Die Wagner-Gruppe

Die Wagner-Gruppe

Wir erklären Russlands notorischste Söldnergruppe, die Wagner-Gruppe.

Die Speerspitze | Der Sumpf | Wagner
(8,5 Minuten Lesezeit)

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Die Söldnergruppe Wagner operierte seit 2014 unter anderem in der Ukraine, in Syrien und mehreren Ländern Afrikas.
  • Sie unterstützt Regierungen gegen Rebellionen und nimmt dabei auch aktiv an Kampfhandlungen teil. Eine Spezialität und Finanzierungsquelle der Gruppe ist es, Rohstoffquellen zu sichern.
  • Wagner wird mit einer großen Zahl an schweren Menschenrechtsverbrechen in Verbindung gebracht, darunter Malis schwerstem Massaker in zehn Jahren Bürgerkrieg.
  • Wagner versucht intensiv, seine Strukturen zu vertuschen. Gründer scheint ein Ex-Soldat zu sein; auch ein Putin-naher Oligarch ist offenbar verwickelt.
  • Wagners Nähe zu den offiziellen russischen Stellen ist ein offenes Geheimnis; es gibt Hinweise zuhauf.
  • Der Kreml weist dennoch jede Verbindung zu Wagner zurück. Kein Wunder: Die Gruppe erlaubt es ihm, weltweit in Konfliktherden mitzumischen und zugleich die Beteiligung zu dementieren.

Die Speerspitze_

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Reinigungskräfte in der Ukraine

Wenn es um Russlands Engagement im Rest der Welt geht, ist oft von der Wagner-Gruppe zu hören. Dabei handelt es sich um eine inzwischen notorische Söldnergruppe. Sie ist Russlands Speerspitze in zahlreichen Konflikten in aller Welt, gerade dort, wo Moskau nicht allzu sehr auffallen möchte. Wir erklären, was über Wagner bekannt ist: Erstens, ihre Aktivitäten; zweitens, ihre Struktur.

Ihren Start hatte die Wagner-Gruppe allem Anschein nach 2014 auf der Krim. Ihre Soldaten, es ließe sich auch Mitarbeiter sagen, waren Teil der “grünen Männchen“, welche im Februar plötzlich mit modernstem Militärgerät, doch ohne Insignien, auf der Halbinsel auftauchten und sie für Russland besetzten. Verlief die Krim-Operation noch völlig gewaltlos, so war der nächste Einsatz ein vollwertiger Krieg: Wagner schickte etwa 300 Soldaten in den Donbass, wo gerade ein schlecht vertuschter Schattenkrieg zwischen Russland und der Ukraine ausgebrochen war. Der Kreml spaltete mittels zweier prorussischer Milizen, den selbsternannten Volksrepubliken Donezk (DNR) und Luhansk (LNR), Teile der beiden gleichnamigen Regionen ab. Wagner nahm an den großen Schlachten um den Flughafen Luhansk und um Debaltseve teil, führte zudem Aufklärungsmissionen, Hinterhalte und Eskorten durch. Zudem nutzten Moskau und die Führung der LNR die Söldner, um unerwünschte Milizenführer und Offiziere zu ermorden – vielleicht auch deswegen der angebliche interne Spitzname “Reinigungskräfte” (ru).

Wagner scheint nie mit Rekrutierungsproblemen gekämpft zu haben. Die Gruppe bot ihren Soldaten knapp 80.000 Rubel (ru) im Monat in der Ausbildungsphase, so das russische Medium Fontanka, was vor acht Jahren etwa 2.400 US-Dollar entsprach – kein übler Lohn (die Zahl variiert stark, wenn sie in Dollar berichtet wird, da der Wechselkurs einen großen Unterschied macht). Reguläre russische Offiziere im Rang eines Leutnants verdienen etwa die Hälfte, Milizionäre von DNR und LNR rund 15.000 Rubel. Ging es für die Wagner-Kämpfer über die ukrainische Grenze, erhielten sie sogar 120.000 Rubel im Monat; bei Kampfhandlungen gab es 60.000 pro Woche oben drauf. 

Syrien

Nach dem Abenteuer auf Krim und im Donbass ging es für Wagner weiter nach Syrien, wo Russland seit 2015 bis heute den Machthaber Bashar al-Assad im Kampf gegen eine chaotische Rebellion unterstützt. Für Wagner war es gewissermaßen ein Wiedersehen: Schon das sogenannte Slawische Korps, eine andere private Söldnergruppe, hatte 2013 in Syrien operiert. Der Einsatz scheiterte katastrophal und der russische Inlandsgeheimdienst FSB verhaftete mehrere Mitglieder, darunter die Gründer, da Söldnertätigkeiten im russischen Strafrecht unter Artikel 359 verboten sind. Viele der Kämpfer des Korps fanden bei Wagner eine neue Heimat.

In Syrien führte Wagner eine ganze Reihe an Aufträgen für die Bündnispartner des Kremls durch. Die Söldner sicherten Öl- und Gasförderanlagen, berieten die syrische Armee und nahmen an vorderster Front an ihren Offensiven teil. Es kam 2018 sogar zu einem vierstündigen Scharmützel zwischen russischen Söldnern und amerikanischen Truppen: Die Amerikaner verteidigten gemeinsam mit der kurdischen SDF das Al-Tabiyeh-Gasfeld, welches Wagner und syrische Soldaten vergeblich zu erobern versuchten. Die USA kontaktieren die russische Militärführung, welche jeglichen Bezug zu den vorrückenden Söldnern zurückwies, woraufhin die USA schwere Luftschläge genehmigten. Schätzungsweise 200 bis 300 Angreifer starben, dagegen keiner der vierzig Verteidiger. Der Rückschlag war dermaßen heftig, dass er trotz aller Geheimhaltung zuhause in Russland für Erklärungsbedarf sorgte, doch beendete die Wagner-Mission in Syrien keineswegs. Noch bis heute dürften sich Kämpfer im Land befinden, 2021 beobachteten sie unabhängige Gruppen im Einsatz gegen Zellen des Islamischen Staats.

Afrika

Parallel zum Einsatz in Syrien ging es für wohl mindestens Eintausend Wagner-Kämpfer nach Afrika. Sie unterstützten scheinbar schon ab 2017 (ru) im Sudan den Diktator Bashir, zum Beispiel indem sie sudanesische Militärs ausbildeten und Gold- sowie Uranminen beschützten. Nach Bashirs Sturz arbeiteten sie mit der militärischen Seite des revolutionären Übergangsrats zusammen, welcher 2021 die Macht im Sudan ergreifen sollte. Mutmaßlich waren Wagner-Söldner in die Niederschlagung von Protesten beteiligt, wie beispielsweise der ukrainische Geheimdienst berichtet. In die Zentralafrikanische Republik (CAR) kam Wagner 2018 auf Wunsch des Präsidenten Faustin-Archange Touadéra, um das Land im Kampf gegen Rebellengruppen zu unterstützen, Minen zu beschützen und Touadéras Leibwache zu stellen.

In Libyen war Wagner spätestens 2019 zugegen, vielleicht schon ein Jahr vorher. Es unterstützte im libyschen Bürgerkrieg den Warlord Khalifa Haftar in seiner Offensive gegen die international anerkannte Regierung in Tripolis, welche ihn bis an die Tore der Hauptstadt führte, bevor eine Intervention der Türkei ihn zurückschlug. Schätzungsweise 1.000 Wagner-Soldaten kämpften aufseiten Haftars. In Mali verdrängte Wagner ab Ende 2021 die westliche Militärmission im Land, um die neue Junta im Kampf gegen eine hartnäckige Rebellion aus Islamisten und separatistischen Tuareg zu unterstützen.

Wagner ist auch im neuen, vollwertigen Krieg zwischen Russland und der Ukraine präsent. Mutmaßlich versuchte die Gruppe zwei erfolglose Anschläge auf den ukrainischen Präsidenten Zelensky, war am Massaker im Ort Butscha maßgeblich beteiligt (€) und nimmt an der Stand Ende Juni laufenden Donbass-Offensive teil. In russischen Sozialen Medien wurden interessierte Kämpfer bereits einige Wochen vor Kriegsausbruch für “Picknicks in der Ukraine” angeworben, um dort “Salo”, eine ukrainische Speise, zu probieren. Menschen mit Vorstrafen und Schulden waren ausdrücklich zur Bewerbung eingeladen.

Gut zu wissen: Die Söldnergruppe operierte außerdem auf Madagaskar und in Mosambik, wobei sie sich aus letzterem nach schweren Verlusten gegen die lokalen IS-Rebellen zurückzog. In Venezuela spielte sie Leibwache für Machthaber Maduro inmitten der schweren Massenproteste 2018/19 (Explainer zu Venezuela, Juni 2022).

Die Verbrechen

Wo Wagner ist, dort sind auch Menschenrechtsverbrechen. Die Liste der mutmaßlichen Verbrechen ist lang, von fast beiläufigen Morden an Zivilisten in der CAR über die breite Verminung von Gebieten nahe der Hauptstadt Tripolis in Libyen. Ehemalige Mitglieder berichten davon, dass Gefangene regelmäßig exekutiert würden, da sie andernfalls Vorräte verbrauchten. Russische Journalisten, welche 2018 in der CAR zu Wagner-Aktivitäten recherchierten, wurden in einem scheinbar gut geplanten Hinterhalt ermordet. Journalist Maxim Borodin starb beim Sturz aus seinem Fenster, kurz nachdem er über Wagners Verwicklung in das Al-Tabiyeh-Gefecht berichtet hatte – einer von hunderten mysteriösen Toden von Journalisten im Putinschen Russland. An der weitestgehend rechtslosen Grenze zwischen der CAR und Sudan scheint Wagner selbst zu den Plünderern geworden zu sein, welche es eigentlich bekämpfen sollte: Augenzeugen berichten von Angriffen auf Dörfer und Minen, in welchen die Söldner Zivilisten töten und Gold sowie Besitztümer davontragen. In Mali gelang Wagner innerhalb von nur drei Monaten nach seiner Ankunft (und gemeinsam mit der malischen Armee) das schwerste Menschenrechtsverbrechen in zehn Jahren Bürgerkrieg: 300 Zivilisten wurden Ende März 2022 in der Stadt Moura von weißen Ausländern, welche kein Französisch sprachen, ermordet.
 

Der Sumpf_

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Russlands Putin (damals Premier) und Wurstmagnat Prigoschin. Quelle: Kreml

Das Söldnerkonglomerat

Was genau ist Wagner eigentlich? So ganz einfach ist das nicht zu sagen. Die Söldnergruppe dürfte aus vielen Untergruppen bestehen, von welchen einige, zum Beispiel die “Serbische Einheit” bekannt sind. Rund 90 Prozent der schätzungsweise 5.000 Kämpfer (die Zahl dürfte durch den Krieg in der Ukraine noch einmal kräftig gestiegen sein) sind Russen, doch daneben ist wohl ein Dutzend weiterer Nationen vertreten. Zudem existiert um sie herum ein kompliziertes Netz aus Unternehmen mit Namen wie Evro Polis, M Invest, Lobaye Invest oder Meroe Gold, welche beispielsweise die Umsätze aus Wagners Einsätzen beziehen oder die Kämpfer bezahlen.

Die bessere Frage ist, wie sehr Wagner mit dem russischen Staat zusammenhängt. Offiziell überhaupt nicht – immerhin sind Söldnergruppen im russischen Recht wie bereits erwähnt verboten. Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass die Gruppe als verlängerter Arm des Kremls agiert. Das russische Medium RBTH, finanziert durch den Staatssender RIA Novosti, zitiert Quellen aus Inlandsgeheimdienst FSB und Verteidigungsministerium damit, dass der Auslandsgeheimdienst GRU die Gruppe steuere. Einige der Söldner wurden offenbar mit russischen Militärflugzeugen nach Syrien geflogen (während andere kommerzielle syrische Airlines nutzen mussten). Ähnliche Meldungen, mit Verweis auf Insider, gibt es zahlreiche (ru). Der russische Militärblogger Igor Strelkin nennt Wagner sehr offen eine “inoffizielle Einheit der russischen Armee”, deren Bildung niemals ohne Zustimmung von ganz oben erfolgt wäre. Das Wagner-Ausbildungszentrum im Ort Molkino befindet sich nur wenige Minuten von einer russischen Militärbasis entfernt. Die Armee erklärt relativ unglaubwürdig, dass die Barracken lediglich ein Kinderferienlager seien.

Der Neonazi und Putins Koch

Dann wäre da noch die undurchsichtige Gründungsgeschichte Wagners. Gestartet hatte die Kompanie mutmaßlich der russische Ex-Soldat Dmitri Utkin, dessen Kampfname “Wagner” lautete. Der deutsche Klang des Namens ist kein Zufall: Utkin ist russischen Oppositionsmedien sowie ausländischen Medien zufolge ein lupenreiner Neonazi: Er trage Insignien der Waffen-SS und einen Reichsadler mit Hakenkreuz als Tätowierungen, was Fotos auf der russischen Social-Media-Plattform VK zu belegen scheinen, insofern sie denn tatsächlich ihn zeigen. Der Name “Wagner” war offenbar in Anlehnung an Adolf Hitlers Lieblingskomponisten Richard Wagner gewählt. Wirklich bestätigen lässt sich bei der ominösen Person Utkin allerdings fast nichts – Betonung auf fast.

Verbindungen zwischen Utkin und dem Kreml scheint es durchaus zu geben. Dem Gründer einer eigentlich illegalen Söldnergruppe wurde von Putin höchstpersönlich ein Tapferkeitsorden verliehen, es gibt Fotos (lt) von den beiden; zudem nahm er 2016 an einem Empfang mit dem Präsidenten teil, wie Kreml-Sprecher Dmitri Peskow später einräumen musste (ru). Wie so vieles im Sumpf des russischen militärisch-politischen Komplexes lässt sich allerdings nicht genau sagen, wie wichtig Utkin tatsächlich ist oder ob in Wahrheit jemand ganz anderes Wagner kontrolliert, eben zum Beispiel das Verteidigungsministerium oder der GRU. Als Geldgeber der Wagner-Gruppe gilt jedenfalls Putins enger Vertrauter und ehemaliger Koch Jewgeni Prigoschin, welcher von Investigativjournalisten und westlichen Regierungen mit den Entitäten rund um Wagner in Verbindung gebracht wird. Warum ein ehemaliger Wurstmagnat und Restaurantbesitzer ein Söldnerheer finanzieren sollte, ist nicht ganz klar – auch Prigoschin könnte lediglich eine weitere Ebene sein, welche von den tatsächlichen Kommandostrukturen bei Wagner ablenken soll.

Gut zu wissen: Wie er mit ihnen verwickelt sein mag, hin oder her: Prigoschin hat allermindestens ein Faible für die Söldner. Er hat russischen Investigativjournalisten zufolge den Film “The Tourist” finanziert, in welchen es um heroische russische Militärberater in der CAR geht. Prigoschin wird außerdem mit der Internet Research Agency (IRA) in Verbindung gebracht, welche unter ihrem Namen “Trollfarm” besser bekannt ist und auf die US-Wahlen 2016 Einfluss genommen haben könnte.

Warum existiert Wagner?

Für Russland haben die Söldner einige klare Vorteile. Erstens, sie erlauben es dem Kreml, jegliche Beteiligung von sich zu weisen und Verluste zu vertuschen. Verweise auf Menschenrechtsverstöße fegt Moskau weg, indem es darauf verweist, dass Söldner in russischem Recht ja gar nicht legal seien – unmöglich also, dass der Staat mit Wagner zu tun hätte. Ohne das reguläre Heer zu entsenden und sich öffentlichem Druck durch ein in- und ausländisches Publikum auszuliefern, kann Russland seelenruhig seine außenpolitischen Ziele verfolgen. In Libyen, Sudan, Syrien und Mali stärkte es nicht nur Warlords, es sicherte sich zugleich einen lukrativen Zufluss an wichtigen Rohstoffen. Verarmte Länder wie der Sudan und die Zentralafrikanische Republik tun sich schließlich schwer, die Söldner zu bezahlen, also geben sie ihnen Zugriff auf den eigenen Rohstoffreichtum; jede eroberte Mine bietet damit direkten Umsatz (für den Kreml hat das den zusätzlichen Vorteil, dass sich Wagner gewissermaßen in Teilen selbst finanziert).

Gleichzeitig sollte Wagners Rolle nicht überbewertet werden. Es handelt sich um keine mysteriöse Schattenarmee, mit welcher der Kreml über den Globus hinwegfegt, auch wenn das Narrativ ihm entgegenkommen dürfte. Es ist lediglich ein getarnter Arm des russischen Verteidigungsministeriums, welcher durch seine jahrelange Existenz zwar offenbar Nützlichkeit bewiesen hat, doch eben auch Rückschläge zu verbuchen hatte, wie den Vorfall in Al Tabiyeh, den Rückzug aus Mosambik oder die strategische Niederlage in Libyen. Und internationale sowie kritische nationale Beobachter lassen sich von der Heimlichtuerei rund um Wagner kaum noch abschütteln: Was die Gruppe tut, fällt auf und auf den Kreml zurück.

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