Der Monat im Rückblick: Juli 2022

Der Monat im Rückblick: Juli 2022

u.a.
Ukraine | Energie | Außenpolitik | Quartalszahlen | Geldpolitik
und eine “Good News”-Sektion
(insgesamt 18 Minuten Lesezeit)

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine_

(1, 5 Minuten Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung:  Der Donbass verlangsamt sich; die Augen richten sich verstärkt auf den Süden.

  • Die Ukraine scheint ihre Operationen im Süden, bei Cherson, Mikolajiw und Saporischschja zu intensivieren; bietet gar Anzeichen, dass eine neue Gegenoffensive stattfinde oder bevorstünde. Die besetzte Region Cherson dürfte der aktuell strategisch wichtigste Kriegsschauplatz sein.
  • Hochmoderne MLRS-Artilleriesysteme des Westens wurden zum geflügelten Wort und scheinen den ukrainischen Aktivitäten deutlich mehr Schlagkraft zu verschaffen.
  • Russland gelangen im Donbass im Juli nur noch kleine Gebietsgewinne. Es näherte sich vor allem der Stadt Bakhmut an; bei Siwersk, Slowiansk und anderswo bleiben die Fortschritte marginal. Auch nach Ende einer offiziellen Angriffspause ging es kaum schneller voran.

Explainer zum Kriegsnebel und der Informationsasymmetrie im Krieg (März 2022)

Ukraine uses HIMARS effectively to hit Russian ammo dumps – Atlantic Council

Abseits der militärischen Entwicklungen

  • Russland hat erklärt, dass es abseits des Donbass auch Cherson, Saporischschja und “weitere Territorien” erobern wolle. Zudem möchte es einen Regierungswechsel in Kiew erzwingen. Beides steht in ausdrücklichem Widerspruch zu früheren Aussagen des Kremls.
  • Russland führt eine Art “heimliche Mobilisierung” durch, indem es Freiwilligenbataillone im gesamten Land, vor allem ethnischen Minderheitsregionen, aufstellen lässt.
  • Die Ukraine wechselte im Juli ihr Spitzenpersonal aus, ersetzte unter anderem den Geheimdienstchef und die Generalstaatsanwältin.
  • Russland und die Ukraine einigten sich auf einen Getreidedeal unter Vermittlung von UN und Türkei, welcher bislang – trotz russischen Beschusses auf Odessa – Bestand zu haben scheint.
  • Bei einer Wiederaufbaukonferenz legten Kiew und internationale Partner sieben Leitlinien für den Wiederaufbau des Landes fest. Die Kosten werden auf 750 Milliarden EUR geschätzt. 

Was passiert in Deutschland?_

(30 Sekunden Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Klammert man die Wirtschaft aus, ist nicht sonderlich viel los.

Deutschland im Sommerloch, zumindest, wenn man wie die whathappened-Redaktion einen Großteil der Action in die Kategorie “Wirtschaft” verlagert (siehe weiter unten). Das streng-politische Deutschland durfte im Juli über Innenministerin Nancy Faesers angekündigte Cybersicherheitsstrategie sinnieren (u.a.: mehr Kompetenzen für den Bund, weniger für die Länder) und einen vermutlich wenig folgenreichen, mutmaßlichen Lobbyismusvorfall rund um Finanzminister Christian Lindner verfolgen. 

Die AfD verlor 2021 7,6% ihrer Mitglieder, wie Im Juli bekannt wurde. In Umfragen äußern die Bürger Sorgen über Inflation, sparen bei Gütern des täglichen Bedarfs und unterstützen mehrheitlich die Sanktionen gegen Russland, auch wenn es für sie wirtschaftliche Folgen hätte. 
 
(Mehr in der Rubrik “Wirtschaft in Deutschland”)

Innenpolitik in aller Welt_

(2 Minuten Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Italiens Regierung zerfällt, ein Mord in Japan, Scheideweg in Tunesien, Nachfolgersuch e in Großbritannien und Ermittlungen in den USA.

Europa

Die italienische Draghi-Regierung ist zerfallen. Der finale Tropfen war der Rückzug der (ihrerseits instabilen) linkspopulistischen M5S. Mehrere Rettungsversuche scheiterten; im Herbst stehen Neuwahlen bevor. Die rechten Parteien hoffen auf einen großen Sieg, allen voran die Fratelli d’Italia, der rechteste Ausläufer der nationalen Parteienlandschaft. 

Berlusconi’s big lunch: How Italy’s right ousted Mario Draghi – Politico

Ungewöhnliche Vorgänge im politischen Ungarn: Eine enge Vertraute von Premier Orbán trat zurück und kritisierte den Regierungschef scharf, nachdem dieser “Mischrassen” attackiert hatte. Eine nachhaltige Schwächung Orbáns ist unwahrscheinlich, doch vielleicht ist es für ihn ein Signal, wo zu viel illiberaler Populismus anfängt.

Großbritannien

Großbritannien sucht derzeit den Nachfolger von Boris Johnson für den Vorsitz der Tories-Partei und damit als Premierminister. Nach mehreren Wahlrunden stehen jetzt Ex-Finanzminiser Rishi Sunak und Außenministerin Liz Truss zur Auswahl. Beide betonen ihren Wirtschafts- und Sozialkonservatismus, doch die populistischere Truss (hierzulande für die jüngste Brexit-Eskalation bekannt) hat bei den Tories-Mitgliedern die eindeutig besseren Chancen, auch wenn Sunak bei den Delegierten stets an der Spitze gelegen hatte. Am 5. September steht das Ergebnis.

Asien

In Japan wurde Ex-Premier Shinzō Abe in einem scheinbar persönlich motivierten Attentat ermordet. Dessen Partei LDP gewann kurz darauf die Oberhauswahlen überzeugend. Das bringt die Partei näher an Abes Vermächtnis: Eine gehörige Umstrukturierung der japanischen Sicherheitspolitik. Premier Fumio Kishida kündigte im Juli eine Verdopplung des Verteidigungsbudgets an; selbst eine Verfassungsänderung wird aussichtsreicher.

Explainer zu Japans sicherheitspolitischer Wende (Juli 2022)

Does Abe Shooting Reflect Success of Japan’s Gun Laws, Not Failure? – New York Times

Eine geplante Verfassungsänderung in Usbekistanführte zu schweren Protesten in der Region Karakalpakstan. Sie würde dadurch ihren Autonomiestatus verlieren. Es war die schwerste Gewalt im Land seit 2005.

Uzbekistan’s Unrest, Explained – Foreign Policy

Explainer zu Zentralasien (Januar 2022)

Afrika

Tunesien stimmte Ende Juli für eine neue Verfassung, welche Präsident Kais Saied mit deutlich mehr Macht ausstattet, auf Kosten des Parlaments und Parteiensystems. Etwas präziser ausgedrückt war es ein Viertel Tunesiens, denn so niedrig fiel die Wahlbeteiligung aus. Der Vorgang weckt Sorgen, dass Saied an einem Abbau der tunesischen Demokratie arbeitet, immerhin hat er bereits Legislative und Judikative den Zahn gezogen.

Explainer zu Tunesien (August 2021)

USA

Der Kongress untersucht die Kapitolerstürmung und hielt auch im Juli mehrere öffentliche Anhörungen ab. Das führte zu einer ganzen Reihe an Erkenntnissen, welche sich allesamt in das Bild hineinfügen, dass die Trump-Regierung wissentlich eine Attacke auf demokratische Institutionen durchgeführt hatte und der Präsident die Kapitolerstürmung toleriert, gar gutheißen haben könnte. Zu einem Diskussionsthema geriet außerdem, dass der Secret Service offenbar Chatnachrichten ausgerechnet vom Tag der Erstürmung gelöscht hatte. Das gefiel den Demokraten und den wenigen Republikanern, welche den Untersuchungsausschuss unterstützen, überhaupt nicht.

Capitol riot hearings: Eight key moments – BBC

Die Mühlen der Außenpolitik_

(1 Minute Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Gutes vom Balkan, Regionalmachtpolitik in Syrien.

Bulgarien und Nordmazedonien

Ein Durchbruch auf dem Balkan: Bulgarien hat im Juli ein Veto gegen Nordmazedoniens EU-Beitritt aufgehoben, gebunden an einen französischen Kompromissvorschlag, welchen das Parlament in Skopje zwei Wochen später akzeptierte. Damit wird ein Streit rund um Kultur und nationale Identität – Bulgarien wertet beispielsweise die nordmazedonische Sprache als Dialekt des Bulgarischen – beigelegt. Oder zumindest pragmatisch zur Seite geschoben. Auch für Albanien sind es gute Nachrichten, denn die EU-Bewerbung des Landes hing quasi als Kollateralschaden am Streit zwischen Sofia und Skopje mit dran.

Bulgaria, North Macedonia Should Enhance Relations – Balkan Insight

Der Nahe Osten

Ein kleines Comeback für Saudi-Arabien: Kronprinz Mohamed bin Salman (MBS) darf sich wieder in Europa und Nordamerika blicken lassen. Im Juli begrüßte er US-Präsident Biden in Riad, schloss Kooperationsabkommen mit Premier Mitsotakis in Griechenland und besuchte Präsident Macron in Frankreich.

Ein trilaterales Treffen aus Russlands Putin, Irans Raisi und Erdogan aus der Türkei zum Thema Syrien verlief in etwa so gut wie zu erwarten gewesen wäre. Alle drei Länder verfolgen unterschiedliche Interessen in der Region und sprachen im Grunde aneinander vorbei.

Russia and Iran Seek to Talk Turkey Out of Syria Incursion – Foreign Policy

China und die USA

US-Präsident Biden und sein Konterpart Xi Jinping telefonierten im Juli zum ersten Mal seit vier Monaten, um ein kleines bisschen Kooperation in die strategische Rivalität zu laden. Letztere äußerte sich in den vergangenen Wochen zum Beispiel darin, dass Washington Druck auf den niederländischen Chipzulieferer ASML ausübte, um Chinas Chipzufuhr zu unterbrechen. Positiv: Australien und China unterhielten sich zum ersten Mal seit drei Jahren auf Außenministerebene.

US Chip Pressure on ASML Is a Tough Sell – Bloomberg

Explainer zum Indopazifik (Oktober 2021)

Die Krisenherde_

(1 Minute Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Kleinere Neuigkeiten zu Mali, Sudan und Myanmar; viel los in Sri Lanka.

Afrika

Die Westafrika-Staatengemeinschaft ECOWAS gibt auf, in Mali irgendetwas mit Sanktionen erreichen zu wollen. Die Militärjunta in Bamako ließ sich auf eine 24-monatige Übergangsphase zu demokratischen Wahlen ein und wird so sämtliche Sanktionen los.

Explainer zur Sahelzone (Februar 2022)

Im Sudan erklärte Putschführer al-Burhan, dass die Armee sich aus dem demokratischen Übergang zurückziehen wolle. Die zivile Opposition ist sehr skeptisch, inwiefern dem Glauben zu schenken ist. Bislang ist wenig davon zu sehen.

Explainer zum Sudan (November 2021)

Asien

Eine tiefe Wirtschaftskrise hatte Sri Lanka in eine ebenso tiefe Staatskrise gestoßen. Im Juli floh Präsident Gotabaya Rajapaksa kurzerhand aus dem Land; seine (kaum beliebtere) Nummer zwei, Premier Wickremesinghe, folgte ihm ins Amt. Dieser geht nun deutlich robuster gegen die Protestler vor.

How did Sri Lanka run out of money? 5 graphs that explain its economic crisis – The Conversation

Myanmar ist seit dem Putsch Anfang 2021 im Grunde ein gescheiterter Staat. Die Junta ließ im Juli mehrere Demokratieaktivistin hinrichten, die erste vollzogene Todesstrafe im Land seit mehreren Jahrzehnten.

Explainer zu Myanmar (Februar 2021) | Update 1 (April 2021) | Update 2 (April 2022)

Viele schnelle Good News_

(1,5 Minuten Lesezeit)

Politik

  • Bulgarien und Nordmazedonien legen ihren langen Kulturstreit bei, was gar zur Erweiterung der EU führen könnte. Nicht alle Beobachter sind mit der Lösung zufrieden, doch sie verspricht insgesamt mehr Stabilität am Balkan.
  • Die UN konnte sich auf eine Verlängerung der wichtigen Syrien-Finanzhilfen um sechs Monate einigen. Mehr verhinderten Russland und China, doch in Syrien liegt die Latte für Erfolge niedrig.
  • Eine Einigung auf Getreide-Exporte zwischen Russland und der Ukraine wird, insofern sie nicht zerbombt wird, zur Linderung der Nahrungsmittelkrise in der Welt beitragen.

Wirtschaft

  • Das europäische Fintech-Funding blieb im zweiten Quartal trotz Tech-Nervosität stabil und damit nahe am Rekordniveau, so eine Auswertung eines französischen VCs. Die Branche geht mit einer Position der Stärke in einen möglichen Wirtschaftsabschwung.
  • Deutschland könnte eine weltweite Führungsrolle bei der Batterieproduktion einnehmen, so zumindest eine Studie eines Fraunhofer-Instituts. 
  • Die Lieferkettenprobleme in der Welt scheinen etwas abzunehmen, so mehrere Indizes. Betonung auf “etwas” und “das könnte mit einem Abschwung im globalen Konsumverhalten zusammenhängen”. Es handelt sich also um die Kategorie Hoffentlich Good News.
  • Das deutsche Gastgewerbe hat sich zurückgekämpft und ist nur noch 15% vom Vorkrisenniveau entfernt. Die Umsätze lagen im Mai 127% über dem Vorjahresmonat.

Forschung und Innovation

  • Das James-Webb-Teleskop hat im Juli spektakuläre erste Fotos aus dem Weltall präsentiert und damit eine neue Ära der Astronomie eingeläutet.
  • Die Experimentalphysik freut sich über die erneute Inbetriebnahme des Large Hadron Colliders (LHC), des größten Teilchenbeschleunigers der Welt. Mit einigen neuen Upgrades ausgestattet soll es die Geheimnisse der Teilchenphysik lüften.
  • Die Fields-Medaille wurde an junge, herausragende Mathematiker vergeben. Die Ukrainerin Maryam Mirzakhani, eine Zahlentheoretikerin, ist die zweite prämierte Frau seit 1936.
  • KI-Firma DeepMind hatte vor einigen Monaten den Algorithmus AlphaFold vorgestellt. Inzwischen hat dieser die Struktur von 200 Millionen Proteinen entschlüsselt und damit eine in ihrer Wichtigkeit kaum zu überschätzende Datenbank für die Medikamentenforschung geschaffen. 
  • Ein vierter Patient wurde von HIV geheilt, so Forscher in den USA. Geholfen hatte die Transplantation von Knochenmark eines Spenders, welcher eine seltene Genmutation besitzt. Es ist die zweite Heilung in diesem Jahr.

Megathema Energie_

(2 Minuten Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Alle Wege führen zur Energie und Nord Stream 1 erlebt seinen Moment in den Schlagzeilen.

Füllstand deutsche Gasspeicher: 67,79% (+6,32 PP seit letztem Monatsreview; vorherige Steigerungsrate: 14,56 PP)

Was liefert Russland?

Der “Gaskrieg” zwischen Russland und der EU läuft weiter. Im Juli gab es so manch Grund, den Überblick zu verlieren, denn Russland senkte und steigerte die Liefermengen an Gas: Der Monat begann mit 40% Auslastung in der wichtigen Gaspipeline Nord Stream 1, dann kam es zu einer planmäßigen, zehntägigen Wartung. Sorgen, dass die Pipeline danach kurzerhand ausbleiben würde, bestätigten sich nicht: Es ging Mitte Juli mit 40% weiter. Zumindest für wenige Tage, bevor der Kreml die Gasliefermenge noch einmal auf 20% halbierte.

Die Begründung bei jedem Schritt war dieselbe: Es gebe technische oder bürokratische Probleme bei der Wartung einer Gasturbine; Schuld seien die westlichen Staaten mit ihren Sanktionen und Turbinenhersteller Siemens Energy. Die angesprochenen Regierungen und der Konzern wiesen die Beschuldigungen an jedem Punkt scharf zurück: Der Grund sei vorgeschoben und verzögern würde bei der Turbine nur der Kreml. Diesem kommt die mangelnde Planbarkeit im Westen fraglos entgegen, wenn es darum geht, die Wirtschaftskraft, den sozialen Frieden und die Bereitschaft zur Unterstützung der Ukraine zu beschädigen.

Wie reagiert Europa?

Die EU versucht sich mehr Gas zu besorgen – durch Abkommen mit Staaten wie Algerien und Aserbaidschan – und ihren Konsum zu senken. Ein “Sparplan” der Kommission sieht 15% weniger Verbrauch vor, bleibt aber eher symbolisch (eine kräftigere Variante stieß auf viel Kritik durch Staaten wie Spanien, welche bei sich keine Schuld für die Abhängigkeit von Russland sehen). Anfang des Monats bestätigte das EU-Parlament die Taxonomie-Verordnung, mit welcher es Gas- und Atomenergie (vorübergehend und unter Bedingungen) als nachhaltig einstuft. Das soll Investitionen in beide Bereiche erleichtern und zur Energiesicherheit beitragen.

Wie reagiert Deutschland?

Ein besonderes Augenmerk liegt auf Deutschland, denn die Bundesrepublik ist eines der anfälligsten und das mit Abstand größte Opfer der russischen Gasmanöver. Im Juli hatte das eine Reihe an Auswirkungen:

  • Energiekonzern Uniper nimmt staatliche Hilfsmaßnahmen in Anspruch, der Bund erhält 30% Anteil.
  • Die Frage, ob Atomkraft länger genutzt werden sollte, nimmt Fahrt auf. Immer mehr Beobachter sprechen sich dafür aus; selbst der Widerstand bei den Grünen wird allmählich brüchig.
  • Die Bundesregierung lässt in einem zweiten Stresstest die Sicherheit der Stromversorgung prüfen. Das dürfte auch für einen Entscheid über die Atomkraft herhalten.
  • Wirtschaftsminister Habeck (Grüne) möchte per Gesetz strengere Gasspeicher-Füllstände, eine Reaktivierung der Braunkohle und gewisse Energiesparmaßnahmen für Haushalte und Unternehmen anordnen.
  • Erste deutsche Städte reagieren mit Energiesparmaßnahmen, zum Beispiel bei der öffentlichen Beleuchtung.

Kritik durch EU-Länder: „Wenn Deutschland Gas sparen will, möge es doch seine Atomkraftwerke weiterlaufen lassen“ – Welt

Honorable mention: Heizlüfter sind nun wirklich kein klassisches Schlagzeilenmaterial, doch in der Energiekrise 2022 schaffen selbst sie es auf die große Bühne: So viele Haushalte scheinen sich vor Angst vor knappem Gas Heizlüfter anzuschaffen, dass Beobachter vor Risiken für die Stromnetzstabilität warnen.


Update zur Energiekrise (Juli 2022)
Explainer zu LNG (März 2022)

Das Klima_

(30 Sekunden Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Ein sehr warmer Juli erinnert an die Klimapolitik.

Europa erlebte im Juli eine starke Hitzewelle, in welcher mehrere Allzeitrekorde (z.B. in Großbritannien, 40,3 Grad) und noch mehr Jahresrekode eingestellt wurden. Die Weltwetterorganisation (WMO) sieht darin einen Trend, welcher in jedem Fall noch bis 2060 anhalten dürfte. Das Potsdamer PIK konstatiert für Europa eine besonders starke Zunahme von Hitzewellen in den vergangenen Jahrzehnten. An dieser Stelle der übliche Disclaimer: Einzelne Wetterereignisse lassen sich zwar nicht ohne Weiteres auf den Klimawandel beziehen, doch der Klimawandel führt zu einer Zunahme extremer Wetterereignisse.

“This heatwave is the new normal,” says WMO Secretary-General – WMO

Die Aktienmärkte_

(30 Sekunden Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Ein guter Monat für Anleger, allerdings mit zweifelhaften Aussichten.

Index: 30-Tage-Entwicklung (seit Jahresbeginn)
Dax 40: +5,48% (-15,83%)
S&P 500: +9,11% (-13,89%)
Dow Jones: +6,73% (-10,22%)
Nasdaq: +12,55% (-21,54%)
Nikkei: +7,19% (-5,12%)
Bitcoin: +22,18% (-44,49%)

Im Juli legten viele Indizes deutlich zu, wenn auch aus einer Position der Schwäche. Anleger beruhigten sich und gewöhnten sich an hohe Inflationsraten, steigende Leitzinsen und die Energiekrise in Europa. Eine Reihe positiver Quartals- und Halbjahresberichte (wir bieten einige später in diesem Monatsreview) half ebenfalls. Makroökonomische und geopolitische Risikofaktoren hängen allerdings wie ein Damoklesschwert über den kommenden Monaten. Technische Analysten dürften derzeitige grüne Zahlen als flüchtige Bärenmarkt-Rallye bezeichnen.

Explainer zur Wirtschaftskrise (Juni 2022)
Explainer zum Tech-Crash (Mai 2022)

Die Geldpolitik_

(1 Minute Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Zeitenwende in der Eurozone, wo auch der Wechselkurs plötzlich im Rampenlicht steht.

Die Inflation in den Industriestaaten ist weiterhin hoch. In den USA stieg sie im Juni auf 9,1% (Mai: 8,6) und in Großbritannien auf 9,4% (Mai: 9,1). Zahlen für Juli gibt es schon in Deutschland, wo die Inflation leicht auf 7,5% sank (Juni: 7,6) und erste Schätzungen für die Eurozone, wo die Preissteigerung auf 8,9%  geklettert sein dürfte (Juni: 8,6).

Die EZB begann im Juli ihre persönliche kleine ZeitenwendeSie erhöhte zum ersten Mal seit 2011 den Leitzins und das stärker als erwartet. Zuvor hatte sie bereits ihre Anleihekäufe weitestgehend heruntergefahren. Für die Notenbank wird es jetzt darum gehen, die Inflationserwartungen in der Eurozone deutlich zu senken, ohne das Wachstum zu sehr zu beschädigen. Auch die Verschuldung einiger Mitgliedsstaaten scheint sie im Blick zu behalten: Das neue “Transmission Protection Instrument” (TPI) ist im Grunde ein neues Anleihekaufprogramm der EZB, mit welchem sie den Anleiheinvestoren droht: Wettet ihr zu sehr gegen Italien und die Eurozone, verbrennt die Zentralbank euch die Finger.

Auch der Euro rückte im Juli in den Fokus. Er fiel erstmals seit zwanzig Jahren kurzzeitig auf Parität mit dem US-Dollar. Das hängt mit den schnelleren Leitzinserhöhungen in den USA und der Reputation des Landes als “sicherer Hafen” zusammen. Gut für Exporteure, schlecht für Importeure, Touristen und einige Schuldner.

Die Wirtschaft in Deutschland_

(1,5 Minuten Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Inflation und Energie standen im Vordergrund, daneben zum Beispiel das “Bürgergeld”.

Wirtschaftspolitik

(Mehr unter Rubrik “Energie” oben)

  • Mit einer “konzertierten Aktion” möchte Kanzler Scholz Gewerkschaften, Arbeitgeber und Ökonomen im Kampf gegen die Inflation verbünden. Der Start verlief eher schleppend.
  • Arbeitsminister Heil (SPD) stellte mehr Details des Bürgergelds, also des Hartz-IV-Ersatzes, vor. In einem Satz: Das Arbeitslosensystem soll großzügiger werden.
  • Viel Diskussion um das Neun-Euro-Ticket: Einige Verbände und Beobachter fordern einen Nachfolger ab September; Verkehrs- und Finanzministerien wehren sich dagegen; die Busbranche fühlt sich vom gesamten Projekt hintergangen; die ÖPNV-Verbände beklagen Überlastung.
  • Eine neue Gigabitstrategie soll bis 2030 Glasfaser-Internetanschlüsse in alle Haushalte bringen.
  • Die Ampel hat sich auf einen schnelleren Erneuerbaren-Ausbau verständigt: Bis 2030 soll ihr Anteil bei 80% liegen. Dafür erhält die Windkraft mehr Landfläche zugesichert.

Was erfuhren wir im Juni über die Wirtschaft in Deutschland?

Makro

  • Die Inflation sank im Juli auf 7,5% (-0,1 PP). Die Erzeugerpreise stiegen im Juni “nur” um 32,7% (Mai: 33,6%).
  • Die Außenhandelsbilanz war im Mai erstmals seit 2008 negativ, Deutschland importierte also mehr, als es exportierte.
  • Der IWF rechnet nur noch mit 1,2% Wachstum in Deutschland 2022. Im Mai hatte er 2% erwartet.

Unternehmen und Arbeitsmarkt

  • Es gibt derzeit etwa 150.000 bis 250.000 offene Handwerkerstellen. Der gravierende Fachkräftemangel belastet zahlreiche Sanierungs-, Bau- und Klimaprojekte.
  • Deutsche Firmen werden vorsichtiger bei Neueinstellungen; das Ifo-Beschäftigungsbarometer lag im Juli so tief wie seit Mai 2021 nicht mehr.
  • Das deutsche Gastgewerbe hat sich im vergangenen Jahr deutlich erholt, liegt nur noch 15% vom Vorkrisenniveau (Februar 2020) entfernt.
  • 16% der Firmen senken laut einer DIHK-Umfrage ihre Produktion, vor allem in energieintensiven Branchen.
  • Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist auf dem niedrigsten Stand seit Juli 2020.

Soziales und Infrastruktur

  • Chaos an deutschen Flughäfen treibt immer mehr Deutsche in Züge: Die Nachfrage entlang innerdeutscher Flugstrecken lag im Mai 40% über dem Vorjahr.
  • Staatliche Investitionen in die Schieneninfrastruktur stiegen 2021 um 41% auf ein neues Rekordhoch von 124 EUR pro Kopf.
  • 48% der Deutschen bezeichnen Inflation derzeit als ihre größte Sorge, so eine McKinsey-Umfrage.

Der Rest der Welt_

(1,5 Minuten Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Einiges los in der EU und den USA; schlechte Nachrichten für China. 

EU/Eurozone

  • Die EU hat ihr erstes echtes Stück Regulation für Kryptowährungen beschlossen. Das “Markets in Crypto Assets”-Gesetz (MiCA) soll mehr Transparenz für Investoren schaffen. Der Tenor unter Beobachtern ist überwiegend positiv.
  • Mit einer neuen Startupstrategie möchte die EU-Kommission heimische Startups stärken, vor allem größere Scale-ups.
  • Ein Inflation-Entlastungspaket in Frankreich wirft 20 Milliarden EUR auf die Bürger, in Form von Energie-Preisdeckeln, höheren Renten und mehr Sozialausgaben.
  • Spanien plant eine Sondersteuer auf “Kriegsgewinne” von Banken und Energiekonzernen und will darüber 7 Milliarden EUR an Sozialausgaben finanzieren.

Europe Won’t Be the ‘Crypto Wild West’ Anymore. New EU Rules Rein in Stablecoins. – Barrons


Russland und die Ukraine

  • Russland senkt seinen Leitzins erneut und stärkt damit sein Wirtschaftswachstum auf Kosten einer höheren Inflation und eines schwächeren Rubels.
  • Die Ukraine wertet ihre Landeswährung Hrywnja um 25% ab, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Exporteure sicherzustellen.

Explainer zur Ökonomie hinter Staatsbankrotts (April 2022)


USA

  • Die USA rutschten im Juli in eine technische Rezession, nachdem das BIP im zweiten Quartal um 0,9% gesunken war.
  • Der Kongress einigte sich im Juli auf ein Investitionspaket für die Halbleiterbranche über 280 Milliarden USD. Das soll die Chip-Wertschöpfungskette in den USA autarker machen.
  • Erfolg für die Biden-Regierung: Die streitbaren Demokraten konnten sich überraschend bei einem wichtigen Klima- und Gesundheitspaket samt angeschlossener Steuerreform einigen.

What Is A Recession? – Forbes


China

  • Das chinesische BIP wuchs im zweiten Quartal nur um 0,4%, deutlich schwächer als die (ohnehin vorsichtigen) Erwartungen.
  • Peking blickt allem Anschein nach nervös auf das verlangsamte Wachstum und erwägt, Schuldenlimits im laufenden Jahr aufzuweichen.
  • Westliche Analysten befürchten einen knapp 30%-igen Umsatzrückgang im wichtigen Immobiliensektor. Zuvor hatte es Berichte über ein staatliches Rettungspaket gegeben.

China’s official growth figures are bad enough to be believed – Economist

Und darüber hinaus?

  • Der IWF senkt seine globale Wachstumsprognose für 2022 auf 3,2% herab. Im April hatte er noch 3,6% vermutet.
  • Die globalen Lieferkettenprobleme nehmen etwas ab, so mehrere Indizes. Das ist in jedem Fall eine gute Nachricht, doch in Anbetracht eines abkühlenden Konsumverhaltens womöglich weniger relevant als gehofft.

Supply Chains Inching Back to Normal Brace for Headwinds of Softer Demand – Bloomberg

Business: Quartalszahlen und Co._

(1 Minute Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Überall nur Krise? Mitnichten, vielen Firmen erging es gut.

Viele Firmen konnten im zweiten Quartal starke Resultate abliefern. Darunter waren die Autokonzerne PorscheVWMercedesContinentalTeslaFord und Stellantis; die Techkonzerne AppleAmazon und IBM; Streamingdienst Spotify; Energiekonzern RWE; Luxusimperium LVMH; Chiphersteller TSMC; Chemiekonzern BASF; und Pharmakonzern PfizerMicrosofts Quartal war zwar mäßig, doch die optimistische Prognose überzeugte. Optimismus beflügelte auch die Apple-Anleger. Netflix verlor so viele Abonnenten wie noch nie, doch gemessen an den Befürchtungen war das irgendwie doch ein Erfolg. Delivery Hero konnte durch das Kratzen an der Gewinnzone regelrecht begeistern.

Enttäuschen taten dagegen die US-Großbanken JPMorgan, Goldman Sachs, Morgan Stanley und Bank of America. Techkonzern Alphabet schwächelte und Rivale Meta lieferte den ersten Umsatzrückgang seit mindestens 2007 ab. Dass US-Einzelhandelsriese Walmart schlecht abschnitt, weckt gar Sorgen über das gesamte amerikanische Konsumverhalten. Autobauer GM erlebte einen riesigen Gewinneinbruch; Flugzeugbauer Airbus und Boeing schwächelten ebenso. Sportartikelhersteller Adidas und Elektronikhändler Ceconomy (MediaMarkt, Saturn) kassieren ihre Prognosen. Die Deutsche Bank hatte ein gutes zweites Quartal, doch Anleger sahen nur die schwache Prognose.

Viele, viele Krisen_

(30 Sekunden Lesezeit)

Für viele Firmen war der Juli brutal. Hier eine kleine Auswahl:

  • Die Luftbranche hat mit einem beeindruckenden Chaos an Flughäfen zu kämpfen, was zu Streit zwischen Airlines und Flughafenbetreibern führt. Bei LufthansaEasyJet und SAS kamen oder kommen auch noch Streiks hinzu.
  • Die Impfstoffhersteller CureVac und BioNTech überziehen sich gegenseitig mit Klagen, da die Tübinger (CureVac) den Mainzern eine Verletzung von mRNA-Patenten vorwerfen.
  • Die “Uber Files” warfen im Juli ein Licht auf teils sehr suspekte Lobbyismus-Bemühungen der Mobilitätsfirma in Europa. Diese fanden zwar noch unter der alten Geschäftsführung statt, doch die Veröffentlichung ist für Uber dennoch unangenehm.
  • Kein guter Monat für Krypto: Der weltgrößte Krypto-Hedgefonds Three Arrows Capital ging insolvent, ebenso die große Anlageplattform Celsius Network.
  • Nennenswerte Entlassungen gab es unter anderem bei Autobauer Ford, E-Commerce-Firma Shopify und dem Berliner Immobilienstartup McMakler.

Uber broke laws, duped police and secretly lobbied governments, leak reveals – The Guardian

Neue Strategien und Akquisen_

(1 Minute Lesezeit)

Strategiewechsel und Kooperationen

  • VW enthebt CEO Herbert Diess frühzeitig seines Amtes und ersetzt ihn mit Porsche-CEO Oliver Blume. Damit endet eine Ära, welche nicht wenigen Beobachtern als erfolgreich galt, aber mit viel internem Streit verbunden war.
  • VW hat die Grundsteinlegung für seine erste eigene Batteriefabrik in Deutschland gefeiert, die “Salzgiga“.
  • Bosch stockt seine Halbleiterinvestitionen um 50% auf 3 Milliarden EUR bis 2026 auf.
  • Die Commerzbank baut ihren Vorstand um, ersetzt unter anderem Personal- und Risikovorstände.
  • Die Deutsche Bank plant Medienberichten zufolge einen Eintritt ins “Buy now, pay later“-Geschäft.
  • Aldi plant offenbar eine große Expansion in China mit Hunderten neuen Filialen. Mehrere deutsche Einzelhändler sind in der Vergangenheit an dem Markt gescheitert, doch das Potenzial ist riesig.
  • Zalando plant Insidern zufolge die Expansion in die USA. “Projekt Kangaroo” könnte allerdings aufgrund der Wirtschaftslage verschoben werden.


So kam es zum Rausschmiss von VW-Chef Herbert Diess – Handelsblatt

Übernahmen

  • Der Elon-Musk-Twitter-Deal wird zur Gerichtssaga: Twitter klagt auf Durchführung der Übernahme, Musk wehrt sich.
  • US-Pharmakonzern Merck erwägt den Kauf des Krebsspezialisten Seagen für 40 Milliarden USD.
  • Amazon kauft den Gesundheitsversorger One Medical für 3,9 Milliarden USD, die drittgrößte Transaktion in der Firmengeschichte.

Startups_

(30 Sekunden Lesezeit)

Turbo-Zusammenfassung: Die Fahrtwasser für Startups werden schwieriger, aber das heißt nicht, dass es für einige nicht gut laufen könne.

Im Juli gab es zwei Welten für Startups. Die eine bestand aus Firmen wie Klarna, welches von knapp 45 Milliarden USD Bewertung auf deutlich übersichtlichere 6,5 Milliarden USD zurechtgestutzt wurde. Großinvestor Tiger Global fuhr seine Investments herunter; Megafintech Stripe reduzierte intern seine Bewertung; der Berliner Quick-Commerce-Dienst Flink bot ein Preview für Streit rund um eine Betriebsratsgründung.

Die zweite Welt bestand aus Startups, welche trotz aller Wirtschaftsunsicherheit munter Wagniskapital einsammeln konnten. Darunter waren Wefox (Deutschland, Insurtech), Northvolt (Schweden, Batterien), TAE Technologies (USA, Kernfusion) und IQM (Deutschland, Quantencomputing).

Dennoch: Insgesamt gehen die Startup-Investments zurück, wie Beratungsfirma EY für Deutschland im ersten Halbjahr 2022 bestätigt hat. Das Investitionsvolumen sei um 20% gegenüber dem rekordträchtigen Vorjahreszeitraum gesunken.

Explainer zum Tech-Crash (Mai 2022)
Explainer zur Wirtschaftskrise (Juni 2022)

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