Die Welt kämpft mit der Nahrungsmittelkrise

Die Welt kämpft mit der Nahrungsmittelkrise

Eine Nahrungsmittelkrise zeichnet sich ab. Wir erklären die Lage, die Gründe und den Weg voraus – und werfen ein Licht auf langfristige Trends, welche etwas Optimismus erlauben

Die Nahrungsmittelkrise | Keine üble Welt
(9 Minuten Lesezeit)

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Die Nahrungsmittelpreise befinden sich auf einem Rekordniveau und zuletzt 36 Prozent über dem Vorjahreswert.
  • Der Ukrainekrieg trägt dazu merklich bei: Russland, Belarus und die Ukraine sind wichtige Exporteure für eine Reihe von Getreidesorten und Düngemittel.
  • Doch die Lage war schon ohne Invasion angespannt: Lieferkettenprobleme, Extremwetter und die Energiekrise (Dünger!) trieben die Preise auf ein Zehnjahreshoch.
  • Am spürbarsten sind die Folgen für Entwicklungsländer. Die hohen Preise treten sie in Schuldenkrisen und lösen politische Instabilität aus. Industriestaaten sind resilienter, doch auch betroffen.
  • Was sind Lösungen? Eine Rückkehr Osteuropas in den Weltmarkt; ein Stopp für die Exportverbote, welche plötzlich wieder en vogue sind; und internationale Koordination.
  • Langfristige Hebel sind Importdiversifizierung, weniger Fleischkonsum, Effizienzgewinne entlang der Wertschöpfungskette und effektiver Klimaschutz.
  • Bei aller Krise lohnt sich ein Blick auf die langfristigen Trends: Die Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in die richtige Richtung entwickelt.

Die Nahrungsmittelkrise_

Manche Raketen fliegen weit. Als Russland in der Frühphase seiner Ukraine-Invasion mindestens ein halbes Dutzend großer Getreidesilos zerstörte, spürte das gewissermaßen die gesamte Welt. Die globale Ernährungssicherheit war bereits aufgrund der Covid-Krise angespannt, schließlich erschwerten Lieferkettenprobleme und Lockdowns die Handelsflüsse, doch blieb weitestgehend stabil. Die Invasion schickte dann signifikante Schocks durchs System.

Der Ukrainekrieg und die Ernährungssicherheit

Die Zahlen untermauern das. Was vor der Invasion als geradezu entspanntes Zehnjahreshoch bei den Nahrungsmittelpreisen begann, explodierte bis März 2022 auf das Rekordhoch einer 60-jährigen Datenreihe: Die Nahrungsmittelpreise lagen laut der UN-Ernährungs- und Agrarorganisation FAO 37 Prozent über dem Vorjahresmonat, 13 Prozent über dem Vormonat. Im April nahmen die Preise ganz leicht ab, doch lagen noch immer 30 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Der Ukrainekrieg spielt eindeutig eine Rolle: Russland und die Ukraine produzieren 34 Prozent der globalen Weizenexporte (und 14 Prozent des Weizens insgesamt), 26 Prozent der Gerstenexporte und 60 Prozent der Sonnenblumenölexporte. Ein Zehntel aller weltweit gehandelten Kalorien stammt aus den zwei Ländern. Mindestens 26 Staaten sind auf sie für 50 bis 100 Prozent ihres Getreides angewiesen, vor allem in Nordafrika und dem Nahen Osten.

Russischer und ukrainischer Anteil an verschiedenen Agrar-Rohstoffen, 2018-2020. Barley: Gerste. Maize: Mais. Sunflower: Sonnenblumen. Wheat: Weizen. Quelle: David Laborde, COMTRADE.

Es hört bei den Getreideexporten nicht auf. Russland ist ein wichtiger Lieferant von Stickstoffdüngern (es kontrolliert 15 Prozent des Weltmarkts) und Mineraldüngern (17 Prozent). Belarus steht für weitere 16 Prozent der Mineraldünger-Exporte. Gerade bei den Mineraldüngern machen Russland und Belarus, welche westlichen Sanktionen unterliegen, für viele Staaten einen enormen Anteil der Importe aus: für die EU als ganzes etwa 60 Prozent, für China 38 Prozent, für Indien 29 Prozent. In der Sahelzone und Westafrika näher an 100 Prozent.

Der Anteil von Russland und Belarus an den Kaliumimporten nach Land, 2018-20. Kalium (Kalisalz) spielt eine wichtige Rolle bei Mineraldüngern. Quelle: David Laborde, COMTRADE.

Odessa öffnen

Besserung in Osteuropa zeichnet sich nicht ab. Die FAO schätzt, dass 20 bis 30 Prozent der ukrainischen Anbauflächen 2022 brach liegen könnten. Die ukrainische Landwirtschaft hat gewissermaßen ihre Arbeitskräfte und ihr Material eingetauscht für Minen, aktive Kampfhandlungen und russische Besatzung. In Russland selbst herrschen diese Probleme zwar nicht, doch westliche Sanktionen und eigens verhängte Exportverbote tun ihr Übriges.

Ein besonderes Augenmerk liegt im Frühjahr und Sommer 2022 auf dem wichtigen Hafen von Odessa am Schwarzen Meer. Von dort gelangt das absolute Gros der ukrainischen Getreideexporte in die Welt, doch die russischen Aktivitäten im Schwarzen Meer und die Verminung des Hafens durch die ukrainischen Streitkräfte nehmen ihn faktisch aus den internationalen Handelsflüssen heraus. Schienen- und Straßennetzwerke stellen nur eine schlechte Alternative dar; im besten Fall können sie rund ein Fünftel des Exportvolumens auffangen.

Es liegt nicht nur am Krieg

Der Schock durch den Krieg kam zur Unzeit, denn die weltweite Ernährungssicherheit war ohnehin angespannt. Da wäre einmal der bereits genannte Druck durch Covid-19 und die damit zusammenhängenden Lieferkettenprobleme. Die hohe Übernachfrage im Zuge der Pandemie-Erholung sorgte zudem dafür, dass Inventar angezapft wurde, Nahrungsmittelvorräte also geschrumpft sind und jetzt jeder weitere Mangel extra spürbar wird. Wetterereignisse, teilweise im Zusammenhang mit dem Klimawandel, belasteten vielerorts die Produktion, zum Beispiel in Südamerika, Ostafrika und China. Hohe Energiepreise, eine Folge der seit mindestens Spätsommer 2021 anhaltenden Energiekrise, verteuern seit Monaten die energieintensiven Düngemittel. Dünger ist nicht einfach nur irgendein Vorprodukt, sondern das mit Abstand wichtigste in der Landwirtschaft, mit gut und gerne 30 Prozent Gesamtkostenanteil am laufenden Betrieb. Die Agrar-Analysefirma ICIS erklärt, dass 50 Prozent der globalen Nahrungsmittel von Düngemitteln abhängig seien. Jetzt noch die Kriegsfolgen obendrauf und die steigenden Nahrungsmittelpreise sind kaum eine Überraschung.

Der Mais-Preis in den vergangenen 25 Jahren. Quelle: Trading Economics
Der Weizen-Preis in den vergangenen 25 Jahren. Quelle: Trading Economics
Der Reis-Preis in den vergangenen 25 Jahren. Quelle: Trading Economics

Entwicklungsländer im Fokus

Die steigenden Lebensmittelpreise treffen Entwicklungsländer am schwersten. Die dortigen Haushalte geben im Schnitt einen deutlich höheren Anteil ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus, in der Regel mindestens 50 Prozent. Gleichzeitig sind die Entwicklungsländer oftmals Nahrungsmittelimporteure, leiden also stärker unter steigenden Preisen, und leisten für ihre Bevölkerung Lebensmittelsubventionen, welche unter hohen Preisen schwerer aufrechtzuerhalten sind. Folgen sind wahlweise schwere Schuldenkrisen oder Nahrungsmittelkrisen mit politischen Verwerfungen im Schlepptau.

In Sri Lanka, Peru, Pakistan und anderswo haben sich Nahrungsmittelpreise längst auf die politische Stabilität ausgewirkt; brachten Regierungen ins Wanken. Doch auch Industriestaaten kommen nicht ungeschoren davon, vor allem ärmere Haushalte leiden. Das erzwingt sozialpolitisches Gegensteuern und kann Populisten Auftrieb verleihen. Insgesamt liegt die Zahl der Menschen, deren Ernährungssicherheit nicht mehr vollständig gegeben ist, inzwischen bei 1,6 Milliarden (€) – 440 Millionen mehr als noch vor Ukrainekrieg und Pandemie, so die UN.

Gut zu wissen: Nahrungsmittel- und Schuldenkrisen können schnell Hand in Hand gehen. Du möchtest verstehen, warum Schuldenkrisen alles andere als trivial, sondern ein ernsthaftes Problem sind? Wir empfehlen unseren Explainer zu Staatsbankrotts und Schuldenkrisen aus April 2022.

Exportverbote und Hilfspakete

Eine der bisherigen Reaktionen der Staatengemeinschaft ist fatal: ExportverboteMindestens 19 Staaten haben, Stand Mitte Mai 2022, vollständige Exportverbote auf bestimmte Lebensmittelverbote verhängt, meist bis Ende des Jahres (dazu kommen mehrere Dutzend Einschränkungen, also keine Totalverbote). Indien verbietet Weizenexporte, Indonesien Palmöl, Iran Kartoffeln. Was intuitiv klingt, ist ein gefährliches Stück Protektionismus. Exportverbote stören das globale Angebot umso mehr, steigern die Weltmarktpreise und damit die Inflation und verschärfen die Ernährungsunsicherheit, womit sie ironischerweise zu mehr Exportverboten führen. Schon 2008/9 trugen undurchdachte Exportverbote zur Vertiefung einer Nahrungsmittelkrise bei.

Auch die inländische Logik für Exportverbote ist nicht eindeutig: Lokale Produzenten verlieren eine wichtige Einnahmequelle, was auch die Staatsumsätze belastet; die Währung schwächt sich ab (was Importe verteuert und damit Firmen und Haushalte belastet); und die globale Nachfrage könnte sich aufgrund der höheren Preise zu Substitutionsgütern, also Alternativprodukten, hinwenden; das unwillige Exportland stünde dann bei seiner Rückkehr in den Weltmarkt ohne Abnehmer dar. Indonesien hat sein Palmöl-Verbot jedenfalls nach rund drei Wochen und schweren Bauernprotesten wieder abgeschafft.

Eine zweite Reaktion ist dagegen besser. Die G7-Staaten haben einen Pakt für die Ernährungssicherheit gebildet und Finanzhilfen versprochen. Exportverbote haben sie ausdrücklich ausgeschlossen. Regionale und internationale Organisationen sowie UN-Institutionen sind ebenfalls an Bord; die Weltbank stellt beispielsweise zusätzliche 12 Milliarden USD für die Ernährungssicherheit bereit, insgesamt 30 Milliarden USD.

Was jetzt geschehen muss

Was also tun? Westliche Sanktionen sollten Nahrungsmittel- und Düngemittelexporte intelligenter ausklammern. Russische und belarusische Staatseinnahmen auf Kosten der globalen Ernährungssicherheit zu attackieren, wäre nicht nur gefundenes Fressen für anti-westliche Propaganda, es wäre auch fatal: Die Vorteile stünden in keinem Verhältnis zu den politischen und humanitären Risiken. Schon jetzt sind Nahrungsmittel- und Düngemittelexporte zwar offiziell ausgenommen, doch breitere Sanktionen gegen Russlands Finanzsystem ziehen auch sie in Mitleidenschaft.

Die Staatengemeinschaft sollte Druck auf Russland ausüben, ukrainische Getreidelieferungen über das Schwarze Meer zu ermöglichen. Gelingt das nicht – was wahrscheinlich ist -, stellen sich schwere Fragen: Sollte die Blockade aufgebrochen werden, indem bewaffnete Eskorten Handelsschiffe begleiten? Wer stellt diese Schiffe? Sind es NATO-Fregatten, erinnert die Situation an die Überlegungen zu einer Luftverbotszone, welche mit Hinblick auf die akute Eskalationsgefahr nie an Fahrt gewannen. Und selbst wenn Odessa wieder zugänglich wäre, so müsste es noch immer entmint werden, was alles andere als einfach ist.

Exportverbote müssen aufgehoben werden. Der Nahrungsmittelprotektionismus ist kontraproduktiv, steigert er doch Preise und verschärft die Nahrungsmittelunsicherheit. Finanzielle Hilfen oder Nahrungsmittellieferungen für betroffene Drittstaaten können von diesen kurzfristig etwas Druck nehmen.

Langfristig geht es darum, die weltweite Ernährungssicherheit auf eine stabilere Basis zu stellen: Höhere Reserven, mehr Importdiversifizierung. Auch ein Wandel zu weniger Fleischprodukten und eine höhere Effizienz entlang der Wertschöpfungskette, in welcher etwa 30 Prozent der Nahrungsmittel verloren gehen oder verschwendet werden, sind große Hebel. Biotreibstoffe binden 10 Prozent (€) allen Getreides und beispielsweise 18 Prozent des weltweiten Maises und könnten zumindest übergangsweise reduziert werden. In der Langfrist hilft der Kampf gegen den Klimawandel, disruptive Extremwettereignisse seltener zu machen.

Die Chance, eine noch tiefere, globale Nahrungsmittelkrise zu verhindern, ist da. Derzeit sind unter 30 Prozent des Welthandels bei Nahrungsmitteln und Düngemitteln von Exportbeschränkungen betroffen, weit unterhalb der 74 Prozent aus der Nahrungsmittelkrise 2008. Die globalen Vorräte für Reis, Weizen und Mais sind verhältnismäßig hoch. Die G7-Staaten, unter welchen einige der größten Exporteure sind, agieren bislang besonnen und senden die richtigen Signale. Wichtige Institutionen machen sich schon bereit, auszuhelfen. Gelingt es nicht, droht eine gefährliche Verbindung von Nahrungsmittel- und Schuldenkrisen in Entwicklungsländern, welche beide jeweils für sich genommen schon hochproblematisch wären, sowie eine Verschärfung der Inflation in aller Welt. Das erste Opfer wären ärmere Haushalte, das zweite die politische Stabilität.

Keine üble Welt_

Der Anteil der unterernährten Menschen, nach Region. Quelle: Our World in Data

Inmitten einer ernstzunehmenden Nahrungsmittelkrise, welche sich im ärgsten Fall zu einer extrem kritischen entwickeln könnte, lohnt sich ein Blick auf die langfristigen historischen Trends. Die Welt hat in den vergangenen Jahrzehnten spektakuläre Fortschritte bei der Ernährungssicherheit gemacht. Der Anteil der unterernährten Menschen ist zwischen 2001 und 2017 von 13,4 auf 8,8 Prozent gesunken – ein Drittel weniger Menschen ist also betroffen, und das, obwohl sich die Weltbevölkerung in der Zeit um zwei Milliarden erhöht hat. Das ist für eine Periode von 16 Jahren, unterbrochen von einer Finanz- und Nahrungsmittelkrise, absolut beachtlich.

Noch beeindruckender ist der Blick auf längere Zeiträume. 1970 waren laut der FAO noch 35 Prozent der Menschen in Entwicklungsländern von Unterernährung betroffen, 2015 waren es nur noch 13 Prozent. Die Weltbevölkerung hat sich in der Zeit um fast 3,7 Milliarden Menschen verdoppelt. 1945 war gar die Hälfte der gesamten Menschheit, also nicht nur in Entwicklungsländern, betroffen. Es sei gesagt, dass die Datenlage bei diesen frühen Schätzungen wackelig wird, was die konkreten Zahlen angeht, doch die Trends sind immer dieselben: Die Ernährungssicherheit in der Welt hat sich enorm verbessert.

Die Grüne Revolution

Ein großer Faktor war die Grüne Revolution. Bei ihr handelt es sich um eine Phase aus neuen Agrartechnologien und aktivem Technologieaustausch ab den 1960ern; vor allem bei Düngemitteln und neuen Getreidearten. Sie führte zu rasanten landwirtschaftlichen Produktivitätssprüngen. Die Folgen waren signifikant: Mexiko, welches zum Feldlabor für die Frühstufe der Grünen Revolution geriet, verwandelte sich innerhalb von zwanzig Jahren vom Nahrungsmittelimporteur zum Exporteur. Weizenerträge in Indien und Pakistan verdoppelten sich zwischen 1965 und 1970. Die neue Reissorte IR8 führte in Asien zu dermaßen großen Ertragssprüngen, dass sie als „Wunderreis“ bezeichnet wurde. Kurz gesagt: Die Grüne Revolution ermöglichte vermutlich einem Großteil der fünf Milliarden Menschen, welche seitdem zur Weltbevölkerung hinzugekommen sind, das Leben; sie senkte zudem die Armut, die Kindersterblichkeit sowie die für Landwirtschaft benötigte Fläche und CO₂-Emissionen. 

Gut zu wissen: Zwei Menschen gebührt im Rahmen der Grünen Revolution besonders viel Anerkennung. Der amerikanische Agrarwissenschaftler Norman Borlaug gilt als „Vater der Grünen Revolution“ und gewann für seine Arbeit einen Friedensnobelpreis. Yuan Longping, welcher exakt ein Jahr vor Veröffentlichung dieses Explainers gestorben ist, war derweil der „Vater des Hybridreises“. Mit dieser gekreuzten Reissorte, welche 20 Prozent ertragsreicher war, stieß Yuan Chinas ganz eigene (und vom Rest der Welt separate) Grüne Revolution an, von welcher später auch andere Staaten in Asien und Afrika profitierten.

So viel die Grüne Revolution auch beitrug, so konnte sie den Hunger in der Welt nicht komplett bezwingen. Und auch obwohl in den Jahrzehnten seitdem neue Innovationen zu immer weiteren Verbesserungen führten, bleibt noch viel zu tun, um die globale Ernährungssicherheit und -qualität zu steigern. Norman Borlaug fasste es selbst passend zusammen: Die Grüne Revolution hatte die Welt zwar nicht zum Utopia gemacht, doch einen Schritt näher ans Ziel gebracht. In der aktuellen Nahrungsmittelkrise geht es erst einmal darum, sich nicht zu sehr nach hinten zu lehnen, bevor es wieder vorwärtsgeht.

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