Europas Süden wird zur Erfolgsstory

Ein Europa der zwei wirtschaftlichen Geschwindigkeiten, nur nicht so rum, wie du es gewohnt bist. 
07.04.2024

Spanien | Portugal | Griechenland | Italien

(17 Minuten Lesezeit)

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Südeuropa war lange ein Synonym für Wirtschaftsschwäche und Krise. In den vergangenen Jahren schneiden die “PIGS“-Länder aber stark ab – vor allem im Vergleich zu Nordeuropa.
  • In Spanien und Portugal ist es ein Mix aus rekordhohem Tourismus, kräftigen Exporten, gestiegener Wettbewerbsfähigkeit und einem milderen Verlauf der Energiekrise.
  • Ganz ähnlich in Griechenland, wo aber vor allem die jahrelangen Reform- und Sparbemühungen seit der Eurokrise Früchte tragen.
  • In Italien mischen sich unvollständige Strukturreformen mit schuldenfinanzierten Konjunkturmaßnahmen. Das Land ist ein Wachstumstreiber der Eurozone, doch wie nachhaltig die Dynamik ist, ist schwierig einzuschätzen
  • Wie lange der Trend in den PIGS-Staaten anhalten wird, ist unklar, und in absoluten Einheiten bleibt die Wirtschaft im Süden deutlich kleiner. Dennoch: Es ist ein positiver Trend.

Von der Krise zum Erfolg_

(3 Minuten Lesezeit)

Kern und Peripherie

Europa ist zweigeteilt: In einen wachstumsstarken und einen wachstumsschwachen Teil. Nur sind die Rollen nicht mehr so verteilt, wie es die meisten Europäer gewohnt sein dürften. Es ist ausgerechnet der Süden, welcher plötzlich Dynamik beweist.

Alle bis auf die jüngsten whathappened-Leser können sich an die Finanzkrise 2008 und die darauf folgende Eurokrise erinnern. Das Resultat waren ein resilienter, wirtschaftsstarker “Kern” der EU, welcher sich recht schnell erholte und von der Krise teils profitierte – Deutschland, Frankreich, Österreich, die Niederlande, Dänemark, im Grunde auch Großbritannien – und eine “Peripherie”, welche unter Wachstumsschwäche, Schuldenkrisen und grassierender Arbeitslosigkeit litt.

Nicht die gesamte Peripherie, wohlgemerkt. Im Osten sind Länder wie Polen, Tschechien und die Balten schon seit Jahren wirtschaftliche Erfolgsstorys. Finanz- und Eurokrise trafen einige von ihnen nur marginal, andere zwar schwerer, aber nur vorübergehend. Um sie geht es in diesem Explainer nicht, auch wenn sie einen eigenen verdienen würden.

Anders im Süden. Italien, Spanien, Griechenland und Portugal, manchmal als “PIGS” abgekürzt, erlebten schmerzhafte Jahre. Italien wuchs praktisch gar nicht mehr, junge Spanier entflohen einer 50-prozentigen Jugendarbeitslosigkeitsquote scharenweise nach Deutschland (und machten sich zumindest anekdotisch aufgrund des schlechten Wetters später wieder auf den Rückweg) und Griechenlands selbstverschuldete Schuldenkrise führte das Land beinahe aus der Eurozone, stattdessen aber in die schwerste Austeritätsphase, welche die EU je erlebt hatte. Der Süden war synonym zu Krisen, fliehenden Investoren, kopfschüttelnden EU-Bürokraten und intensiver Faszination an deutschen Stammtischen.

Zehn Jahre später stehen alle vier Länder bedeutend besser dar und bieten zumindest teilweise Grund zum Optimismus, dass das noch ein Weilchen lang der Fall sein wird. Und als wäre das nicht genug, ist ausgerechnet der Vergleich zu den früheren Wirtschaftstriebfedern vorteilhaft, denn Deutschland, Großbritannien oder Frankreich kämpfen derzeit mit ihrem Wachstum, ihren Schuldenquoten, ihren Haushaltsdefiziten oder allem gleichzeitig.

Die Zahlen stimmen

Erst einmal die Grundlage des Arguments: Drei der vier großen Länder Südeuropas gehörten 2023 zu den wachstumsstärksten der gesamten EU. Italien, das vierte, bot zwar weniger schillernde Veränderungsraten, doch schlug nicht nur die eigenen Vorjahre, sondern auch die anderen größten Volkswirtschaften. Und da es so groß ist, trug Italien gemeinsam mit Spanien maßgeblich dazu bei, dass die EU 2023 überhaupt ein Gesamtwachstum schaffte. Im laufenden Jahr sowie 2025 dürften die Südeuropäer weiterhin vorne dabei bleiben, auch wenn Ost- und Zentraleuropa noch schneller wachsen wird. Ergänzt man die vier großen “PIGS” um Zypern und Malta, sieht das Bild sogar noch besser aus. Abseits der Wachstumsraten können alle vier Länder auf sinkende Schuldenquoten, wachsende Arbeitsmärkte und höheres Finanzmarktvertrauen verweisen. Der Süden wächst nicht nur, er scheint es nachhaltig zu tun. Mit einer Ausnahme, welche wir diskutieren werden.

Gut zu wissen: Seit 2017 sind die vier großen “Südeuropäer” 5 Prozent stärker gewachsen als Deutschland, das langjährige powerhouse der EU. Zusammengerechnet haben sie über 200 Milliarden EUR an BIP zugelegt, gegenüber Deutschlands 85 Milliarden EUR.

Der Erfolg steht in allen vier Ländern auf einem ähnlichen Fundament: Ein kräftiges Comeback des Tourismus nach den Pandemiejahren sowie weniger Exponiertheit gegenüber der Energiekrise – beispielsweise, weil sie weniger abhängig von russischem Gas waren – und der Schwäche des verarbeitenden Gewerbes. Dazu kommt ein kleines, aber spürbares Produktivitätswachstum, welches die Wettbewerbsfähigkeit bei den Arbeitskosten steigert, während die Produktivität in Deutschland und Co. stagniert und schnell wachsende Löhne die Wettbewerbsfähigkeit drücken (in Deutschland sogar noch in relativ moderatem Maße, deutlich stärker in Frankreich oder Österreich). Und, zu guter Letzt, der 750 Milliarden EUR schwere EU-Wiederaufbaufonds “Next Generation EU” aus den Covid-Jahren. Aus ihm wurde zwar bislang nur ein Drittel ausgeschüttet, doch die Staaten im Süden profitieren überproportional.

Spanien & Portugal_

(3,5 Minuten Lesezeit)

Spaniens Arbeitsmarkt läuft (ein bisschen) heiß

Spanien führt den aktuellen Trend an. 2023 wuchsen nur das kleine Malta und Kroatien schneller. Das ist bemerkenswert, denn das Land ist die viertgrößte Wirtschaft der EU, mit der viertgrößten Bevölkerung – startet also von keiner geringen Basis.

Es ist ein großer Profiteur des Booms im Tourismussektor, welcher 2022 ganze 11,6 Prozent des BIP ausmachte. Doch darüber hinaus erlebt Spanien einen kräftig wachsenden Export in allerlei Kategorien, von Industrieerzeugnissen bis hin zu Finanzdienstleistungen. Dazu dürfte die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit bei den Arbeitskosten beigetragen haben. Sie bedeutet nicht, dass Spanier weniger verdienen würden: Der Reallohn ist 2023 um fast 5 Prozent gestiegen, angetrieben von einem kräftigen Arbeitsmarkt.

Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit mit 11,76 Prozent unter dem Vor-Covid-Niveau (14 Prozent) und so niedrig wie zuletzt 2008. Im vierten Quartal 2023 wuchs Spaniens Arbeitsmarkt so schnell wie kein anderer in Europa, mit Ausnahme von Rumänien und Malta. Das feuert wiederum den Binnenkonsum an, was sich ebenfalls im BIP-Wachstum äußert, wo der Konsum der Treiber ist – bemerkenswert, da ausgerechnet der inflationsgebeutelte Konsum in Deutschland das Sorgenkind darstellt. Die Tatsache, dass spanische Haushalte und Firmen über die letzten Jahre ihre Verschuldung gesenkt haben – also nicht nur die Regierung – schafft jetzt Flexibilität für Anschaffungen und Investitionen.

Der Wirtschaftsboom zeigt sich auch in den Immobilienpreisen, welche im letzten Jahr um 4,2 Prozent gestiegen sind, während sie in der gesamten Eurozone fielen. Damit bleibt der Bedarf nach mehr Büros, Hotels, Fabriken und Wohnungen unbeeindruckt von den steigenden Kosten durch höhere Zinsen, welche etwa in Deutschland den Bausektor in eine tiefe Krise gestoßen haben.

Zu guter Letzt erlebte Spanien die Energiekrise so milde wie kaum ein anderes europäisches Land. Vor 2022 befanden sich 6 der 26 Flüssigerdgas-Terminals (LNG) in Europa in Spanien, welches sein Gas also seit jeher von Übersee und nicht aus russischen Pipelines bezog. Gepaart mit Langfristverträgen isolierte es das Land von den direktesten Folgen des Ukrainekriegs auf den Energiemarkt. Auch der Strommix mit 22 Prozent aus Windkraft und fast genauso viel aus Atomkraft half (30 Prozent stammen allerdings aus Erdgas; Kohle ist vernachlässigbar). Da, wo es sich vor den Folgen nicht verbergen konnte, stützte die Regierung die Wirtschaft mit einem Preisdeckel, was mindestens in der Kurzfrist zum Wachstum beiträgt.

Gut zu wissen: Teil des Arbeitsmarktwachstums ist die kräftige Immigration, welche die arbeitende Bevölkerung letztes Jahr um 1,1 Prozent erhöht hat. Das dürfte vordergründig mit vielen Venezolanern und Kolumbianern zusammenhängen, welche dank passender Sprachkenntnisse relativ schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Wer in Migrationsstatistiken der EU schaut, findet die zwei südamerikanischen Länder fast an der Spitze der Zuzüge 2023, doch als Ziel fungiert fast ausschließlich Spanien.

Portugals Wunderwirtschaft

Zu Portugal lässt sich viel Ähnliches sagen: Ein starker Tourismus, welcher 2023 einen Rekordumsatz von 42,1 Milliarden EUR einbrachte. Ein recht krisenfester Energiemix, welcher zwar nicht auf Atom, dafür aber stärker auf Wasserkraft setzt und 2023 von reichlich Wind profitierte. Ein boomender Exportsektor, in Branchen wie Textilien, Autoteile und Fahrräder. Dazu kommt eine stark gewachsene Nachfrage auf dem Immobilienmarkt, vor allem durch ausländische Käufer. 

Das Land litt nie so stark unter der Eurokrise wie der Rest der “PIGS”-Staaten. Arbeitslosigkeit, Verschuldung und andere Metriken stiegen deutlich weniger als etwa im benachbarten Spanien. Das erlaubte es Portugal, sich deutlich schneller zu konsolidieren, womit der jetzige Boom auf einer bereits besseren Basis geschieht. Wie diese Basis ermöglicht wurde, versteht die whathappened-Redaktion zugegebenermaßen nicht genau. Und wenn selbst die Starökonomen Paul Krugman und Oliver Blanchard es “ein bisschen mysteriös” nennen, wird sie gar nicht erst versuchen, mit ihren Hypothesen um sich zu werfen. Das Ergebnis in Portugal lobte Krugman Ende 2023 jedenfalls als “ökonomisches Wunder”. 

Gut zu wissen: Ein bisschen Hypothesenweitwurf gestatten wir uns natürlich. Portugal ist eine sehr offene Wirtschaft; denkbar ist, dass der starke Exportsektor im letzten Jahrzehnt die Erholung trieb, und zwar anteilig stärker als in Spanien, Italien oder dem lange vom Finanzmarkt abgekoppelten Griechenland. Das ergäbe auch vor dem Hintergrund einer langjährigen Niedrigzinspolitik, welche Nachfrage aus Deutschland und anderen EU-Staaten getrieben hatte, Sinn. Selbstverständlich wird das nicht der einzige Grund sein. Eine sehr tiefgehende Analyse des portugiesischen Finanzministeriums findest du hier.

Griechenland_

(4,5 Minuten Lesezeit)

Griechenland

Der Economist ernannte Griechenland 2023 zum bestperformenden Industrieland der Welt. Zehn Jahre davor sah es ganz anders aus.

Athen musste 2009 einräumen, dass die eigenen Haushaltsdefizite viel höher waren, als zuvor angegeben. Es war ein Schock für Investoren, welche umgehend die Kreditwürdigkeit griechischer Anleihen herabjustierten und, verwundet aus der Finanzkrise, vorsichtshalber gar nicht mehr an Griechenland verliehen. Die Finanzierungskosten des Landes stiegen rasant an, es konnte seine Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen und ging bankrott. Die EU schaltete in den Krisenmodus. EU-Kommission, Europäische Zentralbank (EZB) und Internationaler Währungsfonds (IWF) unterstützten Griechenland als “Troika” mit Rettungspaketen. Die EZB ist nominell unpolitisch, der IWF keine europäische Organisation – ein Hinweis darauf, welche Tragweite die Krise für die gesamte EU und Weltwirtschaft anzunehmen drohte.

In Griechenland selbst war die plötzliche Krise nicht minder ein Schock. Die Troika band ihre Hilfspakete an Austeritätsmaßnahmen, also höhere Steuern sowie geringere Subventionen und Sozialausgaben, welche die griechischen Regierungen bis 2016 in zwölf Runden umsetzten. Sie waren zutiefst unbeliebt, führten zeitweise gar zu Protesten und Ausschreitungen. Kein Wunder, waren eine tiefe Rezession und schwere soziale Kosten zur “Gesundschrumpfung” praktisch gewollt. Bis 2015 fiel die Kaufkraft der Griechen um 40 Prozent, die Arbeitslosigkeit stieg Mitte 2013 auf ein Rekordhoch von 28 Prozent und die Jugendarbeitslosigkeit erreichte 62 Prozent.

2015 stellte die linkspopulistische Syriza-Regierung ein neues Hilfspaket samt Austeritätsmaßnahmen zum Referendum. Ganz Europa verfolgte das Votum, denn Kritiker werteten ein “Nein” als Eröffnungssalve für einen griechischen Euroausstieg. Unterstützer wiegelten ab: Es würde lediglich den Unmut der Bevölkerung demonstrieren und damit Athens Verhandlungsposition gegenüber den Geldgebern verbessern. Letztlich lehnten 61 Prozent der Griechen das Paket ab, doch nur drei Tage später machte Premier Alexis Tsipras eine spektakuläre Kehrtwende und unterschrieb ein noch strengeres Hilfs- und Reformpaket, als ursprünglich zur Wahl gestellt.

Gut zu wissen: Eine berühmte und kontroverse Personalie jener Zeit war der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis Der öffentlichkeitswirksame linke Ökonom hatte sich energisch für ein “Nein” eingesetzt und erklärte nach Tsipras’ Kehrtwende umgehend seinen Rücktritt. Noch heute ist er ein umtriebiger Kommentator für Wirtschaftsfragen.

Über die Jahre stabilisierte sich die griechische WirtschaftSchon 2014 erhielt es wieder teilweisen Zugang zum Finanzmarkt, konnte sich also selbstständig Geld leihen. Nach der Referendum-Kehrtwende 2015 beruhigte sich der Streit zwischen Athen und den EU-Institutionen. Die “Griechenland-Diskussionen” im Rest der EU, welcher in Deutschland gar zur Gründung der AfD beigetragen hatte, klang ab. Genauso der ökonomische Diskurs, welcher sowohl im populären als auch im fachlichen Milieu geführt wurde: Austerität, um sich gesund zu sparen? Oder lieber eine expansive Fiskal- und Gelpolitik, um aus der Krise herauszuwachsen? Oder gar ein Euro-Austritt mit Rückkehr zur Drachme, um diese abwerten zu können, was im Korsett der Einheitswährung Euro unmöglich war? Bereits ab 2016 geriet das alles in den Hintergrund. Neben Flüchtlingskrise, Brexit, Trump-Wahl, US-China-Handelskrieg, Covid-19 und Ukrainekrieg war kein Platz.

Viel zu erzählen gab es womöglich ohnehin nicht. Tsipras regierte noch bis 2019, als er vom konservativen Kyriakos Mitsotakis ersetzt wurde. Unter diesem setzte Griechenland seine langsame Konsolidierung mitsamt Austeritätsmaßnahmen fort: Solide Staatsfinanzen mit kräftigen Steuereinnahmen sowie Vorsicht bei Subventionen, Sozialausgaben und Schuldenaufnahme; starke Investitionsanreize; effektive Schwarzmarktbekämpfung. Einige Reformen funktionierten auffällig gut: Die griechische Schattenwirtschaft machte 2013 ganze 30 Prozent des BIP aus, 2021 waren es nur noch 16 Prozent, so der IWF in einer Analyse.

Relativ unbemerkt von der europäischen Öffentlichkeit verbuchte das Land langsam einen Meilenstein nach dem anderen. Ein besonders wichtiger geschah im Oktober des letzten Jahres: Griechenlands Kreditwürdigkeit wurde wieder als “Investment Grade” eingestuft, also als sehr hoch. Kurz davor hatte das Land zum zweiten Mal eine Kredittranche aus der Eurokrise vorzeitig getilgt. Und ein Anleiheverkauf in den Tagen darauf erfuhr so viel Interesse wie noch keine andere Emission durch eine griechische Regierung. Erst Anfang dieses Jahres ging der Internationale Flughafen Athen mit einem 30-prozentigen Anteil an die Börse und legte Griechenlands größten IPO seit 24 Jahren hin. Im Jahresverlauf will die Regierung ihre Anteile an fünf Banken, welche sie in der Eurokrise stabilisieren musste, wieder abstoßen. Eine Einigung mit Gläubigern hatte das eigentlich erst bis Ende 2025 vorausgesetzt. “Wir haben keinen Grund zu warten”, so Athen selbstbewusst.

Gut zu wissen: Ein großer Schritt im Kampf gegen die Steuerkriminalität, sprich die Schattenwirtschaft, scheint die Einführung von verpflichtenden Kartenterminals gewesen zu sein. Dutzende Berufsgruppen und seit Anfang 2024 auch Selbstständige sind betroffen.

Griechenland freut sich dieser Tage also über eine gewisse “Comeback-Begeisterung” an den Finanzmärkten, welche auf seine zahlreichen Reformanstrengungen und die schmerzhaft ersparte Stabilisierung des eigenen Haushalts zurückgeht. Ebenso profitiert es wie der Rest Südeuropas von rekordhohen Umsätzen im Tourismussektor. Das Ergebnis ist eine boomende Wirtschaft, was sich beispielsweise in der kräftigen Bauaktivität zeigt: 2023 wurden 56 Prozent mehr Genehmigungen für Wohngebäude, Büros, Fabriken und Hotels ausgestellt als 2019. Nahe Athen entsteht mit der Planstadt Ellinikon derzeit eines der größten Entwicklungsprojekte Europas.

Auch der Arbeitskraftmangel ist ein Symbol für die Wachstumsdynamik: 400.000 freie Stellen meldeten Firmen den staatlichen Behörden, was einem Zehntel der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung entspricht (das Pendant in Deutschland wäre eine Arbeitskraftlücke von 4,5 Millionen Stellen; die tatsächliche Zahl betrug 2023 rund 760.000). Wo griechische Arbeiter früher aus dem Land flohen, um anderswo als Gastarbeiter oder Immigranten eine bessere Chance auf Jobs zu haben, schließt das Land jetzt selbst Anwerbeabkommen mit Georgien, den Philippinen, Ägypten und weiteren Ländern. Irreguläre Migranten, welche einem Job nachgehen, können eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Längst nicht nur für den Tourismus und Bau, auch in der Landwirtschaft und im nicht-touristischen Dienstleistungssektor sucht die wachsende griechische Wirtschaft nach Arbeitskräften.

Italien_

(3 Minute Lesezeit)

Lange eher gemächlich

“Wird Italien Deutschland als wirtschaftliches powerhouse ablösen?”, fragt die Deutsche Welle in einem Artikel aus April. Und obwohl sich Fragen in Schlagzeilen eigentlich immer mit “Nein” beantworten lassen, ist es allein schon beachtenswert, dass sich die Frage überhaupt stellen lässt, ohne absurd zu klingen.

Italien wächst im Grunde seit zweieinhalb Jahrzehnten höchstens behäbig. Überbordende Bürokratie, komplexe Steuern, ein langsames Justizsystem und unzuverlässige öffentliche Dienste plagen das Land, welches es im “Ease of Doing Business”-Index traditionell in die Nachbarschaft von Kenia, Kosovo und Bulgarien schafft. Die Schattenwirtschaft entspricht etwa einem Sechstel des offiziellen BIP (also das Niveau, welches Griechenland nach 10 Jahren Reformbemühung erreicht hat). Dazu kommt eine sehr aktive Schuldenaufnahme, da die populistischen Regierungen um Langzeitpremier Silvio Berlusconi oder die Fünf-Sterne-Bewegung die Gemüter des Wahlvolks zu besänftigen wussten.

Die hohe Verschuldung machte das Land besonders exponiert für die Finanz- und Eurokrise. Der Doppelschock traf es so schwer, dass das reale (also inflationsbereinigte) BIP im Jahr 2014 auf dem Niveau des Jahres 2000 lag. Wortwörtlich mehr als eine verschenkte Dekade. Italiens Finanzinstabilität samt Wachstumsschwäche beschäftigte die EU-Institutionen, die europäischen Medien und, wohl am gewichtigsten, die deutschen Stammtische. Tatsächlich ist Italien so groß, dass ein ausreichend starkes Umkippen die Stabilität der gesamten Eurozone belastet hätte. Italien war der “kranke Mann Europas”, jener Titel, welchen Deutschland zur Jahrtausendwende besessen hatte (und das osmanische Reich in den Jahrzehnten vor seinem Zerfall).

Heute sieht es etwas anders aus. Italien wächst als drittgrößte Wirtschaft deutlich schneller als Deutschland und Frankreich; dürfte in den kommenden zwei Jahren noch zulegen. Das Gesamtwachstum seit 2019 war doppelt so schnell wie in Frankreich und fünfmal schneller als in Deutschland, rechnet die Commerzbank vor. Das reale BIP hat beinahe wieder den Rekordwert aus dem ersten Quartal 2008 erreicht. Der italienische Aktienmarkt FTSE MIB lässt die anderen europäischen Indizes hinter sich. Die Staatsverschuldung ist gesunken.

Strukturreformen und Superbonus

Die italienische Erfolgsstory scheint auf zwei Säulen zu stehen. Die technokratische Vorgängerregierung hatte eine Reihe von Strukturreformen vorgenommen und viel Vertrauen unter Investoren geschaffen. An ihrer Spitze stand der Ökonom und ehemalige EZB-Chef Mario Draghi, welcher in der Stabilisierung der Eurokrise eine herausragende Rolle gespielt hatte. Im Oktober 2022 wurde er durch Giorgia Meloni an der Spitze einer Rechtskoalition ersetzt. Durchaus entgegen vieler Erwartungen setzte die neue Regierung Draghis bedachten Wirtschaftskurs fort und tut das bis heute. Auch Konflikt mit der EU-Kommission vermeidet Rom mehrheitlich. Das ist die erste Säule.

Die zweite Säule ist, dass die italienische Regierung große Teile des Wachstums direkt zu finanzieren scheint und dafür hohe Schulden in die Hand nimmt. Der Anteil der Neuverschuldung am BIP lag in der ersten Hälfte 2023 bei 8,3 Prozent, weit über den 1,5 Prozent direkt vor der Covid-Pandemie. Im laufenden Jahr dürfte die Schuldenquote nach mehrjährigem Rückgang wieder auf 140 Prozent klettern, 2025 weiter steigen. Das Geld setzt der Staat etwa für Subventionen im Bausektor ein, am prominentesten mit dem wahrlich gigantischen “Superbonus” für energetische Sanierungen, welchen schon die Fünf-Sterne-Regierung eingeführt hatte und den Meloni zuletzt aufgrund seiner hohen Kosten eingeschränkt hat. 2022 betrug das Haushaltsdefizit aufgrund von Covid-Folgen und Superbonus beachtliche 8,6 Prozent. Auch im ersten Meloni-Jahr war es mit 7,2 Prozent noch sehr hoch. Im laufenden und nächsten Jahr soll es auf knapp über 4 Prozent herabsinken.

Gut zu wissen: Stärker noch als alle anderen Staaten profitiert Italien von EU-Geldern. Über 100 Milliarden EUR aus dem Next Generation EU-Fonds hat es bereits erhalten, weitere 90 Milliarden EUR folgen noch. Ein Viertel des gesamteuropäischen Fonds geht also an Rom.

Insgesamt ist Italien damit ein weniger klarer Fall als die anderen drei PIGS-Staaten. Spanien, Portugal und vor allem Griechenland scheinen tatsächlich deutlich besser als in den Vorjahren dazustehen, haben auch strukturelle Hebel betätigt bekommen. Wie nachhaltig Italiens Wachstum ist, ist schwieriger zu sagen – womöglich zerfällt es schnell, sobald die Regierung ihre Ausgaben zurückfährt. Ein Ökonom der Hamburg Commercial Bank (früher HSH Nordbank) erkennt “kein Wachstum, welches der Rede wert sei”. Und Roberto Perotti, Finanzprofessor an der renommierten Bocconi-Universität in Mailand, höhnt: “Wir freuen uns über 0,5 Prozent [BIP-Wachstum]”.

Perspektive bewahren_

(4 Minuten Lesezeit)

Besser, nicht unbedingt gut

Die Tatsache, dass die Südeuropäer wieder kräftiger wachsen, bedeutet nicht, dass die Krise völlig überwunden sei. Das kollektive BIP der vier Staaten ist heute knapp 5 Prozent über jenem Deutschlands, so das Analysehaus Capital Economics – vor der Krise 2008 waren es 20 Prozent. Die Schuldenquoten haben zwar überall die Covid-Pandemie hinter sich gelassen, doch noch längst nicht den kräftigen Anstieg im Jahrzehnt der Eurokrise. Und auch die Arbeitslosigkeit ist in den meisten Fällen so niedrig wie zuletzt… 2008.

Damit ist die aktuelle Erfolgssträhne in vielerlei Hinsicht ein Erfolg des Vergleichs: Im Vergleich zu den letzten 14 Jahren, im heutigen Vergleich zu den anderen EU-Staaten. In absoluter Hinsicht bleibt das Wirtschaftsniveau im Süden weit hinter jenem des reichen Nordens und weiterhin unter dem eigenen Niveau von vor 2008. Und dann ist längst nicht jeder Vergleich schmeichelhaft: Unsere Grafik oben zeigt, dass das Wachstum im BIP pro Kopf – dem besten einfachen Proxy für “Wohlergehen”, welchen wir besitzen – im Süden Europas seit 2000 mager geblieben ist. Auch im Vergleich mit Staaten, welche eigentlich von einer viel höheren Basis gestartet sind.

Kommt immerhin der jetzige Wachstumsschub bei den Menschen in Spanien, Italien, Portugal und Griechenland an? Vielerorts ja, doch längst nicht überall. Er ist noch nicht so umfassend, dass er bereits durch alle Gesellschaftsschichten und Sektoren hindurch hätte wirken können. Die hohen Inflationsraten der vergangenen zwei Jahre sorgen für Verunsicherung bei Haushalten, was oftmals die Empfindung, dass die Wirtschaft besser laufe, übersteigt. Auch haben längst nicht alle Menschen bereits von Reallohnanstiegen profitiert, womit sich nicht wenige in einer schlechteren finanziellen Lage als noch vor zwei oder fünf Jahren finden. In Portugal arbeiten etwa 5 Prozent aller Erwachsenen in zwei oder drei Jobs gleichzeitig, um ihr Leben zu finanzieren. Ärger über die Wirtschaft war einer der Gründe, warum die rechtspopulistische Chega-Partei in Portugal ihr Ergebnis in der Parlamentswahl im März 2024 verdreifachte. Und in Griechenland, wo 400.000 Arbeitskräfte gesucht werden, sind 495.000 Menschen arbeitslos – nur handelt es sich um schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose, welche von der Eurokrise praktisch aus der Erwerbsbevölkerung katapultiert worden sind und jetzt keinen Anschluss finden.

Es ist außerdem fraglich, wie lange der Boom anhalten wirdGrundsätzlich bleiben viele strukturelle Risikofaktoren unbeantwortet, etwa die schlechte demografische Dynamik. Politisch erlebt jedes der Länder ganz eigene Risiken: In Portugal ist jüngst die Regierung gescheitert und die Neuwahl brachte keinen klaren Sieger; in Spanien regiert Premier Pedro Sánchez nur dank eines volatilen, hochkontroversen Bündnisses mit katalanischen Separatisten; und in Italien besteht permanent die Gefahr eines Abrutschens in einen Wirtschaftspopulismus oder ein Regierungskarussell. Selbst der Chef der griechischen Zentralbank, Yannis Stournaras, erklärt, dass die “outperformance” des Südens, also sein starkes Abschneiden im Eurozonen-Vergleich, nicht dauerhaft anhalten wird. Nun ist sehr weniges wahrlich “dauerhaft”, womit er damit “nicht länger als einige Jahre” meinen dürfte. Aber man muss ja nicht unbedingt besser als andere sein, um etwas gut zu machen.

Die aktuelle Entwicklung ist, wie man sie auch drehen mag, eine positive. Sie bedeutet höhere Lebensstandards, mehr Innovation und geringere Finanzierungskosten in Südeuropa. Es ist wichtig, Perspektive zu bewahren und nicht zu vergessen, dass zwischen Süd- und Nordeuropa noch immer viel Unterschied herrscht, das Vorkrisenniveau – also jenes vor 15 Jahren – oft nicht erreicht ist und Teile des Wachstums auf wackligen Füßen stehen. Doch die Richtung stimmt.

“Es wird kein Eldorado, aber ein Land, welches Investoren anziehen wird”, fasst die Investmentbank Natixis mit Bezug auf Spanien die Lage gut zusammen. Außerdem nimmt die stabile Lage des Südens Druck vom Euro und vom EU-Bankensystem und erleichtert den Job der EZB. Diese ist theoretisch nur dem Ziel der Preisstabilität verschrieben (welches sie als mittelfristige Inflation von 2,0 Prozent definiert), doch es ist ein offenes Geheimnis, dass sie auch auf die Wirtschaftslage ihrer Mitgliedsstaaten schielt. Dass Südeuropa weder an der Rezession noch an der Schuldenkrise entlang taumelt, erlaubt es der EZB, höhere Leitzinsen länger beizubehalten, um die Inflation hinreichend zu drücken.

Haben die Austeritätspolitiker also recht gehabt, als sie Griechenland und Co. vor 14 Jahren die “harte Medizin” eingossen? Diese Frage kann nicht beantwortet werden. Der Süden hat seine tiefste Krise verlassen, das steht fest. Die knapp 10 Jahre, die das gedauert hat, sind weder offensichtlich sehr lang noch kurz. Ob ein alternativer Ansatz besser oder schlechter funktioniert hätte, ist auch mit dem heutigen Wissen unmöglich zu sagen, lässt sich nur genauso gut theoretisieren, wie schon vor Jahren.

Vielleicht ist der Blick auf die Vergangenheit aber auch gar nicht das Wichtigste. Für die Länder des südlichen Europa dürfte es eher darum gehen, mehr in der Zukunft zu erkennen.

Scroll to Top