Das 2022 Jahresreview Teil 2: Wirtschaft.

Das 2022 Jahresreview Teil 2: Wirtschaft

Wirtschaft in 2022_

Die Themen:
Die Polykrise | Nahrungsmittel | Klima und Umwelt | Handel

(insgesamt 18 Minuten Lesezeit)

Das Jahr der Polykrise_

(6 Minuten Lesezeit)

Quelle: pxhere

Die Welt war ins Jahr 2022 mit schlechten Omen gestartet. Eine hohe Inflation, noch höhere Energiepreise, eine fragile Ernährungslage, wachsende Schuldenberge und schwache Aktienmärkte. Im Jahresverlauf sollte sich das alles nur noch fortsetzen und ausweiten, angetrieben vom Ukrainekrieg und in enger Interaktion mit einer Reihe an parallel laufenden Krisen, von Klima bis Covid-19. Eine Polykrise könnte man es nennen, um den Begriff zu nutzen, welchen der britische Historiker Adam Tooze popularisiert hatte.

Im Juni veröffentlichte whathappened einen “Krisenratgeber”, in welchem es sich sieben ineinander greifende Aspekte der wirtschaftlichen Seite der “Polykrise” angeschaut hatte. Hier die Minivariante samt kurzer Krisenchronologie.

Was ist los in der Weltwirtschaft? – whathappened, Juni 2022

Das Jahr der Inflation

Ein kurzer Blick zurück. Die Covid-Krise 2020 war in erster Linie ein Angebotsschock, da sie mit Lieferkettenproblemen, Krankheitswellen und Produktionsstopps für Mangelangebot bei Gütern und Dienstleistungen sorgte. Gleichzeitig hatte sie Nachfrageeffekte: In einigen Branchen brach die Nachfrage ein (z.B. Tourismus, Gastronomie), in anderen stieg sie sprunghaft an (z.B. Unterhaltungselektronik, Homeoffice-Equipment). Das ließ in letzterer Kategorie die Preise steigen, nicht zuletzt, da die höhere Nachfrage auf noch immer angespanntes Angebot traf – prominenteste Folge war die Chipkrise, anno 2020/21. Mit dem Abklingen der gesundheitlichen Covid-Krise begab sich die Nachfrage in immer mehr Branchen zeitgleich auf den Weg der Normalisierung, was auch zu breiteren Preissteigerungen oder Verfügbarkeitslücken führte. Dabei halfen eine expansive Geldpolitik und massive, nachfrageseitige Konjunkturpakete in den Industriestaaten, vor allem in den USA, wo die Trump- und dann Biden-Regierungen insgesamt rund 5 Billionen (!) USD bis Anfang 2021 mobilisierten, um die Pandemiefolgen abzufedern. 

Bereits im Frühjahr 2021 rückte Inflation in den Fokus, wenn auch noch eher unter interessierten Kreisen; im Herbst hatte sie die 5-Prozent-Marke weit hinter sich gelassen und war im öffentlichen Radar verankert. whathappened veröffentlichte im November 2021, als die Inflation auch in der Eurozone angezogen hatte, einen Explainer. Mit 5 Prozent Verbraucherinflation in der Eurozone und 7 Prozent in den USA ging es ins abgelaufene Jahr. Die Produzentenpreise (in Deutschland Erzeugerpreise) stiegen meist deutlich schneller, als Vorbote für die Verbraucherpreise.

Seitdem hat die Inflation eine ordentliche Reise hinter sich. In den USA stieg sie bis Juni 2022 auf 9,1 Prozent, ein Vierzigjahreshoch, nur um dann bis November stetig auf 7,1 Prozent zurückzuklettern. In der Eurozone entwickelten sich die Verbraucherpreise mangels vergleichbar riesiger Konjunkturpakete anfangs langsamer, doch holten die USA aufgrund der Energiekrise schnell ein: Überhaupt erst im November gelang der erste Rückgang, von einem Allzeitrekord von 10,6 Prozent auf 10,1 Prozent (dabei herrschte zwischen den Staaten viel Unterschied: Frankreich blieb relativ moderat, das Baltikum kratzte zeitweise an 25 Prozent). Ähnlich sah es in Großbritannien aus. Selbst Japan, welches sich seit Jahrzehnten mit zu niedriger Inflation herumgeplagt hatte, kann am Horizont plötzlich die 4 Prozent erkennen.

Hohe Inflation verunsichert Verbraucher, trifft die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, lässt Erspartes dahinschmelzen und weckt Sorgen vor Hyperinflation. Also reagierten die Zentralbanken, in deren Domäne die Preisstabilität schließlich liegt. 

Die Zentralbanken intervenieren

Erst Ende 2021 hatte die Zentralbank der USA, die Fed, die Rhetorik aufgegeben, wonach die Inflation lediglich temporär sei. Das war, wie whathappened vor einem Jahr urteilte, weniger kolossaler Fehler als verzweifeltes Anlaufen gegen Eigendynamik annehmende Inflationserwartungen in der Bevölkerung. Ein Weilchen nach der Fed stimmten auch die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England (BoE) zu, womit zu Beginn 2022 keine Frage war, dass die Notenbanken etwas gegen die Inflation unternehmen mussten. Ziel war es, die Wirtschaftsaktivität herabzukühlen, da das die Preisdynamik (sprich, Inflation) beruhigt; die Währung zu stärken, da das die Importpreise senkt; und durch ein glaubwürdiges Vorgehen gegen die Teuerung die Inflationserwartungen der Bevölkerung zu senken. Die Mittel der Wahl waren ein Ende des “Quantitative Easings”, also von Anleihekäufen, welche günstiges Geld in die Wirtschaft geschwemmt hatten, und Leitzinserhöhungen, da höhere Leitzinsen nicht nur höhere Finanzierungskosten für Firmen und Haushalte bedeuten, also weniger Wirtschaftsaktivität, sondern auch den Wert der Währung steigern. 

Die Fed führte im März 2022 ihre erste Leitzinserhöhung seit 2018 durch, damals noch eine relativ moderate 25-Basispunkte-Erhöhung (sprich, 0,25 Prozentpunkte). Es folgten sechs weitere Runden, darunter drei kräftige 75-Basispunkte-Sprünge. Die Spanne des Leitzins stieg von 0 bis 0,25 Prozent aus der Pandemie-Erholung auf zuletzt 4,25 bis 4,5 Prozent, der höchste Stand seit 2007. Auch in der Eurozone stieg der “hauptsächliche” Leitzins (für die sogenannten Main Financing Operations) im vergangenen Jahr viermal auf insgesamt 2,5 Prozent, den höchsten Wert seit 2008. Selbst die Bank of Japan, welche nicht klassisch mit ihren Leitzinsen operiert, führte gegen Jahresende eine seltene de-facto-Zinserhöhung durch.

Da höhere Leitzinsen wie erwähnt die Wirtschaftsaktivität herabsenken, drosseln sie das Wirtschaftswachstum und schwächen den Arbeitsmarkt, bis hin zur Rezession. Das verunsichert Firmen sowie Haushalte, zwingt sie zu neuen Strategien (mehr Profitabilität, weniger Wachstum; weniger riskante Investitionen; weniger Wagniskapital für Startups) und trifft die (Aktien-)Märkte, welche ein mehrheitlich desaströses 2022 erlebten, wenn auch unterbrochen von einigen lichten Monaten.

Die Rückkehr der Inflation – whathappened, November 2021

Wer hat Angst vor der Rezession?

Steht also eine Rezession bevor? Das war die große Frage für 2022 und wird die noch größere Frage im kommenden Jahr sein. In den USA wurde bereits darüber diskutiert, als sie im ersten und zweiten Quartal Negativwachstum vorgelegt hatten – eigentlich die Definition für eine technische Rezession. Doch gleichzeitig war der Arbeitsmarkt stark und Konsum sowie Industrieproduktion robust. Kann es eine Rezession sein, wenn es sich nicht nach einer anfühlt? Mit kräftigem 3,2-prozentigem Wachstum im dritten Quartal legten die USA die Diskussion vorerst auf Eis. Traditionell wirtschaftsstärker, von der Energiekrise verschont und mit sinkender Inflation gehen die USA in das kommende Jahr mit besseren Vorzeichen als die Eurozone.

Europa wird im kommenden Jahr je nach Schätzung und Land in eine Rezession fallen oder gerade so an ihr vorbeikratzen, doch zumindest eine vorübergehende Rezession scheint in den meisten Ländern unausweichlich. Deutschland ist mit seiner energiehungrigen, exportfreudigen Volkswirtschaft besonders verwundbar und könnte zum worst performer unter allen Industriestaaten werden. Nicht weit weg ist Großbritannien, welches sich mit dem Doppelschock aus internationaler Multikrise und Brexitfolgen schwertut.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf Russland. Das Land leidet unter den westlichen Sanktionen, zuletzt beispielsweise ein teilweises Ölembargo und ein Ölpreisdeckel, auch wenn es sich mit selbstbewusstem Brustklopfen und vorteilhaften Prognosen überschlägt (bei welchen sich die internen Stellen übrigens selbst nicht ganz einig sind – das Finanzministerium ist deutlich pessimistischer als das Wirtschaftsministerium, und die Zentralbank noch ein gutes Stück mehr). whathappened veröffentlichte im August einen Explainer, der aufzeigte, dass die russische Wirtschaft mit hohen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, auch wenn sie in der Kurzfrist widerstandsfähig blieb und 2022 keineswegs im Ruin verließ. Die Ukraine steht derweil vor dem wirtschaftlichen Teilkollaps, mit rund 30 Prozent BIP-Verlust. Westliche Finanzhilfen und die Resilienz der ukrainischen Zivilbevölkerung und Unternehmenswelt, welche sich rasant an den Krieg angepasst haben, halten das Land bislang über Wasser.

China wird 2022 nur im enttäuschenden niedrigen 3-Prozent-Bereich wachsen, eine Konsequenz aus der Zero-Covid-Politik (s. Politik-Review) und strukturellen Risiken wie dem wankenden Immobilienmarkt. Das Land beendete das vorvergangene Jahr als wirtschaftliche Erfolgsstory (mit einigen Einschränkungen), das nun abgeschlossene Jahr ist es eher das Problemkind, dessen Schwäche sich übrigens wie im Fall der USA auch direkt auf den Rest der Welt auswirkt. Die Aufgabe der Zero-Covid-Politik gegen Ende des Jahres schafft einen großen Bremsklotz für Chinas Wirtschaftsentwicklung aus dem Weg, doch wird kurzfristig mit einer schweren Krankheitswelle neue Fragezeichen aufwerfen.

Gewinner des whathappened-Megathemas 2022: Die Energiekrise_

Aus europäischer Sicht war die Energiekrise die größte Gefahr des Jahres. Energiepreise gerieten zum Hauptbestandteil der Inflation; selbst die pure Verfügbarkeit von Energie war plötzlich nicht mehr gesichert. Die Energiekrise zwang europäische Staaten zu kontroversen Experimenten, hohen Ausgaben und angespanntem gesellschaftlichem Diskurs. Beispiele in Deutschland waren die Rückkehr der Kohleenergie, die Verlängerung der Atomkraft bis Mitte April 2023, der rasante Ausbau der LNG-Infrastruktur, eine Übergewinnsteuer gegen Energiekonzerne, die Verstaatlichung des kollabierenden Gasriesen Unipers und die milliardenschweren deutschen Entlastungspakete, welche im Rest der EU für Unruhe sorgten, da dort Wettbewerbsverzerrungen befürchtet wurden. Selbst die Ukrainehilfen gerieten in den Strudel der Energiekrise, da die Krise in Teilen eine Konsequenz der Positionierung gegen Russland war. Ganz ähnlich sah die Lage auch in anderen europäischen Ländern aus: Übergewinnsteuern, teure Maßnahmenpakete für Haushalte und Firmen, nervöse Lieferantensuche, Diskussionen über eigens auferlegte Energieknebel im Stile der deutschen Atomdebatte (z.B. Fracking in Großbritannien und ein Gasfeld in den Niederlanden). So wie deutsche Minister brav ihre Konterparts in Katar, Senegal, den VAE, Norwegen und Kanada besuchten, so nannte US-Präsident Biden Saudi-Arabiens Kronprinz Mohamed bin Salman nicht mehr einen “Paria”, sondern stattete ihm einen Besuch samt öffentlichkeitswirksamem Faustgruß ab.

Begonnen hatte die Energiekrise übrigens bereits Mitte 2021, im Oktober 2021 publizierte whathappened seinen ersten Explainer zu dem Thema. Schwache erneuerbare Energien und ein Mix aus Unfällen und Wartungsarbeiten mit ungünstigem Timing hatten die Preise für Erdgas und, infolgedessen, für Flüssigerdgas (LNG), Öl und Kohle in die Höhe geschraubt. Mit dem Ukrainekrieg erhielt die Energiekrise Adrenalin verpasst: Der Westen schnitt sich künstlich vom größten Teil seines Angebots ab, indem er Russland als Zulieferer herausnahm (Öl, LNG, Kohle) oder von Russland herausgenommen wurde (Pipeline-Erdgas). Da sich die westliche, insbesondere europäische Nachfrage somit auf andere Quellen verteilte, stiegen die weltweiten Energiepreise, auch wenn einige Länder nun übriggebliebenes russisches Öl und Gas günstig einkaufen konnten. 

Zu Ende 2022 ist positiv hervorzuheben, dass die Energiekrise ein wenig an Schwung verloren hat. Die Unsicherheit im Markt nimmt mit steigender Gewohnheit ab, Russland hat viel Eskalationspotenzial bereits realisiert und das globale Angebot passt sich an die neue Realität an. Die Energielage im Herbst und Winter war zudem überraschend gut, dank gut gefüllter Gasspeicher, alternativer Lieferanten und Sparbemühungen in der Industrie. Für die wirtschaftlichen Geschicke der Welt – und vor allem Europas – ist die Energiekrise damit der größte Hebel im Jahr 2023. Entspannt sie sich weiter, dürften die Rezessionen milde und kurze verlaufen. Vertieft sie sich, steht ein schwieriges Jahr bevor.

Die Lage mit LNG in Deutschland und Europa – whathappened, November 2022

Die Energiekrise – whathappened, Oktober 2021

Die Energiekrise, Teil 2 – whathappened, Juli 2022

Der Preis für Erdgas am europäischen Handelsplatz. Das langjährige Durchschnittspreisniveau betrug
übrigens 10 bis 20 EUR/MWh – jetzt ist es mit 76 EUR bereits deutlich niedriger als zum Rekordhoch Ende August.
Quelle: Trading Economics

Die Schuldenkrise im Schatten_

Etwas im Hintergrund der Energie- und Inflationskrise hat sich eine Schuldenkrise entwickelt, welche whathappened bereits zu Beginn des Jahres angekündigt und im April mit einem Explainer gewürdigt hatte. Die Gefahren für Haushalte und Firmen durch Covid-19, die Energiekrise und die breitere Inflation zwangen die Staaten in aller Welt zu teuren Maßnahmenpaketen, welche sich auf die öffentlichen Finanzen durchschlugen und hohe Schulden bedeuteten. Inflation selbst kann die effektive Schuldenlast zwar verringern, da die geliehenen 1.000 Euro plötzlich weniger wert sind als zuvor – doch das gilt nur für Schulden in eigener Währung. Schulden in Fremdwährung, wie sie Entwicklungs- und Schwellenländer in über 90 Prozent der Fälle aufnehmen, profitieren davon nicht. Im Gegenteil: Da die Industriestaaten 2022 ihre Leitzinsen anhoben und so ihre Währungen stärkten, wuchs die Schuldenlast ärmerer Staaten, welche Geld in US-Dollar oder Euro geliehen hatten, ganz ohne deren Zutun, ohne neue Verschuldung, an. Der Vollständigkeit halber muss gesagt sein, dass Covid-19 und Co. nur die Auslöser dieser Schuldenkrise waren. Zur aktuellen Notlage tragen vielerorts auch jahrelanges Missmanagement und Wirtschaftspopulismus bei.

Rund ein Viertel aller Entwicklungsländer und 60 Prozent der ärmsten Staaten leiden derzeit unter “debt distress”, also einer “Schuldennotlage”, oder sind nah dran, so der Internationale Währungsfonds (IWF) Mitte des Jahres. 54 Staaten, welche 18 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, können ihre Schulden nicht zurückzahlen, so die UN im Herbst. Allein in diesem Jahr haben Sri Lanka (s. Politik-Jahresreview), Pakistan, Ghana und Ägypten den IWF um Hilfe angerufen.

Schulden dürfen 2023 ein nur noch größeres Thema werden, denn selbst, falls sich die Energiekrise beruhigt, befinden sich viele Entwicklungsländer bereits in einer Art Teufelskreis aus steigenden Schulden, sinkendem Investorenvertrauen und schwächelnden Währungen. Womöglich gelingt dem Thema im laufenden Jahr der Durchbruch aus den Weltbank-Reports in den medialen Mainstream.

Die Welt in der Schuldenkrise – whathappened, April 2022

Nahrungsmittelkrise: Übel, aber besser als befürchtet_

(2 Minuten Lesezeit)

Quelle: Picasa

Mit dem Ukrainekrieg entstand die Frage, ob sich die Welt noch ernähren können würde. Bereits die Energiekrise 2021 hatte Dünger, auf welchem ein Großteil der globalen Nahrungsmittelversorgung basiert, schlagartig teurer werden lassen. Mit dem Beginn des Ukrainekriegs wurden dann Fragezeichen zu drei wichtigen Lieferanten für Getreide und Dünger aufgeworfen: Die ukrainischen Lieferungen wurden durch den Krieg ausgeschaltet, da das Schwarze Meer, durch fast alle gelaufen waren, blockiert war; Russland würde mit unabsehbaren Sanktionen überzogen werden; und Belarus saß als russischer Quasi-Vasall im selben Boot. Die Getreidemärkte waren im Panikmodus, Preise stiegen rasant. Das führte zu einer selbstverstärkenden Dynamik: Aus Sorge vor Engpässen begannen Länder Hamsterkäufe oder erlegten Exportverbote auf, was die eigene Produktion im Land hielt, doch ironischerweise die internationale Nahrungsmittelkrise verschärfte. Im Mai veröffentlichte whathappened einen Explainer zur Situation.

Die Welt kämpft mit der Nahrungsmittelkrise – whathappened, Mai 2022

Alles halb so schlimm

Schon damals gab es einige Indizien, dass die Lage womöglich entschärft werden könnte. Die Staatengemeinschaft hatte aus einer Nahrungsmittelkrise im Zuge der Finanzkrise 2008 gelernt und früh versucht, den obengenannten Teufelskreis zu durchbrechen. Die Zahl der Exportverbote blieb relativ niedrig. Glück kam hinzu: Die Getreideernte vielerorts fiel kräftig aus, so auch in Russland, dessen Nahrungsmittelexporte von Sanktionen ausgenommen waren. Im Juli einigten sich Moskau und Kiew – genaugenommen nicht miteinander, sondern separat mit der Türkei und der UN – auf einen sicheren Getreidekorridor im Schwarzen Meer, über welchen die Ukraine seitdem ihre Produktion auf die Weltmärkte transportieren kann. Der Deal funktionierte überraschend gut und wurde im November verlängert (Russland drohte kurz mit seiner Aufkündigung, doch gab anscheinend auf internationalen Druck hin nach). 

Der Preis von Weizen – beispielhaft für Getreide insgesamt – ist seit seinem Rekordhoch im Mai um fast 40 Prozent
gefallen, doch liegt immer noch spürbar über dem Normalniveau der vergangenen Jahre.
Quelle: Trading Economics

Noch viel zu tun

Die Entspannung in der Nahrungsmittellage ist eine gute Nachricht insbesondere für Entwicklungsländer. Die dortigen Haushalte geben einen höheren Anteil ihrer Einkommen für Lebensmittel aus; zudem wird die Produktkategorie oftmals von Staaten subventioniert, womit steigende Preise also mit der Schuldenproblematik interagieren. Und kaum etwas führt schneller zu Protesten und politischer Instabilität als eine fragile Versorgungslage bei Nahrungsmitteln. Der vermiedene worst case ist fraglos positiv, aber nicht gleich ein Happy End: Hunderte Millionen Menschen litten 2022 unter Hunger oder waren davon bedroht; das Welternährungsprogramm der UN (WFP) spricht von einem “Ring des Feuers” von Zentralamerika über Haiti, den Sahel, Ostafrika, den Jemen und Syrien bis nach Afghanistan.

Klima und Umwelt_

(3,5 Minuten Lesezeit)

Quelle: pxhere

Nicht die beste Bilanz

Die weltweite Durchschnittstemperatur 2022 lag schätzungsweise 1,15 Grad Celsius über dem Durchschnittsniveau der Jahre 1850 bis 1900, womit die acht Jahre seit 2015 die wärmsten seit Aufzeichnungsbeginn gewesen wären. Die weltweiten Emissionen dürften weiter gestiegen sein und damit das Rekordniveau aus 2021 geschlagen haben. Globale Eisschmelzen setzen sich fort, mit einem Rekord-Rückgang der Gletscher in den europäischen Alpen.

Eight warmest years on record witness upsurge in climate change impacts– Weltwetterorganisation

Wie schon in den Vorjahren gab es auch 2022 eine Reihe auffälliger Extremwettereignisse, welche mit dem Klimawandel in Verbindung gestanden haben könnten. Am markantesten waren die massiven Überschwemmungen in Pakistan in Folge von Rekordregen im Juli und August. Mindestens 33 Millionen Menschen waren davon betroffen und 7,9 Millionen aus ihren Heimen vertrieben, ein Drittel des Landes stand zeitweise unter Wasser. Erst in den Monaten zuvor erlebte Südasien eine Hitzewelle, wie übrigens auch viele andere Teile der Welt, darunter China, dessen Hitzewelle die schlimmste in der Geschichte des Landes und womöglich weltweit war. In Ostafrika sorgte schwacher Regen für eine gefährliche Verlängerung einer ohnehin schon langen Dürreperiode. Das südliche Afrika, vor allem Madagaskar, erlebte gefährliche Zyklone. Nordamerika wurde im September vom Hurrikan Ian getrofen, für Florida der tödlichste seit 1935, und im Dezember von einem Wintersturm, welcher mindestens 60 Menschen das Leben kostete. In Europa fiel der Wasserpegel in Flüssen so tief, dass es die Arbeit von Archäologen erleichterte und Wikingerwaffen, römische Städte und Nazi-Kriegsschiffe zu Tage förderte.

Was die Welt tut

Die Klimakonferenz COP27 in Ägypten brachte vor allem in der internationalen Klimafinanzierung einen Durchbruch: Wohlhabende Staaten erklärten sich bereit, ärmere Staaten über einen speziellen Fonds finanziell in der Klimapolitik zu unterstützen. Diese Einigung im ewigen Streitthema der losses and damages verdient ein gesundes Maß an Skepsis: Sie ist erstaunlich detailarm und muss bis COP28 im kommenden Jahr ausgearbeitet werden; nach wie vor scheinen Meinungsverschiedenheiten darüber zu herrschen, ob China in erster Linie ein unterstützenswertes, armes Entwicklungsland oder ein Fonds-einzahlender Großemittent ist; und frühere Versprechen der Industriestaaten über Klima-Geldtransfers blieben zwanzig Jahre lang wenig mehr als schöne Worte. Ein Erfolg ist es dennoch: Die Mühlen der internationalen Klimadiplomatie mahlen traditionell langsam.

Auch in der Biodiversität gab es etwas Bewegung. Das Thema, welches traditionell im Schatten der Klimapolitik steht, wurde 2022 mit einem eigenen Gipfel namens COP 15 bedacht (genaugenommen der zweite Teil einer Konferenz, welche 2021 begonnen hatte). Im Kern stand das Versprechen “30 x 30”: Die Staatengemeinschaft verpflichtete sich darin, 30 Prozent der Land- und Meeresfläche bis zum Jahr 2030 unter Schutz zu stellen. Einige Teilnehmer sprachen von einem “Paris”-Moment für die Biodiversität, also äquivalent zum Pariser Klimaabkommen 2015, welches als bislang wichtigster Moment der internationalen Klimadiplomatie gilt. Andere Beobachter, vor allem Umweltaktivisten, gehen bei der Lobeshymne nicht mit – doch erkennen den Beschluss mehrheitlich als wichtigen Schritt vorwärts an.

IRA und CBAM

Auf nationaler Ebene tat sich ebenfalls einiges. Deutschland erließ im April ein großes energiepolitisches Gesetzespaket, welches den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen soll, und arbeitet an der Kommerzialisierung von grünem Wasserstoff als Energieträger für die Industrie. Die erhoffte Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 bleibt allerdings fern: Ein Expertenrat der Bundesregierung kam im Herbst zu dem Schluss, dass die Ziele nach aktuellem Stand nicht erreicht würden. 

Die USA verabschiedeten mit dem Inflation Reduction Act (IRA) erstmals ein nationales Klimapaket und stecken rund 369 Milliarden USD in verschiedene klimapolitische Initiativen. Beobachter überschlagen sich mit Schätzungen zu langfristigen Emissionssenkungen, sie reichen von 25 bis 40 Prozent weniger Emissionen bis 2030 gegenüber 2005. Tatsächlich sieht das Paket gut aus: Erneuerbare Energien, Methansenkungen, Gebäudeeffizienz, Elektroautos – für die globale Klimapolitik lässt sich der bislang ambitionierteste Plan des weltgrößten Emittenten an Wichtigkeit kaum überschätzen.

The Inflation Reduction Act’s Implications for Biden’s Climate and Environmental Justice Priorities – Harvard Environmental & Energy Law Program

Die EU verschärfte 2022 ihre Klimaregeln: Sie brachte ein strikteres Emissionshandelssystem und einen CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) auf den Weg. Hinter den technischen Begriffen verbergen sich ein CO₂-Preis für zahlreiche Wirtschaftssektoren, um Unternehmen zu Effizienzsteigerungen zu bewegen, und eine Art Klimazoll, welcher die heimische (erzwungen grünere) Industrie vor der (weniger grünen) ausländischen Konkurrenz schützt – oder das Ausland dazu bringt, ebenfalls klimafreundlicher zu operieren.

The Carbon Border Adjustment Mechanism explained – Rabobank

Die Welt im Handelsfieber_

(2,5 Minute Lesezeit)

Handel, anyone? Quelle: dimitrisvetsikas1969, pixabay

Attraktiv dank Krieg

Handel hatte in den vergangenen Jahren ein wenig an Attraktivität verloren, nicht umsonst die gelegentlichen medialen Totsagungen auf die Globalisierung. Im vergangenen Jahr legte er ein ordentliches Comeback in der kollektiven Aufmerksamkeit hin. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zwang Staaten in aller Welt, doch vor allem in Europa, dazu, ihre Lieferketten zu diversifizieren.  Die EU sah sich aktiv nach freundlichen Partnern um, um ihre Versorgung mit wichtigen Rohstoffen zu sichern; die Bundesrepublik sandte kaum verhohlene Signale an die USA, doch gerne wieder über Freihandel sprechen zu wollen und leistete Stippvisiten in Katar, den VAE, Senegal, Kanada oder China ab. Die Grünen brachten es übers Herz, das CETA-Freihandelsabkommen mit Kanada endlich zu ratifizieren – es gelte, den Handel mit Verbündeten zu vertiefen, wenn sich jener mit Rivalen schon als kompliziert erwiesen hat.

Eine besondere Dimension hatte Handel für Russland. Der kräftige Außenhandel mit Rohstoffen, supercharged durch die globale Energiekrise, hielt das Land inmitten einer Abkapselung vom Westen am Leben, doch bildete gleichzeitig auch die Achillesferse, an welcher Sanktionen ansetzen. Die Exporte standen im Fokus, doch die Importe waren mindestens genauso wichtig – was nützt alles Geld der Welt, wenn sich davon nichts kaufen lässt? Die russischen Importe brachen aufgrund der (Selbst-)Sanktionen des Westens spürbar ein, was anscheinend auch das Militär unter Druck gesetzt hat. Für den Kreml wird 2023 wenig so sehr eine Rolle spielen, wie Exporte und Importe.

Russland und die Sanktionen – whathappened, August 2022

Russia’s huge trade surplus is not a sign of economic strength – Bruegel

Wandel durch Handel

Die Stichworte Handel und Russland waren auch für den Westen, in erster Linie Deutschland, ganz oben auf der Agenda. Offenkundig aufgrund der Energiekrise – siehe dazugehöriges Kapitel und unser Politik-Jahresreview -, doch auch, weil der Ukrainekrieg die Idee des “Wandel durch Handel” vorläufig zu Grabe getragen haben dürfte. Die Vorstellung, dass Handel zwischen Staaten und die damit einhergehenden gegenseitigen Abhängigkeiten zu Frieden, vielleicht sogar Demokratisierung führen könnten, scheint mit dem Krieg überholt. Schon zuvor hatte sich eine gewisse Resignation eingestellt, immerhin hatte intensiver Handel in den Vorjahren weder Russland noch China von einer antagonistischen Politik abgehalten. Die whathappened-Redaktion bricht eine Lanze für den “Wandel durch Handel”: Das akute Scheitern der Idee bedeutet nicht, dass sie vollends fehlerhaft ist – nur war Deutschland eben eher in einen “Wandel durch Abhängigkeit” geraten.

„Wandel durch Handel ist nicht obsolet geworden“ – IW Köln, Interview mit IW-Chef Michael Hüther

Das Märchen vom Wandel durch Handel – NZZ, Meinungsbeitrag einer Dozentin für Politikwissenschaft

Ausgerechnet die EU und die USA, zwei der offensten Wirtschaftsblöcke der Welt, gerieten 2022 aneinander. Der erwähnte Inflation Reduction Act (IRA) der USA spezifizierte, dass die vorgesehenen Subventionen nur für “Made in America”-Produkte gelten, was Brüssel als unrechtmäßige Wettbewerbsverletzung – auch noch unter Freunden – wertete. Die beiden Seiten verhandelten monatelang, übrigens im Rahmen des 2021 eingerichteten “Trade and Technology Council”, welcher eigentlich zur Vertiefung der gemeinsamen Wirtschaftsaktivität dienen soll. Stand Ende des Jahres gibt es noch keine Einigung, auch wenn Medien mit Bezug auf Insider von Verhandlungsfortschritten sprechen. Scheitern die Gespräche, könnte ein Handelskrieg, allermindestens aber ein Subventionsrennen drohen. Auch die EU hat allerdings keine ganz weiße Weste: Ihr klimapolitischer CO₂-Grenzausgleich (CBAM) trifft bei internationalen Handelspartnern auf wenig Gegenliebe, immerhin belegt die EU deren Unternehmen im Grunde mit einem Strafzoll, weil sie die eigenen zu mehr Klimafreundlichkeit bewegen möchte. Erwarte 2023 noch mehr Beziehungsdrama in der Handelsarena, sowohl innen- als auch außenpolitisch.

The EU Goes Rogue on Climate Policy With CBAM – Senator Kevin Cramer (R-ND), der verärgerte Meinungsbeitrag eines konservativen US-Senators über den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus der EU.

Die Märkte_

Entwicklung seit Jahresbeginn:
Dax 40: -13,09%
S&P 500: -19,95%
Dow Jones: -9,40%
Nasdaq 100: -33,71%
Nikkei: -10,95%
Bitcoin: -62,77%
EUR/GBP: -5,03%
EUR/USD: -5,83%
EUR/RUB: -7.54%
Öl (Brent): +22,48%
Gold: +1,60%
MSCI World (iShares): -18,00%

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