Der Monat im Rückblick: Februar 2024

Das Monatsreview mit vier Mini-Explainern: 

Nawalny | Ukraine | NATO | Aktien auf Rekordhochs

(insgesamt 15 Minuten Lesezeit)

Die whathappened-Redaktion fühlt sich immer ein wenig schlecht, wenn sie sehr oft über ein Thema berichtet. Zu einem Journalismus, welcher Durchatmen erlaubt, gehört schließlich auch, zu zeigen, dass die Welt sich weiterdreht. Nun wollen wir weder den Tod Nawalnys noch den Jahrestag des Ukrainekriegs in diesem Monatsrückblick aussparen. Falls du bereits genug von Ukraine und Russland hast, scroll herunter zu unserem Mini-Explainer zum “Decoupling” zwischen Aktienmärkten und Realwirtschaft.

Das russische Muster_

(5 Minuten Lesezeit)

Auswahl ungeklärter Todesfälle, mehrheitlich unter Kreml-Gegnern (Anatoli Sobschak und, ggf., Jewgeni Prigoschin als Ausnahmen), weitestgehend chronologisch. Todesjahr neben Namen. Dasselbe Bild folgt später noch einmal. Quelle: whathappened.io, Verschiedene

Turbovariante: Ein Blick auf prominente ungeklärte Todesfälle der letzten 20 Jahre in Russland.

Der Tod Nawalnys

Das größte Einzelereignis des Februars im europäischen Kontext war der Tod von Alexei Nawalny am 16. Februar in der russischen Haft. whathappened hat zuletzt reichlich über Russland geschrieben. Zu Nawalnys Tod setzten wir unsere Reihe “Russlands Pfad” mit einem dritten Teil fort. Teil 2, “Die vertane Chance“, passt ebenfalls gut, denn der neunte Jahrestag der Ermordung von Boris Nemzow – vor Nawalny der wichtigste Oppositionelle – lag ebenfalls im Februar. Und Teil 1, “Memorial“, passt wiederum, da Oleg Orlow, Gründer der NGO Memorial, vor wenigen Tagen zu 2,5 Jahren Haft verurteilt worden ist.

Unser selbsterklärender Explainer “Russlands Wirtschaft geht es nicht gut” ist eine Einordnung der solide erscheinenden wirtschaftlichen Lage des Landes und war allem Anschein nach einer unserer beliebtesten Explainer der vergangenen Monate. “Der lange Arm des Autoritarismus” betrachtet derweil transnationale Repression – sprich, die Jagd auf Dissidenten im Ausland – und hat ebenfalls Russland als Hauptakteur.

Eine lange Liste toter Dissidenten

Gut zu wissen: Der nachfolgende Text ist eine adaptierte und erweiterte Version eines Kurzexplainers auf Instagram. Gewöhnlich adaptieren wir unsere Explainer in verkürzter Form für unseren Instagram-Kanal, dieses Mal ist es ausnahmsweise andersherum.

Die Liste der verdächtigen Todesfälle und Attentate in Russland ist lang, fast abstrus lang. Vor Nawalnys Tötung war dieser bereits 2020 mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet worden, dasselbe Gift, welches 2018 bereits beim Anschlag auf den russischen Doppelagenten Sergei Skripal zum Einsatz gekommen war.

Die Fälle Nawalny und Skripal reihen sich nahtlos ein in die gängige Praxis des Systems Putin in Russland. Oppositionelle, Dissidenten und Kritiker innerhalb der Elite verschwinden im Gefängnissystem oder sterben mysteriös. So wird seit Beginn von Putins Regierungszeit verfahren, doch in den letzten Jahren hat sich das Töten intensiviert.

Der erste Tod um Putin herum dürfte Anatoli Sobschak im Jahr 2000 gewesen sein. Der Sankt Petersburger Bürgermeister und Putin-Mentor starb an einem Herzinfarkt, doch denselben erlitten auch zwei Bodyguards – Giftverdacht. Sobschak galt als Unterstützer Putins, aber auch Verfechter eines Rechtsstaats. Sein hoher Einfluss über Putin könnte ihn in Konflikt mit anderen Eliten gebracht haben. Die zwei Bodyguards wurden später erschossen.

2003 wurde Sergei Juschenkow, Parteichef der liberalen Oppositionspartei “Liberales Russland” vor seiner Wohnung in Moskau erschossen – so wie ein halbes Jahr zuvor der Co-Chef der Partei, Wladimir Golowlew. Juschenkow hatte als Vorsitzender eines Parlamentsausschusses zu einer Verwicklung des Geheimdiensts FSB in den Sankt Petersburger Apartmentanschlägen 1999 ermittelt, welche Putin damals als Legitimation genutzt hatte, um den Zweiten Tschetschenienkrieg zu beginnen. 

Im Jahr 2006, ausgerechnet an Putins Geburtstag, wurde die prominente Journalistin Anna Politkowskaia im Aufzug ihres Apartmentblocks erschossen. Sie kritisierte in ihrer Arbeit für die unabhängige Zeitung Nowaja Gaseta den Tschetschenienkrieg und das seinerzeit im Aufbau befindliche System Putins scharf. Besonders kritisch sah sie die Entwicklung des von ihr sogenannten “Chekismus”, also den Einfluss von “Silowiki”, Männern aus Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden. Schon 2004 war sie übrigens vergiftet worden; überlebte nur knapp.

Beobachter wie der bekannte KGB-Doppelagent Oleg Gordiewski werteten den Fall Politkowskaia als Rückkehr des von der Regierung sanktionierten Mordes an Oppositionellen als legitimes politisches Werkzeug im Repertoire des Kreml. Gordiewski beschuldigte Moskau später, ihn 2007 mit dem Metall Thallium vergiftet zu haben.

Ebenfalls 2006 fiel Alexander Litwinenko einem Vergiftungsattentat mit Polonium-210 zum Opfer. Litwinenko war KGB- und FSB-Agent, lief 2000 aber zu den Briten über. Ab 2003 trat er öffentlich als Kritiker Putins auf und unterstützte andere Regierungskritiker wie Anna Politkowskaja. Nach ihrer Ermordung warf er Putin öffentlichkeitswirksam vor, den Anschlag beauftragt zu haben und nannte Russland einen “Mafiastaat”. Zwei Wochen später starb er.

2009 traf es den Anwalt Sergei Magnitsky. Sein Tod erinnert weniger an Litwinenko oder Politkowskaia als an Nawalny. Magnitsky untersuchte 2008 illegale Steuerrückerstattungen im russischen Innenministerium. Kurze Zeit später wurde er selbst der Mittäterschaft zur Steuerhinterziehung beschuldigt und verhaftet. Etwa ein Jahr darauf starb Magnitsky in einem Moskauer Gefängnis. Zuvor war bei ihm eine Entzündung der Bauspeicheldrüse festgestellt worden, doch kurz vor der geplanten OP wurde er in ein anderes Gefängnis verlegt – eines ohne notwendige Ausrüstung. Seine Zelle habe renoviert werden müssen, erklärten die Behörden. Von der Renovierung war allerdings auch nach Magnitskys Tod nichts zu sehen.

Im selben Jahr starb auch Natalja Estemirowa, eine Menschenrechtsaktivistin und Mitglied der NGO Memorial. Sie wurde in Tschetschenien entführt und erschossen, als sie offenbar an einer “hochsensiblen” Investigation zu Menschenrechtsverbrechen arbeitete. Auch der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow, welcher mit ihr am Fall arbeitete, wurde 2009 erschossen, zusammen mit Anastasia Baburowa, einer Nowaja-Gaseta-Journalistin.

Ein besonders brisanter Mord erfolgte 2015 an Boris Nemzow. Der liberale Reformer stand in den 90ern kurz davor, selbst Präsident zu werden, doch wurde letztlich von Boris Jelzin durch Putin ersetzt. Nach anfänglicher Unterstützung geriet er ab 2003 zu einem der größten Kritiker Putins. Im Februar 2015 bereitete Nemzow gerade einen Bericht über die Aktivitäten russischer Truppen in der Ukraine vor, als er in Moskau auf offener Straße – in Sichtweite des Kremls – erschossen wurde. Im Jahr 2017 wurden fünf Tschetschenen für die Verschwörung zum Mord an Nemzow verurteilt, was insofern überraschte, als dieser eigentlich ein scharfer Kritiker des Tschetschenienkriegs war. Die Behörden ermittelten kaum, was Russland Kritik durch Beobachter wie die OSZE und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einbrachte.

Kurz bevor Nemzow erschossen wurde, hatte er in einem Interview angedeutet, dass ein anderer bekannter Kreml-Kritiker in Gefahr schwebe: Niemand anderes als Alexei Nawalny. Fünf Jahre später sollte tatsächlich das Giftattentat auf ihn erfolgen.

Die obige Liste ist denkbar unvollständig und in Wahrheit noch viel, viel länger. Da wären nicht nur Oligarch und Söldnerchef Jewgeni Prigoschin, welcher 2023 bei einem ungeklärten Flugzeugvorfall starb; der Nemzow-Vertraute Wladimir Kara-Mursa, auf welchen es zwei Giftattentate gab (und welcher heute im Gefängnis sitzt); oder der Oligarch und Putin-Gegner Boris Berezowski, welcher sich 2013 mutmaßlich in Großbritannien erhängte. Da wären noch Dutzende – Plural – Journalisten, Aktivisten, oppositionelle Politiker und Geschäftsleute.

Allein der Wikipedia-Artikel zu den “verdächtigen Todesfällen unter russischen Geschäftsleuten zwischen 2022 und 2024” hat 51 Einträge (!), der letzte von Anfang Februar. In diesem Zeitraum starben vier hochrangige Lukoil-Manager an “Herzinfarkt während eines Schamanenrituals”, dem Sturz aus einem Fenster (alle Überwachungskameras in dem Gebäude waren zu dem Zeitpunkt in Reparatur), noch einmal Herzinfarkt und an Verbrennen – nachdem der Mann mit einer Zigarette in der Hand eingeschlafen sei.

Es ist kein Hinweis auf die statistische Wahrscheinlichkeit und kein Vergleich zu anderen Ländern vonnöten. Der politische Mord ist in Russland völlig offensichtlich ein staatliches Werkzeug. Wie häufig und wie offen es eingesetzt wird, ist allerdings bemerkenswert.

Auswahl ungeklärter Todesfälle, mehrheitlich unter Kreml-Gegnern (Anatoli Sobschak und, ggf., Jewgeni Prigoschin als Ausnahmen), weitestgehend chronologisch. Todesjahr neben Namen. Quelle: whathappened.io, Verschiedene

Weiterlesen: 

Zu Russlands Gesellschaft:
Das System Russland (Januar 2021)
Russlands Pfad, Teil 1: Memorial (August 2023)
Russlands Pfad, Teil 2: Die vertane Chance (2023)
Der lange Arm des Autoritarismus (2024)

Zu Russland im Ukrainekrieg:
Wagner Aufstand: Die Geister, die du riefst (Juni 2023)
Putins Russland verabschiedet sich aus der Zivilisation (Februar 2022)
Dieser Krieg wird noch lange dauern – und der Westen muss bereit sein (August 2022)

Zu Russlands Wirtschaft:
Russlands Wirtschaft geht es nicht gut (2024)
Russland und die Sanktionen (August 2022)

Der Ukrainekrieg geht ins dritte Jahr_

(3 Minuten Lesezeit)

Turbovariant: Kiew befindet sich in der Defensive. Der Jahresverlauf sowie das kommende Jahr werden in erster Linie von westlichen Militärhilfen abhängen.

Russland wieder mit der Initiative

Der Ukrainekrieg jährte sich am 24. Februar zum zweiten Mal. Der einzige aktive zwischenstaatliche Krieg der Welt hat nichts an seiner Relevanz verloren. Die Dynamik hat abgenommen, doch eine Pattsituation liegt nicht vor. Seit einigen Monaten hat Russland die Initiative übernommen und konnte das im Februar mit der Eroberung der Frontstadt Awdiiwka verwerten. Der kleine Ort in der Nähe der besetzten Donezk-Stadt ist bereits seit 2014 ein Hotspot des Krieges und einer seiner am schwersten befestigten Frontorte, insofern ist die russische Eroberung symbolisch bemerkenswert.

Für eine strategische Einordnung sind zwei Fragen vonnöten: Erstens, Wie viel Kampfkraft anteilig an seiner insgesamt verfügbaren musste Russland dafür aufbringen? Ukrainische Quellen berichten von hohen Verlusten, was auch von westlichen und vereinzelt russischen Beobachtern gestützt wird (die russischen Militärblogger haben 2023 deutlich an Unabhängigkeit eingebüßt und sind mehrheitlich auf die kommunikative Linie des Kremls zurückgefallen). Wie relevant die Verluste für die russische Kampfstärke sind, ist allerdings schwieriger einzuschätzen. Zweitens, inwiefern ermöglicht die Eroberung weitere Fortschritte oder Durchbrüche für Russland? Eine denkbare Erschöpfung der russischen Offensive an diesem Frontabschnitt setzte auch nach dem Sieg in Awdiiwka nicht ein, stattdessen drückt es weiter. Ein Durchbruch, geschweige denn Zusammenbruch der ukrainischen Linien zeichnet sich nicht ab, doch Russland erzielt in Donezk, wie auch im nordöstlichen Luhansk und weiter westlich in Saporischschja, inkrementelle Territorialgewinne.

Der Westen behält es in der Hand

Wie sehr sich Russland dabei verausgabt und wie sehr die Ukraine imstande ist, ihre Kampfkraft nach der misslungenen Sommer- und Herbstoffensive 2023 wieder herzustellen, entscheidet über den weiteren Verlauf 2024 sowie 2025. Vorstellungen, dass der Krieg im Grunde entschieden sei, etwa in Meinungsbeiträgen bei Spiegel Online publiziert, sind falsch und Ausdruck einer wachsenden Kriegsmüdigkeit unter westlichen Beobachtern. Es ist sinnvoll, sich in Erinnerung zu führen, dass die Offensivinitiative in einem Krieg gewöhnlich periodisch wechselt. So wie die Ukraine im Herbst 2022 die Initiative vom erschöpften Russland übernahm – und große Gegenoffensiven in Charkiw und Cherson durchführte – und so wie Russland wieder in Bakhmut die Offensive diktierte und im Anschluss darauf die Ukraine, so ist der Krieg auch in diesem Moment wandelbar. Russlands Offensive wird sich in einigen Wochen oder Monaten erschöpfen (womöglich schwächt sie sich bereits nach der russischen Präsidentschaftswahl Mitte März ab), was der Ukraine den Raum gäbe, wieder in die Offensive zu gehen – insofern sie selbst nicht zu erschöpft ist.

Inmitten eines Potpourris aus schwierig zu steuerbaren Variablen für den Kriegsverlauf gibt es eine, welche gleichermaßen groß und kontrollierbar ist:Waffenlieferungen des Westens. Die Munitionsknappheit der Ukraine bedingt ihre Kampfstärke bedeutsam. Europa ist noch immer im Aufbau neuer Rüstungskapazitäten begriffen, verfehlte gar das selbsterkorene Ziel, die Ukraine bis März mit 1 Million Artilleriegeschossen auszustatten. Zuletzt fiel der Kontinent eher rhetorisch auf: Eine deutsche Debatte über die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern mit langer Reichweite (die Ukraine könnte theoretisch Moskau treffen, aber eben auch Waffensysteme und Munitionsdepots im Hinterland der Front) internationalisierte sich, als Kanzler Scholz Großbritannien und Frankreich als Negativbeispiele anführte. Frankreich, welches sowohl absolut als auch anteilig am BIP nur sehr wenig an Militär- und Finanzhilfen geleistet hat, bot im Februar mehrere Konferenzen und rhetorische Spitzen.

Damit bleibt es zumindest akut an den USA hängen. Ob und wann der US-Kongress entscheidet, neue Militärhilfen für die Ukraine zu bewilligen, wird den Kriegsverlauf so stark wie vermutlich keine andere aktuelle Einzelentscheidung beeinflussen. Eine isolationistische bis prorussische Trumpisten-Fraktion blockiert die Hilfen bislang, hinreichend unterstützt von den getriebenen moderateren Republikanern. Bis sich daran nichts ändert, wird sich die Ukraine schwer tun, die Initiative von Russland zu übernehmen, selbst, wenn sich dessen Offensive erschöpft hat.

Weiterlesen

Meinungsexplainer zum Ukrainekrieg
Putins Russland verabschiedet sich aus der Zivilisation (Februar 2022)
Dieser Krieg wird noch lange dauern – und der Westen muss bereit sein (August 2022)

Explainer zum Ukrainekrieg
Die Informationsasymmetrie und der Krieg (März 2022)
Was ist eigentlich ein Panzer?(Januar 2023)
Wagner Aufstand: Die Geister, die du riefst (Juni 2023)
500 Tage Krieg in der Ukraine (Juli 2023)
ATACMS, HIMARS und Co.: Die Waffen des Ukrainekriegs (September 2023)

Die NATO wächst_

(1 Minuten Lesezeit)

Die NATO wächst

Turbovariant: Der Beitritt Schwedens und Finnlands ist ein großer strategischer Erfolg für die NATO und ein Desaster für Russland.

Während Russland auf dem Schlachtfeld zum ersten Mal seit der Eroberung Bakhmuts im Frühjahr 2023 wieder Erfolge feiert, erlebte es strategisch einen schweren Rückschlag. Schweden erhielt von Ungarn das erwartete grüne Licht zum NATO-Beitritt, womit dieser – endlich tatsächlich – nur noch Formsache ist. Zuvor hatte Schweden fast anderthalb Jahre lang mit der Türkei verhandeln müssen, welche ihre Vetomacht gehebelt hatte, um von Schweden einen strengeren Umgang mit militanten Kurden und von den USA Kampfjetexporte zu erzielen.

Mit dem Beitritt Finnlands und Schwedens erhält die NATO zwei moderne, gut ausgebildete und, zumindest bei den Finnen, große Streitkräfte. Die Grenze zu Russland verdoppelt sich, was für dieses die Planungen zur Verteidigung der westlichen Grenze bedeutsam erschwert, und die Ostsee wird zum “NATO-See”, in welchem das Verteidigungsbündnis fast ungestört operieren kann und weitreichende strategische Optionen besitzt. Die kleine Exklave Kaliningrad und die russische Ostseeflotte sind so exponiert wie nie zuvor. Zusammen mit der Dezimierung der russischen Schwarzmeerflotte durch die Ukraine – ausgerechnet das Schwarze Meer ist das aktuell erfolgreichste Schlachtfeld für Kiew – ist es ein schwarzer Tag für die russischen Seestreitkräfte.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die russische Ukraine-Invasion, nominell zur Einhegung einer NATO-Erweiterung, im Endeffekt zu genau dieser Erweiterung geführt hat. Kurz vor der Invasion, im Dezember, verlangte Moskau von der NATO, auf das Niveau von 1994 zu schrumpfen – sprich, das gesamte Ost- und Zentraleuropa inklusive Polen herauszuschmeißen. Stattdessen ist die 2019 von Frankreichs Präsidenten für “gehirntot” erklärte NATO (es war damals ein nachvollziehbarer Kommentar) so groß und aktiv wie nie in ihrer Geschichte.

Weiterlesen: 

NATO: Vom Gehirntod zur Wiedergeburt (Februar 2022, vor Kriegsbeginn)

Das Aktien-Makro-Decoupling_

(6 Minuten Lesezeit)

Turbovariant: Rekordhohe Aktienmärkte trotz uneindeutiger Konjunktur – neben makroökonomischer Erwartungshaltung spielt vor allem das große Fragezeichen KI hinein.

Alles furchtbar, alles großartig

Ein interessanter Dualismus existiert in der Wirtschaft. Einerseits schreibt whathappened wie selbstverständlich von Konjunkturschwäche, sowohl in Deutschland (besonders stark), als auch global; andererseits gibt es immer neue Rekorde an den Aktienmärkten.

Der amerikanische Leitindex S&P500 stieg auf über 5.000 Punkte und erreichte sein erstes Allzeithoch seit 2 Jahren. Auch der Techindex Nasdaq 100 erzielte einen Rekord. Genauso der europäische Index Eurostoxx 600, wenn auch der etwas exklusivere Eurostoxx 50 noch nicht an sein Hoch zur Jahrtausendwende anschließen konnte. Der japanische Nikkei 225 schlug erstmals seinen Rekord aus 1989 (in unserer Grafik oben nicht sichtbar) und weckte damit symbolisch den japanischen Aktienmarkt aus dem 30-jährigen Tiefschlaf. Selbst der Dax40, beheimatet im Pessimismus-stiftenden Deutschland, brach Rekorde. Wie kann das sein?

Auf, ab, auf, ab, auf, ab, …

Ein kurzer Rückblick. Ein goldenes Jahrzehnt, nämlich das letzte, wurde zum Ende hin nicht mehr so recht als solches wahrgenommen. US-chinesische Handelsstreits, schwaches Produktivitätswachstum und in Deutschland die erste Anerkenntnis struktureller Probleme drückten die Stimmung. Bevor das in die eine oder andere Richtung business cycle-n konnte, schlug Covid-19 zu. Die Aktienkurse stürzten erst drastisch ein und erholten sich dann umso kräftiger: Vielen Branchen erging es nicht so schlecht, wie befürchtet, und vielen anderen Branchen (genauer, Tech, Entertainment und Heimausstattung) ging es dank der Pandemie bestens. Gelangweilte Lockdown-Bürger mit viel Kurzarbeits- bzw. stimulus check-Funding wurden zu Privatanlegern, angepeitscht von ultraniedrigen Leitzinsen und neuartigen Neobrokern. Die Aktienmärkte explodierten 2020 und 2021.

Dann die Wende im Jahr 2022. Ein großer Mix aus Wirtschaftsdynamiken – unser Wirtschaft-Jahresrückblick 2022 erklärte sie – führte in die “Polykrise”. Prominent genannt sei die kriegsverschärfte Energiekrise, welche in eine globale Inflationskrise führte. Mit ihr gingen steigende Leitzinsen, verunsicherte Verbraucher und gedrückte Margen einher – die Aktienkurse fielen. Eine kurze Bankenkrise in den USA im März und ein schwaches Wachstum in China halfen nicht.

Wer allerdings auf die Kurscharts schaut, zum Beispiel in unserer Grafik oben, erkennt die Phase nur als kurze Unterbrechung inmitten steigender Kurse. Bereits seit Sommer 2023 geht es fast beständig nur noch nach oben, mit einer kleinen Unterbrechung im Herbst. In den letzten 5 Jahren, also verglichen mit dem Vor-Covid-Niveau, hat der S&P 500 um fast 90 Prozent zugelegt; in den vergangenen 12 Monaten alleine 27 Prozent. Man könnte es vor lauter großer Zahlen fast vergessen, doch das sind spektakuläre Werte. Die Erwartungshaltung eines Anlegers im S&P 500 für ein Durchschnittsjahr dürfte bei 6 bis 7 Prozent liegen. Und es handelt sich kaum um eine “Normalisierung” aus der Krise, schließlich werden neue Rekordwerte gebrochen.

Warum die Rekordhochs?

Die Erklärung dürfte dreierlei seinZum einen vermutet die whathappened-Redaktion “animal spirits”, also Börsenpsychologie, im reinsten Sinne: Kollektiv scheinen Anleger darauf zu hoffen, an den beeindruckenden Lauf des letzten Jahrzehnts und der Covid-Jahre anschließen zu können. Der Eindruck, dass Aktien im Prinzip nur nach oben gehen können – mit kleinen Unterbrechungen – wurde durch die Krise 2022/23 nicht nachhaltig erschüttert. In Deutschland und Europa kommt dazu, dass Anleger traditionell die Aktienmarktentwicklung in den USA etwas in ihre Entscheidungen einfließen lassen, was die besonders schwache deutsche Konjunkturentwicklung im Dax zu kompensieren hilft.

Zweitens, Makroökonomie. Anleger erwarten, durchaus mit Recht, sinkende Leitzinsen. Diese kommen Firmen und Verbrauchern zugute und legitimieren damit prinzipiell steigende Kurse. Außerdem dürfte sich eine gewisse Gewöhnung und Erleichterung gegenüber makroökonomischen Risiken eingestellt haben: Die Inflation ist in den Industriestaaten gesunken, die Energiekrise zumindest in ihrer akuten Form überwunden. Der Ukrainekrieg wirkt einschätzbar; der Nahostkrieg blieb geoökonomisch relativ harmlos.

Drittens, Produktivitätserwartungen und die Begeisterung um Künstliche Intelligenz. Anleger scheinen zu erwarten, dass neue KI-Anwendungen, vor allem Generative AI, zu höheren Umsätzen, niedrigeren Kosten und völlig neuen Produktkategorien sowie Industrien führen werden. Das erklärt auch, warum KI-Chiphersteller Nvidia eigenhändig ein Viertel des Wachstums im S&P 500 im bisherigen Jahr ausgemacht hat. Unser neuer Explainer zu Nvidia erklärt das genauer.

Was dagegen spricht

Über einen Zeitraum von Jahren und Jahrzehnten sind Aktienmärkte notorisch schwierig vorherzusagen. Zu vieles ändert sich an der Welt. Es gibt allerdings gute Argumente, dass der starke Lauf der letzten Jahre nicht haltbar sein wird.

In Deutschland wären das vor allem strukturelle Argumente: Die Bundesrepublik hat bislang keine Antwort auf teure Energie, einen beißenden Fachkräftemangel, hohe Bürokratie und eine hohe Steuerbelastung gefunden; gelegentliche Bürokratieentlastungsgesetze oder abgeschaffte EEG-Umlagen helfen, doch nur marginal. Ähnlich in Japan: Die Wirtschaft des Landes war in den letzten Monaten dynamischer als in den Jahrzehnten davor, doch muss noch beweisen, dass sie ein extrem langsames Produktivitätswachstum und eine sehr schwache Preis- und Lohndynamik nachhaltig abgeschüttelt hat – der schwerwiegende demografische Wandel bleibt jedenfalls ungelöst.

In den USA sind Bürokratie, Steuern und Demografie kleinere Probleme als in der Bundesrepublik. Die Aktienwerte sind allerdings auffällig teuer. Legt man das “konjunkturbereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis” an, also die Metrik CAPE, so liegt dieses derzeit für den gesamten S&P 500 bei einem Wert von 34,3. Das ist deutlich über dem Durchschnitt seit dem Jahr 2000 (27) und ist der zweithöchste Wert in der Geschichte, über dem Niveau von 1929 (31,5). Nur in der Dotcom-Blase (44,2) waren die Aktienpreise im Verhältnis zum Gewinn der Firmen höher. Ein hoher CAPE deutet auf eine Entkoppelung zwischen Aktien und aktuellen Gewinnen hin. Eine positive Interpretation lautet, dass die hohen Preise eben zukünftige Gewinnerwartungen widerspiegeln – Stichwort KI. Eine weniger positive Interpretation wäre, dass die Preise unbegründet hoch liegen, weil sich Anleger von einer Massendynamik treiben lassen und überoptimistisch sind.

Wer sich von der einen oder anderen Interpretation überzeugen lassen möchte, findet für beide Meinungen reichlich hochkarätige Beobachter, welche sie stützen – nicht selten sogar gleichzeitig aus demselben Analysehaus. Es ist eben notorisch schwierig, die “fundamentale” Seite der Wirtschaft für die Zukunft vorauszusagen. Dazu kommt, dass die Aktienmärkte stets etwas entkoppelt von der tatsächlichen Wirtschaft operieren (ausgerechnet in Krisen nimmt die Korrelation zu). Doch eine Sache scheint festzustehen: An der KI wird sich entscheiden, ob das laufende Jahrzehnt an das starke vorherige anschließen kann.

Was kann KI?

Die Künstliche Intelligenz hat hinreichend bewiesen, mehr als ein inhaltsleerer Hype zu sein. Die Technologie hat ein ernsthaftes Potenzial, hohe Produktivitätssprünge in der Wirtschaft – entlang verschiedenster Branchen – auszulösen und ist zugleich bereits kommerzialisiert genug, um den grundlegenden Beweis für ihre Nützlichkeit erbracht zu haben und nicht erst Jahrzehnte entfernt zu sein. Das gilt für KI im Allgemeinen und Generative-AI-Anwendungen im Speziellen. Doch nur weil Generative AI Substanz hat, bedeutet das nicht, dass es auch jede Zukunftsvision untermauern kann.

Noch erproben Firmen, wie genau sie die Technologie nutzen und monetarisieren können. Hier und da assistieren ChatGPT und Co. bereits Angestellte beim Bürojob, bespaßen Verbraucher oder ersetzen Callcenter, doch die große Transformation des (Arbeits-)Alltags hat noch nicht eingesetzt. Das ist kein Wunder: Selbst die Industrialisierung, der Computer und das Internet benötigten Jahrzehnte, bevor sie sich spürbar in gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerungen niederschlugen. Bei Generative AI werden es mindestens Jahre sein. Vorher wissen wir nicht, ob hohe Kurse heute Ausdruck von Vorausblick oder Wahnsinn sind. Du kannst dir also die Interpretation aussuchen, mit welcher du besser schlafen kannst.

Weiterlesen: 

Zur Weltwirtschaft
Das 2022 Jahresreview Teil 2: Wirtschaft (2022)
Was ist los in der Weltwirtschaft? (2022)
Das 2023 Jahresreview Teil 2: Wirtschaft und Business (2023)
Ein Hauch von Finanzkrise (2023)

Zu Deutschlands strukturellen Herausforderungen
Deutschlands Strukturkrise: Wo sind die Arbeiter?
Deutschlands Strukturkrise: Kein Entkommen vor der Bürokratie
Deutschlands Strukturkrise: Die Strom-Frage

Zu Künstlicher Intelligenz
OpenAI und der Streit um die Zukunft der KI (2023)
Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Künstlichen Intelligenz (2023)
Nvidia auf dem Gipfel (2024)

Die Aktienmärkte_

Index: 30-Tage-Entwicklung (12-Monate-Entwicklung)
Dax 40: +1,56% (+12,13%)
S&P 500: +2,25% (+21,73%)
Dow Jones: +1,06% (+13,03%)
Nasdaq 100: +3,09% (+46,24%)
Nikkei 225: +6,83% (+30,32%)
MSCI World ETF (iShares): +1,42% (+18,55%)
Bitcoin: +1,70% (+91,60%)

Warten auf Leitzinssenkungen und nachhaltiger Hype rund um Künstliche Intelligenz und, vor allem, Nvidia, sorgen für gute Zahlen. Bitcoin wird derweil von der Zulassung eines ersten Bitcoin-ETFs sowie der Erwartung eines sogenannten “Halvings” angetrieben. Solche Halvings gingen in der Vergangenheit mit Kurssteigerungen einher, welche Anleger jetzt zu antizipieren scheinen.

Quelle: Google Finance, onvista

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