Venezuelas Fiasko (und das kleine Comeback)

Venezuelas Fiasko (und das kleine Comeback)

Venezuela ist ein Wirtschaftsdesaster; ein Autounfall, von welchem es sich kaum wegschauen lässt. Wir erklären, wie es so weit kommen konnte – und warum sich das Land seit 2019 etwas bessert...

Petro-Staat | Niedergang | Aufschwung
(13 Minuten Lesezeit)

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Venezuela rutschte ab 2008, doch vor allem ab 2014 in eine katastrophale Wirtschaftskrise. Vier Jahre lang herrschte Hyperinflation; 95% der Bevölkerung befinden sich unterhalb der Armutsgrenze. Ein Fünftel der Venezolaner ist aus dem Land geflohen.
  • Das Land wandelte sich vom reichsten Land Südamerikas zum ärmsten, trotz der größten Ölvorkommen der Welt.
  • Die Dominanz des Ölsektors schwächte Venezuela und machte es höchst anfällig für Schwankungen des Ölpreises. Die Präsidenten Chávez und Maduro wirtschafteten das Land zudem herunter, auch wenn zumindest Chávez zeitlebens sehr beliebt war.
  • Chávez höhlte die demokratischen Institutionen des Landes aus, Maduro verwandelte es vollends in eine Diktatur.
  • Eine politische Krise mit ihrem Höhepunkt 2019 überlebte Maduro knapp; doch die Lage im Land bleibt volatil.
  • Optimistisch stimmt ein jüngster Wirtschaftsaufschwung, da Maduro seit 2019 mehr Kapitalismus ins Land lässt. Es ist kein Zufall, dass der Aufschwung mit der Erholung des Ölpreises einhergeht.

Petro-Staat_

(4 Minuten Lesezeit)

Aufstieg und Niedergang

Als Spanien 1502 die Kolonialisierung Venezuelas begann, fand es vor Ort indigene Völker, gutes Weideland und wertvolle Perlen. Weniger eindeutig war der Nutzen der schwarzen Flüssigkeit, welche vielerorts aus dem Boden trat und sogar einen Asphaltsee geformt hatte. Das Rätsel löste sich im 20. Jahrhundert, als klar wurde, dass es sich um nicht weniger als Öl handelte – genauer die größten Ölvorkommen der Welt. Venezuela, seit 1830 eigenständig unabhängig (und schon vorher zwanzig Jahre lang Teil eines kurzlebigen, unabhängigen Landes namens Gran Colombia) hatte den Rohstoff entdeckt, welcher sein Schicksal bis heute prägen würde.

Venezuela war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der ärmsten Länder Südamerikas, doch machte ab den 20er Jahren eine spektakuläre Entwicklung durch. Bis 1970 war es zum zweitreichsten Staat des Kontinents aufgestiegen, befand sich unter den 20 wohlhabendsten Ländern der Welt und lag in Sachen BIP pro Kopf vor Israel, Spanien oder Griechenland. Bis 2001 führte es den eigenen Kontinent an.

Dann kam der Niedergang. Venezuela heute ist ein Armenhaus: Unglaubliche 77 Prozent des Landes litten Stand 2021 unter extremer Armut. Vor der Covid-19-Pandemie waren es immer noch 68 Prozent (2012: nur 9,3 Prozent). Unter „normale“ Armut fallen 94,5 Prozent des Landes (2012: 32,6 Prozent). Das BIP betrug 2020 weniger als ein Drittel des Werts von 2014 und lag in etwa auf dem Wert des Jahres 2000. Selbst bei grundlegenden Gütern wie Lebensmitteln, Treibstoff und Medizin herrschen schwerste Versorgungsschwierigkeiten. 75 Prozent der Venezolaner haben 2016 durchschnittlich 8 Kilogramm Körpergewicht verloren. Die Inflation für das Gesamtjahr 2018 lag bei womöglich 929.797 Prozent; der Wert des Geldes kollabierte also unaufhörlich. Viele dieser Zahlen sind übrigens nur Schätzungen, denn die Regierung veröffentlicht seit Jahren kaum noch Daten.

Dass es in Venezuela furchtbar läuft, wird jedenfalls von den Venezolanern bestätigt: Knapp sechs Millionen, oder ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, haben das Land in den letzten sieben Jahren verlassen. Sie reagieren auf wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit, die daraus resultierende Kriminalität (Venezuela führt die Welt in Sachen Mordrate an) und den politischen Autoritarismus der Maduro-Regierung. Venezuela ist Quelle einer der größten Flüchtlingskrisen der Welt und zugleich das einzige Land in dem Ranking, welches keinen Krieg und keine Naturkatastrophe erlebt ha

Venezuela ist vom reichsten Staat Südamerikas zum ärmsten geworden; taucht in Sachen humanitäre Krise schon mal in einer Liste mit Kriegsgebieten auf. Wie ist ein Land, welches mehr Öl als Saudi-Arabien besitzt, so tief gesunken? 

Der Petro-Staat und die Dutch Disease

Venezuelas Ölreichtum war stets Fluch und Segen zugleich. Segen, weil es Geld ins Land bringt, in der Regel in Form von Devisen, also Auslandswährung. Das erlaubt Sozialprogramme, Investitionen, diplomatische Initiativen – was auch immer einem Land einfällt. Fluch ist es wiederum, weil ein Staat, dessen Wirtschaft von einem Rohstoff abhängt, dem Auf und Ab der Rohstoffpreise ausgeliefert ist. Und als wäre das nicht genug, verschlingt ein dominierender Rohstoff gerne den Rest der heimischen Wirtschaft – Grund ist die sogenannte Dutch disease

Die Dutch disease, seltener auf Deutsch als „Holländische Krankheit“ gehört, erklärt, warum ein Rohstoffboom zum Nachteil des Rests der Wirtschaft geraten kann. Exportiert ein Land Rohstoffe, sammelt es Auslandswährung ein. Wechselt es diese Devisen in die heimische Währung – sagen wir, Bolívar – gewinnt sie an Wert, wird also teurer. Das hat zwei Folgen: Eine teurere Währung erschwert Exporte, da ausländische Käufer plötzlich mehr zahlen müssen. Die eigene Wirtschaft verliert also an Wettbewerbsfähigkeit, was den boomenden Rohstoffsektor weniger trifft als beispielsweise die verarbeitende Industrie. Gleichzeitig macht die stärkere Währung Importe günstiger, da jeder Bolívar mehr ausländische Ware als zuvor kaufen kann. Heimische Kunden kaufen also plötzlich mehr aus dem Ausland ein. Die eigenen Unternehmen verlieren Auslands- und Inlandsnachfrage. Der boomende Rohstoffsektor bindet außerdem immer mehr Kapital und Mitarbeiter auf sich, da Investoren und Arbeiter von den dortigen Renditen und Gehältern angezogen werden. Leiden tut der Rest der Wirtschaft, welcher weniger Investitionen und höhere Arbeitskosten erfährt.

Am Ende steht also ein Rohstoffsektor, welcher den Rest der heimischen Wirtschaft indirekt dezimiert hat und das Schicksal des Landes an die Weltmarktpreise knüpft. Sind die Preise hoch, läuft es gut. Sind die Preise niedrig, ist die Staatskasse unter Bedrängnis, beliebte Sozialprogramme in Gefahr und die Politik im Krisenmodus. Das ist die Grundlage für die Story in Venezuela, welches zum perfekten „Petro-Staat“, also zur Öl-Nation, geriet.

Gut zu wissen: Die Dutch disease ließ sich in der jüngeren Geschichte mehrfach beobachten. Ihren Namen hat sie vom niederländischen Erdgasboom in den 1960ern; weitere Fälle gab es im spanischen Reich im 16. Jahrhundert infolge des Kolonialismus; in Australien im 19. Jahrhundert; in Großbritannien in den 1980ern; und in Russland, Aserbaidschan und mehreren anderen Ländern seit den 2000ern. Norwegen gilt dagegen als gutes Beispiel dafür, wie ein Land die Schwächung der „Nicht-Rohstoff-Wirtschaft“ per Dutch disease vermeiden kann. Darüber hinaus lässt sich das Konzept nicht nur streng auf Rohstoffe beziehen, sondern auf jeden Fall, in welchem plötzlich viel Geld in einen bestimmten Wirtschaftsbereich fließt – Entwicklungshilfe kann ein Beispiel sein.

Der Niedergang_

Nicólas Maduro, links; Hugo Chávez, rechts. Quelle: Agência Brasil

Die PolHugo Chávez und die Bolivarische Revolution

Im Jahr 1999 fand sich Venezuela am Ende zweier schmerzhafter Jahrzehnte aus fallenden Ölpreisen wieder. Der Preis der Ölsorte WTI lag auf dem niedrigsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg und war gegenüber 1980 um 90 Prozent eingebrochen. Auf das Land hatte das enormen Einfluss: Eine leere Staatskasse hatte schon 1990 zu unbeliebten Austeritätsmaßnahmen geführt, auf welche Proteste, eine Ausrufung des Kriegsrechts und zwei Putschversuche gefolgt waren. Am Ende war die traditionelle Parteienlandschaft hinweggefegt und an ihre Stelle trat ein charismatisches Politik-Naturtalent: Hugo Chávez, selbst an einem der Putschversuche in den 1990ern beteiligt.

Chávez hatte die Präsidentschaftswahl 1999 mit dem Versprechen nach radikalem Wandel gewonnen und mit 56 Prozent Stimmenanteil ein starkes Mandat erhalten. Am Anfang zeigte er sich allerdings als Pragmatiker; verhandelte beispielsweise mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ein Hilfsprogramm. Sehr passend ist ein Bild des überzeugten Sozialisten, wie er auf einem US-Besuch fröhlich die Schlussglocke der New Yorker Börse läutet. Doch kaum waren die Ölpreise ausreichend gestiegen, dass Venezuela auf eigenen Beinen stehen konnte, legte er mit seiner eigentlichen Vision eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ los. Es war die Ära der sogenannten Bolívarischen Revolution, benannt nach Simón Bolívar, welcher Venezuela vor knapp 280 Jahren die Unabhängigkeit gebracht hatte.

Eine Vielzahl großer Sozialprogramme flutete die venezolanische Wirtschaft ab 2004. Befähigt von sprudelnden Ölumsätzen finanzierte Chávez der Bevölkerung Bildung, öffentliche Gesundheit, Treibstoff und Lebensmittel. Die Lebensstandards stiegen deutlich, die Armut fiel. Der Präsident war äußerst beliebt und gewann seine Wiederwahlen 2006 und 2012 ohne Probleme. Unter weltweiten Linken und in Entwicklungsländern war Chávez eine Galionsfigur.

Die Risse im System Chávez

Die vordergründigen Erfolge der Chávez-Wirtschaft erkaufte sich Venezuela teuer, denn der Präsident hatte ein schwieriges Verhältnis zur Demokratie. Dabei spielte er durchaus nach demokratischen Regeln, hatte fast immer eine Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite und ließ sich in 14 Referenda bestätigen – doch tat gleichzeitig sein Bestes, die Institutionen des Landes auszuhöhlen. Er verlängerte per neuer Verfassung seine Amtszeit auf sechs Jahre, schuf Amtszeitbeschränkungen ab und schwächte die Parteienpolitik, indem den Kongress zu einer Nationalversammlung mit nur einer Kammer verschlankte. Das Oberste Gericht besetzte er mit Loyalisten, ebenso die wichtige staatliche Ölfirma PDVSA, welche bis dahin meritokratisch organisiert und von Experten sowie Karrieremanagern geführt war – ein dermaßen umstrittenes Manöver, dass es zu Massenprotesten und einem erfolglosen Putschversuch führte. Auf einer Schwarzen Liste wurden 2,4 Millionen Chávez-Kritiker geführt, welche Nachteile bei Sozialmaßnahmen oder auf dem Arbeitsmarkt erlitten. Unabhängigen Medien, welche kritisch über ihn berichtet hatten, attackierte er. Die Chávez-Ära von 1999 bis 2013 war keine gute Zeit für Gewaltenteilung und Menschenrechte.

Auch wirtschaftlich war längst nicht alles so gut, wie es aussah. Chávez brachte den Sozialismus nach Venezuela, in Form von Kapitalkontrollen, Preiskontrollen und einer Verstaatlichung von über 1.000 Firmen. Das bedeutete Produktionseinbrüche, sinkende (Auslands-)Investitionen und einen wachsenden Schwarzmarkt. Ausgerechnet der wichtige Ölsektor verlor durch die größere Staatskontrolle und das Vergraulen ausländischer Firmen an Expertise und Effizienz, was sich bis heute bemerkbar macht. Ein hochrangiger Offizieller im Energieministerium räumte 2005 ein, dass es mindestens 15 Jahre dauern würde, die durch die Entlassungen bei PDVSA verlorene technische Expertise wettzumachen. Das größte Problem der venezolanischen Wirtschaft war allerdings, dass sie vollständig auf einem wackligen Fundament aus Ölumsätzen stand. Würden diese wegfallen, würden sie Subventionen, Sozialprogramme und öffentliche Investitionen mit sich reißen.

Mit der Finanzkrise 2008 war es dann soweit. Die Ölpreise stürzten von ihrem Allzeithoch ab. In Venezuela kam es zu Versorgungsschwierigkeiten und einer Stromkrise. Im Jahr 2014 erfolgte dann ein ähnlich starker Einbruch, welcher die Ölpreise bis 2016 auf ein Viertel des Niveaus von Mitte 2008 fallen ließ. Venezolanisches Öl wurde für 30 USD pro Barrel verkauft, während der Haushalt des Landes auf allermindestens 60 USD ausgelegt war. Die strukturellen Schwächen der venezolanischen Wirtschaft wurden schonungslos offengelegt und die heutige Krise nahm ihren Anfang.

Nicólas Maduro und die Diktatur

Hugo Chávez bekam davon nur noch wenig mit. Er starb im Jahr 2013, ein Jahr nach seiner zweiten Wiederwahl, an Krebs. Ersetzt wurde er durch seinen ernannten Nachfolger Nicolás Maduro, welcher gelobte, Chávez‘ Sozialismus fortzusetzen – diesmal allerdings in Krisenzeiten. Die Maduro-Regierung reagierte auf steigende Preise im Land durch Preiskontrollen und Produktionsquoten, welche zu massiven Ineffizienzen führten. Den Wegfall ihrer Staatsfinanzen kompensierte sie durch das Drucken von Geldern, was die Inflation explodieren ließ. Venezuelas Ölreichtum wurde derweil nicht nur durch niedrige Weltmarktpreise, sondern auch durch strukturelle Schwächen nutzlos gemacht: Der Sektor litt unter jahrelangen Fehlinvestitionen und schwacher Führung, was sich inzwischen deutlich in der Produktion bemerkbar machte. Selbst laut offiziellen Zahlen sind die Ölexporte zwischen 2013 und 2019 von 85 auf 30 Milliarden USD eingebrochen.

Maduro setzte nicht nur Chávez‘ Wirtschaftspolitik fort, sondern auch seine Machtzentralisierung. Auch dort startete er mit schlechteren Vorzeichen als sein beliebter Vorgänger. Maduro war von Anfang an umstritten. Sein Wahlsieg 2013 war äußerst knapp und führte zu Massenprotesten mit Dutzenden Toten. Seine Regierung ging schnell gegen die Opposition vor und verhaftete ihren Anführer Leopoldo Lopez, welcher erst 2019 wieder freikam.

Ein politischer Konflikt zwischen Maduro und Opposition brach aus. Die Opposition gewann die Mehrheit in der Nationalversammlung, also dem Parlament, und versuchte, Maduro per Referendum absetzen zu lassen oder zumindest seine Amtszeit zu verkürzen. Der Präsident nutzte wiederum eine andere Institution, die neu eingerichtete verfassungsgebende Versammlung, um das Parlament 2017 auszuhebeln. Davor hatte er dasselbe Manöver bereits mittels des von seinen Loyalisten kontrollierten Obersten Gerichts versucht, doch Massenproteste zwangen ihn zum Einlenken. Die Sicherheitsbehörden vergalten die Proteste in den kommenden Monaten mit der mutmaßlich gezielten Tötung Tausender Menschen, so die UN. Maduro musste auf Autoritarismus setzen, weil er sich, anders als Chávez, nicht auf Beliebtheit verlassen konnte. Seine Zustimmungswerte lagen selten über 20 Prozent; Stand 2019 wollten ihn gar 90 Prozent (sp) der Venezolaner nicht mehr im Amt sehen.

Die zwei Präsidenten

Der Konflikt zwischen Regierung und Opposition eskalierte nach der Wahl 2018. Maduro rief sich zum Sieger aus, doch weder Opposition noch internationale Beobachter erkannten das an. Stattdessen rief sich Oppositionsführer Juan Guaidó, Chef der Nationalversammlung, seinerseits zum Präsidenten aus, unterstützt von zahlreichen westlichen und lateinamerikanischen Staaten. Massenproteste gegen Maduro brachen aus. Es wurde die gefährlichste Phase in der Karriere des Machthabers. Zeitweise schien es, als könnte er aus dem Amt gedrängt werden, doch ein Staatsstreich misslang, da das Militär nicht in erhofftem Maße mitzog.

Opposition und Regierung fanden sich daraufhin in einem Patt wieder, in welchem keine Seite die jeweils andere besiegen konnte. Die Zeit wirkte allerdings für Maduro: Er behielt die Kontrolle über die meisten relevanten Hebel der Macht, wohingegen Guaidó nur öffentliche Unterstützung blieb, welche mit jedem Tag etwas mehr schwand. Seit 2019 unterhalten sich Opposition und Regierung in unregelmäßigen Abständen, um einen Weg aus der politischen Krise zu finden; mal in Oslo, mal in New York. Viel Lösung hat sich bislang nicht abgezeichnet.

Alles nur die USA

Wie erklärte eigentlich die venezolanische Regierung selbst die Notlage?Teilweise dementierte sie einfach, dass sie existiert. Teilweise beschuldigt sie die USA. Der Konflikt zwischen Venezuela und den USA begann unter Chávez, welcher immerhin ein enger Freund der sozialistischen Castro-Regierung auf Kuba war und sich ordentlich mit Iraks Saddam Hussein verstand. US-Präsident George W. Bush nannte er dagegen in einer Rede vor der UN 2006 den „Teufel“ (Video), dessen „Schwefelgestank“ er selbst am Podium riechen könne.

Laut Caracas und seinen Unterstützern werde ein „wirtschaftlicher Krieg“ unter Federführung Washingtons gegen das Land geführt. Tatsächlich verhängten die USA und andere Staaten 2014 Sanktionen gegen Venezuela, als Reaktion auf die Repressionen der Maduro-Regierung bei Protesten in dem Jahr. 2017 und 2019 folgten weitere Sanktionen, welche auch den wichtigen Ölsektor betrafen. Das Staatsnarrativ erklärt allerdings nicht, warum Venezuelas Abschwung mitsamt peinlicher Versorgungsschwierigkeiten bereits vor 2014 begann; und es genügt auch kaum, um den katastrophalen wirtschaftlichen Niedergang seit 2014 glaubwürdig zu erklären. Und so vorsichtig Vergleiche zwischen Ländern auch zu genießen sind: Iran sieht sich keinen milderen Sanktionen ausgesetzt und würde eine dreistellige Inflationsrate dennoch kaum als Erfolg bezeichnen.

Der Aufschwung_

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Las Mercedes in Caracas. Quelle: Guillermo Ramos Flamerich

Das Ende der Hyperinflation

Manchmal steckt ein Land so tief im Ruin, dass es im Grunde nur noch aufwärts gehen kann. Ungefähr so geht es Venezuela. Ende 2021 hatte es nach vier Jahren endlich die Hyperinflation hinter sich gelassen. Zum zwölften Mal in Folge lag die monatliche Inflationsrate unter 50 Prozent und damit unter der konventionell angesetzten Grenze für Hyperinflation. In den vier Jahren zuvor hatte sie den Wert des venezolanischen Bolivars unvorhersagbar gemacht und Firmen, Verbraucher und die gesamte Wirtschaft in eine Abwärtsspirale mitgerissen. Die Inflation für das Gesamtjahr 2021 betrug lediglich 686,4 Prozent – überall anderswo eine Katastrophe, in Venezuela mit seinen womöglich einst siebenstelligen Inflationsraten ein trauriger Erfolg. 

Wie erreichte Venezuela das Ende der Hyperinflation? Die Maduro-Regierung verstand 2019, dass die Wirtschaft im Land untragbar geworden war. Die Erzählung, dass es alleinig die Schuld der USA sei, mag sich zwar bei Linkspopulisten in aller Welt verfangen haben, doch bewahrte Maduro zuhause nicht vor dem Ärger der Bevölkerung und der Beliebtheit der Opposition. Also wagte er ab 2019 etwas Neues. Er reformierte die Wirtschaft.

Der Bolivarische Kapitalismus

Die Regierung liberalisierte das Land, indem sie Kapital- und Preiskontrollen abschaffte und dem Privatsektor mehr Luft zum Atmen bot. Die „Dollarisierung“ bedeutete die Anerkennung des längste Zeit verbotenen US-Dollars, welcher Stabilität brachte und über welchen inzwischen rund zwei Drittel aller Transaktionen laufen. Dazu kam mehr fiskalpolitische Disziplin: Die Regierung schränkte die Kreditvergabe ein und gab weniger Geld in Form der Heimatwährung Bolívar aus, stellte also den Gelddrucker etwas ab. Doch wohl am wichtigsten: Die Ölpreise liegen wieder komfortabel hoch. Die Säule der venezolanischen Wirtschaft ist zurück.

Plötzlich ist bereits von Wirtschaftserholung die Rede. Analysten rechnen für 2022 und teilweise rückwirkend für 2021 mit BIP-Wachstum, was für die gebeutelte venezolanische Wirtschaft nach acht Jahren Rückgang eine fast vergessene Erfahrung ist. Meist geht es um 1,5 bis 5 Prozent, doch die Schweizer Großbank Credit Suisse rechnet in bestimmten Szenarien gar mit 20 Prozent Wachstum im Jahr 2022. Ausländische Investoren trauen sich zögerlich zurück, so auch eine kleine Zahl der sechs Millionen Flüchtlinge. Die Schuldenquote sank in der Pandemie, während sie fast überall anderswo kräftig anstieg. Die USA unterhalten sich wieder stärker mit Caracas und scheinen das Land als Ersatz für russische Ölexporte nach Europa bereitzumachen, was Sanktionslockerungen in Aussicht stellt. Eine Erfolgsstory, so das neue Narrativ, für welche Machthaber Maduro völlig ohne Sarkasmus einen Wirtschaftsnobelpreis einfordert.

Gut zu wissen: Viele der Maßnahmen werden offenbar von zwei ecuadorianischen Ökonomen durchgesetzt, Patricio Rivera und Fausto Herrera, welche die Maduro-Regierung hinter den Kulissen beraten.

Kein Aufschwung für die Massen

Der Aufschwung ist zwar real, doch er ist selektiv. Ein winziger Teil der Venezolaner, die tendenziell Maduro-freundliche Elite, profitiert von ihm besonders. Diese sogenannten enchufados lebten ohnehin nie übel; der neue Bolivarsche Kapitalismus kommt ihren Luxusautos, Poolpartys und Cocktailbars nun weiter zugute. Casinos, bis vor Kurzem verboten, zieren die Edelviertel von Caracas, in welchen die astronomischen Mordraten weniger stark gespürt werden und dafür wieder europäische Geschäfte zu finden sind. Die enchufados sind der kleine Rand jener 5 Prozent der Bevölkerung, welche nicht in Armut leben. Für den Rest ist zwar alles besser als die Jahre nach 2014, doch Stromausfälle, Versorgungsschwierigkeiten und Geldentwertung sind noch längst nicht besiegt – je weiter weg von der Hauptstadt, umso prekärer bleibt die Lage.

Und so real der Aufschwung sein mag, so fiktiv ist er doch zugleich irgendwie. Venezuela benötigt ein Jahrzehnt aus 20-prozentigen Wachstumsraten, um wieder dort anzukommen, wo es einst mit Maduro begonnen hatte. Und solange sich an dem korrupten, autokratischen Petro-Staat nichts fundamental ändert, wird der nächste Ölpreis-Einbruch auch wieder die nächste Krise bedeuten.

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