Der Jemen und die Houthis

Ein erschüttertes Land findet noch die Energie, sich in einen anderen Konflikt einzubringen.


Geschichte | Arabischer Winter | Intervention
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14.01.2024

Blitzzusammenfassung_(in 30 Sekunden)

  • Der Jemen war einst die fortschrittlichste Region Arabiens, doch Eroberung, Aufstände, Imperialismus und Teilungen prägten die letzten Jahrhunderte.
  • Seit 2014, im Grunde aber 2011, herrscht ein heftiger Bürgerkrieg. Die Houthi-Rebellen bekriegen sich mit der international anerkannten Regierung und weiteren Fraktionen.
  • Seit 2015 attackiert auch eine Koalition um Saudi-Arabien die Houthis. Diese profitieren von Unterstützung durch Iran und kontrollieren weite Teile des Landes. Für Riad gerät es zum teuren, erfolglosen Proxykrieg.
  • Seit einigen Monaten intervenieren die Houthis in den Nahostkrieg aufseiten der Hamas.
  • Sie attackieren außerdem wahllos Schiffe im Roten Meer, was nun eine militärische Intervention einer Koalition um die USA hervorgerufen hat.
  • Was das für den Konflikt im Roten Meer oder den vorsichtigen Friedensprozess im Jemen bedeutet, ist noch schwierig abzusehen. Es ist allerdings nicht aussichtsreich, dass die Houthis schnell einknicken werden.

Geschichte_

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Der Jemen ist im Januar 2024 einmal erneut in den Schlagzeilen. Diesmal ist es nicht der zehnjährige Bürgerkrieg oder die Friedensinitiativen um ihn herum, welche ihn dorthin bringen, sondern die Geiselnahme des Roten Meers durch die Houthi-Rebellen. Wir erklären die Geschichte des Jemens und seines Bürgerkriegs und werfen einen kurzen Blick auf die aktuelle Lage. 

Arabia Felix

Der Jemen wird seit jeher geprägt von seiner strategischen Lage im Roten Meer, als Bindeglied zwischen Mittelmeerregion und Indischem Ozean; zwischen Reichen in Äthiopien und in Persien. Dazu war er eine fruchtbarere und klimatisch angenehmere Region als der Rest der arabischen Halbinsel, was der zivilisatorischen Geschichte des Jemens einen Schub verpasste. Spätestens um das Jahr 1.100 v. Chr. entstanden die ersten größeren Königreiche; oder zumindest waren sie ab dann bekannt, denn das südarabische Alphabet, als einer der ältesten Vorläufer des arabischen Alphabets, entstand zu dieser Zeit im Jemen. Der kulturelle und landwirtschaftliche Vorsprung der Region gegenüber dem Rest Arabiens verpasste ihr unter den Griechen den Namen Eudaimon Arabia und unter den Römern Arabia Felix, was beides “glückliches Arabien” bedeutet. 

Gut zu wissen: Neben Arabia Felix existierten auch Arabia Deserta in Zentral- und Nordarabien sowie Arabia Petraea (“steiniges Arabien”) im Nordwesten, also etwa im heutigen Jordanien und Saudi-Arabien.

Unterschiedliche Reiche in der Region wechselten sich jahrhundertelang ab, unterbrochen von einer erfolglosen Invasion durch das Römische Kaiserreich kurz vor der Jahrtausendwende. Nach der Entstehung des Islams im Jahr 610 waren die Reiche im Jemen unter den ersten, welche die neue Religion akzeptierten. Vorher herrschte dort ein Mix aus polytheistischen Lokalreligionen, dem sich seit einigen Jahrhunderten rasant ausbreitenden Christentum und, mit Blick auf die heutige Zeit durchaus ironischerweise, einem auffällig starken Judentum. Das Himyar-Königreich etwa, vom 1. Jahrhundert bis 570 n. Chr. eines der wichtigsten Reiche im Jemen, konvertierte 380 n. Chr. zum Judentum.

Der Geburtsort des Kaffees

Auch nach der Islamisierung war die politische Struktur im Jemen wechselhaft. Es unterstand zeitweise den jeweiligen arabischen Kalifen, doch erlebte viele Aufstände und unabhängige Reiche unter lokalen Stämmen. Ungefähr ab dem 9. Jahrhundert kam außerdem der schiitische Islam in den Jemen. Heute sind zwei Drittel des Landes sunnitisch – wie der größte Rest der arabischen Halbinsel – und ein Drittel schiitisch. Von den Schiiten ist die Mehrheit Teil der Untergruppe der Zaiditen. Wirtschaftlich profitierte Jemen von der Entdeckung des Kaffees im 15. Jahrhundert und von einem gestiegenen europäischen, arabischen und türkischen Interesse am Handel mit Asien.

Kaffee und Handel machten den Jemen allerdings auch zu einem attraktiven Ziel für expandierende Großmächte. Die türkischen Osmanen errichteten gerade ihr Großreich und attackierten 1538 auch den Jemen. Es sei ein “Land ohne Herrscher, eine leere Provinz”, welche “einfach” zu erobern wäre, so der Gouverneur Ägyptens. Tatsächlich übernahmen die Osmanen binnen weniger Jahre die Küstengebiete des Jemens, doch drangen nie in das bergige Hinterland vor. “Wir haben noch nie so eine Gießerei für unsere Soldaten erlebt, wie im Jemen”, so ein osmanischer Spitzenfunktionär, “Jedes Mal, wenn wir eine Expeditionsarmee dorthin entsenden, schmilzt sie wie Salz im Meer.” Das Hinterland sollte auch in den kommenden Jahrzehnten ein stetiger Dorn in der Seite der Osmanen bleiben.

Gut zu wissen: Die Zaiditen unterscheiden sich von anderen muslimischen Untergruppen vor allem dadurch, wie sie die Rolle unterschiedlicher Persönlichkeiten in der Frühgeschichte des Islams interpretieren, haben mit der Zeit aber auch eigene Glaubenspraktiken entwickelt. Die Zaiditen waren seit jeher auf den Jemen konzentriert und existieren auch heute fast nur dort.

Imperialismus, Teilung, Unabhängigkeit

Rund um 1620 erlangte der Jemen wieder die Unabhängigkeit: Stammesangehörige, welche dem zaiditischen Schia-Islam folgten, starteten eine große Rebellion und vertrieben die Osmanen. Als wäre das nicht genug, eroberten sie sogar kurzzeitig Mekka, die heiligste Stadt des Islams. Das sollte allerdings den Höhepunkt des unabhängigen Jemens darstellen. Streit zwischen den Stämmen und eine Veränderung in den europäisch-asiatischen Handelsrouten, welche künftig am Horn von Afrika verliefen, ließen die Region an Wichtigkeit verlieren. Zudem schmuggelten die Europäer erfolgreich Kaffeepflanzen aus dem Jemen heraus und brachen so dessen lukratives Monopol. 1839 besetzten die Briten die wichtige Hafenstadt Aden, machten sie zur stark internationalisierten “freien Stadt” und unterstellten sich mehrere Stämme im Süden als Protektorate, während fast zeitgleich wieder die Osmanen vom Norden aus einfielen. Der Jemen wurde faktisch in Norden und Süden aufgeteilt.

Quelle: Fry1989, wikimedia

Im 20. Jahrhundert trat der Jemen den langsamen Weg der Unabhängigkeit und Wiedervereinigung an. Erst wurde 1918 der Norden als zaiditisches Königreich unabhängig, dank des Zerfalls des Osmanischen Reiches (1962 verwandelte es sich nach einem Militärputsch in die autoritäre Jemenitische Arabische Republik, YAR). Den Süden hielt Großbritannien noch bis 1967 unter seiner Kontrolle, doch das britische Empire war schon mit Ende des Zweiten Weltkriegs auf wackligen Füßen. Gepaart mit dem Aufkommen des arabischen Nationalismus war es immer nur eine Frage der Zeit, bevor sich Großbritannien auch aus dem Jemen zurückziehen würde. Der Sechs-Tage-Krieg 1967 zwischen Israel und den arabischen Nachbarn dürfte den Prozess beschleunigt haben, da unter den Jemeniten der Eindruck herrschte, dass Großbritannien das verhasste Israel unterstützt habe. Es kam zu Protesten, Meutereien in der lokalen Polizei und gewaltsamen Guerilla-Attacken.

Die Briten waren schon bald erschöpft und gaben auch den Jemen auf, so wie den Großteil ihres kolonialen Empires. Mit dem Abzug der britischen Truppen hatten ihre lokalen Verbündeten keine Chance gegen eine Rebellenkoalition unter der “Nationalen Befreiungsfront”. Sie bildete die Volksrepublik Südjemen als kommunistischen Ein-Parteien-Staat unter der Yemeni Socialist Party (YSP). Es war bis heute der einzige kommunistische Staat im Nahen Osten.

Wiedervereinigung

Das kommunistische Südjemen und das autoritär-nationalistische Nordjemen hatten mal konstruktive, mal feindselige Beziehungen. 1972 und 1979 führten sie etwa Krieg gegeneinander. Zugleich stand früh das Ziel einer Wiedervereinigung im Raum. In den späten 1980ern wurde das immer realistischer: Ein elftägiger Bürgerkrieg 1986 im Südjemen hatte die kommunistische Regierung geschwächt und die wankende Sowjetunion lieferte immer weniger Unterstützung an ihren Partner. Also kam es 1990 zur Wiedervereinigung, mit dem nordjemenitischen Präsidenten Ali Abdallah Saleh als neuem Staatschef von Gesamtjemen.

Das vereinigte Jemen schien mit einer rasch vereinbarten Verfassung und einem neuen Parlament samt Wahlen anfangs gut zu laufen. Meinungsunterschiede zwischen Norden und Süden, das Gefühl des Südens, benachteiligt zu werden, und die Tatsache, dass die Armeen der zwei Ex-Staaten nie integriert worden waren, führten allerdings 1994 in einen neuen Bürgerkrieg. Dieser dauerte zwei Monate und endete mit der Vertreibung zahlreicher Elemente der Sozialisten. Präsident Saleh konsolidierte seine Macht und sollte bis 2012 im Amt bleiben; der Jemen war endgültig vereint.

Gut zu wissen: Ein Faktor im Sieg des Nordjemens war die Beteiligung islamistischer Kräfte, welche zuvor bereits auch in Afghanistan gegen die Sowjetunion gekämpft hatten und sich nun gegen die Kommunisten im Jemen wandten. Gepaart mit einer günstigen Geographie – schwer zugängliche Berge und Wüsten – wurde Jemen zu einem Hotspot für islamischen Terrorismus. Die Miliz al-Qaida nutzte ihn jahrelang als eine Hauptbasis und ist bis heute dort vertreten. 

Arabischer Winter_

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Die Lage im Jemen, September 2023 (auch im Januar 2024 aktuell). Grün: von Houthis kontrolliert (von Iran unterstützt). Rot: Unter Kontrolle der international anerkannten Regierung (von Saudi-Arabien unterstützt). Gelb: Southern Transitional Council (VAE-unterstützt). Weiß: von al-Qaida kontrolliert. Per Klick auf die Grafik gelangst du zu einer höher aufgelösten Version. Quelle: Ali Zifan, wikimedia

Der Arabische Frühling, welcher 2011 ausbrach, erreichte auch den Jemen. Die prekäre wirtschaftliche Lage im Land trieb Hunderttausende von Menschen auf die Straßen, worauf die Saleh-Regierung anfangs gewaltsam reagierte. Internationaler und heimischer Druck bewegte Saleh allerdings zum Abtritt und Anfang 2012 übernahm sein Vizepräsident Abdrabbuh Mansur Hadi. Dessen Regierungszeit stand unter keinem guten Stern, vor allem aufgrund einer Gruppe namens Houthis.

Houthis

Die Houthis hatten sich in den 1990ern gebildet, als Oppositionsbewegung zu Präsident Saleh, welchen sie als korrupt und zu US- sowie Saudi-hörig empfanden. Sie sind nicht etwa eine Ethnie, sondern eine religiös-politische Miliz mit Fokus auf den zaiditischen Schia-Islam. Es gibt zwar einen Houthi-Stamm im Jemen, doch damit hängt die Gruppe nur mittelbar zusammen, denn sie ist nach ihrem Gründer und dem religiösen Zaiditen-Führer Hussein al-Houthi benannt. Nach dessen Tötung durch die jemenitischen Sicherheitskräfte 2004 übernahm sein jüngerer Bruder Abdul-Malik al-Houthi, welcher die Gruppe bis heute anführt. Doch inzwischen ist sie längst nicht mehr auf den Houthi-Stamm beschränkt.

Gut zu wissen: Die Houthis nahmen diesen Namen erst nach der Tötung von Hussein al-Houthi im Jahr 2004 an. Davor hießen sie Ansar Allah, “Unterstützer Gottes”. Auch heute ist das noch der offizielle Name.

Welche Ideologie die Houthis vertreten, ist nicht ganz einfach zusammenzufassen. Es ist ein Mix aus nationalistischen, religiösen und ganz allgemein populistischen Positionen, welche nicht ganz unähnlich zur Hisbollah im Libanon ein pragmatisches und flexibles Hin- und Hermanövrieren erlauben. Kommunikativ geht es den Houthis mal um einen theokratischen Staat, mal um die (nationale) Erlösung aller Jemeniten, mal um die Beendigung der Diskriminierung der zaiditischen Schia durch die Sunniten und mal ganz profan um wirtschaftliche Entwicklung und Antikorruption. Übrigens war es auch die Hisbollah, welche die Houthis 2003 zu ihrem Slogan inspirierte: “Gott ist der Größte, Tod den USA, Tod für Israel, Verflucht seien alle Juden, Sieg dem Islam.

Der Bürgerkrieg

Seit 2004 führten die Houthis einen bewaffneten Aufstand gegen die Zentralregierung und mit der jemenitischen Revolution 2011 wandte sich das Blatt zu ihren Gunsten. Sie eroberten weitreichendes Territorium im Norden des Landes. Unbeeindruckt von Salehs Abtritt führten sie den Kampf gegen die Hadi-Regierung weiter fort und rückten Jahr für Jahr tiefer gen Süden vor. 2014 marschierten sie plötzlich in die Hauptstadt Sana’a ein und Abdel Malik al-Houthi hielt eine Siegesrede auf dem zentralen Tahrir-Platz. Für viele Jemeniten war es ein surrealer Moment, immerhin hatten die Houthis als lose organisierte Minderheiten-Stammesgruppe in der Peripherie begonnen. Jetzt kontrollierten sie viele der wichtigsten Bevölkerungszentren des Landes und zwangen die Hadi-Regierung zur Flucht.

Aus der jemenitischen Revolution war der jemenitische Bürgerkrieg geworden. 2015 verkomplizierte er sich durch den Kriegseintritt eines Bündnisses um Saudi-Arabien, welches die international anerkannte Hadi-Regierung gegen die Houthis stützen wollte. In erster Linie beteiligt waren neben Riad auch die VAE, Ägypten und weitere arabische Staaten, doch auch die USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Südkorea unterstützten. Die Koalition konnte den Vormarsch der Houthis stoppen und sie von der Eroberung Adens aufhalten. Der Versuch, die Houthis zu zerschlagen, gelang allerdings nicht im Mindesten. Statt sechs Wochen, wie die Saudis annahmen, dauerte der Krieg mindestens 9 Jahre, nämlich bis heute.

Der Proxykrieg

Ein Problem für die Saudis war, dass sie und ihre Koalition überwiegend durch Luftschläge agierten. Diese konnten zwar Schaden anrichten, doch die Herrschaft der Houthis eben nicht wirklich in Gefahr bringen. Es wäre der offiziellen jemenitischen Armee, loyal zur Hadi-Regierung, zugefallen, die Houthis durch die ausländische Unterstützung zu vertreiben, doch dafür war und ist sie zu ineffektiv. Das größere Problem war allerdings, dass Iran die Houthis militärisch, finanziell und logistisch unterstützt. Es ist ein intuitiver Partner: Iran und Houthis sind beide Schia und beide verfeindet mit Saudi-Arabien (auch wenn Teheran seit Kurzem eine vorsichtige Annäherung mit Riad eingegangen ist). Iran sah eine Gelegenheit, den großen Regionalrivalen Saudi-Arabien in einen vietnamesquen Proxykrieg zu verwickeln und es setzte den Plan meisterhaft um.

Selbst damit ist der jemenitische Bürgerkrieg nicht zu Ende erklärt. Die VAE scherten früh aus der Koalition aus und schienen eigene Motive im Jemen zu verfolgen. 2017 eskalierte ein Streit zwischen Präsident Hadi und dem Gouverneur von Aden, Aidarus al-Zoubaidi, welchem Hadi vorwarf, zu enge Beziehungen zu den VAE zu unterhalten – es sei eine “regelrechte Besatzung”, so Hadi. Zoubaidi war allerdings beliebt und die Zentralregierung unbeliebt, wodurch es zu Protesten kam. Also rief Zoubaidi den Southern Transitory Council (Südübergangsrat, STC) aus.

Offener Konflikt brach aus und der STC übernahm 2018 und 2019 den Präsidentenpalast sowie den Großteil der Stadt Aden. Zeitweise kam es zu Angriffen Saudi-Arabiens auf den VAE-gestützten STC und seitens der VAE auf die Saudi-gestützten Regierungstruppen – so viel zur Koalition. 2020 rief der STC dann die Eigenverwaltung aus, erklärte sich also faktisch autonom von der Hadi-Regierung, welche nach Sana’a auch Aden verlassen musste. Bis heute ist der Süden des Jemens unter Kontrolle dieser dritten Fraktion. Das Verhältnis zwischen STC und Regierung hat sich inzwischen entspannt und der Rat verlangt auch keine Unabhängigkeit (eine durchaus existente Forderung im Süden), wohl aber eine größere Rolle in einem Post-Krieg-Jemen. In Anbetracht dessen, wie erfolgreich der STC gegen die Regierungstruppen war, bleibt aber immer die Gefahr, dass er nach Ende des Krieges mit den Houthis doch nach dem gesamten Land (bzw. dem Gebiet der Regierung) greift.

Gut zu wissen: …und dann wäre da natürlich noch AQAPal-Qaida in the Arabic Peninsula (al-Qaida auf der arabischen Halbinsel). Die Terrormiliz hat weltweit und damit auch im Jemen zwar an Schlagkraft verloren, doch AQAP bleibt der aktivste Ableger. 2011 rief die Gruppe im Zuge des Revolutionschaos ein Emirat aus, welches seitdem zwar stark geschrumpft ist, aber noch immer im Grenzgebiet zwischen Houthis und STC existiert.

Die Bevölkerung leidet

Katastrophal ist der Bürgerkrieg für die Zivilbevölkerung des Jemens. Rund 400.000 Menschen dürften getötet worden sein, darunter womöglich die Hälfte wegen Hunger und mangelnder Gesundheitsversorgung, also an verhinderbaren Todesgründen. Keine der Parteien scheint sich sonderlich um die humanitäre Lage zu kümmern, in diesem Sinne auch nicht die sonst so populistischen Houthis, welche Hilfsgüter stehlen, die Regierungsgebiete auszuhungern versuchen, ihre kontrollierte Bevölkerung mit hohen Steuern schröpfen, Kindersoldaten einsetzen und die von der Regierung kontrollierte Stadt Taiz seit über 3.200 Tagen – fast 9 Jahren – belagern.

Gut zu wissen: Die neunjährige, weiterhin anhaltende Belagerung von Taiz hat zu einer desaströsen Versorgungssituation in der Stadt geführt, in welche humanitäre Hilfe nur sporadisch hineingelangt. Rund 18.000 Menschen sind bis heute durch die Belagerung und die Kämpfe um die Stadt getötet worden.

Darüber hinaus ist die Wirtschaft des Jemens völlig zerrüttet. Die Landwirtschaft ist kollabiert, was das Land anfällig für tödliche Dürren und Hungersnöte macht. Die Zerstörung von Wasserinfrastruktur senkt die Verfügbarkeit von Trinkwasser. Wirtschaftliche Perspektiven besitzen nur noch wenige Jemeniten; fast drei Viertel sind von humanitärer Hilfe abhängig. Rund 4,3 Millionen Menschen dürften durch die Kämpfe in die Flucht geschlagen worden sein. Der Bürgerkrieg im Jemen gilt vielen Beobachtern als einer der humanitär schlimmsten Konflikte der heutigen Zeit.

Intervention_

(4,5 Minuten Lesezeit)

Quelle: US Navy, flickr

Der Weg zum Frieden

Zuletzt sah es so aus, als könnte der Bürgerkrieg etwas abklingen. Für Saudi-Arabien ist der Konflikt längst zum teuren, aussichtslosen Projekt geraten – zum eigenen Vietnam, sozusagen. Statt die Houthis zu zerschlagen, muss Riad plötzlich seine eigene Bevölkerung und seine Energie- oder Transportinfrastruktur vor (aus dem Iran gelieferten) Houthi-Raketen verteidigen. Schon 2016 beklagte Saudi-Arabien, dass über 500 Zivilisten durch Angriffe der Houthis an der Grenze getötet worden seien, inzwischen dürften es deutlich mehr sein. Also sucht Riad Verhandlungen.

Lange liefen Friedensanläufe nirgendwo hin, mit gelegentlichen, kurzlebigen Durchbrüchen, doch 2022 gab es einen Vorgeschmack auf echten Frieden. Eine UN-vermittelte Waffenruhe hielt über 6 Monate, bevor die Kriegsparteien die Kämpfe wieder aufnahmen. Doch bis heute bleibt die Intensität spürbar unter dem Niveau vor 2022. Und auch die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Iran im März 2023 erhöht die Hoffnungen auf eine Lösung, etwa, da Teheran versprach, seine militärische Unterstützung der Houthis einzustellen.

Solidarität mit der Hamas

Seit Oktober mischen die Houthis aber nicht nur im Bürgerkrieg im Jemen mit, sondern auch auf der globalen Bühne im Nahostkonflikt. Um ihre palästinensischen “Brüder und Schwestern” zu unterstützen, bombardieren sie Israel mit günstigen Drohnen und iranisch hergestellten Raketen (die Effekte sind bisher trivial). Darüber hinaus greifen sie Schiffe im Roten Meer mit iranischen Anti-Schiff-Raketen sowie Drohnen an, was Israel wirtschaftlich treffen soll. Nur Schiffe mit Verbindung zu Israel seien Ziele, so die Houthis, doch in der Praxis scheint es einfach jedes Schiff zu treffen, welches in Reichweite gerät. Nur eine vernachlässigbare Anzahl hatte Verbindungen zu Israel.

Gut zu wissen: Die exakten Verbindungen zwischen Iran und den Houthis sind unklar, doch sie reichen in jedem Fall tief. Das Korps 6.000, eine Division der elitären iranischen Quds-Einheit – wiederum ein Kern der Revolutionsgarden – scheint mit den Houthis in einer gemeinsamen Kommandozentrale zu arbeiten. Iranische Waffen stellen das Fundament der militärischen Kapazitäten der Houthis dar. Iranische Spionageboote scheinen der Gruppe Informationen aus dem Roten Meer zu liefern. Die Liste geht lang weiter.

Die Aktion zwang bisher über 2.000 Frachtschiffe, ihren Kurs zu ändern und verletzt damit den Schiffsverkehr durch das Rote Meer, durch welches immerhin 30 Prozent des globalen Containerverkehrs und 12 Prozent des Handelsvolumens verlaufen. Die USA kündigten früh eine internationale Koalition an, welche das Rote Meer wieder “freimachen” sollte. Nach mehreren Warnungen führte das Bündnis am 12. Januar massive Luftschläge gegen Houthi-Stellungen im Jemen durch. Über 100 Präzisionsbomben seien auf 60 Ziele an 16 Standorten niedergegangen, von Kommandozentralen bis hin zu Munitionsdepots.

USA und Co. haben hierbei das internationale Recht auf ihrer SeiteDie Freiheit des globalen Schiffsverkehrs ist einer der zentralen (und einfacher zu interpretierenden) Bestandteile des internationalen Rechts. Und auch Vergleiche zur erfolglosen Saudi-Koalition sind nicht ganz angebracht, schließlich geht es dem US-Bündnis nicht etwa darum, die Houthis zu stürzen, sondern lediglich, sie vom Beschuss des Roten Meeres abzuhalten. Ob das gelingen kann, wird sich dennoch erst zeigen müssen. Sind die Houthis imstande, ihre Infrastruktur und ihr Material weitestgehend vor dem Beschuss zu schützen, so hält sie wenig davon ab, das Rote Meer weiter zu attackieren (eine westliche Bodenoffensive brauchen sie kaum zu befürchten). Verlieren sie hingegen tatsächlich an Kapazitäten, müssten sie ihre Raketen und Drohnen rationieren.

Genauso beantwortet sich auch die Frage, wie viel Effekt die aktuelle Lage auf die globalen Lieferketten haben wird. Halten die Angriffe lange an, wird der Effekt relativ groß sein; Preissteigerungen und Verzögerungen weltweit wären die Folge. Enden sie zügig, bleiben die Effekte überschaubar. Erinnerungen an die schwere Lieferkettenkrise 2020/21 sind derzeit verfrüht.

Bürgerkriegspartei und Influencer

In jedem Fall sammeln die Houthis gerade Sympathiepunkte in der arabischen Welt und, skurrilerweise, unter der “dekolonialen” westlichen Linken. Ihr militärisches Einsetzen für die Hamas und gegen Israel schafft in diesen Ländern und Milieus viel Eindruck; die Intervention der USA wird dagegen als nächste Episode eines vermeintlichen “Imperialismus” gewertet, zu welchem auch Irak- und Afghanistankrieg gehörten (in einer sehr fragwürdigen Lesart der jüngeren Vergangenheit taucht oft auch das limitierte westliche Engagement in Syrien und Libyen in dieser Liste auf). Damit wird die aktuelle Lage in ein einfaches Narrativ als Konflikt zwischen “globalem Norden” (v.a. westliche Industriestaaten) und “globalem Süden” (v.a. nicht-weiße Entwicklungsstaaten) fehlkonstruiert.

Die Ironie ist schwierig von der Hand zu weisen, immerhin sind die Houthis der Hauptakteur in einem der größten humanitären Desaster der Moderne. Selbst vor der Belagerung des Gazastreifens, welche sie Israel vorwerfen, brauchen sie sich mit der neunjährigen Belagerung von Taiz nicht zu verstecken. Und auch das Argument, Israel wirtschaftlich treffen zu wollen, hält keiner Prüfung Stand: Nicht nur, dass kaum ein attackiertes Schiff tatsächlich mit Israel zu tun hatte; nur 5 Prozent des israelischen Handels laufen durch Eilat, die Hafenstadt am Roten Meer. Die Houthis nehmen den Welthandel gewissermaßen für einen Marketinggag in Geiselhaft.

Für die Houthis kann die neu gewonnene Popularität ein wertvolles Stück Verhandlungsmasse darstellen, wenn es darum geht, sich wieder mit Saudi-Arabien an einen Tisch zu setzen. Selbst im heimischen Jemen, wo die Erinnerung an jüdische Königreiche längst verblasst ist und Israel als Feindstaat empfunden wird, bauen die Houthis mit ihrer Intervention in den Nahostkonflikt an Beliebtheit auf. Die Intervention scheint für sie also Sinn zu ergeben. Und dass sie nicht allzu erschrocken auf die westlichen Drohungen blicken, lässt sich wohl verstehen. Weder al-Saleh noch die saudi-arabische Koalition konnten die Houthis in die Knie zwingen. Und anders als die USA und Israel tauchen diese noch nicht einmal im Slogan der Miliz auf.

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