Was seitdem passiert ist... Die Weltraumindustrie und der Staat.

Was seitdem passiert ist… Die Weltraumindustrie und der Staat

Wir bringen dir ein Update zu den Storys, die wir in den letzten Monaten behandelt haben.
Diese Ausgabe: Weltraumindustrie.
(insgesamt 10 Minuten Lesezeit)

Die Weltraumindustrie und der Staat_

Im letzten Jahrhundert des vergangenen Jahrtausends erreichte die Menschheit zum ersten Mal den Weltraum. Doch auch das laufende Jahrzehnt wird in die Geschichte der Raumfahrt eingehen: Es dürfte jene Dekade werden, in welcher die Dominanz der Staaten im Weltraum zurückging und an ihre Stelle private Organisationen rückten. Die Implikation ist gewichtig: Es ist inzwischen möglich, den Weltraum auch ohne die Mobilisierung massiver Ressourcen (und unter Hinnahme hoher Ineffizienzen), wie sie nur ein Staat leisten kann, zu erreichen. Er ist für die Menschheit nicht mehr nur aus Symbolik, Erkundungsgeist und Grundlagenforschung interessant, sondern spielt eine weitaus breitere wirtschaftliche und wissenschaftliche Rolle – daher der kommerzielle Impetus. Der Weltraum – zumindest die niedrige Erdumlaufbahn – war noch nie so nah.

Begonnen hatte der Weg dorthin im weiteren Sinne bereits vor vierzig Jahren, doch erst vor zwanzig Jahren fing die Politik, insbesondere in den USA, an, gezielt eine private Weltraumindustrie heranzuzüchten. Vor knapp zehn Jahren gelang es einer Weltraumfirma, SpaceX, zum ersten Mal, den Orbit zu erreichen. 2015 stellte dieselbe Firma der Welt wiederverwendbare Raketen vor; 2020 brachte sie erstmals Menschen zur Internationalen Raumstation (ISS). Mehrere Konkurrenten folgten und erreichten ähnliche Meilensteine. Mit dem Anfang der 2020er war die Kommerzialisierung des Weltraums endgültig im vollen Gange. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass die Existenz einer privaten Raumfahrtindustrie kein Nullsummenspiel darstellt, sondern, im Gegenteil, zutiefst im Interesse von Staaten liegt. 

Die whathappened-Redaktion lieferte im Januar 2021 einen Blick auf die Industrie: Ihre Entstehung, ihre Player, ihre Strukturen, ihre Schwierigkeiten und ihre Chancen. Im November 2021 legte sie mit einem spezifischeren und exotischeren Thema nach: Die Privatisierung von Raumstationen; immerhin begeht die altehrwürdige ISS ihr letztes Jahrzehnt und soll durch private Nachfolger abgelöst werden. Die große Frage lautet also: Was hat sich seitdem verändert?

Der Weltraum wird eng (Januar 2021, 12 Minuten Lesezeit)

Die Privatisierung der Raumstationen (November 2021, 12 Minuten Lesezeit) 

Wie immer, SpaceX

Gleich vorab: In der privaten Raumfahrt hat sich im Verlaufe der vergangenen zwei Jahre gar nicht so viel geändert, aber es sind einige beeindruckende Erfolge hinzugekommen. Noch immer ist das Hauptgeschäft in der Branche der Transport von payloads in den niederen Orbit (low earth orbit, LEO), in erster Linie Satelliten. Die alten Player sind nach wie vor die Platzhirsche. Von knapp 70 Orbitalflügen privater Unternehmen im Jahr 2022, Stand Ende November, gingen 53 auf SpaceX zurück (davon 49 übrigens mit wiederverwendeten Raketen des Typs Falcon 9) und neun auf Hauptkonkurrenten Rocket Lab mit dessen Electron. Alle anderen vollständig privaten Anbieter fallen eher in die Kategorie “Ferner liefen”. Insgesamt fanden 2022 übrigens 163 Starts statt, also private und staatliche Akteure zusammengerechnet. SpaceX ist damit der betriebsamste Weltraumakteur hinter der staatlichen China Aerospace Science and Technology Corporation (CASC), welche mit ihren Long March– und Kuaizhou-Raketen im Grunde die chinesische NASA darstellt. 

Ein neues Geschäftsfeld ist inzwischen der Transport von Menschen zur ISS. Wenn es um solche bemannte Missionen geht, ist SpaceX weiterhin der einzige private Akteur, mit einem kleinen Haken. Die Firma hat seit Mai 2020 in insgesamt acht Missionen 30 Passagiere ins All gebracht und 26 wieder zurück (vier Astronauten befinden sich derzeit noch auf der ISS). Schon im April 2022 hatte SpaceX damit übrigens China eingeholt, welches in seiner gesamten Geschichte 20 Menschen ins All gebracht hatte. Im September 2021 führte SpaceX zudem den ersten vollständig zivilen Raumflug der Geschichte durch, welcher sich von reinem Tourismus dadurch abhebt, dass die Crew – ganz ohne professionelle Astronauten an Bord ihres Crew Dragon-Raumschiffs – auf der ISS Forschung betrieb. Der Haken ist, dass wohl auch das private Unternehmen Axiom Space einen Eintrag verdient: Axiom Mission 1 war im April 2022 der erste vollständig privat organisierte Raumflug zur ISS, also ohne jegliche staatliche Beteiligung. Durchgeführt (im organisatorischen Sinne) hatte ihn Axiom, ausgeführt wurde er durch… SpaceX.

Warten auf Wettbewerb

Der Rest der Konkurrenz befindet sich noch in der Entwicklungsphase oder etwas, das sich freundlich “Konsolidierungsphase” nennen ließe: Weltraumstartup Astra schaffte es dreimal in den Orbit, doch erlebte auch technische Probleme und verlor payloads, weswegen es seine Hauptrakete Rocket 3.3 vollständig auf den Prüfstand stellt. Virgin Orbit lieferte zweimal Satelliten im Orbit ab, doch musste seine Jahresprognose für Missionen senken und hat auch mit Finanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen. Das Münchner Startup Isar Aerospace hat seine Rakete Spectrum zwar noch nicht gestartet, doch sich EU-PreisgelderKunden für Orbitalflüge und Startplätze gesichert. Im Jahr 2023 soll es endlich soweit sein. In Indien hat Skyroot Aerospace (€) als erstes Startup des Landes eine Rakete in den suborbitalen Raum gefeuert; im Dezember soll Agnikul Cosmos folgen. Zwei private Satellitenbauer nutzten eine Rakete der staatlichen Weltraumagentur als Mitfahrgelegenheit in den Orbit.

Ein Grund für den verzögerten Wettbewerb ist übrigens sehr löblich: Die Firmen üben sich in Innovation. Virgin Orbit startet seine Raketen nicht von einem launch pad am Boden aus, sondern lässt sie von einer umgebauten Boeing 747 fallen und dann durchstarten. Rocket Lab möchte seine Raketen derweil wiederverwendbar machen, doch wo SpaceX darauf setzt, sie langsam und selbstständig landen zu lassen, will Rocket Lab seine Electrons per Hubschrauber und Greifhaken aus der Luft einfangen. Das gelingt bislang noch nicht so wie gewünscht.

Gut zu wissen: Rocket Lab ist in der Branche bekannt (oder berüchtigt?) für seine charmanten Missionstitel. Die jüngste Mission hieß “Catch Me If You Can”, mit Bezug sowohl auf einen Hollywood-Film als auch die Tatsache, dass die Rakete am Ende eingefangen werden sollte. Weitere Namen-Schrägstrich-Wortwitze lauteten beispielsweise “It Argos Up From Here”, “They Go Up So Fast”, “Return to Sender”, “Pics Or It Didn’t Happen” und “Look Ma, No Hands” (letzteres frei übersetzbar als “Schau, Mama, freihändig”). Das sind übrigens alles echte Missionsnamen.

In der Kurzfrist wird SpaceX also unangefochten Marktführer bleiben, wenn es um Orbitallieferungen geht. Allerdings befinden sich auch nicht alle Firmen im exakt selben Markt: So möchte sich Isar Aerospace beispielsweise auf sehr kleine payloads konzentrieren, welche sich bei SpaceX oft einfach nicht rechnen. Eine ähnliche Strategie verfolgt Astra. So wie ein Discounter anders operiert als ein Edelsupermarkt, so läuft es dann auch bei den Weltraumfirmen: Firmen wie Astra und Isar setzen auf kostengünstige, kleine Raketen sowie schlanke Kommandostrukturen (Astra will nur noch zwei Leute im Mission Control sitzen haben). Sie mögen weniger zuverlässig und geräumig als SpaceX-Raketen sein, können dafür aber in engerem Takt starten, sind günstiger und lassen sich von Kunden eher für personalisierte Missionen buchen. Selbst innerhalb der Industrie rund um Orbitallieferungen gibt es also reichlich Differenzierung. Und dann wären da noch gänzlich andere Bereiche, welche unter den Überbegriff “Weltraumindustrie” fallen, darunter Satellitenbauer und Firmen wie iSpace aus Japan, welche Mondrover herstellen. Die Weltraumbranche ist divers und komplex; dieser Explainer konzentriert sich mit einigen Ausnahmen auf Raketenstarts und ihre Anbieter. 

Der exotischste Urlaubsort

Wenn im (privaten) Orbit in den letzten zwei Jahren alles halbwegs so aussah, wie in den Jahren zuvor – nur eben ein Stückchen intensiver -, so gab es im suborbitalen Raum völlig Neues zu erleben. Sowohl Virgin Galactic als auch Blue Origin brachten im Juli 2021 zahlende Touristen ins All – zumindest nach US-amerikanischer Definition, denn die international anerkannte Kármán-Linie hätte den Virgin-Galactic-Passagieren die Weltraumsporen vorenthalten. Während Virgin Galactic in den Folgemonaten nicht imstande war, erneut Weltraumtouristen zu bedienen (ähnlich zu den Problemen von Gütertransport-Schwesterfirma Virgin Orbit), hat Blue Origin bereits insgesamt fünfmal Weltraumtourismus betrieben und damit eine neue, noch hochexotische Industrie geschaffen. Wenn die Menschheit Glück hat, ist diese Freizeitbeschäftigung in einigen Jahrzehnten nicht mehr nur für das wohlhabendste Promille relevant. In jedem Fall handelt es sich um einen Durchbruch.

Gut zu wissen: Weltraumtourismus gab es tatsächlich bereits früher. Schon 2001 besuchte US-Millionär Denis Tito die ISS, ihm folgten sechs weitere Weltraumtouristen bis 2009, bevor zwölf Jahre lang Pause war. 2021 handelte es sich jedoch um das erste Mal, dass ein privater Anbieter den Trip von Anfang bis Ende handhabte, statt einfach Passagiere an leere Plätze in russischen Raketen zu vermitteln. Tito möchte perspektivisch übrigens mit SpaceX den Mond besuchen – denn auch der Weltraum-Marktführer hat den Tourismus im Blick.

L’État, c’est moi

Stärker noch als in den Vorjahren rückten 2022 wieder die staatlichen Ambitionen in den Vordergrund. China hat Ende Oktober den Bau seiner Tiangong-Raumstation abgeschlossen und damit erstmals einen eigenen Vorposten im Orbit errichtet. Europa mobilisiert 18,5 Milliarden EUR, ein Viertel mehr als bisher, für seine Weltraumpläne. Großbritannien möchte zur Führungsnation bei kleinen Satellitenstarts (€) werden. Und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) entdecken die Weltraumforschung als Quelle des nationalen Stolzes.

Im Fokus standen allerdings die USA mit ihrem Artemis-Projekt. Artemis soll ein Comeback für die NASA darstellen: Seit dem Aus des Space Shuttles im Jahr 2011 besaß die NASA keine eigenen Raumfahrtkapazitäten, nutzte russische Raketen oder zuletzt SpaceX. Wechselnde Prioritätensetzungen zwischen den Bush-, Obama- und Trump-Regierungen rissen die Behörde zudem hin und her und sorgten für aufgegebene Projekte sowie verschwendete Ressourcen. Mit Artemis möchte die NASA nicht weniger, als die Menschheit zurück zum Mond bringen, dort eine permanente Basis errichten und irgendwann weiter zum Mars reisen.

Am 16. November gelang es der Mission Artemis 1, erfolgreich zu starten. Angetrieben vom Space Launch System (SLS), der aktuell größten und kraftvollsten Rakete der Geschichte, fliegt die Raumkapsel Orion – noch unbemannt – um den Mond. Selbst diese Testmission wird bereits einen Rekord aufstellen, denn mit ihrem gewählten Mondorbit wird die Kapsel so weit weg von der Erde sein, wie noch kein anderes für menschlichen Gebrauch beabsichtigtes Gefährt zuvor. Im Jahr 2024 soll eine Crew am Mond vorbeifliegen und 2026 dann landen, insofern alles nach Plan verläuft, was beim Thema Weltraum die Seltenheit ist. Bis 2030 sollen Astronauten auf dem Mond leben und arbeiten; zugleich aber selbiges auch auf einer Raumstation im Mondorbit namens Lunar Gateway tun. Die Vorposten beim Erdtrabanten sollen dann nicht weniger als einen Zwischenschritt auf dem Weg zur bemannten Eroberung des Mars darstellen. 

Öffentlich-private Synergien

Das SLS und in diesem Sinne Artemis sind allerdings umstrittenEinige Beobachter monieren, dass das staatliche Projekt ineffizient und verschwenderisch sei. Es nutzt wiederverwertete Technologie des ausrangierten Space Shuttles, doch ist trotz des Recyclings auffällig teuer sowie hinter seinem Zeitplan. Ursprünglich war der Jungfernflug für 2016 geplant, die Entwicklung hat 23 Milliarden USD gekostet und jeder Start wird mit 2 Milliarden USD zu Buche schlagen. Zum Vergleich: Die Falcon 9-Rakete von SpaceX kostet pro Start 67 Millionen USD, und darauf ist das jüngste Inflation-Extra bereits draufgeschlagen

Warum die Ineffizienz? An Argumenten rund um inhärente Schwächen von Behörden führt kein Weg vorbei. Das SLS, von Kritikern als “Senate Launch System” (€) verschrien, wurde maßgeblich vom US-Kongress vorangetrieben. In ihr zeigen sich links und rechts Spuren politischer Einmischung – welche bei einer staatlichen Behörde kaum überraschend ist. So beispielsweise, wenn die Senatoren aus Alabama sicherstellten, dass die Produktion wie schon beim Space Shuttle in ihrem Bundesstaat verbleibt. Die gesamte Existenz des SLS dürfte politisch motiviert sein, da es Jobs und Prestige liefert. Kritiker, darunter Ex-NASA-Chef Jim Bridenstine (€), wollten statt des NASA-Eigenbaus lieber sehen, dass sich die Behörde mit dem Privatsektor zusammenschließt, doch das wurde unter anderem durch die Senatoren aus Alabama kategorisch ausgeschlossen.

Die Kernfrage, welche sich stellt: Wozu eine eigene Rakete bauen, wenn gerade anderswo eine weitaus bessere gebaut wird, auf welche man relativ risikolos Zugriff besitzt? SpaceX werkelt am Starship, welches das SLS und die eigenen Falcon 9 und größeren Falcon Heavy‘s in Ausmaß und Kraft weit hinter sich lassen wird. Anders als das SLS wird Starship zudem landen können und wiederverwendbar sein. CEO Elon Musk hofft, dass der Preis pro Start bei 10 Millionen USD liegen wird, doch selbst wenn er sich damit gehörig verschätzt – was wahrscheinlich ist -, gibt es lächerlich viel Spielraum bis zum Kostenpunkt des SLS.

Gut zu wissen: Bereits jetzt kann Artemis nicht ganz ohne den Privatsektor: Das geplante Mondlandesystem HLS und der Bau von Lunar Gateway werden voraussichtlich durch SpaceX durchgeführt.

Mit dem Starship verfolgt SpaceX kaum weniger Ambition als die NASA mit ArtemisStarship soll mit fast doppelt so viel Schubkraft wie das SLS die Menschheit ebenso wie die NASA-Variante zu Mond und Mars bringen können, doch zudem auch das Geschäft im LEO – also niederen Erdorbit – noch effizienter und damit zugänglicher machen. Forscher brainstormen derweil bereits andere Nutzungsideen für Starship, darunter Missionen zum Merkur, zu den Jupiter-Monden oder an den Rand des Sonnensystems.

Das Starship befindet sich derzeit in der Testphase und dürfte schon im Dezember dieses Jahres seinen ersten Orbitalflug durchführen. Gelingt dieser, wäre es ein Meilenstein für die menschliche Aktivität im Weltraum – der zweite innerhalb weniger Wochen, schließlich wurde seitens vieler Beobachter über den Start des Artemis-Projekts ähnlich geurteilt (die Ineffizienzen hinter dem SLS hin oder her). Und das ist letztlich dann auch die Realität im Weltraum: Die Staaten können nicht mehr ohne den Privatsektor und der Privatsektor kann noch nicht ohne den Staat. Die Unternehmen sind agil, effizient und hochinnovativ; die Regierungen mobilisieren spektakuläre Ressourcen, können Profite ignorieren und sind näher an der Grundlagenforschung. Die Synergien zwischen beiden Seiten sind enorm, drum arbeiten sie eben auch prächtig zusammen – daran ändern auch gelegentliche Eitelkeitsprojekte oder politisch motivierte Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahmen nichts. Noch nie in den letzten fünfzig Jahren gab es so viel Grund, mit Vorfreude auf das Weltall zu blicken.

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