Russlands Pfad, Teil 3: Dunkelheit

Ein Meinungsexplainer zur Tötung von Alexei Nawalny am 16. Februar 2024.

Prolog | Leben und Tod | Keine neue Ära

(14 Minuten Lesezeit)

Blitzzusammenfassung_(in 30 Sekunden)

  • Alexei Nawalny ist im russischen Gefängnissystem gestorben. Die Attribution der Tötung zum Kreml ist angemessen.
  • Nawalny, teils Nationalist, teils Liberaler, war knapp 15 Jahre lang die einzige relevante Oppositionsfigur und bewies sich als effektiver Populist, Aktivist und Antikorruptionskämpfer.
  • Anders als in der Opposition und im Ausland erlangte er in der Gesamtbevölkerung nie viel Beliebtheit.
  • Dem Kreml war er allerdings unangenehm genug, um 2020 ein erfolgloses Attentat auf ihn zu verüben. 2021 kehrte er freiwillig ins Land zurück, wurde verhaftet und in kritischen Bedingungen gehalten.
  • Sein Tod steht symbolisch für den Zerfall der prodemokratischen Opposition in Russland. Von ihr ist kaum noch etwas übrig.

Prolog_

(2 Minuten Lesezeit)

Die whathappened-Redaktion hatte nicht vor, wieder über Russland zu schreiben. Erst in der Vorwoche war es um die Wirtschaft des Landes gegangen, eine Woche vorher stand Russland im Zentrum eines Explainers zu internationaler Repression. Ein halbes Jahr davor schrieben wir in kurzer Abfolge über die Wagner-Rebellion, zweimal über Russlands Gesellschaft und selbstverständlich immer wieder über den Ukrainekrieg. Es gäbe eigentlich reichlich andere spannende Themen und das letzte Mal, dass wir einen “Business”-Explainer veröffentlichten, war im November 2023. Doch Russland ist heute nun einmal ein Staat, welcher sich auch ungefragt aufdrängt.

Russlands Pfad, Teil 1

Der Tod Alexei Nawalnys in der russischen Haft ist ein angemessener Teil 3 für unsere Minireihe “Russlands Pfad”. Im ersten Teil berichteten wir über Oleg Orlow, Gründer der russischen NGO Memorial. Mit ihrer Aufarbeitung der Verbrechen der Sowjetunion und des Stalinismus im Speziellen brachte sie Wladimir Putins Machtvertikale gegen sich auf, schließlich fördert der Kreml gezielt Sowjetnostalgie und rehabilitiert auch die Figur des Josef Stalin. Nicht etwa aufgrund von kommunistischem Eifer, sondern um einen effektiven Autoritarismus im Stile von Sowjetunion und Stalin wieder zu legitimieren. Orlow wartet aktuell auf seine Verurteilung, nominell, weil er die russische Armee durch Kritik am Ukrainekrieg “diffamiert” habe.

Russlands Pfad, Teil 1: Memorial (August 2023)

Boris Jelzin (Mitte) auf einem Panzer während des Augustputsches 1991. Quelle: Britannica

Russlands Pfad, Teil 2

Im zweiten Teil widmeten wir uns Russlands Scheideweg in den 1990ern: Inmitten des Chaos des Zerfalls der Sowjetunion stritten prowestliche liberale Reformer mit nationalistischen und kommunistischen Reaktionären. Boris Nemzow kletterte wie ein Politstar durch die Ränge und wurde zum führenden Reformer, zeitweise gar zum auserkorenen Nachfolger für Präsident Boris Jelzin.

Am Ende setzten sich allerdings weder Reformer noch Reaktionäre durch, sondern die Opportunisten: Eine schwere Finanzkrise ließ Nemzow in Ungnade fallen, auch, da die neu entstandene Wirtschaftselite der Oligarchen an seinem Ende mitwirkte. Stattdessen stieg Wladimir Putin auf und etablierte eine Machtvertikale, in welcher sämtliche wirtschaftliche und politische Macht auf ihn und, in zweiter Instanz, einen engen Kreis an Günstlingen und Verbündeten zuläuft. Nemzow wandelte sich zum außerparlamentarischen Putin-Kritiker und wurde 2015 ermordet; sein enger Weggefährte Wladimir Kara-Mursa, welcher höchstpersönlich die USA zur Sanktionierung russischer Persönlichkeiten bewegt hatte, wurde vergangenes Jahr wegen Diffamierung des Militärs und Staatsverrats zu 25 Jahren Haft verurteilt. Bemerkenswert, denn solch ein Strafmaß hatte es fast noch nie seit Ende der stalinistischen Ära gegeben.

Russlands Pfad, Teil 2: Die vertane Chance (September 2023)

Nawalny: Leben und Tod_

(7 Minuten Lesezeit)

Nawalny, 2020, bei einem Gedenkmarsch für Boris Nemzow. Quelle: Michał Siergiejevicz, wikimedia

Tötung, nicht Tod

Erst einmal das Grundlegende und natürlich die Semantik. Am 16. Februar starb Alexei Nawalny, Russlands bekanntester Oppositioneller, in der Strafkolonie im sibirischen Bezirk Jamal-Nenzen in der Oblast Tjumen. Er habe sich nach einem Spaziergang schlecht gefühlt, so die Gefängnisbehörden, und das Bewusstsein verloren. Der propagandistische Staatssender RT berichtete von einem Blutgerinnsel; das Gefängnis teilte Nawalnys Mutter offenbar mit, dass er das äußerst vage “Sudden Death Syndrome” (“plötzlicher Tod-Syndrom”) erlitten habe. Nawalnys innerer Kreis konnte den Tod noch nicht bestätigen, auch, da der Aufenthaltsort des Körpers Stand 18. Februar unbekannt ist und sich russische Behörden gegenseitig in Widersprüche verstricken. Beobachter in aller Welt werten die Nachricht über Nawalnys Tod allerdings als authentisch. In jedem Fall ist sie nicht überraschend.

Die Version der russischen Behörden über einen Todesfall ohne direkte Fremdeinwirkung mag wahr oder erlogen sein, doch das spielt fundamental keine Rolle. Moskau war bewusst, dass es Nawalny dem Tod aussetzt. Der langsame körperliche Verfall seit seiner Verhaftung im Januar 2021 war offenkundig. Nawalny beklagte Schlafentzug, mangelnden Zugang zu Ärzten und psychische Folter. Er trat zwischenzeitlich in einen Hungerstreik und seine Ärzte warnten im vergangenen Jahr vor einer akuten Todesgefahr durch Herzinfarkte und Nierenversagen aufgrund der Haftbedingungen. Zuletzt war Nawalny eigentlich stabil, so einer seiner Ärzte gegenüber dem Oppositionsmedium Meduza, und der 47-Jährige habe keine Vorerkrankungen gehabt, welche ein tödliches Blutgerinnsel wahrscheinlicher gemacht hätten. Eine Autopsie könnte dieses nachweisen, doch die Behörden haben nicht vor, den Körper herauszugeben und könnten die Ergebnisse einer eigenen Autopsie ohne Schwierigkeiten manipulieren. Ob Lüge oder Wahrheit, es ist angemessen zu sagen, dass der Kreml Nawalny getötet hat.

Vom Juristen zum Oppositionsführer

Nawalny, gelernter Anwalt, trat im Jahr 2000 der sozialliberalen Partei Jabloko (“Apfel”) bei. Damit begann sein Eintritt in die russische Politik. Er stieg über die Jahre bei Jabloko auf und wurde zu einem effektiven Aktivisten, welcher mit einem Kreml-kritischen Blog für Aufmerksamkeit sorgte und im Land an Profil erlangte. Nawalny war allerdings stets mehr eine eigene Marke als ein Parteitier: Er überwarf sich ideologisch mit der Jabloko-Führung und verließ die Partei 2007, stattdessen gründete er eine nationalistische Bewegung namens Narod (“das Volk”).

2011 wurde Nawalny zum ersten Mal verhaftet, nämlich bei einem Protest, in welchem die rund 6.000 Demonstranten Wahlmanipulation bei der Parlamentswahl beklagten. Seine 15-tägige Haftstrafe war womöglich als Schlag auf die Finger gedacht, um dem Aktivisten Angst zu machen, doch das Ergebnis war, dass er zum Märtyrer geriet. Nawalny erlangte national Bekanntheit und wurde plötzlich auch international zum Begriff; sein Blog erhielt eine englischsprachige Version.

Nawalny wurde daraufhin zum größten Dorn in der Seite des Kremls, inmitten einer weitestgehend zahnlosen Opposition. Er führte die Proteste nach Putins Wiederwahl zum Präsidenten 2012 an, erzielte bei den Moskauer Bürgermeisterwahlen 2013 mit 27 Prozent Stimmenanteil einen Achtungserfolg, forderte Putin 2018 als Präsidentschaftskandidat heraus und etablierte das “smart voting”, bei welchem sich die zersplitterte Opposition auf einen Gegenkandidaten zum Kreml-Kandidaten einigen sollte. Parallel führte er unabhängige Antikorruptionsermittlungen durch, welche erst gewisse Beamte und Minister auf Lokalebene betraf, später aber die erste Reihe der russischen Politik. Sein Dokumentarfilm “Für euch ist er kein Dimon” stellte den Putin-Vertrauten Dmitri Medwedew bloß und sorgte für große Proteste. Noch explosiver war der Bericht über Putins mutmaßlichen “Palast” an der Schwarzmeerküste. Nawalny wollte den Präsidenten als Mafiosi statt als Zar entlarven. 

Der Kreml schien lange nach einer Linie gegenüber Nawalny zu suchen. Erst behandelte er ihn faul wie einen generischen Aktivisten, dann ignorierte er ihn demonstrativ – Putin nannte ihn zeitlebens nie beim Namen und trug dasselbe mutmaßlich allen Regierungsmitgliedern auf -, und später ging er mit immer häufigeren Verhaftungen und juristischer Drangsalierung gegen ihn vor.

Das Attentat

Eine Eskalation geschah im August 2020: Nawalny erkrankte bei einem Flug von Tomsk nach Moskau schwer und musste in eine Notfallklinik in Omsk und später in die Charité in Berlin gebracht werden. Dort wurde festgestellt, dass er mit einem Nervengift der Nowitschok-Gruppe vergiftet worden war. Das Gift war in der Sowjetunion und später in Russland entwickelt worden und kam bereits beim Anschlag auf den russischen Doppelagenten Sergei Skripal 2018 zum Einsatz. Sowohl im Fall Skripal als auch Nawalny war der Kreml der Hauptverdächtige; eine Untersuchung der Onlinezeitung The Insider und des renommierten Investigativnetzwerks Bellingcat, unterstützt von CNN und Spiegel, konnte den Tathergang relativ genau rekonstruieren und konkrete Agenten des russischen Geheimdiensts FSB als Täter identifizieren. In einer spektakulären Aktion telefonierte Nawalny, welcher einige Monate nach der Tat genesen war, unter falscher Identität mit einem mutmaßlichen Attentäter und entlockte ihm offenbar zusätzliche Informationen.

Ungeachtet des Anschlags kündigte Nawalny noch im Krankenhaus in Berlin die Rückkehr nach Russland an und führte sie im Januar 2021 durch. Er wusste, dass er sofort verhaftet werden würde und sein Leben in Gefahr war, doch spekulierte, dass er als Exil-Oppositioneller zu viel Einfluss auf die Lage im Land verlieren würde. So war es bereits anderen Exilanten, wie dem Geschäftsmann Michail Chodorkowski, ergangen. Der Passagierflieger mit Nawalny an Bord wurde von den Behörden umgeleitet, damit er nicht von seinen Unterstützern am Flughafen empfangen werden konnte, und der Oppositionelle umgehend nach der Ankunft in Haft genommen. Offizieller Grund war, dass er mit seiner (vergiftungsbedingten) Ausreise aus Russland die Bewährungsbedingungen einer umstrittenen Verurteilung 2014 verletzt habe. Im August folgte eine Verurteilung zu 19 Jahren Haft aufgrund extremistischer Aktivitäten und der “Rehabilitation von Nazi-Ideologie”.

Erst verbrachte Nawalny seine Haft in einer Anlage in der Nähe von Moskau. Später, im Dezember 2023 wurde er in das Hochsicherheitsgefängnis in Sibirien verlagert, in welchem er am 16. Februar 2024 starb.

Nicht ganz liberal, nicht ganz Nationalist

Nawalny war eine komplizierte Figur. Zu Beginn seines politischen Werdegangs war er ein erklärter Nationalist und vertrat migrationskritische bis fremdenfeindliche Positionen, doch mäßigte sich später und distanzierte sich von seinen früheren Aussagen. Er unterstützte in späteren Jahren die Black Lives Matter-Bewegung in den USA und laut engen Verbündeten auch die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen. Beides sind in Russland zutiefst progressive Positionen.

Auch außenpolitisch saß er zwischen den Stühlen. Er bewies früher ein prägnantes russisch-imperialistisches Empfinden, wonach Russland eine Einflusszone in seiner Nachbarschaft besitzen und verwalten dürfe. Die Invasion Abchasiens und Südossetiens im Georgienkrieg 2008 unterstützte er. 2021 forderte er eine “Integration” mit Belarus und der Ukraine, da alle drei “eine Nation” seien. 2014 erklärte er, die Krim nicht umgehend an die Ukraine zurückgeben zu wollen, sollte er Präsident werden. Für seine Aussagen zu Georgien entschuldigte er sich später, die Aussagen zur Krim relativierte er damit, dass ein “faires” Referendum abhalten würde, und den russischen Krieg im Donbass ab 2014 sowie die vollwertige Invasion der Ukraine 2022 verurteilte er ausdrücklich. Ein Stück Nationalist schien in seinem außenpolitischen Verständnis immer geblieben zu sein, denn er argumentierte oft mit der “Russischen Welt”, welche von Putin zerstört worden sei, doch ein russischer Ultranationalist im heutigen Sinne war er nie. Genauso wenig war er ein Liberaler.

Gut zu wissen: Am liberalsten war Nawalny wohl in der Wirtschaftspolitik, wo er für eine grob westlich inspirierte Marktwirtschaft einzustehen schien. In Russland ist das ein schwierig konnotiertes Konzept: Die Liberalisierungsphase nach dem Ende der Sowjetunion war chaotisch, erfolglos und schmerzhaft; das heutige Wirtschaftssystem ist eine pervertierte Interpretation des Kapitalismus rund um übermächtige Oligarchen und einen geradezu absolutistischen Staat.

Der Albtraum des Unterhosenvergifters

Wo auch immer er im Spektrum der Nationalen bis Liberalen gestanden haben mag, Nawalny war die einzige Opposition, welche Russland zu bieten hatte. Keine andere Persönlichkeit hatte in der Ära Putin je als Widersacher eine Rolle gespielt. Der Stern von Boris Nemzow, Russlands letztem Liberalen, war bereits lange erloschen, bevor er 2015 mutmaßlich durch den Kreml getötet worden war. Chodorkowski existiert seit seinem Gang ins Exil nur noch an den Seitenlinien. Und auch Kara-Mursa besitzt in Russland wenig Profil.

Nawalny besaß Charisma, einen beißenden Humor, eine gewisse Nahbarkeit und oftmals bewiesene Willenskraft. Er verstand, wie er das Internet und die sozialen Medien einzubinden hatte. Er mobilisierte damit eine fragile Opposition und erreichte Bekanntschaft in einem Land, welches zur politischen Apathie trainiert ist und in welchem die mächtigen Staatssender so taten, als würde er nicht existieren. 2013 hatten nur 37 Prozent der Russen von ihm gehört, so eine Umfrage des renommierten Lewada Centers; 2017 waren es bereits 55 Prozent und im September 2020 ganze 82 Prozent.

Zugegeben, seine Unterstützung in der Gesamtbevölkerung war nie sonderlich hoch: Ein Fünftel der Russen unterstützten ihn 2020, die Hälfte lehnte ihn ab. Unsere Grafik oben zeigt, wie nur ein Drittel positiv auf ihn blickte. Einen Wahlsieg hätte Nawalny wohl selbst in einer völlig fairen und freien Wahl nicht errungen. Doch er stand zeitlebens für alles, was von der russischen Opposition übrig blieb. Selbst als er im Gefängnis auf den Tod zusteuerte, war er der faktische Sprecher der Pro-Demokratie-Fraktion (ein kurzes Intermezzo mit dem Berufspolitiker Boris Nadeschdin scheint, Stand heute, wenig Bedeutung zu haben).

Und er geriet zum obersten Provokateur gegen Wladimir Putin: “Ich habe ihn durch mein Überleben tödlich beleidigt”, so Nawalny nach seiner Vergiftung 2020, “Er wird in die Geschichte als Giftmörder eingehen. Wir hatten Jaroslaw den Weisen und Alexander den Befreier. Und jetzt werden wir Wladimir den Unterhosenvergifter haben”. Er bezog sich darauf, dass das Nowitschok-Gift für das Attentat offenbar an seiner Unterhose angebracht worden war. 

Gut zu wissen: Nur 33 Prozent der Russen glaubten den Berichten, wonach Nawalny vergiftet worden sei. 55 Prozent wiesen diese zurück. Das zeigte eine Lewada-Umfrage 2020.

Keine neue Ära_

(5,5 Minuten Lesezeit)

Wladimir Putin, 2021. Quelle: Kreml, wikimedia

Ein unverkennbares Muster

Nawalnys Tod ist nicht der Beginn einer neuen Ära in Russland. Er ist die Vergewisserung des Zustands, wie er seit Beginn von Putins Regierungszeit existiert und sich in den letzten Jahren intensiviert hat. Die Tötung von Oppositionellen und Kritikern ist gang und gäbe und offenkundig Strategie.

Schon 2003 wurde Sergei Juschenkow vor seiner Wohnung in Moskau erschossen. Der Parteichef einer liberalen Oppositionspartei hatte zu einer Verwicklung des Geheimdiensts FSB in den Sankt Petersburger Apartmentanschlägen 1999 ermittelt, welche Putin damals als Legitimation genutzt hatte, um den Zweiten Tschetschenienkrieg zu beginnen. 2006 wurden die prominente Journalistin Anna Politkowskaia und der Ex-Geheimdienstagent Alexander Litwinenko ermordet (erstere übrigens an Putins Geburtstag). 2009 traf es die Menschenrechtsaktivistin Natalia Estemirowa und den Anwalt Sergei Magnitsky, welcher einen großen Korruptionsskandal aufgedeckt hatte. 2015 wurde Boris Nemzow in Moskau auf offener Straße erschossen. Diese kurze Liste ist bei Weitem unvollständig. Dutzende – Plural – Kreml-Gegner starben in den vergangenen 20 Jahren unter ungeklärten Umständen, zuletzt etwa Söldnerchef Jewgeni Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz. Allein der Wikipedia-Artikel zu den “verdächtigen Todesfällen von russischen Geschäftsleuten zwischen 2022 und 2024” hat 50 Einträge.

Gut zu wissen: Wir beschrieben das “System Russland” rund um die Elite aus sogenannten Silowiki, Männern aus dem Sicherheitsapparat, und gezielte Tötungen in einem ersten Explainer 2021. Estemirowa war Mitglied der NGO Memorial, über welche wir in “Russlands Pfad, Teil 1” schrieben. Boris Nemzow stand im Zentrum unseres Explainers “Russlands Pfad, Teil 2“. Sergei Magnitskys Tod führte 2012 zum Magnitsky Act in den USA, welcher erstmals den Weg für Sanktionen gegen Einzelpersonen bereitete. Eine Triebfeder dahinter war Wladimir Kara-Mursa, welcher ebenfalls in “Russlands Pfad, Teil 2” auftaucht. Kara-Mursa wurde übrigens jahrelang von derselben FSB-Einheit beschattet, welche mutmaßlich auch den Giftanschlag auf Nawalny durchführte. Das könnte erklären, warum er 2015 und 2017 zweimal unter schweren Vergiftungssymptomen gelitten hatte.

Der letzte Oppositionelle

Mit Nawalnys Tod hat Russland seinen letzten Oppositionellen verloren, auch wenn wir den Spruch womöglich erneut nutzen müssen, sollte Kara-Mursa in seiner 25-jährigen Haft etwas zustoßen. Und selbstverständlich füllen viele weniger bekannte Kremlkritiker die neuen Gulags. Die vollständige Vernichtung der prodemokratischen Opposition geschieht im Gleichschritt mit der Eskalation des russischen Imperialismus und der Evolution eines Totalitarismus, in welchem der Staat nicht einfach nur autoritär herrscht, sondern tief in die Gesellschaft, in das Privatleben und in die Gedankenwelt seiner Bevölkerung eindringt.

Nawalny wurde im Westen mitunter mit Südafrikas Nelson Mandela verglichen. Dieser verbrachte über zwei Jahrzehnte im Gefängnis, bevor er zum Anführer seines Landes aufstieg. Nawalny hatte allerdings nie die breite Popularität eines Mandelas und Russland ist nicht Südafrika. Es ist ein Land, dessen Herrscher nicht davor zurückschrecken, zu töten, sei es schnell oder wie in diesem Fall eben langsam. Und es ist ein Land, dessen Bevölkerung zum größten Teil apathisch und resigniert auf die Politik blickt. Wenn das Oppositionsmedium Meduza davon schreibt, dass der “Kampf zwischen Gut und Indifferenz” noch nicht vorbei sei, so befindet es sich beileibe auf der Seite des Underdogs. Russland ist ein Land, in welchem die Proteste nach einer Anhebung des Renteneintrittsalters 2018 bei Weitem größer waren als jene nach dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine, der Verhaftung Nawalnys oder Putins Aushebelung der Verfassung, um sich eine Herrschaft auf de-facto-Lebenszeit zu sichern. 

Wie es jetzt weiter geht

Große Proteste zu Nawalnys Tod wird es sehr wahrscheinlich nicht geben. Zu verängstigt und gelähmt sind die prodemokratischen Russen, was sich durchaus nachvollziehen lässt; und Hunderttausende von Ihnen sind ohnehin bereits aus dem Land geflohen. Die russische Polizei gestattete Nawalnys Anhängern kleinste Gesten des Gedenkens, bevor sie Blumen und Menschenansammlungen rasch entfernte. 

Für Putins Wiederwahl im März, eher eine Krönung als eine Wahl, dürfte Nawalnys Tod wenig bedeuten. Meduza zitiert anonyme Kreml-Offizielle: “Es wird [inländisch] ein paar Tage lang diskutiert werden und sich dann von selbst zerstreuen”. Staatliche Propaganda würde dazu beitragen, “den Rest zu beruhigen”. Journalisten von Kreml-kontrollierten Staatsmedien berichteten gegenüber Meduza, bereits Anweisungen erhalten zu haben, wie über Nawalnys Tod berichtet werden solle. In aller Kürze: Sehr wenig und mit Fokus auf seine Verurteilung als Extremisten.

Analysen, wonach die Tötung gezielt erfolgt sei, um andere Dissidenten vor Unruhestiftung vor der Wahl zu warnen, sind grundsätzlich legitim. Allerdings war die Pro-Demokratie-Opposition wirkungslos genug, damit der Kreml sich wohl nicht viele Sorgen machen musste. Auf den Ausschluss des liberalen Kandidaten Boris Nadeschdin von der Wahl reagierten In- und Ausland nur mit Schulterzucken. Dazu kommt, dass der kremlkritische Flügel der Ultranationalisten um den inhaftierten Igor Girkin und den getöteten Jewgeni Prigoschin neutralisiert ist und Russland wieder die Initiative im Ukrainekrieg erlangt hat. Soweit es sich von außen beurteilen lässt, steht Putin also stabil da. Nawalny in diesem Moment gezielt zu ermorden, scheint wie ein unnötiges Stück Volatilität.

Der größte Faktor und der hauptsächliche Grund, warum Meduzas Kreml-Quellen den Tod als “sehr ungünstig” und vermutlich akut unabsichtlich bezeichnen, ist die Auswirkung auf den Westen. Wladimir Putin versuchte unlängst, eine gewisse Kriegsmüdigkeit im Westen politisch zu verwerten: Er signalisierte unglaubwürdig ein Interesse an Waffenstillstandsverhandlungen in der Ukraine und sprach über ein Interview mit dem amerikanischen Rechtspopulisten Tucker Carlson an ein empfängliches Publikum in den USA. Nun erhält das Narrativ von Putin als Mörder und paranoider Diktator wieder Auftrieb und Verhandlungen mit Russland sind für die westlichen Regierungen kaum vermittelbar. Praktische Auswirkungen sind allerdings unwahrscheinlich: Russland ist ohnehin bereits so stark sanktioniert, wie kein anderes Land in der Menschheitsgeschichte. Nur eine Intensivierung der militärischen Unterstützung der Ukraine ist heute ein wirkungsvoller Weg, das Putinsche System zurückzuweisen und Nawalnys jäh unterbrochenes Lebenswerk voranzutreiben.

Die Aufgabe des Westens

Es ist vielleicht am beeindruckendsten, dass Nawalny nie den Mut verlor. Seine Mithäftlinge durchbohrten ihn mit der Frage, ob er seine Rückkehr nach Russland bereut habe, doch er verneinte das stets. In seinen regelmäßigen Gerichtsanhörungen zeigte er sich kampfeslustig und humorvoll; in seinen Social-Media-Posts aus dem Gefängnis heraus sowieso. Er scheint bis zum Ende an seine Vision geglaubt zu haben: “Der Putinsche Staat kann nicht überdauern”, schrieb er noch im Januar, “Eines Tages sehen wir uns um und er ist nicht mehr”. Ein anderes seiner Zitate lautete: “Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist die Untätigkeit der guten Menschen. Wir müssen nicht untätig sein.”

Es ist wohl zu viel verlangt von den Russen, nicht untätig zu sein. Viele von ihnen, so scheint es, teilen die Einschätzung nicht, wer nun frei nach Nawalny “gut” und wer “böse” sei. Jene Minderheit, die es tut, steht einem Apparat gegenüber, welcher Willen und Befähigung bewiesen hat, Leben zu zerstören. Die russische Bevölkerung in die Pflicht zu nehmen, ihren Diktator in einer Revolution hinwegzufegen, wäre unfair. Die Handlungsaufforderung in Nawalnys Worten richtet sich heute deswegen eher an die Menschen im Westen. Wer Putin und Russland stoppen möchte, muss in der Ukraine beginnen.

Weiterlesen: 

Zu Russlands Gesellschaft:
Das System Russland (Januar 2021)
Russlands Pfad, Teil 1: Memorial (August 2023)
Russlands Pfad, Teil 2: Die vertane Chance (2023)
Der lange Arm des Autoritarismus (2024)

Zu Russland im Ukrainekrieg:
Wagner Aufstand: Die Geister, die du riefst (Juni 2023)
Putins Russland verabschiedet sich aus der Zivilisation (Februar 2022)
Dieser Krieg wird noch lange dauern – und der Westen muss bereit sein (August 2022)

Zu Russlands Wirtschaft:
Russlands Wirtschaft geht es nicht gut (2024)
Russland und die Sanktionen (August 2022)

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