanken auch noch signalisierten, dass die Leitzinserhöhungen abgeschlossen waren, verpasste das den Märkten einen großen Schub. Dazu kam der Hype rund um Generative AI – dazu gleich mehr -, welche gerade die Aktienkurse der großen Techkonzerne bedeutsam ankurbelte. Einer der größten Gewinner war Nvidia, Chiplieferant für jegliche KI-Bedarfe, welcher seinen Marktwert 2023 um 227 Prozent steigerte und auf gigantische 1,2 Billionen USD Marktwert heranwuchs.

Das Resultat aus mieser Makroökonomie und aufgehellten Erwartungen plus Sektorerfolgen war ein interessanter Mix: Während in Deutschland riesige Felder wie Chemiebranche, Einzelhandel und Gastronomie über tiefe Krisen klagten und Unternehmensverbände sowie Politiker einstimmten, erreichte der Dax neue Rekordhochs. Jahressieger war übrigens Rüstungskonzern Rheinmetall mit 124 Prozent Kursplus; ganz hinten lag das kriselnde Siemens Energy mit 36 Prozent minus.

Ein Achterbahnjahr für Banken_

(3,5 Minuten Lesezeit)

Credit Suisse Zentrale in Zürich. Quelle: Wally Gobetz

Es hätte die Krisen gar nicht gebraucht, das Jahr wäre auch so intensiv genug für die Finanzbranche gewesen. Zinswende und Krisenmix hatten die Lage deutlich verändert: Das Zinsgeschäft der Banken wuchs, das Investmentbanking wurde im Gleichschritt mit den Märkten volatil und war gerade Anfang des Jahres toxisch, das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A) brach ein, da verunsicherte Firmen weniger Transaktionen durchführten, und genauso schrumpfte auch das Geschäft zur Beratung von Börsengängen. Für einige Firmen war das in Ordnung, da für sie das Zinsgeschäft eine höhere Rolle einnahm; anderen tat es weh, da sie auf Investmentbanking und M&A gesetzt hatten.

Gut zu wissen: Allein die US-Banken entließen letztes Jahr über 60.000 Mitarbeiter, was 2023 zu einem der instabilsten Jahre für den Sektor aller Zeiten machte.

Silicon Valley Bank

Die allermeisten Banken fielen in die Kategorie “nicht gut”. Im März demonstrierte das die Silicon Valley Bank, eine kleine Bank in den USA, eindrücklich: Die Zinswende und eine besonders ausgeprägte Unsicherheit im Techsektor hatten die Bilanz der SVB geschwächt. Ein Versuch zur Kapitalaufnahme sorgte für Panik unter Anlegern, mehrheitlich Tech-Startups, und löste einen bank run aus, in welchem ein großer Teil der Einlagen abgezogen wurde. Binnen Tage war die SVB kollabiert und existierte nur noch, weil die Regulatoren sie quasi einfroren.

Die Panik schlug auch auf andere geschwächte Regionalbanken um. Insgesamt drei Geldhäuser, SVB inklusive, scheiterten binnen weniger Tage. Einige Wochen darauf kollabierte außerdem die Bank First Republic. Ein Wiederaufflammen der Bankenkrise aus März ließ sich verhindern, indem JPMorgan einschritt und First Republic kurzerhand übernahm.

Die schwerste Bankenkrise der USA seit 2008 war ein kritischer Moment für kleine Regionalbanken, doch die großen Banken berührte sie kaum. Im Gegenteil: Bei JPMorgan und Co. wuchsen die Einlagen plötzlich, da verunsicherte Anleger zu ihnen wechselten. Und ausgerechnet JPMorgan, die größte nicht-staatliche Bank der Welt, wurde durch die Übernahme von First Republic – welche in anderen Situationen viel Widerstand der Regulatoren erfahren hätte – noch größer. Ganz unabhängig davon navigierte JPMorgan das Jahr 2023 mit seinem veränderten Umfeld erfolgreich und steuert auf ein Rekordergebnis zu. Rekord nicht nur für sich selbst, sondern für den amerikanischen Bankensektor allgemein. Das zeigt sich auch im Marktwert: JPMorgan ist mit 500 Milliarden USD mehr wert als Bank of America und Citigroup, zwei große Rivalen, zusammengerechnet.

Gut zu wissen:  In den ersten neun Monaten entfiel knapp ein Fünftel sämtlicher US-Bankenprofite auf JPMorgan, welches in den USA 38,9 Milliarden USD verdient hatte. Es sei der “Goliath der Goliaths”, so ein Analyst von Wells Fargo, welches seinerseits zur Topriege der Banken gehört.

Das Ende der Credit Suisse

Es sei ein schlechtes Jahr für jede Bank gewesen, welche nicht JPMorgan heißt, so eine Schlagzeile, wie sie die whathappened-Redaktion gleich mehrfach in den vergangenen Wochen gesehen hat. Im europäischen Kontext benötigt das ein wenig Einschränkung: Nicht etwa so sehr, weil die Commerzbank ein ziemlich gutes Jahr erlebt hat und die Deutsche Bank für ihre Verhältnisse ebenso. Sondern aufgrund einer Megatransaktion in der Schweiz.

Die Schweizer Credit Suisse war seit Jahren eine Art running gag. Die Bank, eine der größten Europas, schaffte alles: Spionageskandale gegen ehemalige Mitarbeiter, Beteiligungen an zwei spektakulär gescheiterten Investmentfonds, Zusammenarbeit mit bulgarischen Drogenmafias und ein Turborauswurf eines Chefs, weil er Covid-Regeln gebrochen hatte. Doch die exotischen Fauxpas gingen auch mit gefährlich schwachen Geschäftsergebnissen einher, welche unlängst Fragen über die Stabilität der Großbank aufwarfen. Im Kontext der US-Bankenkrise im März geriet die Credit Suisse dann ins Wackeln und als ein Versuch scheiterte, mehr Geld von der Saudi National Bank (SNB), einem Großinvestor, zu erhalten, war die Krise offenkundig. Die Schweizer Finanzregulatoren griffen zur nuklearen Lösung: Sie gestatteten der UBS, der Hauptrivalin der Credit Suisse, das Geldhaus zu übernehmen – für einen enormen Rabatt.

2023 ist nicht das Jahr der Finanzkrise geworden. Die Bankenkrise in den USA hätte einen Flächenbrand unter Regionalbanken auslösen können, welcher irgendwann auch die großen Institutionen erfasst hätte – doch so weit kam es nie. Die schnelle und offenkundig ausreichend effektive Reaktion der Regulatoren (doch auch anderer Banken, welche unterstützend eingriffen) verhinderte das. Der Zerfall der Credit Suisse hätte mit Sicherheit Schockwellen durch das internationale Finanzsystem gesandt, doch wurde durch die “shotgun marriage” mit der UBS (eine nicht ganz geliebte Hochzeit, welche von den Regulatoren mit der Schrotflinte durchgesetzt wurde) verhindert. Schon im späten Frühjahr dachte die Öffentlichkeit nicht mehr über Finanzkrisen nach. 

Ein Hauch von Finanzkrise (März 2023)

Künstliche Intelligenz_

(1,5 Minuten Lesezeit)

Wenn das Business-Jahr 2023 auf einen Begriff zusammengeschrumpft werden müsste, so wäre es das Jahr der Künstlichen Intelligenz. Der Technologiekomplex ist seit 2012 beständig die Welt am verändern, doch im letzten Jahr machte er einen gewaltigen Sprung in Sachen (sichtbarer) Kommerzialisierung. OpenAIs Einführung von ChatGPT im Winter 2022 löste ein hektisches Wettrennen rund um Generative AI aus, mit großen Playern wie Microsoft (mit OpenAI im eigenen Lager), Google, Alibaba und Meta sowie neuen, vormals kaum bekannten Akteuren wie Anthropic, Cohere, Aleph Alpha und Mistral AI. Unternehmen und auch Privatpersonen entdeckten die Tools für sich. Mehr als eine reine Blase (wie geht es eigentlich deinen NFTs?), beweist der Sektor bereits tatsächlichen Nutzen und könnte das Potenzial entwickeln, zum volkswirtschaftlichen Produktivitätstreiber zu geraten – auch wenn Generative AI heute noch mit reichlich Limitationen daherkommt. Im neuen Jahr werden wir die Bedeutung besser verstehen, denn es dürfte ein großer “Reifungsprozess” bei den Tools und ihrer Adoption stattfinden.

Der Erfolg von Generative AI hat die KI in das öffentliche Rampenlicht katapultiert. Damit ging auch ein bisher ungekanntes regulatorisches Interesse einher. Die EU brachte das erste umfassende KI-Gesetz der Welt auf den Weg; die USA und Großbritannien dürften folgen (China besitzt bereits ein Gesetz, allerdings auf Generative AI fokussiert). Und gegen Ende des Jahres, nicht weit vom einjährigen Jubiläum der Veröffentlichung von ChatGPT entfernt, sorgte OpenAI noch einmal für Aufsehen: Ein interner Machtkampf brach mit der abrupten Entlassung von CEO Sam Altman in die Öffentlichkeit; eine Mitarbeiterrevolte und Intervention durch Großinvestoren später war er wieder zurück und stattdessen der Großteil des Verwaltungsrats weg. 

Die Episode um OpenAI zeigte auch, was für ein großes Geschäft KI inzwischen geworden ist. OpenAI diskutiert eine Finanzierungsrunde, welche es mit über 100 Milliarden USD bewerten würde, was OpenAI zu einem der wertvollsten Startups der Welt machen würde. Ohnehin war KI der einzige Startup-Bereich, welcher stark abschnitt, in einem ansonsten miserablen Jahr mit relativ wenig Wagniskapital. Und auch der große Erfolg am Aktienmarkt – siehe “Jahr an den Märkten” – hing vordergründig mit KI zusammen.

Ob bei den Bewertungen der KI-Startups oder dem Marktwert der Techkonzerne: Es geht stets mehr um Erwartungshaltung als tatsächliche Zahlen. Die Umsätze mit Generative AI halten sich bislang noch im Rahmen; so ganz genau wissen Google und Co. noch nicht, wie sie Generative AI monetarisieren wollen, außer, dass sie ihre bestehenden Dienste leistungsfähiger machen (was durchaus als Selbstzweck dienen darf). Auch hier wird 2024 mit Sicherheit viele Antworten bringen.

Gut zu wissen:  Wenn wir schon über Startups reden, gehört ein kurzes Best-of der Abschiede 2023 erwähnt: WeWork, ein Büro-Vermittler, musste Insolvenz anmelden – der jähe Absturz eines einstigen Milliardenstartups. Die Gründerin des Betrugsstartups Theranos, Elizabeth Holmes, ist im Gefängnis. Sie wurde aufgrund von Betrugs an Investoren zu 11 Jahren Haft verurteilt. Nah dran ist Sam Bankman-Fried, Gründer der gescheiterten Kryptobörse FTX, welcher verurteilt worden ist, doch noch auf sein (wohl sehr hohes) Strafmaß wartet. Auch der Gründer des E-Truck-Startups Nikola, Trevor Milton, wurde wegen Investorenbetrugs zu 4 Jahren Haft verurteilt. Der Gründer der Kryptoplattform Binance, Changpeng Zhao, hat sich für eine Reihe von Vorwürfen schuldig erklärt und wartet auf seine Verurteilung. 

Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Künstlichen Intelligenz (März 2023)

Arm: Der wichtigste Chipdesigner der Welt (September 2023)

OpenAI und der Streit um die Zukunft der KI (November 2023)

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