Was ist los in der Weltwirtschaft?

Was ist los in der Weltwirtschaft?

Der whathappened-Ratgeber für die Krise

Ein Schnellüberblick über die wichtigsten Probleme und wie sie miteinander zusammenhängen – um die Krisenkakophonie zu entwirren.

Pandemie | Energie | Nahrung | Inflation | Geldpolitik | Märkte | Schulden
(16 Minuten Lesezeit)

Blitzzusammenfassung_ (in 30 Sekunden)

  • Wir brechen das, was gerade in der Weltwirtschaft los ist, in sieben Krisenfaktoren herunter:
  • Die Pandemie und steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise, angetrieben von der russischen Invasion, führten zu hoher Inflation.
  • Die Inflation zwingt die Notenbanken dazu, geldpolitisch dagegenzusteuern. Das kreiert ein Rezessionsrisiko.
  • Die Aktien- und Kryptomärkte reagieren allergisch und kippen in tiefrotes Territorium.
  • Steigende Leitzinsen und hohe Energie- und Nahrungsmittelpreise machen Schuldenkrisen wahrscheinlicher.
  • Die Krise wirkt wie ein perfekter Sturm und hat tatsächlich einige Besonderheiten.
  • Gleichzeitig lohnt sich ein besonnener Blick: Zwischen den Untergangsmeldungen gibt es durchaus positive Daten; und die Krise muss noch beweisen, dass sie zu mehr als einer „regulären“ Rezession geraten wird.

Welch Unterschied ein halbes Jahr machen kann. Im November 2021 war die Inflation vorübergehend, Bilddateien wechselten für Milliardenbeträge den Besitzer, Kryptowährungen waren insgesamt 2,9 Billionen USD wert und Aktienpreise konnten, gottgegeben, nur aufwärts steigen. Heute ist die Stimmung in der Wirtschaft so schlecht, wie seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr. Der Business Cycle ist umgeschwungen, willkommen in einer völlig neuen Phase.

Doch was genau ist gerade eigentlich los? Die aktuelle Krise scheint, folgt man ihr medial, mit allem möglichen zu tun zu haben; da geht es mal um Inflation, mal um Leitzinsen, um Energie oder um Lieferketten. Die whathappened-Redaktion hat viele der Themen in den vergangenen Monaten bereits isoliert in ihren Explainern behandelt – eine Krisenserie, sozusagen. Hier nun eine Schnellübersicht aus der Vogelperspektive, welche zeigt, wie mehrere unterschiedliche Probleme raffiniert ineinander greifen und gemeinsam eine bemerkenswerte Krise kreieren. Wir identifizieren sieben Krisenfaktoren, welche gemeinsam die heutige Weltwirtschaft plagen.

Krisenfaktor 1: Das Abschiedsgeschenk der Pandemie

Der Startschuss für die aktuelle Krise, so weit darf man sich aus dem Fenster lehnen, wurde durch die Pandemie abgegeben. Wer dachte, dass sie die Wirtschaft in den Abgrund reißen würde, hatte sich geirrt; stattdessen waren ihre Effekte subtiler und vielschichtiger. Lockdowns und Krankheitsausfälle senkten das Angebot, da Firmen ihre Produktion herunterfuhren, und störten Lieferketten, da auch Logistikhubs unter Lockdowns litten (hin und wieder tritt das noch heute auf, so z.B. in Shanghai im April). Die Nachfrage sank allerdings nie sonderlich stark, sondern verlagerte sich lediglich, zudem nahm sie mit Lockdown-Lockerungen und staatlichen Hilfsprogrammen, gerade in den USA sehr groß angelegt, schnell wieder zu. Steigende Nachfrage und steigender Transportbedarf trafen auf schwächelndes Angebot und gestörte Lieferketten. Und hier geht es nicht um eine bestimmte Industrie – es geht um fast alle Sektoren, in fast aller Welt, welche gleichzeitig durch die Tür quetschten und die hohe Nachfrage zu bedienen versuchten. Es war die Phase der fast schon legendären „Lieferkettenprobleme“, welche 2021 jedes Bingo gewannen.

Krisenfaktor 2: Die Energiekrise, Teil eins und zwei

Erinnerst du dich noch, wie manch Ölsorte im Frühjahr 2020 plötzlich Minusbeträge kostete? Die Pandemie ließ die Nachfrage nach Energie einbrechen, schließlich fror sie auch die Wirtschaftsaktivität und das Transportgeschehen ein. Im ersten Halbjahr 2021 braute sich dann ein perfekter Sturm zusammen, welcher in der zweiten Jahreshälfte wüten würde: Die steigende Nachfrage nach allen möglichen Gütern und Dienstleistungen in der Welt (Krisenfaktor 1) trieb den Energiebedarf, eine schwache Phase bei erneuerbaren Energien quetschte noch mehr Nachfrage in die fossilen Energieträger hinein und eine Reihe unglücklicher Naturkatastrophen, Wartungsarbeiten und Industrievorfälle senkte parallel das Angebot. Die Preise für Gas, Öl, Flüssigerdgas (LNG) und Kohle stiegen ab Herbst 2021 auf Rekordniveaus; vor allem Gas und LNG standen im Fokus.

Diese „ursprüngliche“ Energiekrise, welche die whathappened-Redaktion in einem Explainer im Oktober 2021 erklärte, hätte sich im Verlaufe der Zeit mit Sicherheit von selbst gelöst. Wartungsarbeiten wären abgeschlossen, Naturkatastrophen überwunden, Produktionskapazitäten angepasst worden. Doch im Februar 2022 ging die Energiekrise in die zweite Runde: Die russische Invasion der Ukraine brachte massive Unsicherheit in den Markt. Wie sehr würde Russland noch liefern können, wie sehr würde der Rest der Welt das Angebot noch in Anspruch nehmen? Diskussionen über Öl- und Gasembargos trieben die Preise. Moskau schränkte seinerseits Lieferungen an westliche Staaten ein (Deutschland) oder stoppte sie vollends (z.B. Polen, Bulgarien). Die Energiekrise ist weiterhin hier.

Krisenfaktor 3: Die Nahrungsmittel werden teurer

Nicht nur Energie verteuert sich, auch Nahrungsmittelpreise nehmen rasant zu, wie wir in unserem Explainer zur Nahrungsmittelkrise aus Mai 2022 erklärten. Schon die Energiekrise (Krisenfaktor 2) als Folge der Pandemie (Krisenfaktor 1) hatte dazu beigetragen, schließlich waren die Preise der energieintensiven Düngemittel bedeutend hochgegangen; dazu kamen vereinzelte Dürren oder Überschwemmungen. Die Preise für Nahrungsmittel lagen laut einem Index der UN-Organisation FAO bis Ende Februar auf einem Zehnjahreshoch. Dann kam die russische Invasion: Die ukrainischen Lieferungen, welche allein bei Weizen ein Zehntel der Weltexporte ausmachen, fielen zu rund 80 Prozent weg. Moskau stoppte den eigenen Düngemittelexport, Belarus‘ Düngemittelindustrie wurde von westlichen Sanktionen getroffen. Die Preise stiegen im März auf ein neues Rekordniveau in sechzig Jahren Datenreihe

Vor allem Entwicklungsländer und arme Haushalte sind betroffen, denn bei ihnen machen Nahrungsmittel einen höheren Teil der Ausgaben aus. Das ließ die Nervosität steigen: Mehrere Länder versuchten, sich selbst zu schützen, indem sie Exportbeschränkungen oder Exportverbote für Nahrungs- oder Düngemittel verhängten – doch das trieb die Weltmarktpreise nur noch weiter.

Krisenfaktor 4: Die Rache der Inflation

Steigende Preise für Energie, steigende Preise für Lebensmittel – das klingt doch nach nichts anderem als… Inflation. Die Teuerungsrate, welche zumindest in Europa und den USA jahrelang ein Nischenthema war, geriet wieder zum Headliner. In den USA lag sie im Mai 2022 bei 8,6 Prozent, in der Eurozone bei 8,1 Prozent, in Deutschland bei 7,9 Prozent. Überraschend war steigende Inflation in Anbetracht von Nachfrageüberhang und anhaltenden Lieferkettenproblemen (Krisenfaktor 1) eigentlich kaum, Energie- und Nahrungsmittelkrise (Krisenfaktoren 2 und 3) trugen weiter dazu bei. Vor allem in den westlichen Industriestaaten kamen zwei zusätzliche Faktoren hinzu: Eine über viele Jahre lockere Geldpolitik, welche die Wirtschaft ankurbelte und die Geldmenge im Umlauf erhöhte; sowie Konjunkturpakete der Regierungen, welche gerade in den USA noch einmal zu mehr Nachfrage und damit zu mehr Inflation führten.

Die Inflation belastet in erster Linie Haushalte mit niedrigem Einkommen, da sie unter einem plötzlichen Kaufkraftverlust stärker leiden. Sie trifft Sparer schwer, deren Ersparnisse plötzlich weniger wert sind. Sie macht Exporte teurer und senkt somit die internationale Wettbewerbsfähigkeit heimischer Firmen. Und sie verunsichert die Menschen, welche nicht mehr so recht wissen, wie sie für die Zukunft zu planen haben. Mehr zur Ökonomie hinter der Inflation schrieben wir in unserem Explainer aus November 2021. Woher sie kommt, warum sie ein Problem ist und warum sie nicht immer ein Problem ist.

Gut zu wissen: whathappened war bei den ersten Zuckungen der Inflation dabei. Im April 2021 schrieben wir einen Explainer über die gewaltigen Konjunkturpläne der Biden-Regierung in den USA und dedizierten ein Kapitel den Inflationsrisiken, was seinerzeit wie ein exotisches Problem schien.

Der politische Diskurs in den westlichen Industrieländern ist längst von den steigenden Lebenshaltungskosten ergriffen. Doch auch in Entwicklungs- und Schwellenländern, wo eine höhere Inflation bekannte Begleiterscheinung des schnelleren Wachstums und der höheren wirtschaftlichen Instabilität ist, macht sich die Teuerung längst bemerkbar. Die erschwerte Versorgungslage mit Treibstoff, Nahrungsmitteln und anderen Gütern hat seit Jahresbeginn in Ländern wie Sri Lanka, Pakistan oder Peru zu schweren politischen Krisen geführt.  

Krisenfaktor 5: Die Bredouillie der Notenbanken

Die Inflation ist das Terrain der Zentralbanken. Sie steuern die Geldmenge und setzen den Leitzins, worüber sie die Preisentwicklung beeinflussen können. Wo waren sie also, während die Inflation stetig zunahm?

Je nachdem, wen man fragt, beobachteten sie das Treiben besonnen oder drehten Däumchen. Im Kern stand die Frage, was sich hinter der Inflation verbarg. War sie ein vorübergehendes Phänomen, fast schon ein statistisches Artefakt, da Energiepreise und Lieferketten sich in Kürze beruhigen würden? Oder würde sie mittelfristig bleiben, da die Wirtschaft am Überhitzen war und sich die Inflationserwartungen der Bevölkerung verändert hatten? Die Antwort macht einen entscheidenden Unterschied für den richtigen Umgang mit der Situation.

Die Notenbanken waren Team Vorübergehend, vermutlich aus drei großen Gründen. Erstens, sie glaubten tatsächlich längste Zeit, dass die Inflation sich beruhigt, sobald die Energiekrise abflaut – was ohne Russlands Überfall auf die Ukraine womöglich sogar geschehen wäre. Zweitens, sie wollten mit ihrer Gelassenheit die Inflationserwartungen der Bevölkerung beruhigen, denn je mehr Inflation erwartet wird, umso höher steigt die Inflation – ein Zusammenhang, für welchen wir erneut auf unseren Explainer zur Inflation aus November 2021 verweisen. Drittens, sie blickten unwohl auf die Medizin, welche sie für den Kampf gegen die Inflation aus dem Medikamentenschrank holen müssten: eine straffere Geldpolitik.

Im Frühjahr 2022 nahm die Zahl der Anhänger der Vorübergehend-Fraktion in den Industrieländern rasant ab. Immer mehr Beobachter befanden, dass die Inflation nicht verschwinden würde, wenn die Zentralbanken nichts gegen sie unternehmen würden. Krisenfaktoren 1, 2 und 3 hatten die Inflation in unangenehme Höhen getrieben und machten zu wenig Anschein, abzuklingen. Und selbst wenn sie es täten: Was sind schon ein paar Statistiken, wenn in den Medien und in der Bevölkerung das Thema Inflation längst verankert, Preissteigerungen längst zu spüren sind? Die Zentralbanken mussten, allein schon ihrer Glaubwürdigkeit wegen, den Gang wechseln.

Im Fokus standen zwei Arten von Maßnahmen. Erstens, Leitzinssteigerungen. Sie sorgen dafür, dass kommerzielle Banken weniger Geld verleihen wollen (z.B. weil der sogenannte Einlagezins der Zentralbank als Alternative attraktiver wird) oder ihre Kredite an Unternehmen und Haushalte teurer werden. Höhere Finanzierungskosten bedeuten weniger Investitionen und weniger teure Anschaffungen – also weniger Wirtschaftsaktivität, welche immerhin auf Investitionen und Konsum basiert. Zweitens, eine Reduktion der Anleihekäufe, welche viele Zentralbanken bislang getätigt hatten, um mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Weniger Anleihekäufe bedeuten weniger günstiges Geld im Umlauf und, erneut, eine teurere Finanzierung für Unternehmen. Denn wenn diese eine Anleihe (quasi einen Schuldschein) am Markt platzieren, um Geld für ein Projekt aufzusammeln, haben sie künftig nicht mehr die Zentralbank als zahlungsfreudigen Abnehmer.

Die britische Notenbank hat Stand Mitte Juni ihre Zinsen bereits fünfmal erhöht, die amerikanische Fed dreimal. Die Europäische Zentralbank (EZB) legt im Juli los und reduziert davor ihre Anleihekäufe auf ein Minimum. Für den Rest des Jahres sind weitere Zinssteigerungen so gut wie gesetzt. Viele andere Notenbanken in der ganzen Welt handeln ähnlich.

Weniger Wirtschaftsaktivität bedeutet abnehmendes Wirtschaftswachstum. Wenn Firmen weniger investieren, benötigen sie weniger Mitarbeiter. Wenn Haushalte weniger einkaufen, machen Firmen weniger Geld, von welchem sie sich Investitionen oder Mitarbeiter leisten können. Verlieren Menschen nun ihren Job, haben sie logischerweise weniger Geld, um Käufe zu tätigen. Die Wirtschaft kühlt ab. Das senkt die Inflation, allerdings auf Kosten des Arbeitsmarkts, der Firmenergebnisse und der Haushaltseinkommen.

Wie sehr sollte die Wirtschaft abgekühlt werden? Idealerweise genau so, dass die Inflation wieder auf ein akzeptables Maß zurückschrumpft (und sich moderatere Inflationserwartungen verankern), ohne, dass dabei Arbeitsmarkt und Co. ruiniert werden. Das ist allerdings alles andere als einfach. Die Effekte einer Leitzins-Veränderung benötigen mehrere Monate, gut und gerne anderthalb Jahre, bis sie sich vollständig in der Wirtschaft bemerkbar machen. Zentralbanker können kaum in die Zukunft blicken. Ein reales Risiko ist also, dass die Geldpolitik zu sehr gestrafft wird – und die Wirtschaft in eine Rezession rutscht.

Die Inflation (Krisenfaktor 4), unter anderem gebildet von hohen Energiepreisen (Faktor 2) sowie hohen Nahrungsmittelpreisen (Faktor 3) und angetrieben vom Nachfrageschock der Covid-Pandemie (Faktor 1) provoziert also steigende Leitzinsen. Diese mögen in Anbetracht der Inflation angebracht sein, doch sind selbst ein Krisenfaktor, weil sie die Wirtschaft herabkühlen und bis zur Rezession treiben könnten. 

Krisenfaktor 6: Die Bären tanzen auf dem Aktienmarkt

Wer am Aktienmarkt investiert ist, musste die letzten Monate starke Nerven haben. Wichtige Indizes wie der Dow Jones befinden sich im „Bärenmarkt“, sprich einer anhaltenden Phase aus (fast) kontinuierlich fallenden Kursen. Der Dow liegt 19 Prozent unterhalb seines Rekordhochs im November 2021, der S&P 500 hat seit Januar 23 Prozent eingebüßt. Der Tech-lastige NASDAQ hat 33 Prozent verloren. Außerhalb der USA sieht es kaum besser aus: Deutschlands DAX40 liegt 19 Prozent unter dem Niveau aus November; EuroStoxx 22 Prozent. Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer auf Robinhood, dem prominentesten amerikanischen Neobroker, lag im Mai 60 Prozent niedriger als im Vorjahresmonat. Es sieht nicht gut aus an den Märkten.

Noch schlimmer ist es bei Kryptowährungen, welche seit November von 2,9 Billionen USD Marktwert auf unterhalb 1 Billion USD gepurzelt sind. Bitcoin hat seit seinem Rekordhoch im selben Monat 72 Prozent eingebüßt (!) und eine Vielzahl symbolischer Marken mit sich gerissen: Das 20.000-USD-Niveau, welches beim erstmaligen Erreichen 2017 für Furore gesorgt hatte? Stand Mitte Juni unterschritten, Tendenz weiter sinkend.

Der Tumult an den Aktien- und Kryptomärkten ist eng mit den übrigen Krisenfaktoren verwoben. Da wäre einmal, dass Logistikprobleme (Krisenfaktor 1) und steigende Energiepreise (Krisenfaktor 2) nur den wenigsten Firmen einen Gefallen tun. Doch das schien den euphorischen Aktienpreisen längste Zeit wenig anzuhaben Der zentrale Grund für den Kursabsturz ist drum nichts anderes als die straffere Geldpolitik (Krisenfaktor 5). Sie macht, wie erklärt, Investitionen teurer und senkt die Wirtschaftsaktivität, was die Profite der Firmen und ihre mittelfristigen Wachstumsaussichten drückt. Zudem machen steigende Leitzinsen Sparbücher und Anleihen attraktiver, stärken also die Alternativen zu Aktien und Krypto. Da Anleger genau diese Entwicklung vorhersehen, sobald sich steigende Leitzinsen am Horizont abzeichnen, ziehen sie frühzeitig ihr Kapital ab – und lassen so die Kurse fallen. Eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Gerade Techwerte litten im Frühjahr 2022. Unser Explainer „Big Tech, die zweite Riege und der Crash“ aus Mai 2022 erklärt die Gründe genauer, doch in aller Kürze geht es darum, dass nervöse Anleger ihr Geld vor allem aus riskanten Werten abziehen, zu welchen Tech noch immer gezählt wird. Das erklärt auch, warum Kryptowährungen dermaßen leiden. Das, und eine gefährliche Vertrauenskrise. Immer mehr Anleger fragen sich, ob Krypto vielleicht doch die ganze Zeit nichts wert war und evakuieren ihr Geld. Kollabierende Stablecoins, welche eigentlich, nun ja, Stabilität in die Kryptoszene bringen sollten, tun ihr Übriges. Die Branche spricht schon von einem neuen „Kryptowinter“, welcher ein Weilchen lang andauern könnte, und versucht gar nicht erst, eine gehörige Portion Nervosität zu verbergen. Bloomberg zitiert einen britischen Anleger: „Es herrscht so viel Angst überall“ und „Es fühlt sich an, als würde man Geld ins Feuer werfen“.

Warum fallende Kurse ein Problem sind, erklärt sich fast von selbstMenschen verlieren ihr investiertes Geld. In Deutschland halten zwar nur unter 20 Prozent der Bürger direkt Aktien, doch in den USA sind es bereits über 50 Prozent. Institutionelle Anleger wie Hedgefonds werden mit dem neuen Marktumfeld klarkommen, doch nicht wenige Privatanleger dürften hart landen, gerade wenn der erfolgsverwöhnte „Bullenmarkt“ (das Gegenteil zum Bärenmarkt) der letzten zwei Jahre sie in immer riskantere Wetten gelockt haben sollte. Dazu kommt, dass Aktienmärkte als Stimmungsbarometer genommen werden, da sie deutlich verständlichere Signale als der diffuse Zentralbankersprech liefern. Ein Bärenmarkt weckt Nervosität und Pessimismus, was sich auf die übrige Wirtschaftsaktivität durchschlagen könnte (Verbraucher könnten zum Beispiel ihr Geld näher bei sich halten und ihren Konsum reduzieren). Ansonsten halten sich die direkten Folgen eines angeschlagenen Aktienmarkts auf die Realwirtschaft tatsächlich in Grenzen.

Krisenfaktor 7: Wehret den Schulden

Unter den Folgen der strafferen Geldpolitik ist eine andere weitaus perfider als der Aktienmarktdie Gefahr neuer Schuldenkrisen. Steigende Leitzinsen in der Eurozone bedeuten beispielsweise, dass Eurostaaten auf Teile ihrer Schulden höhere Zinsen zahlen werden müssen – nicht unbedingt sofort, doch zumindest sobald sie anfangen, neue Schulden aufzunehmen. Was für Deutschland ärgerlich, doch handhabbar ist, gerät für ein hochverschuldetes Land wie Italien zum echten Problem. Auch hier spielen die selbsterfüllenden Prophezeiungen eine Rolle: Investoren sehen eine straffere Geldpolitik am Horizont (Krisenfaktor 5) und erwarten, dass Italien bald eine höhere Schuldenlast haben wird. Das erhöht das Risiko, welches sie mit italienischen Staatsanleihen verbinden (schließlich könnte Italien in den Bankrott rutschen), weswegen sie eine höhere Risikoprämie fordern. Damit werden Italiens Schulden allerdings umso teurer, was die Gefahr eines Bankrotts nur noch steigen lässt. Ein Teufelskreis, welcher im Falle Italiens das Potenzial hätte, die Eurozone zu sprengen. 

Das ist kein theoretisches Problem. Als die Risikoprämie zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen – eigentlich ja Teil derselben Währungsunion – im Juni immer stärker auseinandergingen, intervenierte die EZB sofort. Sie deutete an, dass sie Italien zur Hilfe springen würde und riskierte dabei auch, ihre neue härtere Linie gegen Inflation etwas in Zweifel zu ziehen, denn Italienstütze und Inflationskampf sind gleichzeitig kaum unter einen Hut zu bringen.

Besonders anfällig für Schuldenkrisen sind Entwicklungs- und Schwellenländer. Sie müssen sich ihr Geld oft in Form von US-Dollar leihen, da Investoren ihren Heimatwährungen nicht über den Weg trauen. Doch wenn die amerikanische Notenbank die Geldpolitik strafft, stärkt sie die eigene Währung. Ein stärkerer US-Dollar bedeutet, dass eine Schuldenlast von 1 Million USD schlagartig teurer wird, wenn man sie in, sagen wir, peruanische Soles übersetzt. Die Gefahr, dass ein Staat bankrott geht, wächst.

Dazu kommen die Krisenfaktoren 2 und 3: Energie und Nahrungsmittel mögen teurer geworden sein, doch auf sie verzichten kann ein Land nicht. Im Gegenteil, viele Entwicklungs- und Schwellenländer subventionieren beide Güter aus politischen Gründen. Mit steigenden Preisen werden diese Subventionen immer schwieriger aufrechtzuerhalten, was ein Dilemma aufwirft: Subventionen aufgeben und politischen Druck sowie humanitäre Krisen riskieren, oder eine immer absurdere Schuldenlast hinnehmen, welche die Probleme womöglich nur in noch kräftigerer Form in die Zukunft verlagert?

In unserem Explainer zu Schuldenkrisen und Staatsbankrotts aus April 2022 erklären wir mehr zu dem Thema.

Ein kleines Fazit

Fassen wir zusammen: Eine Pandemie sorgt dafür, dass die globale Güternachfrage das Angebot bei weitem überschreitet, während ächzende Lieferketten kaum hinterherkommen (Krisenfaktor 1). Gleichzeitig steigen Energie- und Lebensmittelpreise, teilweise aufgrund der Pandemie, teilweise aufgrund unglücklicher Zufälle (Krisenfaktor 2 und 3). Beides wird durch den russischen Überfall auf die Ukraine verschärft. Der Mix aus Nachfrageüberhang, Lieferkettenproblemen, Energiekrise und Nahrungsmittelkrise schafft rasant steigende Inflation, welche die Menschen verunsichert (Krisenfaktor 4). Sie zwingt die Zentralbanken dazu, mit strafferer Geldpolitik – Leitzinserhöhungen und Anleihekaufsenkungen – dagegenzusteuern und die Wirtschaft herabzukühlen (Krisenfaktor 5). Eine straffere Geldpolitik versetzt den Märkten einen Schock (Krisenfaktor 6) und stößt Schuldenkrisen in aller Welt an, welche sich durch Energie- und Nahrungsmittelkrisen bereits abgezeichnet hatten (Krisenfaktor 7).

Ist das schon ein perfekter Sturm? Vielleicht ein bisschen. Dass Energiepreise mal zulegen, ist nichts Ungewöhnliches, doch dass sich der Westen und der größte Energiekiosk der Welt gegenseitig massiv sanktionieren und boykottieren, ist es durchaus. Dass die Aktienmärkte im Angesicht steigender Leitzinsen fallen, ist nicht ungewöhnlich, doch dass auch Staats- und Firmenanleihen, Rohstoffe, Gold und Kryptowährungen schwächeln, erinnert an den „everything sell-off“ (€) 1981. Zudem ist der Absturz an den Aktienmärkten ungewöhnlich breit: Im S&P 500 verloren an fünf Handelstagen 90 Prozent aller Firmen an Wert, was es selbst zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise so nicht gegeben hatte.

Wie geht es weiter? Die einzige ehrliche Antwort ist: Schwer zu sagen. Das Abwärtspotenzial ist beträchtlich: Der energiepolitische Quasi-Krieg zwischen Westen und Russland könnte die Energiepreise längerfristig hochhalten und die Inflation hartnäckiger bleiben lassen, als sie es sein müsste. Die Inflationserwartungen könnten sich dermaßen verankern, dass es am Arbeitsmarkt zu einer Lohn-Preis-Spirale kommt, in welcher Löhne und Preise abwechselnd steigen und die Inflation deutlich ankurbeln. Hohe Nahrungsmittelpreise führen schon jetzt zu politischer Instabilität, doch bislang recht lokalisiert; ein Flächenbrand wie im Arabischen Frühling 2011, welcher vermutlich von einer Nahrungsmittelkrise nach 2008 mit ausgelöst worden war, könnte noch auf uns warten. Die Welt könnte sich im Stile der 1970er kleiden und eine seltene „Stagflation“ erleben, eine Phase niedrigen Wachstums, hoher Arbeitslosigkeit und hoher Inflation. Der S&P 500 wuchs in der gesamten Dekade übrigens um knapp minus 35 Prozent – ein völlig verlorenes Jahrzehnt für Anleger. Oder die Zentralbanken wandeln lieber in den Fußspuren von Paul Volcker, dem Fed-Chef, welcher zwischen 1979 und 1987 der Stagflation ein Ende setzte – indem er die USA per Leitzins selbstbewusst in eine Rezession kippte. Kritiker der Fed, welche es inzwischen wohl mehr als Unterstützer gibt, fordern von Fed-Chef Jerome Powell, dass er schleunigst seinen inneren Volcker findet.

Ist eine Rezession also beschlossene Sache? Nicht unbedingt. Definiert ist eine Rezession wahlweise als zwei Quartale mit BIP-Rückgang (technische Rezession), rückläufiges Realeinkommen eines Durchschnittsbürgers (IWF, Weltbank) oder einfach irgendetwas im Sinne von „die Wirtschaftsaktivität sinkt über einen längeren Zeitraum“. Auf der globalen Ebene scheint eine Rezession unwahrscheinlich, rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) immerhin mit 3,6 Prozent Wachstum für 2022 – recht weit weg von 0 Prozent, wie er anmerkt. Das wird den Ländern, die doch betroffen sind, ein schwacher Trost sein. Für die USA sieht Bloomberg Economics eine 72-prozentige Rezessionswahrscheinlichkeit – innerhalb der nächsten 18 Monate wohlgemerkt. JPMorgan kalkuliert mit 85 Prozent.

Gleichzeitig lohnt sich etwas Besonnenheit. Die Nahrungsmittelpreise sind im Mai zum zweiten Mal in Folge gesunken und die Zahl der Exportverbote bleibt bislang niedrig. Die Lieferkettenprobleme scheinen sich langsam aufzulösen. Die Chipkrise, 2021 ein geflügelter Begriff, lässt nach. Die Energiepreise bleiben zwar volatil, doch scheinen teilweise auf hohem Niveau zu stagnieren. Obwohl die Konsumstimmung in den USA tief liegt, stufen 78 Prozent der Amerikaner ihre persönliche finanzielle Lage als „ok“ oder besser ein und das Konsumverhalten bleibt kräftig. Rezessionen und Wirtschaftskrisen sind außerdem nichts ungewöhnliches, sie geschehen sogar mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Nicht alle sind gleich geschaffen: Die Finanzkrise 2008 warf die Frage auf, ob das globale Finanzsystem auf einem kaputten Fundament stand – eine brandgefährliche Situation. Die Covid-Krise 2020 war dagegen eine verhältnismäßig kurze Rezession, erzwungen durch eine Pandemie, doch ohne Hinweise, dass im System etwas fundamental schief liefe. Mal sehen, was diese Krise bringt.

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