China und Taiwan – whathappened

China und Taiwan

Woher kommt der Konflikt und was ist der Stand?

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Die Republik China (ROC) verlor den Chinesischen Bürgerkrieg 1949 gegen die Kommunisten unter Mao und floh auf die Insel Taiwan. Die Kommunisten gründeten auf dem Festland die Volksrepublik China (PRC).
  • Die folgenden Jahrzehnte bekämpften sich beide Fraktionen um den Anspruch auf China. Ab den 1970ern kühlte der Konflikt ab und beide Seiten nahmen den Status Quo hin. Peking zielte langfristig nach wie vor auf eine Wiedervereinigung.
  • Taiwan wandelte sich derweil von einer autokratischen Diktatur zu einer vollwertigen Demokratie. Die taiwanesische Identität wurde wichtiger, die Rufe nach Unabhängigkeit lauter.
  • Für China ist das eine rote Linie: Erklärt Taiwan formal die Unabhängigkeit, muss es eben militärisch zurückgeholt werden.
  • Eine Invasion ist unwahrscheinlich: Die Kosten sind extrem hoch, zudem bleibt das Risiko einer US-Intervention.

Trennung_

Die Große Flucht

Mit dem Sieg kehrte der Krieg zurück. China, angeführt von General Chiang Kai-shek und seiner Partei Kuomintang, schlug 1945 eine Invasion Japans zurück.Doch damit flammte Chinas gewaltiger Bürgerkrieg erneut auf: Chiangs Republik China, auch Nationalchina genannt, und die chinesischen Kommunisten unter Mao Tse-tung stritten wieder um die Kontrolle über das Land.

Der Konflikt war 1927 ausgebrochen und schien damals schlecht für Mao zu verlaufen. Im Jahr 1934 standen seine Truppen kurz davor, aufgerieben zu werden, doch ihm gelang die Flucht. Auf dem heute mythologisierten „Langen Marsch“ floh eine Armee über 12.500 Kilometer durch unwegsames Gelände, nur ein Zehntel überlebte. Doch bevor Nationalchina den Kommunisten nachsetzen konnte, erklärte Japan plötzlich den Krieg.

Die Invasion Japans war ein Geschenk für die Kommunisten. Japan war eine militärisch und technologisch überlegene Großmacht, die erste Industrienation Asiens. China war ein Schatten seiner selbst und damit ein vermeintlich einfaches Ziel. Die Offensive band sämtliche Kräfte der Kuomintang.

Dabei wollte Chiang Kai-shek die Offensive gegen Mao eigentlich trotz Invasion weiterführen. In seinen Augen waren die Japaner „lediglich eine Krankheit der Haut“, doch die Kommunisten „eine Krankheit des Herzens“. Seine besorgten Generäle Zhang Xueliang und Yang Hucheng zwangen ihn allerdings zur Umkehr: Sie nahmen ihren Generalissimo kurzerhand gefangen und ließen ihn erst frei, als er einem Waffenstillstand mit der Kommunistischen Partei (CPC) zustimmte. Kuomintang und CPC pausierten ihren Konflikt und kämpften gemeinsam, wenn auch mit höchstmöglichem Misstrauen, gegen die Invasoren.

Kaum war Japan 1945 geschlagen, attackierten sich Kuomintang und CPC wieder gegenseitig. Diesmal waren die Karten anders gemischt. Die Kommunisten hatten sich in der Kampfpause sortieren und aufbauen können; das Chaos des Krieges hatte zudem immer mehr Chinesen, gerade aus ländlichen Regionen, zu Unterstützern gemacht.

Die „Volksbefreiungsarmee“ der CPC trieb die Kuomintang-Truppen vor sich her. Am 23. April 1949 eroberte sie die Hauptstadt Nanking und schnürte den Kreis um die Kuomintang immer enger. Diese sah am Ende keinen anderen Ausweg, als zu fliehen. Chiang Kai-shek und zwei Millionen Soldaten der Republik China setzten nach Taiwan über.

Die „Große Flucht“ nach Taiwan war eine logistische Mammutaufgabe. Zeitweise flogen 50 bis 60 Flugzeuge täglich zwischen Festland und Taiwan, um Menschen und Material zu transportieren. Akademiker und Forschungseinrichtungen wurden aufgerufen, sich anzuschließen. Allein aus dem Nationalen Palastmuseum wurden 230.000 Artefakte nach Taiwan evakuiert, ein Fünftel der gesamten Kollektion.

Gut zu wissen: Die Wahl zugunsten Taiwans war nicht selbstverständlich. Ein anderer Vorschlag war es, sich tief in den gebirgigen Westen Chinas zurückzuziehen. Ein Geograph überzeugte Chiang Kai-shek letztlich: Taiwans Klima und Ressourcenfülle würden die plötzliche Bevölkerungsexplosion tragen können. Zudem hatte Japan die Insel von 1895 bis 1945 regiert und viel Infrastruktur hinterlassen. Und das Meer zwischen Taiwan und China, die Taiwanstraße, stellte eine nützliche natürliche Grenze dar.

Nicht genug Himmel für zwei Sonnen

Die „Große Flucht“ bildete die Grundlage für die nächsten Jahrzehnte zwischen dem Koloss auf dem Festland und der kleinen bergigen Insel davor. Mao gründete die Volksrepublik China (PRC) und stellte sie unter seine eigene Ausrichtung des Kommunismus. Chiang Kai-shek führte die Republik China (ROC) auf Taiwan weiter. Beide Staaten betrachteten sich als das tatsächliche China und erhoben Anspruch aufeinander.

Zu Beginn war der Konflikt heiß. PRC und ROC bekämpften einander, doch eine vollwertige Invasion blieb aus. Die Volksrepublik war mit dem Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg und dem Koreakrieg anderweitig eingespannt. Die Republik sah wenig Chancen gegen die Kommunisten. Stattdessen blieb es bei kleineren Kämpfen in der Taiwanstraße, mit zwei Ausnahmen.

Die PRC versuchte 1958, Taiwan zu erobern und startete eine amphibische Operation auf einer vorgelagerten Insel. Die USA unterstützten die ROC und Peking gab nach kurzer Zeit auf. Beide Seiten erkannten das strategische Patt an und einigten sich inoffiziell darauf, quasi als Ritual, sich jeden Tag abwechselnd zu bombardieren. Drei Jahre später fand sich Festlandchina inmitten des „Großen Sprung nach vorn“, einem katastrophal gescheiterten Reformprogramm Maos, welches das Land ablenkte und schwächte. Chiang Kai-shek witterte eine Gelegenheit für eine Rückeroberung, doch sein Projekt „Nationaler Ruhm“ scheiterte nach einer Reihe von Rückschlägen im Jahr 1965.

Der Konflikt kühlte ab. Ab den 1970ern beschossen sich beide Chinas nicht mehr gegenseitig. Die ROC gab ihr Ziel, das Festland zurückzuerobern, endgültig auf. Ein großer Faktor war, dass sich die Stimmung in der Welt geändert hatte. Anfangs erkannten die UN und die meisten westlichen Staaten die ROC als einzigen Vertreter Chinas an, doch das änderte sich 1971. Die Volksrepublik wurde in die UN aufgenommen, Nationalchina trat aus. In den Worten von Chiang Kai-shek: „Der Himmel ist nicht groß genug für zwei Sonnen“. Im Jahr 1975 starb Chiang Kai-shek, ohne jemals wieder auf das Festland zurückgekehrt zu sein.

Gut zu wissen: Der „Große Sprung nach vorn“ war eine Reihe wirtschaftlicher und sozialer Reformen von 1958 bis 1962, mit welchen Mao China von einem Agrarstaat zu einem kommunistischen Industrieland machen wollte. Die planwirtschaftlichen Reformen – beispielsweise die Zusammenlegung von Bauern zu Volkskommunen – führte zur größten Hungersnot in der Menschheitsgeschichte mit zwischen 15 und 55 Millionen Toten.

Koexistenz_

Taiwans Präsident Ma, Chinas Präsident Xi in 2015. Quelle: Wikimedia Commons

Republik China

Als 1949 rund zwei Millionen Festlandchinesen nach Taiwan flohen, war für die Insel nichts mehr wie zuvor. Sie wurde zum Hauptquartier und letzten Bastion der Kuomintang, welche trotz nominell demokratischer Institutionen eine Diktatur aufbauten. Opposition wurde nicht geduldet und zwischen 1949 und 1987 wurden rund 140.000 Taiwaner und zugewanderte Festlandchinesen verhaftet, darunter viele Intellektuelle. Begründung war meist mutmaßliche Spionageaktivität für die Kommunisten. Dieser „Weißer Terror“ ging mit der zweitlängsten Phase an verhängtem Kriegsrecht einher, nur Syrien erlebte mit 48 Jahren ein noch längeres Kriegsrecht.

In den 1980ern begann dann allmählich die Demokratisierung unter Chiang Kai-sheks Sohn und Nachfolger Chiang Ching-kuo. Er verstand, dass Taiwans Zukunft nur gesichert sei, wenn es internationale Unterstützung besäße. Um westliche Staaten auf seine Seite zu ziehen, liberalisierte er das Land: Oppositionsparteien wurden gestattet und die Medienzensur gelockert. Um Spannungen zwischen Festland-Chinesen und taiwanesischen „Ureinwohnern“ zu lockern, gab er zweiteren mehr Rechte und ernannte einen Taiwan-geborenen zu seinem Premierminister und Nachfolger.

Die Demokratisierung setzte sich schnell fort. 1996 gab es die ersten allgemeinen Präsidentschaftswahlen. Vier Jahre später stellte Taiwan dann sämtliche Demokratiedefinitionen zufrieden: Ein Oppositionskandidat siegte erstmals in einer freien Wahl und konnte die Macht übernehmen. Chen Shui-bian von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) hatte den Kuomintang-Kandidaten bezwungen.

Taiwan

Der Wahlsieg der DPP öffnete ein kompliziertes neues Kapitel für Taiwan, welches bis heute anhält: Die Frage nach der nationalen Identität und dem nationalen Status. Denn während die Kuomintang die chinesische Identität festigen will und die Republik China an die Volksrepublik China annähern möchte, legt die DPP ihren Fokus auf eine einzigartige taiwanesische Identität und spricht in ihrer Charta das Ziel von formeller Unabhängigkeit eines Staats Taiwan aus.

Das ist bis heute die Situation. Auf der einen Seite steht die Pan-Blaue Koalition, ein Parteienbund rund um die Kuomintang, welcher chinesischen Nationalismus, eine Annäherung an die Volksrepublik und langfristig eine Wiedervereinigung unterstützt. Auf der anderen Seite ist die Pan-Grüne Koalition rund um die DPP, welche eine „Taiwanisierung“ und (je nach Partei subtiler oder lautstärker) taiwanesische Unabhängigkeit fordert.

Von 2000 bis 2008, als die DPP an der Regierung war, wurde das Wort „Taiwan“ in den Namen zahlreicher Regierungsbehörden eingeführt oder hervorgehoben; zwischen 2008 und 2016, als die Kuomintang wieder eine Mehrheit hatte, wurden die Entscheidungen teilweise zurückgenommen. Seit 2016 regiert mit Präsidentin Tsai Ing-wen wieder die DPP: Erst Herbst 2020 änderte sie das Design des Reisepasses. Wo vorher „Taiwan“ und „Republic of China“ ähnlich groß zu sehen waren, ist „Republic of China“ nun regelrecht versteckt.

Gut zu wissen: Die China-Taiwan-Frage trennt das Land fast sauber in der Mitte. 60 Prozent der Taiwaner empfinden die Beziehungen zu Festlandchina als „feindselig“ oder „sehr feindselig“ (Stand 2020); 40 Prozent unterstützen eine wirtschaftliche Annäherung an die Volksrepublik, 35 Prozent sind dagegen. Die Pro-Unabhängigkeit-Fraktionen scheinen am längeren Hebel zu sitzen: Der gemeinsame Ursprung von ROC und PRC liegt immer weiter zurück, die politischen Systeme sind immer weniger vereinbar. Zudem treibt Chinas aktive Geopolitik (Stichwort Hongkong) Taiwaner ins Peking-kritische Lager: Vor einem Jahr waren noch 53 Prozent für engere Beziehungen, nun nur noch 40 Prozent. Außerdem identifizieren sich 60 Prozent der Menschen auf Taiwan als Taiwaner; weitere 37 Prozent sowohl als Taiwaner als auch als Chinesen (2018). 

Taiwans alter und neuer Pass. Quelle: CNA

Ein China, zwei China

Die Volksrepublik China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz und als falschen Anwärter auf das wahre China. Und solange Taipeh sich ebenso als einzig wahres China sieht, ist alles in Ordnung. Denn dann kann Peking friedlich auf eine langfristige Wiedervereinigung zuarbeiten und den Status Quo gesichtswahrend akzeptieren. Das ist in Pekings Interesse, denn die Beziehung zu Taiwan ist nicht ausschließlich schlecht. Chinesen reisen nach Taiwan und Taiwaner nach China; Taiwans Hightechindustrie ist ein wichtiger Lieferant für Chinas Techsektor; und kulturell verbindet beide Länder nach wie vor vieles.

Also einigten sich die beiden Seiten auf den „Konsens von 1992“. Darin ist die sogenannte Ein-China-Politik festgelegt. Die Ein-China-Politik besagt, dass es nur ein einziges China (mit Taiwan als Bestandteil) gibt – doch dieses unterschiedlich interpretiert werden könne. Dieser Zusatz bietet Peking und Taipeh in ihrem diplomatischen Treiben etwas mehr Flexibilität, doch zieht für die Volksrepublik auch eine klare Linie im Sand: Es kann weder zwei separate Chinas noch ein unabhängiges Taiwan geben. Für beide Fälle droht Peking mit einer gewaltsamen Wiedereingliederung.

Entsprechend skeptisch blickt die PRC seit Jahrzehnten auf die Unabhängigkeitsbestrebungen in der taiwanesischen Gesellschaft und Politik. In Taiwans erster Präsidentschaftswahl im Jahr 1996 erklärte Amtsinhaber und Kandidat Lee Teng-hui, dass es nicht „ein China“ gebe, sondern zwei Staaten. Es handelte sich um die erste Anerkennung der Volksrepublik durch ROC und ein Eingeständnis, dass Taipeh nicht länger Anspruch auf ganz China erhebt. Doch Peking wertete das als gravierenden Verstoß gegen den „Konsens von 1992“ und schoss als Drohgebärde Raketen in die Taiwanstraße. Die Spannungen endeten erst als die USA Flugzeugträger in die Region verlagerten.

Wann immer die DPP in Taiwan an der Macht ist, nehmen die Konflikte zwischen Peking und Taipeh zu und die Rhetorik wird schärfer. So war es zwischen 2000 und 2008. Als dann die Kuomintang wieder die Regierung übernahm, entspannte sich die Lage, beide Seiten nahmen wieder politische Gespräche auf und vertieften ihre Wirtschaftsbeziehungen. 2015 gab es gar ein Treffen zwischen Präsident Ma Ying-jeou und seinem chinesischen Konterpart Xi Jinping, das erste seit Chiang Kai-shek und Mao Tse-tung in 1945. Doch seit 2016 ist Tsai Ing-wen von der DPP Präsidentin und das Verhältnis ist wieder heruntergekühlt.

Für taiwanesische Politiker ist das ein komplizierter Balanceakt. In der Charta der DPP mag Unabhängigkeit zwar als Ziel verankert sein, doch Tsai geht betont vorsichtig damit um. Sie vermeidet es, allzu offen über das Thema zu sprechen und ruft stattdessen zu Entspannung mit China auf. Ein Gesetz, welches Referenden über den nationalen Status und den Namen des Landes erlaubt hätte, blockte sie.

Dennoch sieht China steigendes Risiko für Taiwanisierung und zieht die Daumenschrauben an. Seit 2016 führt es regelmäßige Luft- und Seemanöver in der Nähe Taiwans durch und verletzt die taiwanesischen Kontrollzonen. Erst im Januar 2021 schickte China ein ungewöhnlich großes Geschwader aus mehreren Kampfjets und Bombern über die inoffizielle Grenze. Im Jahr 2015 probten chinesische Truppen die Erstürmung eines eins-zu-eins-Nachbaus des taiwanesischen Präsidentenpalasts (Peking veröffentlichte das Video später). Chinas Präsident Xi spricht offen davon, dass es Zeit sei, Taiwan wiedereinzugliedern. Und zwar notfalls militärisch.

Gut zu wissen: China baut nicht nur mit Drohgebärden und MIlitärmacht Druck auf Taiwan auf, sondern auch mit brain drain. Taiwanesische Akademiker werden an chinesischen Universitäten besonders gut bezahlt; einige Forschungsinstitute werben gezielt Taiwaner an; und Gründer von der Insel erhalten leichteren Zugang zu Wagniskapital auf dem Festland. Rund 400.000 Taiwaner arbeiten bereits in China, 55 Prozent aller im Ausland aktiven Bürger und ein Zehntel aller Taiwaner im beruflichen Alter (2019). Laut Präsidentin Tsai beeinflusst China zudem die taiwanesische Innenpolitik und versucht, Stimmung gegen die DPP zu machen.

Taiwans (geheime) Verbündete

Direkt nach dem faktischen Ende des Chinesischen Bürgerkriegs war der Großteil der entwickelten Staaten des Westens aufseiten der ROC. Mit dem autokratischen Chiang Kai-shek verbanden sie zwar kaum Sympathien, doch zu Maos Kommunisten noch weniger. Das änderte sich in den 1970ern, kurz nach Maos Tod. China öffnete sich allmählich und nahm eine zunehmend wichtige Rolle auf der Weltbühne ein. Immer mehr Staaten nahmen deswegen Beziehungen zu Peking auf und ließen das seinerzeit autokratische Taipeh fallen, da es schließlich nur einen anerkannten Vertreter Chinas geben konnte. Selbst in der UN verlor Taipeh den Sitz für China im Weltsicherheitsrat.

Doch mit Taiwans Demokratisierung und Wirtschaftswachstum gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts verbesserte sich die Reputation des Landes. Eine Vielzahl der entwickelten demokratischen Länder unterhält gute Beziehungen zu Taiwan. Dennoch sind nur wenige Länder bereit, Taiwan offen als Staat und somit entweder als unabhängig oder als legitimen Vertreter Chinas anzuerkennen. Das würde einen Bruch der Ein-China-Politik und damit einen diplomatischen Super-GAU mit Peking bedeuten. Unter den 14 Ländern, welche Taiwan heute noch vollwertige diplomatische Anerkennung bieten, sind Nationen wie Guatemala und St. Lucia. Aus Europa ist nur der Vatikan dabei.

Die meisten Staaten pflegen Schattenbeziehungen zu Taiwan. Deutschland unterhält vor Ort keine Botschaft, sondern das „Deutsche Institut Taipeh„. Dieses hat keinen Botschafter, sondern einen Generaldirektor, welcher zufälligerweise Diplomat im Auswärtigen Amt ist. Ähnlich halten es die USA mit ihrem „American Institute“. Dass es sich um de-facto-Botschaften handelt, ist kein Geheimnis. Doch Optik und Rhetorik spielen in der Außenpolitik eine nicht zu unterschätzende Rolle. In diesem Fall entscheiden sie über das Verhältnis zu Peking.

Obwohl die USA das Spiel seit 1979 mitspielen, sind und waren sie Taiwans wichtigster Verbündeter. Washingtons Hoffnungen auf eine Zusammenarbeit mit Mao wurden im Koreakrieg 1950 zerschlagen, danach galt die Devise „der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Die Beziehung zu Taiwan war nicht unkompliziert: Chiang Kai-shek wollte die USA in die Wiedereroberung von Festlandchina involvieren, bot im Gegenzug gar seine Hilfe im Vietnamkrieg an, doch Washington hatte wenig Interesse. Mit Taiwans rasanter Demokratisierung nach Chiang Kai-sheks Tod und Chinas Aufstieg als strategischer Rivale der USA war das Bündnis nicht mehr nur pragmatisch, sondern auch ideell begründet.

Gut zu wissen: Im außenpolitischen Diskurs der USA wurde der Chinesische Bürgerkrieg als „Verlust Chinas“ (loss of China) bezeichnet. US-Präsident Roosevelt hatte noch angenommen, dass China nach dem Zweiten Weltkrieg allmählich zu einer Großmacht neben den USA, Großbritannien und der Sowjetunion aufsteigen würde. Die Niederlage der Kuomintang und der Aufstieg der Kommunisten wurde als Katastrophe wahrgenommen und Roosevelt (inzwischen verstorben) und seinen China-Experten (den „China Hands„) angelastet. Der Autor William Manchester schrieb über die Stimmung der Zeit, dass der „Verlust Chinas“ selbst die Erfolge in Europa, wie Marshall-Plan und NATO, zu verblassen scheinen ließ.

Die USA sind Taiwans größter Waffenlieferant und mit dem „Taiwan Relations Act“ gewissermaßen der Schutzpatron des Landes. In der Resolution implizieren die USA in bewusst undeutlicher Sprache, dass sie Taiwan bei einem Angriff verteidigen würden. So betrachten sie „jegliche Maßnahme, die Zukunft Taiwans anders als durch friedliche Methoden zu bestimmen, einschließlich Boykotten und Embargos, als Bedrohung für den westpazifischen Raum und als sehr besorgniserregend für die Vereinigten Staaten„. Bedeutet das nun, dass bei einer Invasion eine amerikanische Gegenreaktion bevorstünde? Die Frage lässt Washington ganz bewusst im Raum stehen. Für Taiwan ist das amerikanische Gespenst über der Taiwanstraße, so vage es auch formuliert sein mag, eine Lebensversicherung.

Doch Taiwan allein ist keineswegs völlig hilflos. Die kleine Insel ist hoch militarisiert.

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Artillerie in Taiwan bei einer Übung, Juli 2020. Quelle: Bloomberg

Die chinesische Streitmacht ist der taiwanesischen deutlich überlegen. Die Volksrepublik gibt ungefähr 25 Mal so viel für ihre Armee aus und hat 12 Mal so viele Soldaten. Sollte China einen Invasionsversuch wagen, würde es schnell handeln. Peking müsste Taiwan unter Kontrolle bringen, bevor die USA reagieren könnten, oder es würde einen großflächigeren Konflikt riskieren. Vermutlich würden dem Angriff Cyberattacken auf Taiwans Infrastruktur und amerikanische Satelliten vorangehen, gefolgt von gezielten Luftschlägen auf Militäreinrichtungen und schließlich einer Invasion.

Aufgrund des militärischen Ungleichgewichts geht es Taiwan bei seiner Militärstrategie ausschließlich um Verteidigung. Ziel ist es, einen Invasionsversuch prohibitiv teuer zu machen und im Zweifelsfall abwehren zu können. Taiwan setzt dafür auf einen Mix aus modernen Truppen, vorteilhafter Geographie und zivilen Kapazitäten, welche sich militärisch einsetzen lassen.

Die regulären Waffensysteme, darunter amerikanische Kampfjets, Artilleriegeschütze und Panzer, sind gewissermaßen für den Frieden wichtiger als für den Krieg. Sie werden vor allem dafür eingesetzt, auf chinesische Drohgebärden zu reagieren, zum Beispiel wenn Kampfjets die inoffizielle Grenze in der Taiwanstraße überqueren. Sie sind zudem äußerst sichtbar und heben die Moral der eigenen Streitkräfte. Doch geht es nur nach Schlagkraft, hätte das hochmoderne, aber kleine Heer Taiwans den chinesischen Truppen wenig entgegenzusetzen. Deswegen ist Taiwans Geographie so wichtig.

Taiwan ist eine fürs Verteidigen gemachte Insel. Im Osten schirmt eine Gebirgskette das Landesinnere ab, im Westen gibt es nur wenige Stellen an der Küstenlinie, an welchen große Truppenverbände anlanden könnten. Diese lassen sich gut befestigen. Tunnel durch das bergige Inland erlauben die Evakuation der Führung und, sollte die Volksbefreiungsarmee weit vordringen, Partisanenaktionen gegen die Invasoren. 

Zudem müsste China sämtliches Material für seine Invasion über die Meeresenge und an die Landungszonen transportieren. Taiwan hat hingegen auf alle Infrastruktur, welche es benötigt, uneingeschränkten Zugriff. Nicht zu guter Letzt auch auf seine rund eine Million Reservisten, welche schnell aktiviert werden könnten. (Mehr zu Taiwans Verteidigungsstrategie)

Ein chinesischer Angriff ist damit vorerst unwahrscheinlich. Extrem hohe Kosten wären eine Gewissheit, ein Sieg hingegen nicht. Doch nicht alle Beobachter sind überzeugt. „[Selbst wenn] Taiwan alleine kämpft, müsste Peking einen furchtbaren Preis zahlen“, so der Analyst Ian Easton vom US-Thinktank Project 2049, „doch das könnte ein Preis sein, den Xi Jinping bereit zu zahlen ist“. Es wäre Xis Großer Sprung über die Taiwanstraße.

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