Trading in 2021: Zwischen PFOF und ETFs – whathappened.io

Der demokratisierte Aktienmarkt – zwischen PFOF und ETFs

Trading ist inklusiver als es jemals zuvor war. Vielleicht zu inklusiv?

Demokratisierung | Risiko | Memeification

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Der Aktienmarkt war lange Zeit kaum zugängig. Grund waren Informationsasymmetriehohe Kosten und hoher Aufwand.
  • Technologischer Fortschritt hat diese Hürden abgebaut. Die neuesten Treiber dieser „Demokratisierung“: SmartphonesETFs und die Covid-Pandemie.
  • Der große neue Player sind gebührenfreie, mobile-first Trading-Apps. Sie erleichtern gerade Privatanlegern den Einstieg in die Märkte.
  • Allerdings entstehen dadurch auch Risiken für die Anleger, denn sie haben Zugang zu hochriskanten Finanzprodukten.
  • Das Geschäftsmodell der Gratis-Broker („PFOF„) schafft einen Anreiz für Robinhood und Co., Kunden zu vielen (& riskanteren) Handeln zu bewegen.
  • In Kombination mit dem neuen „kulturellen Moment“ des Aktienmarkts inmitten der Pandemie – und seiner Memeifizierung – entstehen außerdem über Blasen und Herdenverhalten neue Risiken. Dafür gab es 2020 und 2021 bereits einige Hinweise. Am prominentesten: Tesla und GameStop.

Demokratisierung_

Der Aktienmarkt war bis 1970 eine Festung. Wer hineingelangen wollte, hatte zweihundert Jahre lang hohe Gebühren zahlen und viel Zeit mitbringen müssen. Wenig Wettbewerb unter Brokern, also Börsenmaklern, welche die Finanztransaktionen von Kunden umsetzen, machte die hohen Kosten unverhandelbar. Um Ahnung von den intransparenten Börsenkursen zu haben, brauchte es eine teure Bank als Berater.

Das größere Problem war vermutlich der Aufwand, der mit dem Aktienhandel verbunden war. Die Auswahl an Aktien war gering und fast ausschließlich national begrenzt. Wer teilnahm, erhielt ein physisches Aktienzertifikat. Wollte man wissen, wie viel das Zertifikat in der Aktentasche (dem Portfolio) wert war, musste man lange Zeit auf dem Börsenparkett präsent sein und den Verkaufs- und Kaufsangeboten zuhören. Die Händler brachten Nachfrage und Angebot mittels „open outcry“ (Parketthandel) in Einklang; die Kurstafel-Jungs schrieben die Preise mit Kreide an die Tafel.

Gut zu wissen: Die vermutlich erste regelmäßig handelbare Aktie Deutschlands war die Emdener Heringsfang-Company aus dem Jahr 1785.

Zeit für High-Tech

Technologie öffnete den Aktienhandel. Erst kam der Börsenticker in 1867, ein lauter Telegraph, welcher die Kurse an alle anderen Börsenticker sandte. Diese standen meist in Banken, doch auch bei manch wohlhabendem Individuum. Allein diese Änderung war signifikant: Gab es 1820 noch Tage, an denen an der New Yorker Börse (NYSE) keine einzige Aktie gehandelt wurde, stieg der Durchschnittswert 1886 bereits auf mehr als eine Million Aktien am Tag. Mit dem Aufstieg von Radio und Fernsehen wurden die Kurse noch transparenter.

Der Aufwand blieb allerdings hoch. Noch bis ins späte 20. Jahrhundert mussten Anleger persönlich vorstellig werden und Kauf- oder Verkaufsformulare vorlegen. Das Telefon nahm einem zumindest diese Arbeit ab. In Deutschland trat es gerade in den 1980ern seinen Siegeszug im Aktienhandel an; in den USA schon Hundert Jahre früher. Blieben nur noch hohe Kosten, geringe Auswahl und langsame Reaktionszeiten. 1952 hielten nur 6,5 Millionen Amerikaner herkömmliche Aktien, 4,2% der Bevölkerung.

Die große Wende kam 1971Damals führte die US-Technologiebörse NASDAQ ihr Computersystem ein. Das Händlerparkett war abgeschafft, Orders wurden elektronisch abgewickelt und Anleger hielten ihre Wertpapiere in elektronischer Form. Große Anlagefonds öffneten den Markt mehr Menschen bei niedrigeren Gebühren. Eine Entscheidung der US-Börsenaufsicht SEC 1975 schuf fixe Minimalgebühren ab, welche in den Jahrzehnten zuvor ein fester Bestandteil der Börsenwelt gewesen waren. Günstige Broker wie Charles Schwab richteten sich gezielt an den Normalbürger. Bis 1982 erreichte das tägliche Handelsvolumen an der NYSE 100 Millionen. Die Aktienquote in den USA stieg auf 20% oder 51 Millionen Amerikaner.

Die Entwicklung blieb dort nicht stehen. In den 1990ern kam das Internet hinzu, welches den Aktienhandel vereinfachte und lange Wartezeiten am Telefon abschaffte. Die zunehmend stärkere Automatisierung der Börsen und das schnelle Wachstum algorithmischen Hochfrequenztradings machten den Handel effizienter und erhöhten die Liquidität. Bis 1997 wurden täglich bereits eine Milliarde Transaktionen an der NYSE abgewickelt – eintausend Mal so viele wie 111 Jahre zuvor. Auch die Aktionärsquote stieg und erreichte bis 2019 rund 55% in den USA.

Ironischerweise waren die 1970er mit ihrer Wirtschaftsstagnation – der Leitindex DIJA stieg innerhalb von zehn Jahren nur um 5 Prozent – damit der Startschuss für den Aktienmarkt in seiner heutigen Form.

In Deutschland verlief die Entwicklung ganz ähnlich, nur langsamer. Der erste „computergestützte Parketthandel“ tauchte in Frankfurt in den 1970ern auf. Alte Kurzanzeigetafeln verschwanden in den 80ern zugunsten digitaler Tafeln. In den 90ern setzt sich dann nach und nach der vollelektronische Aktienhandel à la NASDAQ 1971 durch. Bis heute hängt allerdings die Aktionärsquote gegenüber anderen Ländern zurück: Von rund 10% in 1997 stieg sie bis 2019 auf 15,2%, was allerdings unter den Vorjahreswerten liegt. In Deutschland gab es keinen positiven Aktionärstrend. Der Dotcom-Crash zur Jahrtausendwende und die Finanzkrise 2008 hatten für verbrannte Finger (€) und einer Skepsis vor Aktieninvestments in der breiten Bevölkerung gesorgt (tiefer mehr dazu).

Doch die Demokratisierung der Märkte lässt sich scheinbar kaum aufhalten. In die Reihe von Telegraphen, Telefonen, Computern und Hochfrequenztrading treten nun… ETFs, Smartphones und eine Pandemie.

Smartphones und ETFs

Im Jahr 2013 wurde Robinhood gegründet, zwei Jahre später startete es seine Tradingplattform. Das amerikanische Startup hatte ein simples Angebot: Gebührenfreies Trading innerhalb weniger Sekunden auf dem Smartphone. Das war seinerzeit tatsächlich ein Novum und entsprechend ein sofortiger Kassenschlager; die App hatte noch vor Launch eine volle Warteliste angesammelt. Doch Robinhood war nicht nur günstig, es war auch einfach zu bedienen. Mit seinem mobile first-Credo war und ist die App genaustens auf die Generation Smartphone ausgelegt.

Doch womöglich hätte Robinhood nicht seinen Effekt haben können, hätte es nicht ETFs gegeben. Solche Exchange Traded Funds existieren in Ur-Form seit 1973, nachdem Studien gezeigt hatten, dass passives Investieren besser abschneidet als aktives. Denn ETFs tun nichts anderes, als einen bestimmten Aktienindex zu spiegeln und damit einfach dessen Kursentwicklung zu folgen. Das kann der S&P 500 sein oder der DAX 30. Er kann aber auch „thematisch“ orientiert sein und einem Bündel aus Energiekonzernen oder Firmen aus Entwicklungsländern folgen. Dem hoffentlich qualifizierten Finanzberater vertrauen? Nicht mehr vonnöten. Das bedeutet weniger Informationsasymmetrie und weniger Gebühren, denn der Anleger (oder sein Broker) müssen nicht ständig kaufen und verkaufen, um auf vermeintliche Siegeraktien zu wetten.

Privatanleger ohne viel Ahnung vom Aktienmarkt konnten ihr Geld einfach kurzerhand dem Leitindex S&P 500 oder einen Mix globaler Indizes folgen lassen und sich dank hoher Diversifizierung über eine recht stabile Rendite freuen. Der größte Nachteil von ETFs ist, dass sie nicht sonderlich flexibel sind. Und den Markt schlagen geht per Definition nicht. Aber dafür kann einen der Markt auch nicht erschlagen. Gut genug für viele Privatanleger – gerade junge.

Der erste „richtige“ ETF kam 1993 auf den Markt. Anfangs waren die Fonds allerdings skeptisch beäugte Exoten. Bis 2002 stieg die Zahl der ETFs auf nur 102. Doch in den zwei Jahrzehnten danach begann der Boom: Bis Ende 2009 gab es über 1.000 ETFs, bis 2020 über 7.000. Im Jahr 2014 lag fast ein Drittel der globalen Werte in passiv verwalteten Fonds. Inzwischen geben 160 verschiedene Finanzunternehmen ETFs heraus. Schätzungen zufolge haben ETFs und Robo-Advisor, welche ihr Geld nach algorithmischen Portfolio-Theorien investieren, Anlegern seit 1975 rund 1 Billion USD (€) an Gebühren gespart.

Gut zu wissen: Einige Studien deuten darauf hin, dass ETFs die Marktvolatilität steigern und damit ein systemisches Risiko darstellen. Ein Grund sei, dass ETFs dazu führten, dass sich immer mehr Werte gleichermaßen bewegen, also auf einmal gleichen Schocks ausgeliefert sind. Zudem könnten ETFs die Preisvolatilität ihrer zugrundeliegenden Einzelwerte erhöhen.

Die Pandemie

Dank Robinhood ging das Traden also einfach und dank ETFs mussten unerfahrene Anleger weniger Angst vor den Märkten haben. Robinhoods Nutzerzahlen stiegen von einer Million (2016) auf 10 Millionen (2019). Das Startup ist inzwischen rund 20 Milliarden USD wert und steht wohl nur Monate vor einem Börsengang. Alteingesessene Anbieter wie Charles Schwab oder Fidelity boten plötzlich ebenso kostenloses Trading an; neue Konkurrenten tauchten auf, wie hierzulande Trade Republic. 

Und dann kam die Pandemie. Sie leistete den Trading-Plattformen auf drei Arten Auftrieb. Erstens führte sie zu einem plötzlichen Einbruch und dann zu einer rasanten Erholung an den Aktienmärkten, an welcher Privatanleger teilhaben wollten. Zweitens waren die meisten Menschen ohnehin an ihr Zuhause gefesselt und hatten genug Zeit an den Händen, sich in ein neues Thema einzuarbeiten. Drittens hatte es in den USA im Rahmen des Covid-Konjunkturpakets „Helikoptergeld“ gegeben, welches viele Privatanleger kurzerhand als Startinvestition nutzten.

Also entdeckten viele Menschen ohne vorherige Börsenerfahrung plötzlich das Investieren für sich. In den USA stieg der Anteil der Privatanleger am gesamten Transaktionsvolumen von rund 10 Prozent in 2019 auf etwa 25 Prozent (€) im Januar 2021. Unter den Top-Apps in PlayStore und App Store fanden sich Januar 2021 Robinhood, Webull, Coinbase (für Kryptowährungen), Cash App und Fidelity Investments. Auch das Day Trading gewann an Zulauf: Anleger versuchen dabei gezielt, die „richtigen“ Investments zu tätigen und steuern ihr Portfolio aktiv (und mehrfach täglich), statt es beispielsweise über ETFs passiv wachsen zu lassen.

Gewissermaßen ist die Moral der Geschichte damit, dass Technologie als demokratisierende Kraft gewirkt hat. Aktienhandel, welcher vor wenigen Jahrzehnten noch mit hohen Informations-, Kosten- und Aufwandshürden verbunden war, ist heute deutlich freier zugängig. Doch die größere Teilhabe bedeutet auch Risiken und so manche kontroverse Geschäftspraktik.

Neobroker, PFOF und das Risiko_

So beliebt wie noch nie: Trading-Apps haben zeitweise alle anderen Apps in App Store (hier dargestellt) und PlayStore hinter sich gelassen. Das ist ungewöhnlich, denn eigentlich schlägt nichts Entertainment-Apps. Quelle: CNBC

Die Statistik ist gegen dich

Privatanleger und Märkte ist keine einwandfreie LiebesbeziehungStudien zeigen regelmäßig, dass Privatanleger vor allem Geld verlieren, wenn sie an den Märkten aktiv werden – zumindest, wenn sie die Zügel in die eigene Hand nehmen und den Markt zu schlagen versuchen. 

Plattformen wie Robinhood und Trade Republic ermöglichen es ihren Nutzern nicht nur, schnell und komfortabel in Indexfonds oder verhältnismäßig sichere Aktien zu investierenSie erlauben es auch, deutlich riskantere Manöver zu versuchen. Das kann das Investment in einen „penny stock“ sein, also eine kleine Firma mit niedrigem Aktienpreis, welcher hohen Ausschlägen ausgesetzt ist. Das Nutzen riskanter Hebelprodukte, in welchen Nutzer bei der Wette auf eine Kursbewegung ein Vielfaches ihres Einsatzes gewinnen oder verlieren können. Oder das Aufspringen auf einen gehypten Wert, welcher jederzeit abstürzen könnte.

Das ist keineswegs hypothetisch. Robinhood-Nutzer handelten bei weitem die riskantesten Produkte aller US-Broker, so eine Analyse der Forschungsfirma Alphacution. Sie nutzten riskante Optionen 88-mal so oft wie Nutzer bei Charles Schwab. Gleichzeitig schneiden Privatanleger beim Handel mit Optionen sogar schlechter (€) ab als beim einfachen Anlegen. Und da die Hälfte der Robinhood-Nutzer vor dem Entdecken der Plattform noch nie zuvor investiert hatte (€), ist der Mix gefährlich.

Robinhood-Nutzer mögen Optionen. Quelle: New York Times

Im besten Fall ist das ein bisschen Spielgeld, welches gerade verloren gegangen ist. Im schlimmsten Fall hat jemand gerade seine Ersparnisse verbrannt oder sich für die Wette gar zusätzlich verschuldet. Im Juni 2020 beging ein 20-jähriger Amerikaner Selbstmord, nachdem er aus 16.000 USD Investment auf Robinhood plötzlich 730.000 USD Verlust gemacht hatte – zumindest dachte er das, denn die Anzeige war einfach noch nicht vollständig aktualisiert. In Wahrheit hatte er wohl sogar einen kleinen Gewinn gemacht. Die Familie wirft Robinhood nun vor, mit seinem Interface und mangelhaftem Kundendienst seine Verantwortung gegenüber unerfahrenen Privatanlegern nicht erfüllt zu haben; die Firma weist ein Verschulden zurück.

Auch von solchen Extremfällen abgesehen wächst die Kritik an Robinhood. Durch sein simples Interface und fast schon spielerische Elemente mache das Unternehmen es Kunden zu einfach, zu viel Risiko aufzunehmen. Robinhood ermuntere Nutzer dazu, von „Stützräder auf Motorräder“ zu wechseln, so Scott Smith von der Beratungsfirma Cerulli. Das sei, „wie das Casino schlagen zu wollen“. Im Dezember 2020 erhoben Regulatoren in Massachusetts Klage gegen die Firma, da sie Anleger „unnötigen Risiken“ aussetzen würde.

PFOF: Wie Robinhood Geld macht

Robinhood hat ein natürliches Interesse daran, dass seine Kunden so viel wie möglich traden. Die Plattform verdient über ein umstrittenes Modell namens „payment for order flow“ (PFOF) Geld. Robinhood reicht eine Order zum Kaufen oder Verkaufen an einen Market Maker weiter, welcher sie dann ausführt. Die Market Maker, beispielsweise Virtu, Citadel oder UBS, verdienen Geld über den sogenannten „bid-ask-spread“ (mit Erklärvideo), den Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufsangebot. Für den Broker kann das einen Interessenskonflikt darstellen, denn der Market Maker, bei welchem Kunden den besten Preis erhalten, ist nicht unbedingt jener, welcher am meisten für das Weiterleiten der Transaktion zahlt. Deswegen ist das Modell oft gesetzlich mehr oder minder reglementiert; in Großbritannien und den Niederlanden gar verboten.

PFOF ist nichts völlig ungewöhnliches, auch „herkömmliche“ Trading-Plattformen nutzen es – doch bei Robinhood nimmt es eine andere Größenordnung an. Fast die Hälfte des Umsatzes der Firma stammt daraus und sie erhält von den Market Makern deutlich höhere Preise für das Weiterleiten von Transaktionen gezahlt. Vermutlich, weil die Market Maker davon ausgehen, an den unerfahrenen Robinhood-Nutzern am meisten verdienen zu können. Dass auch Robinhood selbst seine PFOF-Monetarisierung nicht unproblematisch – oder zumindest schwierig zu kommunizieren – findet, zeigt, dass die Firma erst 2018 öffentlich machte, dass sie PFOF nutzt. Die Börsenaufsicht SEC zwang Robinhood deswegen zur Zahlung einer Strafe über 65 Millionen USD.

Robinhood-Gründer Vlad Tenev blickt gelassen auf die Risiken für Privatanleger. Es stimme zwar, dass Nutzer Geld verlieren würden, doch junge Amerikaner drohten insgesamt noch größere Verluste, wenn sie nicht in Aktien investieren würden. Das ist wohl nicht falsch: Tatsächlich ist eine Beteiligung an den Aktienmärkten überwiegend nützlich. Sie erlaubt es, an der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung und in diesem Sinne auch an technologischen Fortschritten teilzuhaben. Gerade für junge Menschen mit langem Anlagehorizont gibt es dabei relativ wenig zu verlieren. Unter der Annahme, dass kein katastrophales Ereignis eintritt, sind stark diversifizierte Portfolios (Stichwort breite ETFs) auf lange Sicht ein ziemlich sicheres Investment. Wer im Dezember 2007 – also unmittelbar vor der Finanzkrise – 10.000 EUR in einen stark diversifizierten MSCI World ETF angelegt hat, hätte Ende 2020 trotzdem immerhin rund 28.000 EUR daraus gemacht (interaktives Tool mit verstellbaren Parametern, z.B. Zeitraum). Wer Dezember 2008 zufälligerweise genau das Tief der Krise abgepasst hat, freut sich heute über 44.000 EUR.

Deswegen versuchen auch Politiker und Finanzexperten gerne mal, die Aktionärsquote in ihren Ländern gesteigert zu kriegen. Denn die erzielte Rendite, welche gerade in Zeiten von Ultraniedrigzinsen weit über der von Sparprodukten liegt, kann in Binnenkonsum oder individueller Altersvorsorge aufgehen (und ein wenig mehr Verbindung zwischen Bürgern und Firmen eines Landes kreieren). In Deutschland gelang das jahrelang eher schleppend. Ein Report der Deutschen Börse sprach vom „Rätsel der Aktienmarktteilnahme in Deutschland“.

Warum nehmen Deutsche so wenig am Aktienmarkt teil? Auf den ersten vier Rängen: Angst vor hohem Verlust durch ökonomische Katastrophe; Vermögen zu klein; Fehlendes Wissen; Kein Vertrauen in Aktienmärkte. Umfrage unter 2.761 Bürgern; davon 2.094 Nicht-Aktienbesitzende. Per Klick auf die Grafik gelangst du zum entsprechenden Report. Quelle: Deutsche Börse, Frankfurt School

Doch was der Politik nicht gelang, schaffte die Pandemie in Nullkommanichts: Nach jahrelangem Auf und Ab stieg die deutsche Aktionärsquote 2020 auf 17,5% (2019: 15,2%) oder 12,4 Millionen Menschen. Bei den unter-30-Jährigen stieg die Zahl der Neuankömmlinge gar um 70% gegenüber 2019.

Robinhood ist in Deutschland zwar nicht verfügbar, doch dafür Apps wie Trade Republic. Diese dürfte im Pandemiejahr regelrecht explodiert sein: Waren es im März noch rund 100.000 Kunden, vermuten Beobachter jetzt bereits über 500.000 Kunden bei Trade Republic. Die Firma selbst kommuniziert derzeit keine konkreten Zahlen. Womöglich, um den großen Erfolg im strategisch günstigsten Zeitpunkt zu präsentieren – oder aus Sorge vor mehr regulatorischer Aufmerksamkeit à la Robinhood. Geld verdient Trade Republic übrigens ebenfalls per Payment for Order Flow.

Memeification_

Quelle: knowyourmeme.com

Der Aktienmarkt wird zum Meme

Das Pandemiejahr 2020 war ein ziemlich großartiges Jahr für Robinhood, Trade Republic und Co. Nicht nur konnten sie eine enorme Zahl an Neukunden gewinnen und quasi mehrere Jahre an Wachstum in 12 Monate stopfen, sie wurden sogar zum Zentrum eines kulturellen Moments. Denn der Aktienmarkt wurde inmitten der Pandemie zum internationalen Hobby: Immer mehr Menschen in wohlhabenden Ländern versammelten sich in Online-Communitys (in Person ging es ja nicht), um Anlagetipps auszutauschen, sich über Erfolge zu freuen oder mit Gleichgesinnten über gescheiterte Wetten zu lachen. YouTube-Videos und Instagram-Kanäle über Finanzthemen explodierten an Popularität. Selbsterkorene Aktienmarktberater schickten eine Welle an Targeted Ads auf die sozialen Medien los.

Doch der Aktienmarkt wurde auch zum Meme. An vorderster Front stand wahrscheinlich die Reddit-Community wallstreetbets. Darin geht es völlig offen um riskante, manchmal verrückte Börsenwetten. YOLO („You only live once“) ist das Motto. Erfahrung ist optional; Verständnis für das eigene Risikoprofil ebenso. Das Hauptziel scheint Spaß, Zugehörigkeitsgefühl und gelegentlich das Testen der eigenen gewagten Hypothese auf großer Bühne zu sein.

Dort bildete sich auch ein eigenes sprachliches und kulturelles Vokabular heraus: Aus stocks (Aktien) wurden stonks (welche zudem ausschließlich steigen würden) und aus Gewinnen wurden tendies, angelehnt an Hähnchennuggets (welche schließlich lecker sind). Die Helden der Community wurden unter anderem Fed-Chef Jerome Powell (liebevoll Papa Powell genannt), welcher mit der expansiven Geldpolitik seiner Zentralbank die Konjunktur anschiebt und so die Aktienkurse stärkt (auf Reddit lautet das eloquent: money printer go brr) und Tesla-CEO Elon Musk, welcher… nunja, vermutlich mit seinem exzentrisch-gewagten Social-Media-Auftritt einen Nerv traf. Aus dem einst erhabenen, nebulösen, kaum zugänglichen Aktienmarkt war plötzlich ein großes Meme geworden. Auf Instagram, YouTube, Facebook oder TikTok sprossen unzählige Profile aus dem Boden, welche allen voran witzigen Content zum Aktienhandel lieferten. Oder Metahumor (Video) über die Communitys selbst.

Das Meme wird zum Aktienmarkt

Der Memefaktor hatte allerdings auch echte Konsequenzen an den Märkten. Denn es bildete sich die inoffizielle Kategorie der „meme stocks“: Aktien, die massiv stiegen, weil sie plötzlich und nicht selten relativ grundlos aus der Kakophonie der Online-Communitys als Meme hervorgegangen waren. Und setzte sich der Kurs tatsächlich erstmal in Bewegung, schuf das für viele weitere Anleger den Reiz, die Welle mitzureiten.

Im Jahr 2020 erging es wohl keiner Aktie so sehr wie Tesla. Der Marktwert des Elektrobauers versiebenfachte sich von Februar 2020 bis Februar 2021 beinahe; zeitweise schien die Firma gar auf die Billionen-Dollar-Marke zu schielen. Tatsächlich hatte Tesla in den Vormonaten und in der Pandemie eine ganze Reihe an guter Nachrichten liefern können und gilt als Technologieführer in seiner Industrie. Doch ob das den Elektroautobauer nun zur mit sehr, sehr weitem Abstand teuersten Automobilfirma der Welt macht, hinterfragen nicht nur die allermeisten Analysten, sondern auch CEO Elon Musk selbst. Den memeifizierten Aktienpreis hinderte das nicht, der stieg munter weiter.

Zum Inbegriff des Meme Stocks wurde allerdings GameStop (GME). Auf Reddit gewann Ende 2020 die Theorie, dass eine hohe Quote an Leerpositionen in GameStop (also Wetten auf einen fallenden Kurs) einen Short Squeeze ermöglicht, an Beliebtheit: Steigt der Kurs statt zu fallen, machen die Leerverkäufer (shortseller) Verluste. Je höher der Kurs steigt, umso höher der Verlust. Nach und nach geben Leerverkäufer also auf und schließen ihre Positionen, wofür sie die Aktie selbst kaufen müssen. Gibt es allerdings nur noch wenige Aktien im Umlauf, müssen sich die Leerverkäufer um diese regelrecht prügeln – und treiben den Preis beim Überbieten in theoretisch astronomische Höhen. Oder in der Sprache von wallstreetbets: to the moon.

Gut zu wissen: Der bekannteste Short Squeeze der Geschichte dürfte VW 2005 sein: Damals vervierfachte sich die Aktie schlagartig und machte VW für wenige Tage zur teuersten Firma der Welt.

Aus der Hoffnung auf einen Short Squeeze wurde jedoch schnell etwas anderes: Immer mehr Privatanleger auf Reddit und Co. sahen in der GameStop-Saga vor allem einen Kampf David gegen Goliath, denn auf der Seite der Leerverkäufer standen unter anderem große Hedgefonds und andere Finanzinvestoren, auf der anderen standen Privatanleger. Ob nun quasi-religiöse Mission oder Hoffnung auf schnelles Geld: Immer mehr kleine Investoren strömten in die Aktie des kriselnden Videospiel-Einzelhändlers und verneunzehnfachten den Aktienpreis zeitweise. Auch andere Meme Stocks stiegen, quasi als Kollateralschaden, in ungeahnte Höhen; wenn auch etwas weniger extrem. Die Blase schaffte es auf die Titelseiten der globalen Medien; selbst Reuters erklärte seiner Leserschaft plötzlich die wallstreetbets-Lingo. Die Berichterstattung schwankte irgendwo zwischen Faszination, Sympathie, Belustigung und Sorge.

Leitplanken gesucht

Im Fall GameStop zeigen sich zwei Risiken der neuen, „demokratisierten“ Finanzwelt: Erstens die Sache mit dem Privatanleger: Es gibt bei (fast) jedem Trend auch Verlierer. Wer sich ausgerechnet auf dem Höhepunkt der GME-Rallye doch zum Investieren mitreißen ließ, erlebte in seinem Portfolio innerhalb weniger Tage einen Einbruch von 87%.

Und zweitens finden sich die „Demokratisierer“ schnell im ungewollten Scheinwerferlicht wieder: Offenbar überfordert vom Handelsvolumen mussten Robinhood und Trade Republic den Handel mit Aktien von GameStop und anderen Meme Stocks einstellen – genauer, den Kauf; der Verkauf funktionierte weiterhin. Nutzer waren wütend und witterten Marktmanipulation; verdächtigten gar, dass Robinhood über seine Market Maker mit den vom Short Squeeze betroffenen Hedgefonds unter einer Decke stünde.

Tausende Nutzer wechselten zu anderen Apps; die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt; und die Firma sowie der Privatanleger, welcher die GameStop-Rallye auf Reddit losgestoßen hatte, mussten sich vor dem US-Kongress erklären. Den Menschen, die bei GameStop auf der Verliererseite standen, hilft das allerdings wenig. Ebenso wenig wie den Menschen, die sich in den vergangenen Monaten zu riskanten Handeln hinreißen ließen und mehr verloren, als sie sich leisten konnten.

Was ist nun die Moral der Geschichte? Vielleicht, dass mehr Offenheit an den Aktienmärkten eine gute und im Grunde ohnehin unvermeidbare Sache ist – doch selbst offene Gesellschaften Leitplanken gebrauchen können.

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