The Great Resignation: Kleine Arbeitsmarkt-Revolution – whathappened

The Great Resignation: Die kleine Revolution am Arbeitsmarkt

Eine Kündigungswelle wirft Fragen über die Zukunft des Arbeitsmarkts auf. Was hat es damit auf sich?

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Zahlreiche Arbeiter in aller Welt kündigen derzeit ihre Jobs. Das ist gerade in den USA auffällig, wo sich der Begriff „Great Resignation“ herausgebildet hat.
  • Die Interpretation des Phänomens variiert. Manche sehen darin ein vorübergehendes HR-Problem, andere knüpfen kapitalismuskritische Hoffnungen im Sinne von „Antiwork“ daran.
  • Die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen. Die Great Resignation ist nicht so drastisch, wie sie auf den ersten Blick wirkt, und hat in erster Linie auch nicht mit „Antiwork“ zu tun. Doch der Arbeitsmarkt verändert sich tatsächlich nachhaltig.
  • Dabei geht es – wenig überraschend – um Homeoffice, remote work und andere Flexibilisierungskonzepte, allesamt angefeuert durch die Pandemie.
  • China erlebt eine besondere Variante der Great Resignation: Immer mehr junge Menschen steigen aus dem intensiven Leistungssystem aus.
  • Das sogenannte „lying flat“ (sich hinlegen) macht inzwischen selbst die Kommunistische Partei nervös.

The Great Resignation_

Arbeiten oder nicht arbeiten. Das ist eine Frage, welche sich immer mehr Menschen in den vergangenen Monaten gestellt haben. Die „Great Resignation“, ungelenk-deutsch in etwa „Große Kündigung“, ist zum Schlagwort geworden; es geht um einen mutmaßlichen Massenexodus an Arbeitnehmern. Und tatsächlich sind die Kündigungszahlen mancherorts bemerkenswert hoch. In den USA gaben im August rekordträchtige 4,3 Millionen Menschen ihren Job auf (ca. 3 Prozent des gesamten Arbeitsmarkts); im September kamen gleich noch 100.000 weitere Kündigungen für einen neuen Rekord von 4,4 Millionen hinzu, im Oktober waren es noch immer 4,2 Millionen. Microsoft schätzt im Work Trend Index, dass 41 Prozent der globalen Arbeitnehmer erwägen, im kommenden Jahr den Job zu kündigen, fast doppelt so viel wie in früheren Jahren. Das Reddit-Forum „Antiwork„, in welchem sich Nutzer über zweifelhafte Vorgesetzte empören, ist inzwischen populärer als der Trading-Treff „Wall Street Bets“, welcher Anfang des Jahres an den Börsen für Furore gesorgt hatte.

Worum es bei der Great Resignation geht, ist auf den ersten Blick recht eindeutig. Doch eben nur auf den ersten Blick. Ist eine kurzfristige Anomalie am Arbeitsmarkt gemeint, quasi eine spannende Statistik? Oder eine vorübergehende Justierung aufgrund von Umwerfungen durch Covid-19, am besten mit ökonomischen Modellen erklärt? Oder geht es etwa um einen tiefgehenden kulturellen Wandel, welcher das Verständnis von Arbeit völlig umwirft, vielleicht gar mit antikapitalistischem Charakter? Die Interpretation ist alles andere als konsistent. Ein „Antiwork“ meint mit Great Resignation etwas anderes als ein HR-Blog. Werfen wir mal einen Blick darauf.

Gut zu wissen: Der Begriff „The Great Resignation“ wurde zum ersten Mal vom Professor Anthony Klotz der Texas A&M University verwendet und hat sich seitdem, kaum überraschend, in Medien, Paneldiskussionen und Linkedin-Posts verfangen.

Die Kündigungsrate in den USA betrag jahrelang rund 2 Prozent, fiel in der Finanzkrise auf 1,2 Prozent (da Arbeitnehmer sich an ihre Jobs klammerten) und stieg mit zunehmender Erholung langsam zurück auf knapp 2 Prozent. Im Herbst 2021 erreichte die Rate erstmals 3 Prozent. Quelle: Federal Reserve Economic Data

Was sind die Gründe?

Kaum überraschend war es die Covid-19-Pandemie, welche die Great Resignation verursacht hat. Die Pandemie löste einen Turbowandel zum Homeoffice aus. Arbeitnehmer realisierten, dass ihnen das heimische Arbeiten lag, oder konnten, falls sie selbst keines erlebten, bei Nachbarn und Social-Media-Kontakten neidisch werden. Immer mehr Angestellte lernten das remote work lieben, also die Arbeit aus anderen Städten oder Ländern. Und Kurzarbeit machte, nun ja, kürzeres Arbeiten schmackhaft. Doch was tun, wenn der eigene Arbeitgeber bei Homeoffice, remote work oder Teilzeit nicht so flexibel ist, wie man es sich erhofft? Was tun, wenn der eigene Job einen trotz Pandemie inmitten von Menschenansammlungen bugsiert, wie es gerade vielen Arbeitern mit niedrigeren Einkommen ergeht? Vielleicht einfach kündigen.

Eine Kündigung erscheint wie ein drastischer Schritt, doch ob sie das ist, hängt von individuellen und makroökonomischen Umständen ab. Es gibt zwei große Gründe, warum der Schritt ins Ungewisse für viele Arbeitnehmer gar nicht so ungewiss ist. Erstens: die Krisenmaßnahmen der Regierungen. Sie warfen Billionen an Dollar auf ihre Volkswirtschaften, um die Folgen der Covid-Krise abzufedern; in den USA gab es zahlreiche Staatshilfen für Haushalte, von pausierten Studienschulden bis hin zu „Helikoptergeld“. Dass ein stärkerer Sozialstaat Anreize zur Arbeit reduziert, ist ein fast schon klischeehafter Zusammenhang in der Arbeitsmarkttheorie, welcher zwar nicht immer funktionieren mag (höhere Arbeitslosenhilfe in den USA scheinen keinen Effekt auf Kündigungen gehabt zu haben), aber eben auch nicht grundsätzlich falsch ist. Haben Angestellte mehr Geld in der Tasche haben, ist es schließlich risikoloser, einfach mal zu kündigen. Dazu trugen übrigens nicht nur staatliche Hilfsmaßnahmen bei: Da die Pandemie Läden geschlossen, Lieferketten gekappt und Tourismus versaut hat, blieb vielen Haushalten nichts anderes übrig, als Geld zu sparen.

Der zweite Grund: die Arbeitsmärkte laufen sich vielerorts heiß. Hohe Nachfrage trifft auf verhaltenes Angebot, weswegen Firmen rasant ihre Kapazitäten ausbauen; nicht wenige Arbeiter fallen aus gesundheitlichen Gründen aus dem Arbeitsmarkt; und ausländische Arbeiter bleiben für die Dauer der Pandemie lieber zuhause. Auch hier sind die USA das beste Beispiel. Die Löhne sind in den vergangenen Monaten so stark gestiegen wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr (€); Unternehmen suchen händeringend nach Mitarbeitern. Das verschafft Arbeitern viel Verhandlungsmacht. Sie können ein Unternehmen verlassen und damit rechnen, dass sie relativ schnell ein neues finden, welches den eigenen Spezifikationen entspricht. Oder selbstbewusst ein Weilchen lang außerhalb des Arbeitsmarkts bleiben.

Kulturwandel auf dem Arbeitsmarkt

Aus den Gründen der Great Resignation liest sich sowohl eine vorübergehende, pandemiebedingte Anpassung als auch ein nachhaltiger Kulturwandel heraus. Der Arbeitsmarkt wird sich irgendwann wieder entspannen, womit so manch Kündigung doch zu riskant werden wird; doch Konzepte wie Homeoffice und remote work, bis vor anderthalb Jahren geradezu exotisch, lassen sich nicht mehr wegdenken. Arbeiter haben Gefallen daran gefunden und Unternehmen können nicht anders, als darauf einzugehen.

Die Pandemie hat außerdem einen abrupten Stopp bedeutet, nicht nur im gesellschaftlichen, sondern auch im beruflichen Leben. Das diente manchen Arbeitnehmern dazu, über ihren Job und ihre Prioritäten im Leben zu reflektieren – und nicht allen gefiel das Ergebnis. Der US-Ökonom Arindrajit Dube vermutet, dass Arbeiter in gerade niedrig bezahlten Berufen in der Regel unterschätzen, wie schlecht ihr Job eigentlich sei, doch durch die Pandemie aufgerüttelt worden seien. Ein „sozialer Multiplikatoreneffekt“ habe dann sein Übriges getan, um die Kündigungswelle auch wirklich zur Welle zu machen. Dass es für viele Arbeiter in den vergangenen Monaten eine Art „Pandemie-Epiphanie“ mitsamt Karriere-Umplanung gegeben hat, scheint alles andere als abwegig.

Die Theorie, dass es bei der Great Resignation um einen Arbeiteraufstand gegen grausame Chefs und Vorarbeiter ginge, quasi die Rache der Arbeit am Kapital, scheint hingegen weit hergeholt. Eine Gallup-Umfrage kam jüngst zu dem Schluss, dass die Mitarbeiterzufriedenheit in den USA so hoch wie fast noch nie (€) ist. Die Wünsche nach höherem Lohn oder mehr Flexibilität sind wiederum kaum revolutionär. Selbst eine Viertagewoche scheint sich derzeit nicht ernsthaft anzuschleichen.

Überhaupt gibt es gerechtfertigte Zweifel an der Existenz der Great Resignation, zumindest als Symbol für einen kollektiven Verlust an Arbeitswillen. Da wäre einmal die Tatsache, dass die Zahl der Kündigungen in den USA in der Frühphase der Covid-Pandemie deutlich sank, nur um mit der Erholung wieder zuzulegen. Es ist also durchaus denkbar, dass die aktuelle Kündigungswelle einfach nur die Folge aufgestauter Wechselwünsche ist, bei welchen Arbeitnehmer lieber noch etwas gewartet hatten. Forschung der Harvard University und der Jobplattform Indeed deutet für die USA und Großbritannien zudem darauf hin, dass sich die Kündigungen auf dem Niveau befinden, auf welchem man sie in Anbetracht der Zahl an Vakanzen erwarten würde. (€) Eine Studie von Goldman Sachs für die USA kommt zu dem Schluss, dass 2,5 Millionen der 4,3 Millionen Kündigungen im August damit zusammenhingen, dass Arbeitnehmer in Rente gingen. Auf dem Arbeitsmarkt passiert etwas, keine Frage. Doch womöglich weit weniger Dramatisches, als der griffige Titel andeuten mag.

Lying flat_

Quelle: Sina Weibo

Weltweit gekündigt

Fast jedes unserer Beispiele bezog sich auf die USA, wo das Phänomen „Great Resignation“ derzeit auch am meisten Aufmerksamkeit erfährt. Im Rest der Welt gibt es Indizien auf ähnliche Entwicklungen: Ein Drittel der deutschen Firmen tut sich damit schwer, hochqualifizierte Arbeitsplätze zu besetzen (der zweithöchste Wert seit Aufzeichnungsbeginn) und das Gastgewerbe beschäftigt 8,4 Prozent weniger Arbeitnehmer als vor der Pandemie, obwohl es verzweifelt nach Personal sucht. In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) können sich 56 Prozent der white collar-Arbeiter vorstellen, 2022 den Job zu wechseln. Die OECD vermisst in ihren 38 Mitgliedsstaaten 20 Millionen Arbeiter im Vergleich zum Vorkrisenniveau. In Großbritannien, welches den USA am nächsten kommt, sind 900.000 Menschen nur aufgrund der Pandemie aus dem Arbeitsmarkt gefallen, 3 Prozent aller Arbeiter.

Doch im Großen und Ganzen lässt sich noch keine Kündigungswelle oder gar eine kulturell relevante Antiwork-Bewegung erkennen. In den meisten Orten besteht nicht sonderlich viel Unterschied zu früher. In Kanada liegt die Zahl der Kündigungen aufgrund von Unzufriedenheit sogar spürbar unter dem Vorkrisenniveau (€), in der EU ebenso leicht. Eine Besonderheit ist China.

996

China pflegt seine eigene Form der Great Resignation, und zwar schon lange bevor der neue Begriff es in die Schlagzeilen geschafft hatte. Es geht um tangping, also „sich flach hinlegen“ oder, öfter zu hören, „lying flat“. Gemeint ist ein passiver Lebensstil, welcher anstelle von Produktivität, Karriere und Hamsterrad auf Entspannung, Nichtstun und Genügsamkeit setzt.

„Lying flat“ ist die Antithese zur chinesischen Leistungsgesellschaft, welche aus dem spektakulären Wirtschaftswunder der vergangenen zwanzig Jahre geboren worden ist, doch noch immer unter dem Eindruck der schwierigen Jahrzehnte davor steht. Auf jungen Chinesen lastet viel Druck, sozial aufzusteigen und bloß nicht abzurutschen. Folge ist beispielsweise das „996“-Prinzip, welches gerade in gut bezahlten, kompetitiven Jobs die Arbeit von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends an sechs Tagen die Woche beschreibt. Hohe Kosten für Immobilien, Bildung und das Führen einer Familie rücken die klassischen Meilensteine dennoch in weite Ferne. Entsprechend rasant verbreitete sich lying flat unter den jungen Chinesen; zu schnell gar für die Kommunistische Partei, welche es nicht wegzensiert bekam. Die Jugend hat einfach keine Lust mehr. Bei der chinesischen Version der Great Resignation geht es tatsächlich um große Resignation.

Dabei bezieht sich lying flat nicht etwa nur auf die Karriere, sondern auf alle beliebigen gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Eigene Immobilien, Heiraten, Kinderkriegen, Konsum? Nein, danke. Die Ecksteine des Lebensentwurfs der modernen chinesischen Gesellschaft werden plötzlich zurückgewiesen. Kein Wunder, dass die Führung des Landes nervös wird. Präsident Xi höchstpersönlich griff lying flat in einem Artikel aus Oktober an:

„Es ist notwendig, die Stagnation der sozialen Klasse zu verhindern, die Wege für den sozialen Aufstieg freizumachen, mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, reich zu werden, und ein Umfeld für Verbesserungen zu schaffen, an dem alle teilhaben, um Rückentwicklung und flach hinlegen zu vermeiden.“

Das nationalistische Staatsmedium Global Times wird noch deutlicher: Das Land werde es nicht erlauben, dass sich junge Menschen „kollektiv flach hinlegen“.

Gut zu wissen: Lying flat ist in China an sich seit längerem bekannt, doch erhielt besonders ab April 2021 Aufwind. Der Social-Media-Post eines Chinesen in seinen Zwanzigern namens Luo Huazhong hatte für Furore gesorgt: „Das Leben besteht einfach nur aus sich flach hinlegen, sich flach hinlegen und sich flach hinlegen. Sich flach hinlegen ist Gerechtigkeit“. Es gehe nicht darum, nichts zu tun, sondern sich zu überlegen, was die eigene Aufmerksamkeit und Energie wert ist, so Luo. Er selbst habe auch einen Job, allerdings sehr on brand: Er arbeitet als Statist für Leichen in Filmdrehs, liegt also hauptsächlich herum.

Pekings Falle

Chinas Great Resignation-Moment klingt deutlich mehr nach Kulturwandel als das westliche Pendant. Wobei sich noch zeigen muss, wie groß das Phänomen lying flat gegenüber den alteingesessenen Mustern wie 996 tatsächlich ist. Erreicht es eine kritische Masse und bietet den Startschuss für eine neue Arbeitskultur in China, geht das mit Problemen für das Land einher.

Die Regierung in Peking hat Sorge, dass der neue Trend das Jahrhundertziel ausbremsen könnte, China zu einem Land mit hohem Einkommen und ohne Armut zu machen. Auf der anderen Seite lauert nämlich die „middle-income trap„, welche beschreibt, dass vielen Länder mit mittleren Einkommen der Aufstieg zu hohen Einkommen partout nicht gelingen will – sie sitzen in der Falle. Peking ist sich dieser Gefahr absolut bewusst und versucht, ihr um jeden Preis zu entgehen. Eine Generation, welche Genügsamkeit zur Hymne macht, hilft dabei nicht. Auch der Westen und Länder wie Japan (mit seinen „Freeters„) hatten ähnliche Momente in ihrer jüngeren Geschichte, doch waren zu dem Zeitpunkt bereits deutlich weiter in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung.

Gut zu wissen: In unserem whathappened-Explainer zum EU-Hilfspaket erklärten wir, was es damit auf sich hat und welchen langen politischen Weg das Paket absolvieren musste.

Ein Fazit_

Im Rest der Welt, vor allem den USA, mag es um weniger existenzielle Sorgen als in China gehen. Stattdessen herrscht vor allem Ratlosigkeit. Wie viel ist an der Great Resignation dran? Welche Veränderungen stehen bevor? Stellen sie ein Problem dar und falls ja, wie kann ihnen beigekommen werden?

Am wahrscheinlichsten ist, dass es beim griffigen Stichwort Great Resignation weder um echten Arbeitsmarktexodus noch um Antikapitalismus geht. Das heißt aber nicht, dass es keinen aufregenden Wandel signalisiert, denn der Arbeitsmarkt wird in Zukunft nicht mehr derselbe sein. Homeoffice und remote work sorgen in vielen Berufen für eine neue räumliche Dimension von Arbeit, verändern das Verhältnis von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, schaffen neue soziale und hierarchische Ebenen in Unternehmen (werden Büro-Mitarbeiter besser bezahlt?), und machen den Arbeitsmarkt mobiler, denn der Faktor Standort wird plötzlich weniger wichtig.

Die BBC bietet in einem Artikel einen interessanten Gedanken: Vielleicht ist die Great Resignation eher ein Great Reshuffle: Arbeiter, welche die neue Flexibilität einfordern, wechseln von Firmen und Branchen, welche sie nicht bieten, zu solchen, die es tun. Und Arbeiter, welche sich ins Büro zurückwünschen, wechseln zu Firmen, die genau das erlauben. Das ist eine schöne Vision der Umwürfe am Arbeitsmarkt, denn das Resultat wäre, dass er für die Arbeitenden besser funktioniert.

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