Der Islamische Staat und Russland

Wir erklären den IS und Russlands Islamismus-Problem
24.03.2024

Islamischer Staat | Russland und Islamismus
(13 Minuten Lesezeit)

Blitzzusammenfassung_(in 30 Sekunden)

  • Ein schwerer Anschlag auf ein Konzert bei Moskau erinnert an die fortwährende Existenz des Islamischen Staats.
  • Dieser wurde zwar als quasistaatliches Gebilde im Irak und Syrien 2019 zerschlagen, doch besteht weltweit in kleineren oder größeren Zellen fort.
  • Ein besonders aufstrebender Arm ist ISIS-K in Afghanistan, welches auch hinter dem jetzigen Anschlag zu stehen scheint.
  • ISIS-K fällt mit mehr Auslandsaktivitäten als andere existierende IS-Zellen auf.
  • Russland als Ziel ist durchaus intuitiv: Jahrhundertelange Kolonialgeschichte, schwere Kriege in Afghanistan und dem Nordkaukasus sowie russische Interventionen im muslimischen Raum machen es zu einem Hassobjekt unter Islamisten.

Ein Explainer zu islamischem Fundamentalismus hätte zu jedem Zeitpunkt der letzten fünf Jahrzehnte gepasst. Heute ist der Auslöser ein Anschlag auf eine Konzerthalle in Moskau. Der Islamische Staat (IS) übernahm die Verantwortung für die Attacke mit mindestens 133 Toten. Viele Beobachter sind irritiert: Über das Verhältnis zwischen Russland und islamischem Extremismus und, ganz allgemein, die fortwährende Existenz des IS. Zeit, für einen Blick darauf.

Gut zu wissen: Zum Zeitpunkt dieses Explainers ist nicht zweifelsfrei geklärt, wer hinter dem Angriff steht. Im undurchsichtigen modernen Russland wird es sich womöglich nie hinreichend klären lassen. Die USA bestätigen anhand eigener Quellen eine Täterschaft des IS, welche – wie unser Explainer argumentiert – glaubwürdig wirkt. Eine russische “False Flag”-Aktion ist zwar ausdrücklich vorstellbar, aufgrund der innenpolitischen Risiken-Nutzen-Logik und des Tathergangs allerdings eher unwahrscheinlich. Zu guter Letzt sollten Aussagen Moskaus über die Tathintergründe, etwa die Implikation, dass die Ukraine involviert sei, vollständig diskontiert werden.

Der Islamische Staat_

(6 Minuten Lesezeit)

ISIS im Aufstieg

Der Islamische Staat rauschte 2014 in das öffentliche Bewusstsein. Er startete eine blitzartige Offensive gegen Mossul und Tikrit, ersteres die zweitgrößte Stadt des Iraks. Binnen weniger Tage eroberte der IS weite Teile des nördlichen Iraks und breitete sich auch im Norden Syriens aus. Ihn einzudämmen versuchten die überforderten Truppen des “Federal Iraq”, die nicht-staatlichen, doch weitestgehend autonom agierenden Kurden und die von drei Jahren Bürgerkrieg erschöpften, rivalisierenden Fraktionen in Syrien.

Es gelang ihnen nur, den weiteren Vormarsch zu verlangsamen. Der Islamische Staat kontrollierte ein zusammenhängendes Territorium und sah immer mehr nach einem faktischen Staat aus. Bis Mai 2015, seinem Höhepunkt, regierte der IS über ein Gebiet, welches ungefähr so groß wie Syrien selbst war und 12 Millionen Menschen umfasste. Er steuerte etwa 30.000 Soldaten und verwaltete einen Haushalt von über 1 Milliarde USD. Anführer Abu Bakr al-Baghdadi rief von der zentralen Moschee in Mossul das Kalifat und sich als Kalifen aus. Der IS geriet zum Leuchtturm des globalen islamischen Extremismus, stieß Gruppen wie al-Qaida in eine Sinnkrise und lockte mindestens 53.000 Männer, Frauen und Minderjährige aus dem Ausland an. Sie reisten durch das zerfallende Syrien oder die auffällig tolerante Türkei an, um sich den Islamisten anzuschließen.

Gut zu wissen: Zwischen 2019 und 2023 wurden rund 9.200 ausländische IS-Kämpfer und Unterstützer in ihre Heimatländer zurückgeführt (repatriiert). Damit verbleiben Tausende Ausländer in Gefängnissen in Syrien und dem Irak.

Der Islamische Staat (grau) zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung, Mai 2015. Rot: Syrische Regierung; Grün: Syrische Rebellengruppen;
Gelb: (de-facto) Autonome Kurdengebiete; Pink: Irakische Regierung. Quelle: Than Kaerr, wikimedia
 

Ein (nicht ganz) globales Kalifat

Ziel der Gruppe war die Einrichtung und globale Expansion (Dschihad) eines Kalifats auf Basis einer extrem strengen Auslegung des islamischen Rechts (Scharia). Ausdrücklich solle dafür Gewalt eingesetzt werden. Selbst sunnitische Muslime, welche der Interpretation des IS nicht folgen, wurden als Ungläubige und Abtrünnige verfolgt; Schiiten umso mehr. An der kleinen religiösen Minderheit der Jesiden wurde ein Genozid verübt. Inspiriert war die Gruppe von einer Reihe radikaler muslimischer Strömungen, etwa dem Salafismus, dem Wahhabismus und Ideologen der ägyptischen Muslimbrüderbewegung.

Begonnen hatte der IS bereits 10 Jahre vor seinem Meisterstreich im Nordirak, damals als lokaler Ableger von al-Qaida. Seine früheste Aufgabe war somit nicht Expansion, sondern die Bekämpfung der amerikanischen Besatzungstruppen im Irak. Als diese nach 2007 die Lage etwas mehr in den Griff bekamen, verschwand der ohnehin kleine IS in der Versenkung – zumindest für einige Jahre. 2011 wuchs er wieder an: Das Chaos des Arabischen Frühlings, vor allem im Bürgerkrieg in Syrien, und der Frust vieler irakischen Sunniten über den Machtzuwachs der Schiiten in der Post-Saddam-Hussein-Ära bot der Gruppe einen Nährboden. 2013 weitete die Gruppe ihre Operationen spürbar aus, 2014 dann ihre Hochphase.

Es sollte drei Jahre dauern, bis der IS besiegt wäre. Der Mehrfrontenkrieg mit syrischen Fraktionen, Kurden und Irak sowie die Intervention ausländischer Kräfte rund um die USA zerrieben die Gruppe allmählich. Bis 2017 hatte sie 95 Prozent ihres Herrschaftsgebiets eingebüßt, darunter Mossul und die erklärte Hauptstadt Raqqa in Nordsyrien. Die neunmonatige Schlacht um Mossul 2016/17 geriet dabei zu einer der heftigsten urbanen Schlachten der Neuzeit, mit 15.000 bis 65.000 Toten und rund einer Million vertriebenen Menschen. Im Februar 2019 führten die Kurden eine letzte Großoffensive gegen die verbleibenden territorialen Besitzungen des IS durch und im Oktober 2019 wurde IS-Anführer al-Baghdadi bei einem US-Einsatz getötet. Der Islamische Staat war nicht mehr.

Doch das stimmte eben nicht so ganz. Der IS existierte weiter, allerdings nicht mehr als quasistaatliche Struktur, sondern als lokal verstreute Terrorzelle, ähnlich wie schon zwischen 2004 und 2014. Bis heute verstecken sich schätzungsweise 3.000 IS-Kämpfer in den unwegsamen Wüsten- und Hügelgegenden des westlichen Iraks und östlichen Syriens. Sie führen gelegentliche Attacken auf Sicherheitskräfte durch und versuchen, die Zehntausenden inhaftierten Kämpfer in beiden Staaten zu befreien, meist nur mit geringem Erfolg. 

Gut zu wissen: Der bemerkenswerteste Angriff seit 2019 war die Attacke auf ein Gefängnis in Nordsyrien im Januar 2022. Der Befreiungsversuch führte zu einer zehntägigen Schlacht, in welcher sogar britische und US-Truppen auf dem Boden operierten. Hunderte IS-Kämpfer konnten tatsächlich fliehen, rund 400 Angreifer wurden getötet.

Die Altstadt von Mossul ist bis heute weitestgehend zerstört und langsam im Wiederaufbau begriffen. Bild aus 2023.
Quelle: Dimitri Choufatinski

Islamischer Staat weltweit

Das Hauptvermächtnis des IS ist allerdings nicht sein knappes Überleben im Nahen Osten, sondern seine erfolgreichen Ableger im Rest der muslimischen Welt. Wie al-Qaida Jahrzehnte zuvor ist der IS in eine Art “Franchisingmodell” übergegangen. Dutzende Gruppen mit Assoziation zum IS existieren, davon ist eine Handvoll regional bedeutsam.

Als Erstes zu nennen wäre der “Islamische Staat in Westafrika” (ISWAP), welcher seit 2016 zum Verschlechtern der Sicherheitslage im Tschad, in Nigeria, Kamerun, Niger und weiteren Staaten der Sahelzone und Anrainern beiträgt. ISWAP war einst Teil der Islamistengruppe Boko Haram, mit welcher es heute eine gewalttätige Rivalität pflegt. 2019 spaltete sich von ihr außerdem der “Islamische Staat Sahelprovinz” (ISSP) ab, welcher in Mali, Niger und Burkina Faso operiert. Andere Gruppen in Afrika existieren in Zentralafrika, Mosambik, Somalia, Libyen und auf der Sinai-Halbinsel. In Südostasien existieren kleinere IS-Gruppierungen in den muslimischen Teilen der Philippinen und Myanmars. Auch im russischen Nordkaukasus gibt es eine kleinere Gruppierung.

Neben ISWAP ist die bedeutsamste IS-Gruppierung heute jene in Afghanistan: “Islamischer Staat Khorasan Provinz”, wahlweise ISIS-K oder IS-KP abgekürzt. Sie ist zum größten Herausforderer der Taliban geraten und führt regelmäßig Attacken gegen ihre Einrichtungen sowie gegen die Zivilbevölkerung durch. Daneben operiert die Terrorzelle auch im benachbarten Pakistan, feuerte Raketen auf Tadschikistan und Usbekistan ab und führte im Januar 2024 erstmals in Iran einen schweren Doppelanschlag auf eine Trauerfeier mit rund 100 Toten durch.

ISIS-K ist der Ableger, welcher in den letzten Jahren am stärksten gewachsen ist. Dabei war die Gruppe nach ihrer Gründung 2015, als sich ein unzufriedener Arm der pakistanischen Taliban (TTP) abspaltete, lange Zeit kaum relevant. Sowohl die afghanische Regierung mit ihren gut trainierten Spezialkräften, als auch die USA stellten sicher, dass der neue IS-Ableger gar nicht erst an Dynamik gewann. Ohnehin war der Rekrutierungspool für sie neben den afghanischen Taliban klein. Das änderte sich ab Mitte 2021: Die USA waren abgezogen, die Spezialkräfte eliminiert und die Taliban mutierten von einer Kämpfermiliz zum regierenden Establishment. ISIS-K meldete früh seine Ambition an, die Terrormiliz-Lücke zu füllen: Bereits die chaotische Evakuation der USA vom Flughafen Kabul störte es im August 2021 mit einem Selbstmordanschlag, welcher 182 Menschen tötete. Heute scheint die Gruppe Tausende Kämpfer in jeder Provinz Afghanistans zu steuern und erinnert damit an einen territorial motivierten Aufstand im Stile der Taliban prä-2021. Kein Wunder: Ihr Ziel ist es, die Taliban zu stürzen und ein Kalifat zu errichten. Der Unterschied ist, dass ISIS-K inzwischen eben auch außerhalb der Grenzen Afghanistans operiert.

Gut zu wissen: Die unterschiedlichen Gruppen – Provinzen, im IS-Sprech – sind nicht eng miteinander verbunden, doch kooperieren, wo sie können. Untergrundnetzwerke helfen bei der Finanzierung untereinander; Propaganda wird ausgetauscht und teils zentral betrieben. Anfang 2023 töteten die USA in Somalia Bilal al-Sudani, welcher Gelder zwischen Somalia, anderen Zelle in Afrika und ISIS-K bewegt haben soll.

Methode Terror

Die Methoden des IS waren von Anfang an terroristisch. Der Begriff des “Terrorismus” ist zumindest in seiner grundlegenden Form dabei nicht sonderlich diffus. Terroristische Praktiken sind solche, in welchen Gewalt und Einschüchterung gegen eine Zivilbevölkerung (allerdings nicht ausschließlich gegen diese) eingesetzt werden, um politische oder ideologische Ziele zu erreichen. Der Gewinn von Territorium ist dabei oft zweitrangig oder spielt keine Rolle; eher geht es darum, in den “Köpfen” der Gegner präsent zu sein und bestimmte Reaktionen hervorzurufen – oder Prominenz bei potenziellen Unterstützern zu erlangen.

ISIS und seine heutigen Ableger führen terroristische Angriffe in den Ländern durch, in welchen sie sich festgesetzt haben, doch auch weit entfernt. Teils waren es gezielt beauftragte Attentäter, teils inspirierte Einzeltäter, welche unilateral die Assoziation zum IS beanspruchten. Der erste Angriff außerhalb des Iraks geschah im Mai 2014 in Belgien, als 4 Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel ermordet wurden. Seitdem folgten mindestens 200 zuordenbare, erfolgreiche Taten, davon viele außerhalb der “Kernländer” des IS. Unsere Grafiken zeigen die Terrorangriffe nach Jahr und nach Land.

Der Islamische Staat ist also keineswegs verschwunden, er existiert nur anders als noch vor 10 Jahren. Doch was ist die Verbindung zu Russland?

Russland und islamischer Extremismus_

(6,5 Minuten Lesezeit)

Grosny, Tschetschenien. Quelle: Alexxx Malev, flickr

“Islamischer Staat” und islamischer Extremismus lassen die meisten Beobachter intuitiv an den Nahen Osten, Nordafrika oder Zentral- und Südasien denken. Auch der Westen ist regelmäßig Zielort für Anschläge, auch wenn die dort “beheimateten” Terrorzellen meist nur sehr kleine Vorposten größerer Gruppen von anderswo sind. Russland passt für viele Menschen dagegen weniger ins Bild. Dabei ist das Land seit langem ein zentraler Schauplatz und Zielort für islamischen Fundamentalismus und Extremismus. 

Russlands Islamismus-Problem

Kein Wunder. Russlands koloniale Expansion der letzten Jahrhunderte brachte es früh in Kontakt und Konflikt mit mehrheitlich muslimischen Gebieten, welche es in sein wachsendes Imperium unterordnete, etwa in Zentralasien, dem Nordkaukasus und in der lange Zeit türkisch dominierten Südukraine. Im Zarenreich und vor allem in der Sowjetunion gab es massenhafte ethnische Säuberungen, also Zwangsumsiedlungen samt Ersatz durch russische Kolonialisten. Betroffen waren etwa die Krimtartaren, Tschetschenen, Dagestaner und Inguschen, um nur mehrheitlich muslimische Ethnien zu nennen (teilweise wurden die Umsiedlungen später zurückgenommen). Die Sowjetunion und das heutige Russland scheu(t)en zwar davor zurück, den Islam allzu streng zu reglementieren – obwohl die UdSSR eigentlich einen Staatsatheismus vorschrieb – doch gingen heftig gegen nationale Autonomiebestrebungen der Regionen vor. Das führte 1994-96 in den ersten Tschetschenienkrieg und 1999-2009 in den zweiten. In den Kriegen starben schätzungsweise 150.000 bis 200.000 Menschen; gerade der Zweite Tschetschenienkrieg war bemerkenswert brutal und erlebte die vollständige Zerstörung der Hauptstadt Grosny.

Auch außenpolitisch war und ist das Verhältnis Russlands zur muslimischen Welt komplex. Die Sowjetunion besetzte 1979 Afghanistan, um eine kommunistische Marionettenregierung vor dem Sturz durch Mudschaheddin-Kämpfer zu bewahren. Der zehnjährige Krieg endete mit einer krachenden, traumatischen Niederlage für die Sowjetunion, doch kostete schätzungsweise 3 Millionen Afghanen das Leben. Seit 2015 interveniert Russland auf Seiten der unter Arabern zumeist unbeliebten Assad-Regierung in Syrien und hat sich eine Reputation für Brutalität erarbeitet. Beobachter, zum Beispiel NGOs wie Human Rights Watch, werfen Moskau vor, regelmäßig Brandbomben, Fassbomben und Giftgas gegen zivile Zentren einzusetzen. Und auch Russlands Unterstützung für kontroverse Warlords in Libyen und Sudan, was dortige Bürgerkriege intensiviert, sowie für Juntas in Nordafrika führt es tief in die chaotische Politik der arabischen und muslimischen Welt.

Eine andere Veranschaulichung von Russlands Islamismus-Problem: Aus keinem anderen Land stammten mehr Auslandskämpfer des Islamischen Staats. Pro Kopf bleibt Russland damit zwar hinter kleineren Staaten wie Tunesien und Jordanien, doch nur bezogen auf die Bevölkerung in den mehrheitlich muslimischen Regionen des Nordkaukasus ist es ein hoher Anteil. Grafik: whathappened.io

Anschläge in Russland

Reichlich Gründe also, welche islamische Extremisten auf den Plan rufen könnten und es seit Jahren auch tun. Der früheste zweifellos nennbare Fall waren die Anschläge auf die Moskauer Metro 2010, bei welchen 40 Menschen starben. Durchgeführt wurden sie vom “Kaukasus Emirat”, einer al-Qaida-nahen Gruppe im Nordkaukasus, deren überlebende Mitglieder sich offenbar ab 2015 dem IS in Syrien angeschlossen haben (untypischerweise verübten zwei Frauen den Anschlag). Knapp ein Jahr später tötete das Kaukasus Emirat bei einem Selbstmordanschlag auf den Moskauer Flughafen Domodedowo 37 Menschen. 2013 kam es zu insgesamt drei Bombenattentaten in Wolgograd; 2014 zu einem Selbstmordattentat und einer Schießerei im tschetschenischen Grosny.

Erste IS-Attentate begannen 2015. Im November dieses Jahres brachte die IS-Zelle auf dem Sinai den Passagierflieger Metrojet 9268 mit einer Bombe zum Absturz. Sämtliche 224 Menschen, davon praktisch alle Russen, starben. Mindestens 8 weitere Attentate fanden bis 2024 unter Verantwortung des IS statt, durchgeführt vom nordkaukasischen Ableger. Dazu kommt mindestens ein halbes Dutzend islamistisch motivierte Anschläge ohne klare Verwicklung des IS, etwa die Angriffe auf die St. Petersburger Metro 2017, hinter welchen al-Qaida zu stehen schien. Und selbstverständlich fehlen in unserer Auflistung all jene vereitelten Pläne, darunter mehrere in den vergangenen zwei Jahren. Erst diesen Monat verhafteten die russischen Behörden eine mutmaßliche IS-Zelle, welche eine Synagoge angreifen wollte.

Gut zu wissen:  Kompliziert wird es bei den frühsten Fällen von Terrorismus im heutigen Russland. Die berühmten Sprengstoffanschläge auf Apartments in St. Petersburg 1999 mit 307 Toten wurden offiziell durch Tschetschenen durchgeführt, doch sind ein hochplausibler Kandidat für eine False-Flag-Attacke durch den Geheimdienst FSB – und wären in jedem Fall separatistisch, nicht islamistisch motiviert. Bei der Geiselkrise am Moskauer Dubrowka-Theater 2002 mit 132 Toten war ebenfalls kein islamistisches Motiv vorrangig und Beobachter wie Doppelagent Alexander Litwinenko und die Journalistin Anna Politkowskaia erkannten ebenfalls eine FSB-Beteiligung.

Die schwerste Terrorattacke im modernen Russland, die Geiselnahme an der Schule in Beslan in Nordossetien im Jahr 2004 mit 334 Toten, wurde zwar durch eine islamistische Terrormiliz namens “Märtyrerbrigade” durchgeführt, doch diente nominell dazu, die Unabhängigkeit Tschetscheniens zu erzwingen. Damit hatte sie auch ein separatistisches Motiv und ist wohl kein Beispiel für islamistischen Terror.

ISIS-K und die Kreuzfahrer

Den aktuellen Anschlag nahe Moskau beansprucht ISIS-K, also der Ableger aus Afghanistan. Das ist bemerkenswert, weil es die Bereitschaft und Befähigung zu internationalen Terroraktionen beweist, welche seit dem Ende von ISIS im Jahr 2019 seltener geworden sind. Beobachter erkennen diese bei ISIS-K bereits seit dem vorletzten Jahr. Zwischen 2018 und März 2022 plante die Gruppe insgesamt 3 Terrorangriffe im Ausland (darunter auf US-Militärbasen in Deutschland). Im Restjahr 2022 waren es bereits 8 Pläne. Im vergangenen Jahr verdreifachte sich das beinahe auf 21 Pläne in neun unterschiedlichen Ländern. Dabei setzt ISIS-K übrigens oft auf Tadschiken (2023 in 6 von 21 Plänen; 2020 auch im Deutschland-Plan), was sich mit den vorsichtig zu behandelnden Aussagen der russischen Regierung zum aktuellen Anschlag deckt.

ISIS-K hat Russland seit langem im Visier. Die Gruppe hasst Russland ausdrücklich für den Krieg in Afghanistan und Repressionen im Nordkaukasus und wütet in ihrer Propaganda regelmäßig gegen das Land. 2022 ließ sie Selbstmordattentäter vor der russischen Botschaft in Kabul detonieren. Das heißt nicht, dass ISIS-K die USA – den Feind meines Feindes – plötzlich tolerieren würde. Im Grunde jeder moderne Staat ist ein Feind und die nicht-muslimischen gleich umso mehr. Der wöchentliche al-Naba-Newsletter, welcher vom zentralen IS-Propagandaapparat betrieben wird, bezeichnet den Ukrainekrieg als “Kreuzfahrer-gegen-Kreuzfahrer-Krieg”. In seinem hauseigenen Magazin “Stimme von Khorasan” feierte ISIS-K im August 2022, dass das “Schwarze Loch in der Ukraine” eine “große, frohe Botschaft für Muslime weltweit” sei. Die Miliz erkennt im russischen Angriffskrieg das Chaos, in welchem sie rekrutieren, zuschlagen und gedeihen kann.

Was nicht sein darf, kann nicht sein

Der Angriff auf die Konzerthalle bei Moskau ist Russlands wahrscheinlich zweitschwerster Terroranschlag der jüngeren Geschichte und schockiert das Land, welches parallel in einen heftigen Angriffskrieg in der Ukraine involviert ist. Wie unser Explainer zu zeigen versucht, brauchen Beobachter allerdings weder über Russland als Ziel von islamistischem Terror noch über die andauernde Existenz des Islamischen Staats irritiert zu sein.

Am ungläubigsten wirkt der Kreml. Noch zwei Tage nach der Attacke akzeptiert er die Erklärung von ISIS-K nicht, sondern versucht, eine Verbindung zur Ukraine zu ziehen. Laut dem unabhängigen Medium Meduza wurden Staats- und staatsnahe Medien dazu aufgefordert, dasselbe zu tun. Die Täter hätten versucht, in die Ukraine zu fliehen, bevor sie verhaftet wurden, so Putin öffentlich mit einem frühen Narrativ. Das erscheint unwahrscheinlich, da die russisch-ukrainische Grenze selbst an den ruhigeren Stellen hochgefährlich und engmaschig überwacht ist. Unabhängigere Berichte deuten eher auf eine Bewegung in Richtung Belarus hin, doch noch ist die Informationslage ungenau. Dass der Kreml versucht, den desaströsen Vorfall für jeglichen möglichen politischen Nutzen zu hebeln, überrascht nicht, ist aber auch kein relevanter Hinweis auf eine mögliche False-Flag-Operation, wie es etwa die Ukraine behauptet. Die einfachste Erklärung bleibt, Stand jetzt, die wahrscheinlichste: Es handelte sich um einen Anschlag durch ISIS-K.

Vielleicht wirft das die Frage auf, ob Europa wieder mehr Terrorattacken erwarten muss, nachdem sie ab 2017 deutlich abgenommen hatten. Diese Frage ist schwieriger zu beantworten. Grundsätzlich: Der Anreiz zu Terrorangriffen war in den letzten Jahren unentwegt da, doch die Kapazitäten des zerfallenden IS waren geringer und seine regionalen Ableger priorisierten, nun ja, regionale Belange. ISIS-K scheint die Ambition und auch die Befähigung für internationale Terroroperationen zu besitzen. Allerdings hing der Rückgang der erfolgreichen Terrorangriffe in Europa auch maßgeblich mit der Verschärfung der Sicherheitspolitiken und den Erfahrungsgewinnen der Behörden zusammen, etwa was ihre internationale Zusammenarbeit angeht. Schwere und zahlreiche Attacken wie 2015/16 dürften also unwahrscheinlicher als damals sein.

Dazu passt auch, dass die USA Russland bereits am 7. März vor einem Terrorangriff gewarnt hatten. Im Januar hatten sie außerdem Iran vor einem Anschlag gewarnt, welcher sich später ebenfalls bewahrheitete. Westliche Geheimdienste scheinen, so der Eindruck von außen, einen recht guten Blick auf das Treiben der größeren Islamistengruppen zu besitzen. Moskau und Teheran wiesen beide Warnungen übrigens als feindselige Propaganda zurück. Kreuzfahrer hören nicht auf Kreuzfahrer.

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